{"id":29666,"date":"2015-12-21T09:27:38","date_gmt":"2015-12-21T08:27:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29666"},"modified":"2024-08-22T16:22:08","modified_gmt":"2024-08-22T14:22:08","slug":"die-grundbeduerfnisse-werden-mehr-und-mehr-zum-geschaeft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29666","title":{"rendered":"\u201eDie Grundbed\u00fcrfnisse werden mehr und mehr zum Gesch\u00e4ft\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151221_wohlfahrt.jpg\" alt=\"Norbert Wohlfahrt\" title=\"Norbert Wohlfahrt\"><\/div><p>Dass der Neoliberalismus eine perfide Gesellschaftsideologie ist, hat derselbe l&auml;ngst bewiesen. Nicht nur macht er den Armen und Arbeitslosen weis, sie selbst w&auml;ren an ihrem Elend <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168\">schuld<\/a>. Er schafft es auch, daf&uuml;r zu sorgen, dass das wahre <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26257\">Ausma&szlig;<\/a> der gesellschaftlichen Armut kaum je an die &Ouml;ffentlichkeit dringt. Dass das Gesundheitssystem trotz immer h&ouml;herer Ausgaben immer weniger den Menschen und immer mehr den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28081\">Profiten<\/a> einiger weniger dient. Dass die Soziale Arbeit <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27957\">erodiert<\/a> und kaum jemand etwas hiergegen unternimmt. Dass mittels Stiftungen ein regelrechter &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28184\">Refeudalisierungsboom<\/a>&ldquo; im Lande tobt und Investoren inzwischen das &ouml;ffentliche Schulwesen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26958\">ins Visier nehmen<\/a>. Zu den Auswirkungen des neoliberalen Sozialabbaus sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Norbert Wohlfahrt<\/strong>, der diesbez&uuml;glich l&auml;ngst eine Privatisierung von Grundbed&uuml;rfnissen konstatiert.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4230\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-29666-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160106_Geschaeft_Grundbeduerfnisse_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160106_Geschaeft_Grundbeduerfnisse_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160106_Geschaeft_Grundbeduerfnisse_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160106_Geschaeft_Grundbeduerfnisse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=29666-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160106_Geschaeft_Grundbeduerfnisse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160106_Geschaeft_Grundbeduerfnisse_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Wohlfahrt, Sie forschen und publizieren seit Jahren zu Hartz IV, Privatisierungen, zur <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/apuz\/31339\/die-oekonomisierung-der-sozialen-arbeit?p=all\">&Ouml;konomisierung der Sozialen Arbeit<\/a> und anderem. Dabei kritisieren Sie unter anderem, dass <a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/lux\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/LUX_1501_E-Abo.pdf#page=108\">Grundbed&uuml;rfnisse<\/a> zunehmend zur Ware w&uuml;rden, mit der man Gesch&auml;fte betreiben und Profit zu erzielen sucht. Wie ist das zu verstehen? Was meinen Sie damit?