{"id":29703,"date":"2015-12-23T09:24:17","date_gmt":"2015-12-23T08:24:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29703"},"modified":"2019-01-30T11:25:09","modified_gmt":"2019-01-30T10:25:09","slug":"von-laubblaesern-smartphones-menschlicher-wuerde-und-mitleid-im-winter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29703","title":{"rendered":"Von Laubbl\u00e4sern, Smartphones, menschlicher W\u00fcrde und Mitleid im Winter"},"content":{"rendered":"<p>Der Sozialwissenschaftler, Publizist, Gef&auml;ngnispsychologe und regelm&auml;&szlig;ige NachDenkSeiten-Gastautor <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29679#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] wagt in diesem Jahr einen &bdquo;etwas anderen Jahresr&uuml;ckblick&ldquo;. Heute pr&auml;sentieren wir Ihnen den zweiten Teil. Gestern erschien bei uns der erste Teil unter der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29679\">&bdquo;Von Algorithmen, Erinnerung, Pegida, Resilienz und W&ouml;lfen&ldquo;<\/a>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6521\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-29703-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151223_Eisenbergs_Jahresrueckblick_2_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151223_Eisenbergs_Jahresrueckblick_2_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151223_Eisenbergs_Jahresrueckblick_2_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151223_Eisenbergs_Jahresrueckblick_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=29703-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151223_Eisenbergs_Jahresrueckblick_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151223_Eisenbergs_Jahresrueckblick_2_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Samstag, der 11. Juli 2015<\/strong><\/p><p>Der Hausmeister des Nachbarhauses geht mit der Zeit. Er hat den guten alten Reisigbesen, mit dem er bislang am Samstagvormittag den Hof kehrte, gegen einen Laubbl&auml;ser vertauscht. Nun geht er voller Besitzerstolz eine Stunde lang mit diesem Ger&auml;t &uuml;ber den Hof. Es bereitet ihm sichtlich Vergn&uuml;gen, das Ger&auml;t in der Hand zu halten und zu sehen, was f&uuml;r ein starker Strahl aus ihm hervorschie&szlig;t. Er selbst tr&auml;gt w&auml;hrenddessen einen Ohrenschutz gegen den infernalischen L&auml;rm von 80 bis 100 Dezibel, den das Ger&auml;t erzeugt. &bdquo;Und was ist mit uns, die wir auf dem Balkon beim Fr&uuml;hst&uuml;ck sitzen&ldquo;, fragt U., nach einer halben Stunde sichtlich genervt, &bdquo;eigentlich m&uuml;sste er an die Nachbarn solche Ohrensch&uuml;tzer verteilen.&ldquo; <\/p><p>&bdquo;Das gew&ouml;hnliche Ungl&uuml;ck tritt ein&ldquo;, hei&szlig;t es bei Wilhelm Genazino, &bdquo;wenn ein Mann und eine Maschine zueinander finden&ldquo;, und er stellt die Gleichung auf: Mann + Motor = L&auml;rm. Das gilt besonders f&uuml;rs Wochenende, wenn die Zeit der rasenden Heimwerker anbricht. &Uuml;berall heulen Bohr-, Schleif- und Fr&auml;smaschinen auf, Rasenm&auml;her, elektrische Heckenscheren und Hochdruckreiniger werden angeworfen. Besonders sch&auml;tze ich es, wenn sich das Gejaule von verschiedenen Laubbl&auml;sern in der n&auml;heren und ferneren Umgebung zu einer Kakophonie der &uuml;belsten Sorte mischt. Oder: Ein Laubbl&auml;ser stellt nach einer halben Stunde sein Geheul ein, man atmet auf und lehnt sich entspannt zur&uuml;ck, da f&auml;ngt im &uuml;bern&auml;chsten Hinterhof der n&auml;chste an. Die nahezu unabl&auml;ssige Beschallung durch solche Ger&auml;te setzt in mir Phantasien frei, die man aus den H&ouml;llen von Hieronymus Bosch kennt. Ich sp&uuml;re das unabweisbare Verlangen, die Erfinder, Hersteller und K&auml;ufer von Laubbl&auml;sern und anderen Spie&szlig;erentfesselungsmaschinen aufs Rad zu spannen, sie zu vierteilen, ihnen die Zehenn&auml;gel mit der Zange rauszurei&szlig;en, den Dreizack in den Arsch zu rammen und sie in Knochenm&uuml;hlen zu zermahlen.