{"id":2991,"date":"2008-02-19T08:50:58","date_gmt":"2008-02-19T07:50:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2991"},"modified":"2015-11-28T10:31:00","modified_gmt":"2015-11-28T09:31:00","slug":"nachtrag-zu-andreas-v-buelows-verschwoerungstheorien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2991","title":{"rendered":"Nachtrag zu Andreas v. B\u00fclows \u201eVerschw\u00f6rungstheorien\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Gestern habe ich bei einem Eintrag ins kritische Tagebuch zu und mit einer Rede von <a href=\"?p=2988\">Andreas von B&uuml;low<\/a> vers&auml;umt, anzumerken, dass ich mir die darin enthaltenen Thesen zu 9\/11 nicht zueigen mache. So kam es, dass einige Leser der NachDenkSeiten meinen Text verst&auml;ndlicherweise falsch interpretierten. Drei haben sich in Leserbriefen ge&auml;u&szlig;ert. Einen davon k&ouml;nnen Sie im Folgenden lesen.<br>\nWir wollen diese alte Debatte damit nicht auch noch in den NachDenkSeiten weiterf&uuml;hren. Wie erw&auml;hnt, kam es mir bei der Einstellung dieses Beitrags vor allem darauf an, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass auch Journalisten und nicht nur Politiker und andere Zeitgenossen im Auftrag von Geheimdiensten arbeiten und schreiben k&ouml;nnen und wir deshalb Texte skeptisch lesen sollten. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nZum folgenden Leserbrief und den beiden anderen nur eine kleine Anmerkung. Alle drei operieren mit dem Begriff und Vorwurf &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker!&ldquo;. Auch wenn man sich die Theorien von Andreas von B&uuml;low wie ich zum Beispiel nicht zueigen macht, ist man nicht darauf angewiesen, einem solchen Autor das Etikett &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo; anzuheften. Ich jedenfalls reagiere darauf mit Unverst&auml;ndnis, ja sogar ein bisschen allergisch. Denn ungef&auml;hr vor zwei Jahren habe ich nach Ver&ouml;ffentlichung meines Buches &bdquo;Machtwahn&ldquo; mit dem Untertitel: &bdquo;Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite uns zugrunde richtet&ldquo; immer wieder zu h&ouml;ren bekommen, ich sei ein Verschw&ouml;rungstheoretiker. Heute m&uuml;ssen selbst solche Berufs-Etiketten-Anhefter eingestehen, dass die Realit&auml;t noch viel schlimmer ist, als ich in den Kapiteln &uuml;ber Korruption und Zerst&ouml;rung wichtiger Einrichtungen durch unsere F&uuml;hrungskr&auml;fte in Politik, Wirtschaft und Medien geschrieben habe.<\/p><p><strong>Nun also zu einem der Leserbriefe<\/strong>, der im Gro&szlig;en und Ganzen auch die anderen mit aufnimmt:<\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller,<br>\nsehr geehrte Nachdenkseitenmacher!<\/p><p>Als st&auml;ndiger Leser der Nachdenkseiten und als Dozent in der politischen Erwachsenenbildung m&ouml;chte ich Sie darauf hinweisen, dass Sie sich mit dem obigen Artikel auf recht d&uuml;nnes Eis begeben. Ich sch&auml;tze sehr Ihre solide und kritische Auseinandersetzung mit wirtschafts- und sozialpolitischen Themen, die auch in dieser Qualit&auml;t in Deutschland ihresgleichen sucht. Daf&uuml;r meinen gr&ouml;&szlig;ten Respekt!