{"id":29707,"date":"2015-12-23T11:26:03","date_gmt":"2015-12-23T10:26:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29707"},"modified":"2019-01-04T12:29:19","modified_gmt":"2019-01-04T11:29:19","slug":"eine-kleine-weihnachtsgeschichte-von-truthaehnen-schwarzen-schwaenen-und-modelloekonomen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29707","title":{"rendered":"Eine kleine Weihnachtsgeschichte von Truth\u00e4hnen, Schwarzen Schw\u00e4nen und Modell\u00f6konomen"},"content":{"rendered":"<p>Falls Sie immer schon wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, was Ihr Weihnachtsbraten mit dem VW-Abgasskandal, Fukushima, der Finanzkrise oder &bdquo;Deutschlands bestem &Ouml;konomen&ldquo; Hans-Werner Sinn gemeinsam hat&hellip; m&ouml;glicherweise erhalten Sie hier nun endlich die Antwort. Von <strong>Thomas Trares<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29707#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nEs war einmal ein Truthahn, der, in einem dunklen Stall gefangen, sein Dasein fristete. Zun&auml;chst ver&auml;ngstigt, stellte das Tier im Laufe der Zeit fest, dass der Bauer doch ein guter Mann sein m&uuml;sse. Denn jeden Tag, p&uuml;nktlich um Viertel nach acht, kam er in den Stall und stellte dem Truthahn eine Schale voll mit leckerem Futter vor den Schnabel. Und jeder Tag, an dem sich diese Prozedur wiederholte, best&auml;rkte den Truthahn in der Annahme, dass er es doch kaum besser haben k&ouml;nne als hier bei diesem netten Bauersmann. Das Federvieh lie&szlig; es sich fortan gut gehen und a&szlig; sich fett und tr&auml;ge. Doch kurz vor Heiligabend kam der gute Mann statt mit der Futterschale mit einem Schlachtermesser in den Stall. Dann war es um das arme Tier geschehen. Es landete tags drauf als leckerer Weihnachtsbraten auf dem Festtagstische der freudig gestimmten Bauersfamilie.<\/p><p>Diese Geschichte tr&auml;gt sich nicht nur jedes Jahr an Weihnachten in unz&auml;hligen Wohnstuben der christlichen Welt zu, sondern ist zugleich auch die zentrale Parabel in Nassim Nicholas Talebs Bestseller &bdquo;Der Schwarze Schwan&ldquo;. F&uuml;r Taleb, der mal als Philosoph, Finanzanalyst, Fondsmanager oder auch mal als Lebensk&uuml;nstler bezeichnet wird, ist ein Schwarzer Schwan ein seltenes, &uuml;berraschendes Ereignis mit massiven Auswirkungen und Vorhersehbarkeit im R&uuml;ckblick (nicht in der Vorausschau).<\/p><p>Wer und was genau ein Schwarzer Schwan ist, kann aber nur von Fall zu Fall entschieden werden. F&uuml;r den Atomlobbyisten ist es Fukushima, f&uuml;r den VW-Aktion&auml;r der VW-Abgasskandal, f&uuml;r den marktgl&auml;ubigen &Ouml;konomen die Finanzkrise, f&uuml;r den Truthahn der Tag der Schlachtung, usw. Die Geschichte vom Schwarzen Schwan ist eine im Englischen durchaus gebr&auml;uchliche Metapher, die sich auf die Entdeckung schwarzer Schw&auml;ne in Westaustralien Ende des 17. Jahrhunderts bezieht, ein damals sensationelles Ereignis.<\/p><p>Taleb wiederum zieht aus dieser Geschichte den Schluss, dass aus den Daten der Vergangenheit nicht einfach auf die Zukunft geschlossen werden kann. &bdquo;Gro&szlig;e Ereignisse haben keine Vorg&auml;nger&ldquo;, sagt er. Die Tatsache, dass bis Ende des 17. Jahrhunderts kein Europ&auml;er je einen schwarzen Schwan gesehen hat, hei&szlig;t eben nicht, dass es keine schwarzen Schw&auml;ne gibt. Und die Tatsache, dass der Bauer den Truthahn jeden Tag f&uuml;ttert, hei&szlig;t eben nicht, dass er ihn nicht doch irgendwann zur Schlachtbank f&uuml;hrt.<\/p><p>F&uuml;r Taleb sind aber auch modellgl&auml;ubige Mainstream-&Ouml;konomen, also Neoklassiker, solche Truth&auml;hne. Denn auch sie neigen dazu, ihre Modelle mit Daten aus der Vergangenheit zu f&uuml;ttern und damit auf die Zukunft zu schlie&szlig;en. Und dann erleiden sie Schiffbruch. Ein Paradebeispiel daf&uuml;r sind die US-Wissenschaftler Myron Scholes und Robert C. Merton, die 1997 f&uuml;r ihre Kapitalmarktforschung den Wirtschaftsnobelpreis erhielten und kurz darauf mit ihrer Methode den Hedgefonds LTCM in den Sand setzten. Sie hatten einfach nicht die russische W&auml;hrungskrise vorhergesehen, die damals die Finanzm&auml;rkte ersch&uuml;tterte.