<\/p><p>Wer sich jetzt aufregt, der sei darauf hingewiesen: Auf der Probeb&uuml;hne der Phantasie ist alles erlaubt. Solche Phantasien sind keine Gewalt, sondern ein Schutz vor ihr. Sie fungieren als seelischer Schadenschnelldienst. Wer sich Gewalt- und Rachephantasien versagt, der droht eines Tages zum Amokl&auml;ufer oder vom Krebs zerfressen zu werden.<\/p><p><strong>Donnerstag, der 23. Juli 2015<\/strong><\/p><p>Ich gehe immer &ouml;fter mit einem Buch in der Hand durch die Stadt. Manche Menschen verstehen meine kleine Demonstration gegen den Handywahnsinn und geben sich durch ein L&auml;cheln als B&uuml;cherfreunde zu erkennen. <\/p><p>Vorn im Park sitzt seit Monaten eine junge Frau auf einer Bank und liest. Einmal habe ich sie sogar bei Regen dort sitzen und lesen sehen. Wann immer ich einen Blick auf den Einband werfen kann, sehe ich, dass sie schlechte B&uuml;cher liest. Ich &uuml;berlege, ob ich ihr mal ein gutes Buch schenken soll, habe es aber bisher noch nicht getan. Die Geste w&auml;re zu aufdringlich und belehrend. Ich hoffe, sie findet irgendwann selbst zu guter Lekt&uuml;re. <\/p><p><strong>Mittwoch, der 29. Juli 2015<\/strong><\/p><p>In Holland sah ich neulich, dass die M&uuml;llabfuhr auf den D&ouml;rfern automatisiert worden ist. Ein M&uuml;llwagen f&auml;hrt durch die Stra&szlig;en, greift die Tonnen, leert sie und setzt sie wieder ab. Ein einziger Mensch ist noch n&ouml;tig, um den Wagen zu lenken, die &uuml;brigen M&uuml;llm&auml;nner sind wegrationalisiert worden und verschwunden. Dieser Tage las ich, dass die Produktion von f&uuml;hrerlosen LKWs bereits ins Versuchsstadium eingetreten ist. Demn&auml;chst werden also auch die LKW-Fahrer ins stetig wachsende Heer der &Uuml;berz&auml;hligen und Arbeitslosen eingehen. Das Kapital emanzipiert sich von der menschlichen Arbeitskraft und vermehrt sich in einer tautologischen Selbstbewegung. Die Null nullt und gebiert noch mehr Nullen. <\/p><p>Matthias Egersd&ouml;rfer fiel mir ein, der in einer seiner Nummern &uuml;ber eine f&uuml;hrerlose U-Bahn am Schluss sagt, eigentlich br&uuml;llt: <\/p><blockquote><p>Da fragt sich: Wenn der Totenreichtraum des Kapitals, das kein variables Kapital, also keinen U-Bahn-Kapit&auml;n, keine Bibliothekarin, keine Kassiererin im Schwimmbad, keinen Spa&szlig;macher und keinen Eintrittskartenk&auml;ufer mehr braucht, wenn der erf&uuml;llt ist; wenn nur noch das Geld und die Maschinen die Welt beherrschen und kein Menschengesindel mehr st&ouml;rt &ndash; was macht das Kapital dann? Frisst das Geld selber die Schnitzel? Wof&uuml;r gibt es sich selber aus? Geht das Geld in die Kneipe, schmei&szlig;t eine Runde und s&auml;uft sich mit einer lustigen Mannschaft zugedr&ouml;hnter Drohnen einen an? Ficken sich Geld und Maschinen gegenseitig? W&auml;re das nicht eine gigantische nekrophile Sauerei?<br>\nOder wichsen die Drohnen einfach so vor sich hin? Und das Geld guckt zu und wird geil dabei?<\/p><\/blockquote><p><strong>Sonntag, der 9. August 2015<\/strong><\/p><p>Dieser Tage begegnete mir vor der Haust&uuml;r ein junger Mann. Er hatte die Haare kurz geschnitten und einen dieser getrimmten B&auml;rte, wie sie heute viele junge M&auml;nner haben. Er trug ein Baby in einem Tragetuch vor seiner Brust. Mit der einen Hand st&uuml;tzte er das Kind etwas ab, in der anderen hielt er sein Smartphone, auf das sein Blick und seine Aufmerksamkeit gerichtet waren. Das Smartphone befand sich direkt neben dem Kopf des Kindes. Das Kind sieht, dass der Vater in seine Richtung schaut, aber sein Blick geht knapp daneben. Das Kind sucht die Augen des Vaters, findet sie aber nicht. Unsicherheit und Angst beschleichen das Kind, die durch den Kontakt zum K&ouml;rper etwas gemildert werden und ihren Umschlag in Panik verhindern. Noch verst&ouml;render ist es, wenn das Kind die Stimmen seiner