<\/strong> <\/p><p>Ob Pflege, Kindererziehung oder die gesundheitliche Versorgung durch &Auml;rzte und Krankenh&auml;user: In aller Regel sind der Staat oder die Sozialversicherung f&uuml;r die Finanzierung und fl&auml;chendeckende Bereitstellung dieser Leistungen zust&auml;ndig. Man rechnet sie deshalb der Daseinsvorsorge zu. Wie bei der &auml;rztlichen Versorgung, bei der <em>unternehmerisch<\/em> t&auml;tige &Auml;rzte mit der Behandlung von Patienten einen Gewinn erzielen wollen, sind inzwischen aber auch in den Bereichen der Pflege, der Krankenh&auml;user und anderer sozialer Dienste private Anbieter &ndash; und zwar immer mehr private Anbieter &ndash; unterwegs, die auch auf diesen Feldern Gewinne erzielen wollen. <\/p><p>Diese als Privatisierung zu kennzeichnende Entwicklung f&uuml;hrt dazu, dass der Staat oder die Kostentr&auml;ger gro&szlig;en Druck auf die Leistungsanbieter &ndash; also Wohlfahrtsverb&auml;nde und private Dienstleister, die gemeinwohl- und nicht profitorientiert arbeiten &ndash; aus&uuml;ben, ihre Leistungen zu verbilligen und effizienter zu gestalten. Sie tun das, indem sie diese Anbieter in einen Wettbewerb um Leistungen und Kosten stellen, was unter anderem zu Lohndumping und sukzessivem Leistungsabbau f&uuml;hrt. Wenn Sie so wollen, wird hier ein Quasimarkt generiert, auf dem die bisherigen Anbieter ihre gesamten Leistungsstrukturen neu ausrichten m&uuml;ssen. Aus den wohlfahrtsverbandlichen Einrichtungen werden auf diesem Weg Sozialunternehmen, die in Konkurrenz zu anderen Preise und Qualit&auml;t gestalten und Kosten senken m&uuml;ssen. Daher ist der soziale Bereich auch seit Jahren einer der wichtigsten Kampfpl&auml;tze was die Verschlechterung von Besch&auml;ftigungsbedingungen angeht.<\/p><p><strong>Der Staat erzwingt im Bereich der Daseinsvorsorge also mehr und mehr &bdquo;Wettbewerb&ldquo;, der zu Ungunsten bisheriger Qualit&auml;ts- und Besch&auml;ftigungsstandards f&uuml;hrt, verstehe ich recht? Warum aber tut er das dann, welches Interesse h&auml;tten Politiker an derlei schon?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst einmal muss man hier die Dienstleistungsstrategie der Europ&auml;ischen Kommission beachten. Diese sieht soziale Dienstleistungen als ein Gesch&auml;ftsfeld wie jedes andere auch, also als ein Bereich in dem das in Geld gemessene Wachstum der Volkswirtschaften produziert wird. Die wesentlichen Leistungen der Daseinsvorsorge werden allerdings durch die St&auml;dte und Gemeinden finanziert, die aufgrund der Steuerpolitik chronisch unterfinanziert sind. Bei gleichzeitig wachsenden sozialen Ausgaben w&auml;chst der Druck auf die kommunalen Haushalte immer mehr. Und diese reagieren &ndash; nicht nur im Sozialbereich &ndash; darauf mit Ausgliederungen und Privatisierung, aber auch mit dem Versuch, Kosten zu senken, wo es nur geht. Die Verschlechterung der Qualit&auml;ts- und Besch&auml;ftigungsstandards muss insofern auch als Konsequenz einer Steuerpolitik verstanden werden, die auf der einen Seite Unternehmen entlastet und auf der anderen kommunale Haushalte immer weiter austrocknet.<\/p><p><strong>Und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung konkret? Was beobachten Sie etwa in Kitas, bei der Altenpflege, im Gesundheitswesen, in der Jugendhilfe, in den Kn&auml;sten und in der Gemeinwesenarbeit?