<\/p><p>Taleb sieht das Kardinalproblem darin, dass die Risikomodelle der &Ouml;konomen statistische Ausrei&szlig;er systematisch ignorieren. Er verdeutlicht dies an den Welten Mediokristan und Extremistan: W&auml;hlt man 50 Menschen zuf&auml;llig aus und misst deren K&ouml;rpergr&ouml;&szlig;e, so wird das Hinzutreten des gr&ouml;&szlig;ten Mannes der Welt den gemessenen Durchschnitt kaum verzerren. Dies ist die Welt des Mediokristan. Erfasst man dagegen das Verm&ouml;gen der 50 ausgew&auml;hlten Leute und f&uuml;gt nun zu diesen den reichsten Mann der Welt hinzu, dann wird der Durchschnittswert aller Voraussicht nach explodieren. Dies ist die Welt des Extremistan.<\/p><p>Taleb kritisiert nun, dass die Risikomodelle der &Ouml;konomen in der Welt des Mediokristan zuhause sind, w&auml;hrend die Geschehnisse an den Finanzm&auml;rkten tats&auml;chlich aber den Gesetzen von Extremistan gehorchen. &bdquo;Das ist so als w&uuml;rden wir ein Medikament f&uuml;r Pflanzen entwickeln und es dann bei Menschen anwenden.&ldquo;<\/p><p>Die Realit&auml;t gibt ihm offensichtlich recht. Den Aktiencrash vom Oktober 1987, bei dem der US-Leitindex Dow Jones an einem Tag fast 23 Prozent verlor, h&auml;tte es nach den Wahrscheinlichkeitsmodellen der &Ouml;konomen &bdquo;lediglich einmal in mehreren Milliarden Lebenszeiten des Universums&ldquo; geben d&uuml;rfen. Es gab ihn aber schon vor knapp 30 Jahren. Gleiches kann man auch von der Finanzkrise behaupten. Auch die haben die &Ouml;konomen nicht kommen sehen. Taleb hat eine klare Meinung dazu. &bdquo;Falls Sie aus dem Munde eines &acute;prominenten&acute; Wirtschaftswissenschaftlers die W&ouml;rter Gleichgewicht oder Normalverteilung h&ouml;ren, sollten Sie keinen Streit mit ihm anfangen. Ignorieren Sie ihn einfach, oder versuchen Sie, ihm eine Ratte in den Kragen zu stecken.&ldquo;<\/p><p>Taleb ist zwar ein Kritiker des &ouml;konomischen Mainstream, aber dennoch kein Linker. Vielmehr wendet er sich gegen alles, was die Realit&auml;t in ein vorgefertigtes Schema pressen will. Ein (intervenierender) Sozialplaner etwa ist f&uuml;r ihn ein Mensch, der &bdquo;das Wirtschaftssystem mit einer Waschmaschine verwechselt, die st&auml;ndig (von ihm) repariert werden muss und die deshalb als Schrotthaufen endet&ldquo;. Seine Ablehnung von Interventionismus jedweder Art l&auml;sst ihn sogar mit dem libert&auml;ren S&auml;ulenheiligen Friedrich August von Hayek sympathisieren, den er auch schon mal als &bdquo;wertvollen Denker&ldquo; bezeichnete.<\/p><p>Im Gegensatz zu den modellfixierten &Ouml;konomen setzt Taleb auf mehr Pragmatismus, Bauernschl&auml;ue und Daumenregeln. Er selbst versteht sich als &bdquo;empirischen Skeptiker&ldquo;. Die &uuml;berall lauernden Schwarzen Schw&auml;ne will er mit der Hantel-Strategie z&auml;hmen. Demnach sollte man sein Verm&ouml;gen wie die Gewichte bei einer Hantel auf den &auml;u&szlig;eren Rand verteilen. Sprich den gr&ouml;&szlig;ten Teil des Verm&ouml;gens sollte der Anleger in absolut sichere Anlageformen stecken, um sich vor negativen Schwarzen Schw&auml;nen zu sch&uuml;tzen. Mit einem kleinen Rest, vielleicht zehn bis 15 Prozent, sollte er dagegen wild spekulieren, um von positiven Schwarzen Schw&auml;nen zu profitieren. Das &bdquo;mittlere Risiko&ldquo; gilt es zu meiden.<\/p><p>Kurzum: Nun sollte Ihnen die Antwort auf die Eingangsfrage eigentlich kein Kopfzerbrechen mehr bereiten. &ndash; Richtig! Ob Weihnachtsbraten, Fukushima oder Hans-Werner Sinn&hellip; &uuml;berall k&ouml;nnte ein Truthahn mit von der Partie sein.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falls Sie immer schon wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, was Ihr Weihnachtsbraten mit dem VW-Abgasskandal, Fukushima, der Finanzkrise oder &bdquo;Deutschlands bestem &Ouml;konomen&ldquo; Hans-Werner Sinn gemeinsam hat&hellip; m&ouml;glicherweise erhalten Sie hier nun endlich die Antwort. 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