telefonierenden Eltern h&ouml;rt und gleichzeitig registriert, dass sie nicht ihm gelten. Stets bin ich verwundert, wenn ich solche Szenen beobachte, dass Eltern nicht sp&uuml;ren, was sie ihren Kindern antun, welche Missachtung darin liegt, dass sie in ihrer Gegenwart mit einem Ger&auml;t befasst sind, statt sich dem Kind zu widmen. Bestimmte Formen von Grausamkeit werden unter unseren Augen normal, so dass sie als Grausamkeit nicht mehr wahrgenommen werden. Was diese neuen Formen der Missachtung des Kindes in dessen Innerem anrichten, wie sie die sich bildende Identit&auml;t besch&auml;digen, werden wir erst sp&auml;ter erfassen &ndash; wenn es f&uuml;r Korrekturen zu sp&auml;t sein k&ouml;nnte. Was abgestorben ist, ist unwiderruflich dahin und kann nicht auf Befehl von oben wiederbelebt oder synthetisch nachproduziert werden. &bdquo;Der wirkliche Gegensatz zur Liebe ist Gleichg&uuml;ltigkeit, die jede Liebe unm&ouml;glich macht. Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber den wichtigen und bedeutsamen Erlebnissen und Erfahrungen des Kindes auf der ersten Lebensstufe f&uuml;hrt zu zerst&ouml;rerischen Konsequenzen, wenn sie zur kollektiven Haltung einzelner Gruppen oder ganzer Gesellschaften wird, die sich auf diese Weise den eigenen Untergang bereiten&ldquo;, schrieb Tobias Brocher in seinem Buch <em>Stufen des Lebens<\/em>.<\/p><p><strong>Sonntag, der 18. Oktober 2015<\/strong><\/p><p>Vor ein paar Tagen h&ouml;rte ich w&auml;hrend des Fr&uuml;hst&uuml;cks auf Deutschlandradio-Kultur mit halbem Ohr einen Beitrag &uuml;ber neue B&uuml;cher zum Thema Hoffnung. Hoffnung sei &bdquo;eine wichtige Ressource&ldquo;, h&ouml;rte ich die Sprecherin sagen, und ich zuckte zusammen. Hoffnung k&ouml;nne gelernt und dann gezielt eingesetzt werden. Sie sei &bdquo;der Schl&uuml;ssel zum Gl&uuml;ck&ldquo;. Ein gesteigertes &bdquo;Hoffnungsniveau&ldquo; k&ouml;nne zum Beispiel Heilungsprozesse bei Schwerkranken bef&ouml;rdern und der Bew&auml;ltigung anderer Lebenskrisen dienlich sein. Es wird nicht mehr lange dauern und Volkshochschulen und Krankenkassen bieten Kurse an unter dem Titel: <em>Hoffen leicht gemacht, Hoffen leicht gemacht<\/em> oder: <em>Selbstoptimierung durch Entwicklung von Hoffnungspotenzialen<\/em>. <\/p><p>Jetzt wird auch noch die Hoffnung &ouml;konomisiert und in eine ausbeutbare und jederzeit abrufbare Ressource verwandelt. Gut, dass Ernst Bloch das nicht mehr miterleben muss. F&uuml;r ihn waren Tagtr&auml;ume und Hoffnung transzendierende Kr&auml;fte und Ausdruck der Sehnsucht nach dem ganz anderen. Menschen tr&auml;umen sich aus ihrem Gef&auml;ngnis heraus ins Offene, in die Zukunft des Noch-nicht-Gewordenen. Im <em>Prinzip Hoffnung<\/em> hei&szlig;t es: &bdquo;Die Hoffnungslosigkeit ist selber, im zeitlichen wie im sachlichen Sinn, das Unaushaltbarste, das ganz und gar den menschlichen Bed&uuml;rfnissen Unertr&auml;gliche.&ldquo; Die Hoffnung macht die Menschen weit, statt sie zu verengen. Die Hoffnung ertr&auml;gt kein Hundeleben. Der Mensch ist wesenhaft von der Zukunft her bestimmt. Sie ist der Projektionsraum seiner Sehns&uuml;chte und Entw&uuml;rfe. Ohne Tr&auml;umen nach vorw&auml;rts beginnt das Leben abzusterben. Bei Man&egrave;s Sperber hei&szlig;t es ganz gleichsinnig: &bdquo;Der Mensch kann nicht leben ohne zu hoffen. Der Mensch ist ein prospektives Wesen. Wenn ich jetzt glauben m&uuml;sste, dass ich in der n&auml;chsten Stunde nicht mehr sein werde und es kein Morgen f&uuml;r mich gibt, dann habe ich auch keine Gegenwart mehr. Die Gegenwart stirbt ab, wenn sie nicht gleichsam als Stufe erlebt wird, die zum Morgen f&uuml;hrt.&ldquo;<\/p><p>Nun soll auch die Hoffnung ins Bestehende zur&uuml;ckbetrogen und domestiziert werden. Ihr werden die Fl&uuml;gel gestutzt, damit sie sich nur noch auf dem Boden der sogenannten Tatsachen und im Gehege der etablierten Wirklichkeit bewegen kann. Zu den unumst&ouml;&szlig;lichen Tatsachen des Menschen geh&ouml;rt, dass ihm die sogenannten Tatsachen nicht gen&uuml;gen. Hoffen wir, dass das Projekt der Vereinnahmung der Hoffnung als Schmier&ouml;l des herrschenden Betriebs nicht gelingt und sich ihre vagabundierende, anarchische Kraft behauptet.