<\/strong> <\/p><p>Der gesamte Sozialbereich ist inzwischen davon gepr&auml;gt, mehr Flexibilit&auml;t in der Besch&auml;ftigung herzustellen, um Kosten zu begrenzen. Das bedeutete zun&auml;chst einmal, dass der in der Vergangenheit f&uuml;r diesen Bereich mehr oder weniger geltende Einheitstarif &ndash; der Bundesangestelltentarif &ndash; durch eine Vielzahl tariflicher Verschlechterungen abgel&ouml;st wurde. Gegenw&auml;rtig gibt es so circa 1.400 Tarife im Sozialbereich, die sich nat&uuml;rlich nicht dadurch auszeichnen, <em>mehr<\/em> Lohn und Gehalt zu zahlen. Gleichzeitig befindet sich ein gro&szlig;er Teil der Besch&auml;ftigten in Arbeitsverh&auml;ltnissen ohne Tarifvertrag. Die Befristung von Arbeitsvertr&auml;gen bei Neueinstellungen ist keine Ausnahme mehr, sondern l&auml;ngst durchg&auml;ngige Praxis. Teilzeit, die nicht gewollt, sondern erzwungen ist, gilt f&uuml;r einen Gro&szlig;teil der Besch&auml;ftigten. Und auch Leiharbeit wird inzwischen bereits auch bei sozialen Diensten genutzt. Dar&uuml;ber hinaus ist die Personaldecke in Altenheimen, Kitas und anderen Bereichen sozialer Dienste inzwischen so d&uuml;nn, dass immer mehr Besch&auml;ftigte &uuml;ber Burn-out klagen und nicht wissen, wie sie die t&auml;glichen Aufgaben bew&auml;ltigen sollen. Ein erheblicher Anteil der Besch&auml;ftigten im Sozialbereich befindet sich inzwischen in Arbeitsverh&auml;ltnissen, die weder ein Einkommen oberhalb der Grundsicherung garantieren, noch eine Alterssicherung aufbauen lassen, die einen Ruhestand ohne staatliche Unterst&uuml;tzung erm&ouml;glichen w&uuml;rden.<\/p><p><strong>K&ouml;nnten Sie eins dieser Beispiele bitte genauer ausf&uuml;hren? Was konkret bewirken, nein, ver&auml;ndern der zunehmende Wettbewerb und Quasi-Markt konkret?<\/strong> <\/p><p>In den Kindertageseinrichtungen arbeiten 47 Prozent der Besch&auml;ftigten mit einem Stundenvolumen von weniger als 32 Wochenstunden, in der station&auml;ren Altenpflege arbeiten etwas mehr als 40 Prozent mit einem Stundenvolumen mit &uuml;ber 50 Prozent der regul&auml;ren Arbeitszeit, weitere 16 Prozent mit weniger als 50 Prozent der regul&auml;ren Arbeitszeit. Ein Viertel der Erzieherinnen ist in einem nicht-tarifgebundenen Betrieb besch&auml;ftigt. Sonderregelungen erlauben den Tr&auml;gern zur Sicherung der betrieblichen Leistungs- und Wettbewerbsf&auml;higkeit dabei Eingriffe in das Gesamtvolumen der Bezahlung von bis zu 6 Prozent. Zur Abwendung von vor&uuml;bergehenden Notlagen k&ouml;nnen Personalkosten einer Einrichtung daher beispielsweise abgesenkt und Teile der Bez&uuml;ge bis zu einer H&ouml;he von 10 Prozent des Jahresentgelts um bis zu 12 Monate sp&auml;ter ausgezahlt werden.<\/p><p>Wohlfahrtsverb&auml;nde, die sich traditionell als gemeinn&uuml;tzige Anbieter verstehen, gr&uuml;nden im Bereich der Altenpflege inzwischen Tochtergesellschaften, in denen das Personal schlechter bezahlt wird als im eigenen Haus. Die &Uuml;berf&uuml;hrung von Diensten und Einrichtungen in sogenannte gemeinn&uuml;tzige GmbHs ist inzwischen bei allen Wohlfahrtsverb&auml;nden fl&auml;chendeckend durchgesetzt, weil das f&uuml;r gemeinn&uuml;tzige Organisationen typische Ehrenamt an der Spitze des Verbandes die Gesch&auml;ftspolitik der Betriebe gar nicht mehr &uuml;bersehen, geschweige denn steuern kann. Dieser Wettbewerb f&uuml;hrt dabei mehr und mehr auch zu einer Schw&auml;chung des Ehrenamts in gemeinn&uuml;tzigen Verb&auml;nden, indem die vormals zum Verband geh&ouml;rigen Einrichtungen verselbstst&auml;ndigt werden und ein eigenes Profi-Management bekommen. Das im Vorstand gemeinn&uuml;tziger Organisationen agierende Ehrenamt wird hierdurch mehr und mehr zum St&ouml;rfaktor und die Konflikte zwischen Ehrenamtlichen und Professionellen in den gemeinn&uuml;tzigen Organisationen bekommen eine neue Qualit&auml;t.