{"id":2989,"date":"2008-02-18T16:08:01","date_gmt":"2008-02-18T15:08:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2989"},"modified":"2015-11-28T10:33:12","modified_gmt":"2015-11-28T09:33:12","slug":"ist-gier-das-richtige-wort-zur-kennzeichnung-und-erklaerung-dessen-was-unsere-hauptprobleme-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2989","title":{"rendered":"Ist Gier das richtige Wort zur Kennzeichnung und Erkl\u00e4rung dessen, was unsere Hauptprobleme sind?"},"content":{"rendered":"<p>Das Wort Gier wird seit einiger Zeit immer wieder als Begriff zur Erkl&auml;rung der Missst&auml;nde in den Reihen unserer F&uuml;hrungskr&auml;fte benutzt, die uns bedr&uuml;cken. Nach meinem Eindruck wird damit mehr verdeckt als erkl&auml;rt. Und h&auml;ufig und vermutlich ohne b&ouml;sen Willen wird abgelenkt von den wahren Problemen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nDr. Heiner Gei&szlig;ler beklagte schon im November 2004 in einem Beitrag f&uuml;r die Zeit: &bdquo;Die Gier zerfrisst den Herrschenden ihre Gehirne.&ldquo; Neuerdings gebrauchen so sympathische Autoren wie der Wirtschaftschef der Frankfurter Rundschau, Robert von Heusinger (FR 14.2.) oder der Unternehmensberater und Autor Hauke F&uuml;rstenwerth das Wort Gier, F&uuml;rstenwerth in einem Gespr&auml;ch mit der S&uuml;ddeutschen Zeitung wie in seinem Buch &bdquo;Geld arbeitet nicht&ldquo;. Im Kommentar meiner Regionalzeitung &bdquo;Rheinpfalz&ldquo; vom 16.2. wird das Wort Gier gleich haufenweise benutzt, und der ehemalige Daimler-Chef Edzard Reuter beklagt in Interviews zu seinem 80. Geburtstag die um sich greifende Habgier; in der Tagesschau warnt Christoph L&uuml;tgert vor den Gefahren der Habgier und so weiter und sofort. <\/p><p>Ich kann das Wort bald nicht mehr h&ouml;ren. Dabei will ich nicht bestreiten, dass f&uuml;r das Elend, das wir zu beklagen haben, f&uuml;r Steuerhinterziehung von Spitzenverdienern und die Entlassung von Tausenden von Mitarbeitern durch Unternehmen, die riesige Gewinne einfahren, auch die Ma&szlig;losigkeit (=Gier) von Managern und Aktion&auml;ren eine Rolle spielt. Aber das Hauptproblem ist die darin sichtbare A-moralit&auml;t nicht.<\/p><p>Gier ist auch nichts absolut neues. Damit muss man rechnen. Marktwirtschaft baut in einer gewissen Weise auf einer solchen Moral oder A-moral auf.<\/p><p>Mit der Inflationierung des Gebrauch des Wortes &bdquo;Gier&ldquo; wird die Problemanalyse und damit auch die Therapie auf die Ebene der individuellen Verhaltensweisen geschoben. Das reicht bei weitem nicht aus. Und &ndash; schlimmer noch &ndash; es lenkt ab von den wirklichen Problemen. Dazu einige Gedanken:<\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Wir haben es beim Verhalten unseres Spitzenpersonals mit der Begleiterscheinung der herrschenden Ideologie zu tun. Wenn uns die Gier und ihre Folgen nicht gefallen, dann sollten wir uns mit der neoliberalen Ideologie besch&auml;ftigen. Wir sollten diese bek&auml;mpfen, statt uns an dem einzelnen Verhalten einzelner Personen fest zu bei&szlig;en.