<\/p><p><strong>Mittwoch, der 28. Oktober 2015<\/strong><\/p><p>In den Zehnuhrnachrichten von Deutschlandradio Kultur h&ouml;re ich: Die Fl&uuml;chtlingskrise tr&uuml;bt die Konsumlaune der Deutschen. Zum dritten Mal hintereinander sank der Konsumklimaindex, der die Konsumneigung der deutschen Privathaushalte misst. Eine Beobachtung von Sartre im Warschau der 1950er Jahre f&auml;llt mir ein. Er sah dort Plakate in den Stadt h&auml;ngen, auf denen stand: Die Tuberkulose hemmt die Produktion. F&uuml;r Sartre war das ein Ausdruck einer Perversion: Die Menschen sind zu blo&szlig;en Anh&auml;ngseln der Warenproduktion geworden, die sie zwar in Gang gesetzt haben, die sich aber im Prozess der kapitalistischen Akkumulation mehr und mehr verselbst&auml;ndigt, bis sie die Menschen als Anh&auml;ngsel hinter sich her schleift. Im Sinne Kants ist die kapitalistische Produktionsweise zutiefst unmoralisch, denn Moral verbietet es, den Menschen als Rohstoff oder Mittel zum Zweck zu benutzen. Kants Moralphilosophie legt uns die Pflicht zur Revolution auf. Der Mensch als Subjekt der moralisch-praktischen Vernunft ist &uuml;ber allen Preis, &uuml;ber alle K&auml;uflichkeit erhaben. Als Person ist der Mensch um seiner selbst willen zu sch&auml;tzen, das hei&szlig;t er besitzt W&uuml;rde. Der Mensch verdient als Mensch und nicht aufgrund von Leistungen Achtung. Alle Menschen sollten daher so miteinander umgehen, dass sie ihrer aller W&uuml;rde nicht verletzen. Sie sollten sich nicht als blo&szlig;e Mittel gebrauchen und auch nicht gebrauchen lassen. Kein Mensch darf einen anderen Menschen instrumentalisieren. <\/p><p><strong>Samstag, der 7. November 2015<\/strong><\/p><p>Gestern h&ouml;rte ich auf Deutschlandradio Kultur einen Beitrag aus der Reihe <em>Alltag anders<\/em>, in der Korrespondenten aus allen m&ouml;glichen Weltgegenden &uuml;ber Facetten des dortigen Alltagslebens berichten. Gestern ging es um das Thema Smartphone. Das Erschreckende war, dass es aus Peking, London, Singapur und Mexiko-Stadt &uuml;bereinstimmend hie&szlig;: Jeder hat ein Smartphone, f&uuml;hrt es &uuml;berall mit sich und l&auml;sst es nicht aus den Augen. In &ouml;ffentlichen Verkehrsmitteln in Peking gibt es kaum jemand ohne Smartphone, in London sitzen vier Menschen um einen Tisch und speisen und besch&auml;ftigen sich nicht miteinander, sondern mit ihren Telefonen. In Singapur gehen die Menschen durch die Stadt und laufen Gefahr, &uuml;berrollt zu werden oder zusammenzuprallen, weil sie unentwegt auf ihre Smartphones starren. Der Titel der Sendung wird durch den Inhalt widerlegt: Nicht <em>Alltag anders<\/em>, sondern <em>Alltag homogen<\/em> m&uuml;sste es hei&szlig;en. &ldquo;Das Sch&ouml;nste in Tokio ist McDonald&rsquo;s. Das Sch&ouml;nste in Stockholm ist McDonald&rsquo;s. Das Sch&ouml;nste in Florenz ist McDonald&rsquo;s. Peking und Moskau haben noch nichts Sch&ouml;nes&rdquo;, sagte Andy Warhole Mitte der 1970er Jahre. Das ist inzwischen anders: Auch Moskau und Peking sind in die Welteinheitskultur eingemeindet worden, haben ihre McDonald-Filialen und sind online. Es scheint sich um eine planetarische Seuche zu handeln. Die ganze Welt befindet sich im Datenrausch. Die Enth&uuml;llungen von Edward Snowden haben daran nichts ge&auml;ndert. Die Leute wissen Bescheid, &auml;ndern aber ihr Verhalten nicht. Sie liefern sich freiwillig und begeistert den &Uuml;berwachungspraktiken aus.