<\/p><p>Und es mehren sich auch die Formen von Bezahlung, die man nur noch als prek&auml;r, also ein Leben ohne staatliche Unterst&uuml;tzung unm&ouml;glich machend, bezeichnen kann. Ein Beispiel hierf&uuml;r sind so genannte Plus X-Vertr&auml;ge. Dabei erhalten die Besch&auml;ftigten nur die Sicherheit &uuml;ber ein Basisgehalt mit Minimalstundenzahl. Verbreitet sind hier 20 Stunden plus X. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen am Anfang des Monats &uuml;berhaupt nicht mehr, was sie am Ende verdienen. Und der Verdienst h&auml;ngt von Faktoren ab, die f&uuml;r die Mitarbeiter auch nicht beeinflussbar sind. Dazu geh&ouml;rt etwa die schwankende Auslastung der jeweiligen Einrichtung, aber auch das Arbeitsvolumen, dass den einzelnen Mitarbeitern zugewiesen wird. Durch die sich in ihrer Summe erheblich unterscheidenden Zahlungen k&ouml;nnen die Mitarbeiter sich auf nichts verlassen, was ihre jeweilige Lebenssituation und Lebensplanung massiv beeintr&auml;chtigt. Da kommt es schon einmal vor, dass manche Mitarbeiter &ndash; je nachdem was sie plus X verdienen &ndash; mit nur 500 Euro an sicherem Einkommen nach Hause gehen. <\/p><p>Durch dieses Bezahlungssystem werden sie durch den Betrieb in jeder Hinsicht erpressbar, ohne zugleich irgend einen sozialen Schutz zu genie&szlig;en. Wenn das zus&auml;tzlich noch damit einhergeht, dass sie wie bei Solo-Selbstst&auml;ndigkeit auch ihre Sozialversicherung selber bezahlen m&uuml;ssen, entstehen Lebensverl&auml;ufe, die man in jeder Hinsicht nur als schwierig und unsicher bezeichnen kann.<\/p><p><strong>Und all das, diese schwerwiegenden Fehlentwicklungen &ndash; also, all das &bdquo;&uuml;bersieht&ldquo; die Politik einfach? Wie kann das denn sein?<\/strong><\/p><p>Diese Entwicklungen sind kein Ausrutscher, sie sind politisch gewollt und in ihren Auswirkungen ja auch gemeinhin bekannt. Sie sind Bestandteil einer Sozialpolitik, die ihr Hauptaugenmerk auf die Eingliederung in den Arbeitsmarkt richtet und hierf&uuml;r die &ndash; wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t &ndash; &bdquo;St&auml;rkung der Eigenverantwortung&ldquo; propagiert. Die Politik will einerseits mehr Besch&auml;ftigung, auch von Frauen, weshalb etwa der Ausbau der Kinderbetreuung forciert wird, gleichzeitig will sie die Familie und das freiwillige Engagement aber auch &ndash; wie etwa in der Pflege, bei der Eingliederungshilfe f&uuml;r Menschen mit Behinderungen etc. pp. &ndash; f&uuml;r soziale Aufgaben einspannen. Das Ergebnis hiervon ist, dass es immer weniger sichere und angemessen bezahlte Stellen und immer mehr prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse gibt.<br>\nAuf diese Weise entsteht auch eine neue <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27438\">Armutspolitik<\/a>, die man nur als pervers bezeichnen kann: Auf der einen Seite mehrt sich die Anzahl derer, die bei den so genannten Tafeln als Hilfesuchende aufschlagen, auf der anderen Seite wird f&uuml;r das Ehrenamt geworben, dass dann in diesen Tafeln die Armenspeisung organisieren darf. In manchen Bereichen sozialer Dienste sind die &Uuml;berg&auml;nge zwischen bezahlter Arbeit und Ehrenamt bereits flie&szlig;end.