<\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Die Meinungsf&uuml;hrer in unserer Gesellschaft wie auch die in der Politik entscheidenden Personen haben das, was heute Gier genannt wird, an vielen Stellen gef&ouml;rdert, belohnt und gutgehei&szlig;en, als das noch anders benannt worden war. Die Meinungsf&uuml;hrer einschlie&szlig;lich des damaligen Bundeskanzlers Kohl und bis heute in den Reihen der FDP haben uns immer wieder erz&auml;hlt, Leistung m&uuml;sse sich lohnen. Das war die Agitationsparole, mit der hoff&auml;hig gemacht wurde, was heute beklagt wird. Zugleich wurde alles niedergemacht, was auf mehr soziale Gerechtigkeit pochte. Der oben erw&auml;hnte Dr. Gei&szlig;ler, der f&uuml;r sich in Anspruch nehmen kann, das Wort Gier in besonderer Weise in die Debatte eingef&uuml;hrt zu haben, hat auch das Begriffspaar &bdquo;Sozialneid sch&uuml;ren&ldquo; in die Agitationswelt der Bundesrepublik Deutschland eingef&uuml;hrt. Das war Ende der achtziger Jahre die Formel zur Abwehr von Klagen &uuml;ber Sozialabbau. Diese Formel hatte die gleiche Funktion wie &bdquo;Leistung muss sich wieder lohnen.&ldquo; &ndash; Ich kann mich daran noch sehr gut erinnern, weil ich damals zum Deutschen Bundestag kandidierte und mich mit dem Vorwurf auseinandersetzen musste, ich w&uuml;rde Sozialneid sch&uuml;ren, nur weil ich damals schon auf solche Ungerechtigkeiten wie die Wiedereinf&uuml;hrung der Kindersteuerfreibetr&auml;ge zulasten einer Regelung, die allein das gleiche Kindergeld f&uuml;r alle vorsah.<\/p><p><strong>Drittens:<\/strong> Die Forderung nach besserer Entlohnung f&uuml;r die Besserverdienenden, das hei&szlig;t die Gier, wurde von den politisch Entscheidenden mannigfach belohnt und verziert. Die Einkommensverteilung wurde auseinander gezogen und dann wurden die Spitzeneinkommen gleichzeitig entlastet: durch Senkung des Spitzensteuersatzes auf 42%, durch die Streichung der Verm&ouml;gensteuer, durch Nichtstun gegen Steueroasen, durch das Laufenlassen von neuen Vorteilen wie Aktienoptionen, durch die Befreiung von Steuern auf Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne bei Verkauf von Aktienpaketen von Unternehmen und Unternehmensteilen.<\/p><p><strong>Viertens:<\/strong> Mein Hauptproblem ist nicht die Gier einiger Leute, sondern unsere Ohnmacht im Umgang mit diesen und anderen Erscheinungen. Mitansehen zu m&uuml;ssen, dass st&auml;ndig so etwas passiert wie in den F&auml;llen,  Esser, Ackermann, Zumwinkel, und dann bleibt es bei ein paar Zahlungen, die nicht sonderlich weh tun. Eines unserer Hauptprobleme besteht darin, dass wir uns offensichtlich in Richtung einer feudalen Gesellschaft entwickeln. Die Oberen bedienen sich und sie verm&ouml;gen ihre Netze so zu stricken, dass sie auch von der Rechtsprechung nicht mehr ernsthaft bedroht werden k&ouml;nnen. Publizistisch sowieso nicht. Die ver-&ouml;ffentlichte Meinung haben sie dann, wenn es darauf ankommt, weit gehend im Sack. Vornehmer ausgedr&uuml;ckt: Sie verf&uuml;gen &uuml;ber so gro&szlig;e finanzielle Mittel, dass es ihnen zumindest in der Regel ein Leichtes ist, &uuml;ber den Einsatz von PR zumindest die politischen Eliten und manchmal auch das Volk still zu stellen. <\/p><p><strong>F&uuml;nftens:<\/strong> Bei dieser Feudalisierung spielen eng gekn&uuml;pfte Netze offensichtlich eine gro&szlig;e Rolle: die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, der BDI, die Arbeitgeberverb&auml;nde und Unternehmensberatungsfirmen &ndash; man kennt sich, man sch&uuml;tzt sich, man f&ouml;rdert sich und man bedient sich. Zumwinkel kam wie viele andere von McKinsey, andere kommen von Roland Berger. Wie ein solches Netz funktioniert, kann man jetzt gerade beobachten bei der Lastenverteilung in Sachen IKB. Die Privaten sperren sich, schieben die Schuld auf den &ouml;ffentlichen Anteilseigner KfW und laden dort die Hauptlast ab.<\/p><p><strong>Sechstens:<\/strong> Ohnm&auml;chtig sehen wir mit an, wie gegen unseren Willen &ouml;ffentliches Eigentum privatisiert, das hei&szlig;t in der Regel gefleddert wird. Z. B.: Der Wille des Volkes wie auch des einen Partners der gro&szlig;en Koalition in Sachen Privatisierung der Bahn ist klar erkennbar. Und dennoch wird unsanktioniert auf der alten Linie weitergemacht, mit neuen Variationen der Technik des Raubes. &ndash; Und jetzt m&uuml;ssen wir auch im konkreten Fall der IKB und beim Fall Zumwinkel erwarten, dass diese F&auml;lle genutzt werden, um &ouml;ffentliches Eigentum unter den Hammer zu nehmen. Der Fall Zumwinkel wird offenbar benutzt, um die Postbank m&ouml;glichst schnell und demn&auml;chst vielleicht auch weitere Teile der Post AG zu verscherbeln. Der Fall IKB wird vermutlich auch benutzt, um zu privatisieren. Das ist publizistisch damit vorbereitet worden, dass wahrheitswidrig behauptet wurde, im konkreten Fall h&auml;tte der &ouml;ffentliche Eigent&uuml;mer versagt.<\/p><p><strong>Siebtens:<\/strong> Ohnm&auml;chtig m&uuml;ssen wir zusehen, wie wichtige gesellschaftliche Einrichtungen zerst&ouml;rt werden. Das eindrucksvollste Beispiel ist die Zerst&ouml;rung des Vertrauens und der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente und damit verbunden die Gefahr von Altersarmut der Einkommensschw&auml;cheren. Hier ist doch nicht die Gier entscheidend. Dass Walter Riester mindestens 181.000 &euro; von Auftraggebern f&uuml;r Beratung und Vortr&auml;ge kassierte, dass die Wissenschaftler Raffelh&uuml;schen, R&uuml;rup, Sinn, Miegel, B&ouml;rsch-Supan so kr&auml;ftig am Zerst&ouml;rungswerk verdienen, ist schlimm; schlimmer aber ist das Zerst&ouml;rungswerk selbst und unsere Ohnmacht gegen&uuml;ber einer milliardentr&auml;chtigen Walze der Propaganda pro Privatvorsorge.<\/p><p><strong>Achtens:<\/strong> Auch andere politische Entscheidungen bleiben trotz nachweisbarer negativer Folgen ohne Sanktionierung: das Scheitern der Hartz-Gesetze I bis III und der gesellschaftspolitische Schaden von Hartz IV, die schlampige Einf&uuml;hrung der verk&uuml;rzten Schulzeit auf acht Jahre, das milit&auml;rische Engagement in Afghanistan &ndash; Flops und keine Folgen. Das ist um vieles gravierender als Gier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort Gier wird seit einiger Zeit immer wieder als Begriff zur Erkl&auml;rung der Missst&auml;nde in den Reihen unserer F&uuml;hrungskr&auml;fte benutzt, die uns bedr&uuml;cken. Nach meinem Eindruck wird damit mehr verdeckt als erkl&auml;rt. Und h&auml;ufig und vermutlich ohne b&ouml;sen Willen wird abgelenkt von den wahren Problemen. 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