<\/p><p>Schon berichten Neurowissenschaftler, dass die <em>Daumenfertigkeit<\/em> auf dem Smartphone das Gehirn der Nutzer ver&auml;ndert. Es ist ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis das Handy nach innen wandert und die Gehirne ersetzt. Schon jetzt werden gro&szlig;e Teile der urspr&uuml;nglich menschlichen Verm&ouml;gen in Maschinen ausgelagert. Sie verk&uuml;mmern in diesem Prozess und werden irgendwann absterben. Die Menschen verwandeln sich in Anh&auml;ngsel der von ihnen selbst geschaffenen Ger&auml;te und Maschinen, bis sie selbst zu Maschinen werden.<\/p><p><strong>Freitag, der 13 November 2015<\/strong><\/p><p>An oder in der T&uuml;r der Innenpforte des Butzbacher Gef&auml;ngnisses hat der 125 Jahre w&auml;hrende Gebrauch des Schl&uuml;ssels eine Mulde in die massive, eichene T&uuml;r gegraben oder geschabt. W&auml;hrend man die T&uuml;r mit einem gew&ouml;hnlichen BKS-Schl&uuml;ssel &ouml;ffnet und schlie&szlig;t, schabt der Bart des sogenannten Knochens, des gro&szlig;en Gef&auml;ngnisschl&uuml;ssels, den man im Inneren des Gef&auml;ngnisses zum &Ouml;ffnen der Zellen ben&ouml;tigt, &uuml;ber das Holz. Jede einzelne Ber&uuml;hrung zwischen Schl&uuml;ssel und Holz mag fl&uuml;chtig und folgenlos erscheinen, als Teil einer endlosen Serie von Schlie&szlig;vorg&auml;ngen gr&auml;bt sie sich langsam in das so unver&auml;nderbar wirkende Material ein. <\/p><p>Welche Spuren, denke ich manchmal, hinterl&auml;sst der st&auml;ndige Gebrauch des Schl&uuml;ssels in der Seele des Schlie&szlig;enden? Wer andere einschlie&szlig;t, schlie&szlig;t sich selbst mit ein, oder mit den Worten Kants: Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerst&ouml;rt die Menschlichkeit in mir. Jedes Vergehen gegen die Menschenw&uuml;rde zerst&ouml;rt die W&uuml;rde in uns selbst. Wie steht es nach drei&szlig;ig Berufsjahren im Gef&auml;ngnis und der jahrzehntelangen Teilnahme am Wegsperren anderer Menschen um meine W&uuml;rde? &bdquo;Eine der Trag&ouml;dien des Gef&auml;ngnislebens liegt darin, dass es das Herz eines Mannes zu Stein macht&ldquo;, schrieb Oscar Wilde nach seiner Entlassung aus dem Gef&auml;ngnis. Dieser Satz gilt nicht nur f&uuml;r die H&auml;ftlinge, denen es mitunter gelingt, dieser Versteinerung durch die Entwicklung von Br&uuml;derlichkeit und Solidarit&auml;t zu entgehen, sondern vor allem f&uuml;r Menschen, die dort arbeiten und die sich im Laufe der Jahre zur blo&szlig;en Negation des Gefangenen entwickeln, zum personifizierten Nein. Sie negieren den Gefangenen und indem sie ihn wegschlie&szlig;en, schlie&szlig;en sie immer aufs Neue den Teil der eigenen Person mit ein, der ihnen fremd und bedrohlich geworden ist. <\/p><p><strong>Samstag, der 5. Dezember 2015<\/strong><\/p><p>U., die als Sozialp&auml;dagogin an einer Grundschule in einem sogenannten Problemviertel arbeitet, erz&auml;hlte mir heute Morgen von zwei Beobachtungen, die sie gestern gemacht hat. Sie unterrichtete in einer ersten Klasse. Ein t&uuml;rkischst&auml;mmiger Junge sei derart laut und aggressiv gewesen, dass sie ihn nach mehrfachen erfolglosen Ermahnungen der Klasse verwies und vor die T&uuml;r schickte. Nach einer Weile &ouml;ffnete sie die T&uuml;r zum Gang, um nach ihm zu schauen. Er habe auf einem Stapel Matten gesessen und mit einer leeren Plastikflasche &bdquo;um sich geschossen&ldquo;. Er habe sie wie ein Profi im Arm gehalten, st&auml;ndig nachgeladen und geschossen. Dazu habe er entsprechende Ger&auml;usche von sich gegeben. Er sei v&ouml;llig versunken  gewesen in seine Ballerei und habe gar nicht bemerkt, dass sie nach ihm geschaut habe.<\/p><p>In der Klasse sei ihr wenig sp&auml;ter ein anderer Junge aufgefallen, der wie in Trance auf einem imagin&auml;ren Joystick herumgedr&uuml;ckt habe. Offenbar sei vor seinem inneren Auge ein Computerspiel abgelaufen. Mit dem Oberk&ouml;rper habe er Bewegungen mitvollzogen, die ein Auto oder Flugzeug in seinem Inneren vollf&uuml;hrten. Sein Verhalten habe sie an Slaloml&auml;ufer erinnert, die vor dem Start im Geist die Strecke abfahren.