<\/p><p>An der gerade abgelaufenen Tarifrunde f&uuml;r die Kitas und Sozialarbeiter ist gut erkennbar, <em>wie<\/em> konsequent die Politik auf der Ebene der L&auml;nder sowie St&auml;dte und Gemeinden eine Steigerung von Personalkosten in diesem Bereich als &bdquo;unertr&auml;gliche Belastung&ldquo; definiert und diese Entwicklung also weiter forciert. Dass f&uuml;r &bdquo;das Soziale&ldquo; kein Geld da ist, ist allerdings nicht vom Himmel gefallen, sondern Resultat politischer Beschl&uuml;sse, die der &ouml;ffentlichen Hand knappe Kassen beschert haben und unsere Politiker nun mit Sachzw&auml;ngen und aus diesen vermeintlich resultierender Alternativlosigkeit konfrontieren. <\/p><p><strong>Und wenn diese Entwicklung sich fortsetzt: Wohin f&uuml;hrt uns das dann? Werden die sogenannten Wohlfahrtsverb&auml;nde der Zukunft ggf. allesamt kommerzielle Anbieter mit nur noch &auml;u&szlig;erlich unterschiedlichen Firmenschildern sein? Werden die bisherigen Einrichtungen demn&auml;chst wom&ouml;glich einfach von Profitmachern aufgekauft, wie das bei Krankenh&auml;usern und im Wohnungswesen schon l&auml;nger der Fall ist?<\/strong> <\/p><p>Die Unterschiede zwischen gemeinn&uuml;tzigen und gewinnorientierten Anbietern weichen bereits seit geraumer Zeit auf und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Zugleich entdecken immer mehr private Anbieter den Gesundheits- und Sozialmarkt als Gesch&auml;ftsfeld, in dem sich Geld verdienen l&auml;sst. In vielen Bereichen sind die gemeinn&uuml;tzigen Anbieter bereits in der Minderzahl. Es entstehen Sozialkonzerne mit wirtschaftlicher Ausrichtung, die Geld verdienen wollen. <\/p><p>Das tut man in erster Linie im Bereich der versicherungsfinanzierten Leistungen, wo die steigenden Kosten inzwischen durch die Besch&auml;ftigten alleine getragen werden. Die Pflegeversicherung etwa ist von vornherein so konzipiert worden, dass sie &ndash; ganz entgegen der Rede von der so genannten Solidarversicherung &ndash; ausschlie&szlig;lich von den Arbeitnehmern bezahlt wird. Und auch steigende Versicherungsbeitr&auml;ge bei den Krankenkassen m&uuml;ssen inzwischen von den Arbeitnehmern allein ausgeglichen werden. Aber auch der Bereich der kommunal finanzierten Leistungen, also in erster Linie die Jugend- und Sozialhilfe, ist durch wachsende Unterfinanzierung gekennzeichnet und es werden sich die Wettbewerbselemente in diesem Bereich in Zukunft noch weiter verst&auml;rken. Das europ&auml;ische Vergaberecht bereitet hier, wie in anderen Bereichen auch, die entsprechende Entwicklung vor. <\/p><p>Schlie&szlig;lich steht auch zu bef&uuml;rchten, dass mit der Durchsetzung von mehr Markt auch der Klient oder Kunde als zahlungsf&auml;higer Nachfrager zunehmend ins Visier der Leistungsanbieter ger&auml;t. Im Gesundheitswesen sind Zuzahlungen und so genannte IGEL-Leistungen, die die Patienten aus ihrer eigenen Tasche bezahlen, ja bereits Teil der Gesch&auml;ftspolitik. Und auch in der Pflege und Altersversorgung ist die Qualit&auml;t der Leistung dadurch bestimmt, was ich mir an privaten Zuzahlungen &uuml;berhaupt leisten kann. Mit anderen Worten: Die Schere zwischen qualitativ guten Versorgungsleistungen und einer Grundversorgung auf Basis von Mindeststandards &ouml;ffnet sich immer weiter und verl&auml;ngert den Unterschied von arm und reich in der Gesellschaft in den Bereich sozialer Leistungen hinein. <\/p><p>Eine weitere beobachtbare Entwicklung besteht darin, dass Privatkapital zur Finanzierung sozialer Dienste an die Stelle von staatlicher Finanzierung tritt. Diese Investition muss nat&uuml;rlich eine Verzinsung abwerfen, die letztlich der Staat zu tragen hat. Damit das f&uuml;r ihn attraktiv wird, werden deshalb privatkapitalistische Investments mit Wirkungsvorgaben verkn&uuml;pft, die in den so finanzierten Projekten erreicht werden m&uuml;ssen. Diese aus Amerika und England kommende Entwicklung wird auch in Deutschland unter dem Namen &bdquo;Wirkungskredit&ldquo; diskutiert und findet in der Politik bereits Beachtung. <\/p><p><strong>&bdquo;Wirkungskredit&ldquo;? Ist das eine Art <em>Public Private Partnership<\/em>? Was steht uns da, wenn sich derlei durchsetzt, konkret ins Haus &ndash; und warum sehen Sie in dieser Entwicklung ein Problem?<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich kann man das als eine Art Public-Private-Partnership bezeichnen. Ein Geldgeber erwartet f&uuml;r seine Investition eine Rendite &ndash; die angesichts des Risikos zwischen 5 und 12 Prozent bei den von mir beobachteten F&auml;llen schwankt. Der Staat, der die Sache finanziert, zahlt diese Rendite, wenn vorab vereinbarte Wirkungen eintreten, also zum Beispiel eine vorher festgelegte Quote Straff&auml;lliger in Arbeit gebracht wurden oder Kinder von Fremdunterbringung verschont blieben. Die zu erzielenden Wirkungen werden vorab festgelegt und extern &uuml;berpr&uuml;ft. Der Staat nutzt auf diesem Weg Privatkapital zur Finanzierung von Leistungen und wird damit &ndash; je umfangreicher sich dieses Kapital im Sozialsektor engagiert &ndash; mehr und mehr <em>abh&auml;ngig<\/em> von diesen Krediten und also der Gunst und den Interessen von Investoren. <\/p><p>Das gesamte System einer &ouml;ffentlich finanzierten Daseinsvorsorge wird so zu einem Feld <em>sozialer Investition<\/em>, in der soziales Handeln als etwas verstanden wird, dass eine Rendite abwirft, die monet&auml;r bestimmt und gemessen werden kann. Der Wirkungskredit ist ein anschauliches Beispiel daf&uuml;r, dass der Siegeszug der &Ouml;konomen, der sich ihrer Leitidee der Effizienz verdankt, auch in Bereiche vordringt, die sich den &ouml;konomischen Bewertungsverfahren eigentlich vollst&auml;ndig entziehen. Das Credo des Gr&uuml;nders der Bertelsmann-Stiftung, dass alles messbar sei und gemessen werden k&ouml;nne, soll nun auch f&uuml;r jene Bereiche gelten, die keine produktive Arbeit verrichten. Eine Entwicklung, die im &Uuml;brigen auch das Bildungswesen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/111112_wernicke_offene_und_verdeckte_privatisierung_bildung.pdf\">zu sp&uuml;ren bekommt [PDF]<\/a>.<\/p><p><strong>Wie k&ouml;nnen wir uns hiergegen denn wehren? Was k&ouml;nnen die Besch&auml;ftigen tun? Und was w&auml;re die Aufgabe der Gewerkschaften hierbei?