<\/p><p>In einem Bildband sah ich neulich Fotos von spielenden Kindern um 1925. Diese Spiele fanden ausnahmslos auf der Stra&szlig;e und in Gruppen statt. Sie lie&szlig;en einen Kreisel tanzen, jagten einem aus Lumpen selbst hergestellten Fu&szlig;ball nach oder schnickten mit den Fingern Murmeln in ein Loch. Man sah lauter Jungen in kurzen Lederhosen und Unterhemden und fr&ouml;hliche Kindergesichter. Die M&auml;dchen spielten daneben Hickelh&auml;uschen und h&uuml;pften auf einem Bein von K&auml;stchen zu K&auml;stchen. <\/p><p>Wie verarmt und trostlos erscheinen dagegen die Spiele der zeitgen&ouml;ssischen kleinen Autisten. Was soll aus ihnen werden? Was f&uuml;r Erwachsene entstehen da? Und wie wird sich die Gesellschaft auf der Basis solcher Individuen entwickeln? Ist eine Gesellschaft von lauter Autisten &uuml;berhaupt denkbar und m&ouml;glich? Welcher emotionale Kitt soll sie zusammenhalten?<\/p><p><strong>Donnerstag, der 10. Dezember 2015<\/strong><\/p><p>Letzten Sonntag sah ich im <em>Weltspiegel<\/em> einen Bericht &uuml;ber k&uuml;nstliche Befruchtung und die damit einhergehende genetische Selektion. <em>Blaue Augen auf Bestellung<\/em> hie&szlig; der Film. In der Mediathek stie&szlig; ich auf folgenden Begleittext:<\/p><blockquote><p>Noahs Leben kommt aus einem Tank &ndash; 150.000 Dollar haben seine Eltern f&uuml;r ihn bezahlt &ndash; nochmal so viel f&uuml;r seinen Bruder Tristan &ndash; aufgeweckte, gesunde Kinder. Zusammen mit ihren homosexuellen Eltern David und Georges bewohnen sie mitten in Manhattan ein schickes Townhouse. Ihre Mutter haben sich ihre Eltern im Katalog ausgesucht bei CT Fertility. Zusammen zeigen sie uns, wie das damals funktioniert hat. Per Video stellen sich die Eispenderinnen pers&ouml;nlich vor. 8000 Dollar bekommen sie von CT Fertility f&uuml;r ihre Eier. &ldquo;Hallo, ich bin die Courtney&rdquo;, sagt die Spenderin in ihrem Video, &ldquo;und ihr wollt bestimmt viel &uuml;ber mich wissen, warum ich Eispenderin werden m&ouml;chte.&rdquo;<\/p>\n<p>Herkunft, Religion, Bildung, Krankheiten &ndash; die Frauen geben alles von sich preis. Der Kunde ist K&ouml;nig: &ldquo;Wir wollten Kinder mit blauen Augen, so wie wir sie haben&rdquo;, sagt Georges Sylvestre, &ldquo;und wir wollten eine Mutter, die klug ist, sie sollte gro&szlig;gewachsen sein und kerngesund sein.&rdquo;<\/p>\n<p>&hellip;<\/p>\n<p>Noah und Tristan sind Wunschkinder &ndash; in einer gl&uuml;cklichen sehr wohlhabenden New Yorker Familie. Aber was passiert, wenn sich der so sorgf&auml;ltig vorgeplante Erfolg f&uuml;r sie nicht einstellt? Medizinethiker Caplan blickt in die Zukunft: &ldquo;Sie haben das tolle Erbgut einer jungen Studentin eingekauft und das Kind wird Verk&auml;ufer im Supermarkt. Klagen sie dann &uuml;ber die minderwertige Ware, oder behandeln sie ihr Kind wie einen Menschen?&rdquo; Schon klagen in den USA die ersten unzufriedenen Kunden vor Gericht.<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Wenn es keinen Gott gibt, <em>ist<\/em> alles erlaubt&ldquo;, hei&szlig;t es bei Dostojewski. Warum soll in einer Gesellschaft, die alle Stoppregeln und moralischen Begrenzungen au&szlig;er Kraft gesetzt und sich als Ganze den Imperativen des Marktes unterworfen hat, nicht auch das Kind zur Ware und seine Herstellung zu einem profitablen Industriezweig werden? Reiche Leute kaufen sich zwei kerngesunde, blau&auml;ugige Kinder zur Komplettierung ihres mond&auml;nen Lebensstils. Sie wachsen in der Obhut bezahlter Dienstboten auf. Arme Frauen aus den Ghettos dienen f&uuml;r rund 30.000 Dollar als Leihm&uuml;tter. Ihnen werden die befruchteten Eier einer fremden Frau eingesetzt. Vertraglich m&uuml;ssen sie zusichern, die von ihnen ausgetragenen Kinder an die Auftraggeber abzugeben. Die K&ouml;rper der Armen werden als Ersatzteillager ausgeschlachtet, um durch die Entnahme ihrer Organe das Leben reicher Leute zu verl&auml;ngern. <\/p><p><strong>Samstag, der 12. Dezember 