<\/strong><\/p><p>Der weit &uuml;berwiegende Anteil der im Sozialsektor Besch&auml;ftigten sind Frauen, die bislang einen sehr niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad aufweisen. Das h&auml;ngt auch mit der gemeinn&uuml;tzigen Tradition sozialer Dienste in Deutschland zusammen, wo mit dem Bundesangestelltentarifvertrag als Einheitstarif, den alle Gliederungen der Wohlfahrtsverb&auml;nde mehr oder weniger &uuml;bernommen haben, f&uuml;r die Besch&auml;ftigten wenig Grund zu gewerkschaftlicher Organisierung gegeben war. Dies erweist sich in der gegenw&auml;rtigen Situation aber als besch&auml;ftigungspolitische Katastrophe: Einem zersplitterten Arbeitgeberlager steht ein nur gering gewerkschaftlich organisiertes und zudem nicht einheitlich handelndes Arbeitnehmerlager geben &uuml;ber. <\/p><p>Deshalb m&uuml;ssen Abwehrma&szlig;nahmen gegenw&auml;rtig darauf gerichtet sein, das ordnungspolitische Chaos in diesem Sektor einzud&auml;mmen. Hierzu k&ouml;nnen beispielsweise Branchentarifvertr&auml;ge mit Allgemeinverbindlichkeitserkl&auml;rung beitragen, die f&uuml;r alle Besch&auml;ftigten in einer Branche gelten und den Wettbewerb um niedrigere Personalkosten einzud&auml;mmen helfen. Zugleich m&uuml;ssen gewerkschaftliche Strategien darauf gerichtet sein, mehr Mitglieder aktiv zu organisieren. Es ist deshalb von besonderem Nachteil, dass die Kirchen und kirchlichen Verb&auml;nde, die immer noch die weitaus &uuml;berwiegende Anzahl von Personal im Sozialsektor besch&auml;ftigen, mit dem kirchlichen Arbeitsrecht das Streikrecht aushebeln d&uuml;rfen, weil sie an dem durch den Wettbewerb l&auml;ngst &uuml;berholten Konzept einer vermeintlichen &bdquo;Dienstgemeinschaft&ldquo; festhalten. Leider ist der Gesetzgeber hier nicht gewillt, den zeitgem&auml;&szlig;en Anforderungen Rechnung zu tragen. Umso wichtiger ist die Erh&ouml;hung des gewerkschaftlichen Organisationsgrads bei kirchlichen und nicht-kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um auch in diesem Bereich mehr Druck aus&uuml;ben zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterschauen:<\/strong><\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/y9Ds_Hvsnf8?list=PL8F1BB60EBBD53A39\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Norbert Wohlfahrt: Soziale Dienste im Wettbewerb<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Norbert Wohlfahrt<\/strong>, Jahrgang 1952, studierte in Detmold und Bielefeld zun&auml;chst Sozialarbeit, anschlie&szlig;end Soziologie und Philosophie an der Universit&auml;t Bielefeld. Nach beruflicher T&auml;tigkeit in verschiedenen praxisbezogenen Projekten und der Promotion an der Universit&auml;t Bielefeld arbeitete er als wissenschaftlicher Angestellter an den Universit&auml;ten Duisburg und Kassel, bevor er 1993 eine Professur f&uuml;r Verwaltung und Organisation an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe &uuml;bernahm. Er ist Mitherausgeber eines Handbuchs Kommunale Sozialpolitik und Mitverfasser mehrerer Monographien zur Kritik moderner Gerechtigkeitstheorien, der Kritik sozialer Dienstleistungspolitik und dem Ende der kommunalen Selbstverwaltung. Norbert Wohlfahrt lebt und arbeitet in Bochum.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a> &uuml;ber neue Texte bestellen.<\/em><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/49dac4238ae44475bb18dfcd7e27a66f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151221_wohlfahrt.jpg\" alt=\"Norbert Wohlfahrt\" title=\"Norbert Wohlfahrt\"\/><\/div>\n<p>Dass der Neoliberalismus eine perfide Gesellschaftsideologie ist, hat derselbe l&auml;ngst bewiesen. Nicht nur macht er den Armen und Arbeitslosen weis, sie selbst w&auml;ren an ihrem Elend <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168\">schuld<\/a>. 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