2015<\/strong><\/p><p>Im Discounter fiel mir ein Mann mittleren Alters auf, der mit dem Handballen immer wieder heftig auf den Griff seines Einkaufswagens schlug. Wenig sp&auml;ter sah ich, wie er eine Packung aus einem Regal riss und in Richtung seines Wagens schleuderte. Die Packung verfehlte ihr Ziel und fiel zu Boden. Er b&uuml;ckte sich, hob sie auf und donnerte sie aus n&auml;chster N&auml;he in den Wagen. Sie prallte von einer Tiefk&uuml;hlpizza ab und sprang erneut aus dem Wagen. Jetzt geriet er vollends in Wut, packte die Lebensmittelpackung und warf sie mit gro&szlig;er Wucht in den Wagen. Diesmal blieb sie darin liegen. Er ging weiter, wobei er erneut mit gro&szlig;er Wucht auf den Griff des Wagens eindrosch. An der Kasse w&auml;re ich um ein Haar hinter ihm zu stehen gekommen, wenn ich nicht rechtzeitig an die benachbarte Kasse ausgewichen w&auml;re. Ich sah, wie er Cola-Flaschen aus der Plastikh&uuml;lle riss und einzeln auf das F&ouml;rderband legte. &bdquo;Legte&ldquo; ist das falsche Wort: er donnerte sie aufs Band, so dass sie beinahe auf der anderen Seite wieder herunterfielen. Sodann riss er Bierdosen aus ihrer Umh&uuml;llung und schmiss sie aufs Band. Die Umstehenden wichen vor ihm und seiner &uuml;berbordenden Aggressivit&auml;t zur&uuml;ck. Nachdem er bezahlt hatte, sah ich, wie er die erworbenen Dinge in seinem Rucksack verstaute. Wobei wiederum &bdquo;verstauen&ldquo; das falsche Wort ist. Er rammte und stie&szlig; die Dinge in den Rucksack. Widerst&auml;nde &uuml;berwand er durch besonders grobes Hineinrammen und Schlagen. Er vibrierte vor m&uuml;hsam unterdr&uuml;ckter Wut. Durch die Scheibe sah ich, wie er den Einkaufswagen in die Reihe der Wagen zur&uuml;ckschon. Wobei &bdquo;zur&uuml;ckschob&ldquo; wieder das falsche Wort ist: Er rammte den Wagen mit solcher Wucht in die Reihe der Wagen, dass er immer wieder ein kleines St&uuml;ck zur&uuml;cksprang. Nach drei\/vier misslungen Versuchen konnte er schlie&szlig;lich die Pfandm&uuml;nze entnehmen, entrei&szlig;en, und wandte sich zum Gehen. &bdquo;Hoffentlich tut ihm niemand den Gefallen, ihn &sbquo;falsch&lsquo; anzuschauen&ldquo;, dachte ich. Wobei jedes noch so harmlose, fl&uuml;chtige Anschauen &bdquo;falsch&ldquo; sein und einen Gewaltausbruch hervorrufen kann.<\/p><p><strong>Sonntag, der 20. Dezember 2015<\/strong><\/p><p>Am Samstag f&uuml;hrte mich mein Weg von der Fu&szlig;g&auml;ngerzone, wo die Leute eine menschenverachtende Pl&ouml;rre namens Gl&uuml;hwein trinken und Duschgels kaufen, die sie Weihnachten verschenken wollen, ins Sterbehospiz hinter dem Evangelischen Krankenhaus. Dort wartet ein Bekannter auf den Tod. Ein solcher Besuch ist eine Schule in Demut. Der Bekannte liegt auf dem Bett. Er besteht nur noch aus Haut und Knochen, hat seit zwei Wochen nichts Festes mehr gegessen. Er beh&auml;lt nichts bei sich, sagt er. Er ern&auml;hrt sich von Astronautennahrung, die in verschiedenen Geschmacksrichtungen auf dem Nachtschr&auml;nkchen neben dem Bett steht. Eine Schwester kommt und setzt ihm eine Spritze mit Schmerzmitteln. Sie hat M&uuml;he, eine Stelle zu finden, in die sie stechen kann, ohne gleich auf Knochen zu sto&szlig;en. Der Bekannte ist gelassen und beinahe heiter. Er zitiert Jochen Busse: &bdquo;Der Tod steht noch nicht vor der T&uuml;r &ndash; aber er sucht sich schon mal &lsquo;nen Parkplatz.&ldquo; Und f&uuml;gt lachend hinzu: &bdquo;Und das kann in der Vorweihnachtszeit &acute;ne Weile dauern.&ldquo; Nach so einem Besuch f&uuml;hlt man sich fremd im Vorweihnachts-Rummel. Es war mir, als w&auml;re ich in Gestalt des Sterbenden meiner eigenen Zukunft begegnet, die unweigerlich der Tod ist. Nachdenklich bahne ich mir einen Weg durch die Kaufw&uuml;tigen und sehe ich zu, dass ich schnell nach Hause komme. Vor dem Nebenhaus liegt seit Tagen Erbrochenes auf dem Gehweg &ndash; eine Mischung aus Gl&uuml;hwein, gebrannten Mandeln und Currywurst. Die V&ouml;gel schrecken vor nichts zur&uuml;ck und picken darin herum. <\/p><p>Zwischen den Buden des Weihnachtsmarktes sitzt ein Bettler am Boden. Neben ihm liegt &ndash; auf einer Decke zusammengerollt &ndash; sein Hund. Ein mit Eink&auml;ufen beh&auml;ngtes Paar geht an den beiden vor&uuml;ber. Als sie ein paar Meter weit weg sind, sagt der Mann in breitestem Hessisch: &bdquo;Am liebsten w&uuml;rd isch higehe un ihm de Hund wegnemme. Der will doch nur Mitleid erreesche.&ldquo; <\/p><p>Bei fr&uuml;hlingshaften Temperaturen sitzen die Leute ein paar Tage vor Weihnachten vor den Caf&eacute;s im Freien. Zwei Frauen unterhalten sich. Als ich vor&uuml;bergehe, h&ouml;re ich eine der beiden in breitestem Hessisch sagen: &bdquo;Mei Tochter is bei mir gewese und hat gefragt, ob ich ihr Geld gebbe kann. Ich hab gesacht: Nix gibt&rsquo;s. Aber ich bin doch dein Kind, hat se dann gesacht und rumgeflennt. Das is mir doch egal, hab ich gesacht.&ldquo; <\/p><p>Besonders in der Vorweihnachtszeit, wo viel von Mitgef&uuml;hl die Rede ist, f&auml;llt mir auf, wie verh&auml;rtet sich gewisse Menschen gegen&uuml;ber den Armen und Erfolglosen erweisen. Schnell wird diesen selbst die Schuld an ihrem Elend zugewiesen. Meist handelt es sich um Menschen, die selbst nicht allzu weit vom verachteten Elendsmilieu entfernt sind und insgeheim ihren Absturz bef&uuml;rchten. Der Bettler verk&ouml;rpert die m&ouml;gliche eigene Zukunft, die man nicht wahrhaben will und deshalb aggressiv abwehrt. Die hinter uns liegenden eisigen, neoliberalen Jahre mit ihrem Kult des <em>Winners<\/em> haben dieser Mentalit&auml;t der Mitleidlosigkeit und der Verachtung des Erfolglosen m&auml;chtigen Auftrieb gegeben. Das Credo von Ronald Reagan lautete: &bdquo;Kein Erbarmen mit den Armen! Wenn wir sie staatlicherseits unterst&uuml;tzen, beg&uuml;nstigen wir nur ihre Faulheit! Wenn man einem Pferd genug Hafer gibt, wird auch auf der Stra&szlig;e etwas ankommen, von dem die Spatzen sich ern&auml;hren k&ouml;nnen.&ldquo; Nachdem die Pferde nun seit Jahrzehnten kr&auml;ftig gef&uuml;ttert werden, m&uuml;sste es den Bettlern eigentlich gut gehen. Seltsam, dass die Armut st&auml;ndig zunimmt, w&auml;hrend die Reichen immer reicher werden. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. G&ouml;tz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet als Gef&auml;ngnispsychologe in der JVA Butzbach. Im Verlag Brandes &amp; Apsel ist Anfang des Jahres sein neues Buch &bdquo;Zwischen Amok und Alzheimer &ndash; Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo; erschienen. Siehe dazu die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25005\">Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sozialwissenschaftler, Publizist, Gef&auml;ngnispsychologe und regelm&auml;&szlig;ige NachDenkSeiten-Gastautor <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29679#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] wagt in diesem Jahr einen &bdquo;etwas anderen Jahresr&uuml;ckblick&ldquo;. Heute pr&auml;sentieren wir Ihnen den zweiten Teil. Gestern erschien bei uns der erste Teil unter der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29679\">&bdquo;Von Algorithmen, Erinnerung, Pegida, Resilienz und W&ouml;lfen&ldquo;<\/a>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,161],"tags":[1722],"class_list":["post-29703","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-jahresrueckblick"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=29703"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29703\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48890,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29703\/revisions\/48890"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=29703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=29703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=29703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}