<\/p><p>Zugleich m&ouml;chte ich jedoch deutliche Kritik daran &auml;u&szlig;ern, dass Sie einem politischen Irrl&auml;ufer wie Andreas von B&uuml;low &ndash; und sei auch nur indirekt &ndash; eine B&uuml;hne bieten. Herr von B&uuml;low mag seinerzeit ein verantwortlicher Politiker gewesen sein. Heute ist er genau das, womit er in rhetorischer Absicht zu Beginn seiner Rede kokettiert: ein Verschw&ouml;rungstheoretiker. Und es ist keineswegs die von ihm so apostrophierte Gegenpropaganda, die ihm dieses Etikett anheftet. Es sind vielmehr diejenigen, die sich in wissenschaftlich und journalistisch angemessener Weise mit den Ereignissen um den 11.09.2001 (und ebenso mit der von neoliberalen Ausw&uuml;chsen begleiteten Globalisierung) befassen. Andreas von B&uuml;low wird vor allem deshalb zurecht als Verschw&ouml;rungstheoretiker bezeichnet, weil er sich konsequent allen Erkenntnissen verweigert, die seinem konspirationalistischen Weltbild widersprechen. Meines Erachtens ist er zusammen mit vielen Gleichgesinnten dem sog. Teufel-Syndrom verfallen: Hinter b&ouml;sen Ereignissen werden b&ouml;se Absichten von b&ouml;sen Menschen vermutet; fr&uuml;her war es der Teufel, heute sind es die allgegenw&auml;rtigen Geheimdienste, die f&uuml;r das B&ouml;se in der Welt verantwortlich sein sollen.<\/p><p>Es kommt Andreas von B&uuml;low nicht in den Sinn, dass es Ignoranz und Dummheit, Unf&auml;higkeit oder schlichte Zuf&auml;lle sein k&ouml;nnen, die in der Folge katastrophale Auswirkungen haben. Er schreibt: &ldquo;Zum Fall 9\/11: f&uuml;r mich ist gerade aufgrund des fast schon entlarvenden Verhaltens des amerikanischen Staates gegen die umfassende Aufkl&auml;rung der Ereignisse des 11. September 2001 klar, dass ein enger Kreis der politischen, milit&auml;rischen und geheimdienstlichen F&uuml;hrung das Terrorgeschehen planend und ausf&uuml;hrend begleitet haben muss.&rdquo; Konkrete, pr&uuml;fbare Belege f&uuml;r diese Annahme gibt von B&uuml;low nicht; es bleibt bei der Feststellung, dass US-amerikanische Beh&ouml;rden die Aufkl&auml;rung jener Ereignisse behindern. Das ist kein belastbarer Beweis f&uuml;r irgendetwas! Es ist vielmehr die Veranschaulichung f&uuml;r den logischen Kurzschluss des von Andreas von B&uuml;low eingangs angef&uuml;hrten Cui-bono-Arguments: &ldquo;Um dieses Spiel in seiner Tendenz zu durchschauen, bleibt die Frage nach dem cui bono zu stellen?&rdquo; Wem ein Ereignis n&uuml;tzt, KANN der Urheber sein, aber er MUSS es NICHT sein. Cui-bono erzeugt eben keineswegs einen zwingenden Schluss! Und genau hier krankt die gesamte Darstellung der Rede von B&uuml;lows. Sie ist eine krude Mischung aus selektierten Fakten, verzerrten Zusammenh&auml;ngen und waghalsigen, weitestgehend unbelegten Schlussfolgerungen.<\/p><p>F&uuml;r die konkret benannten Zusammenh&auml;nge um die Anschl&auml;ge von 11.09.2001 haben die renommierten Journalisten Oliver Schr&ouml;m und Dirk Laabs in einem sorgf&auml;ltig recherchierten und mit pr&uuml;fbaren Quellen belegten Buch bereits 2003 dargestellt, wie eine Mischung aus Unf&auml;higkeit, Ahnungslosigkeit und Konkurrenzdenken der US-amerikanischen Geheimdienste wesentlich daf&uuml;r verantwortlich war, dass die Anschl&auml;ge von 11.09.2001 geschehen konnten. Diese fatalen Fehler versuchten (und versuchen) die Verantwortlichen im Nachhinein zu vertuschen &ndash; und nicht ihre Beteiligung an der Planung und Durchf&uuml;hrung der Anschl&auml;ge. Letztere Annahme ist v&ouml;llig absurd.<\/p><p>Dass nicht Afghanistan, sondern der Irak bereits im Vorfeld auf der Agenda der US-amerikanischen Administration in Washington stand, ist auch nicht wirklich Gegenstand von Verschw&ouml;rungen, sondern schon seit 2004 infolge der ausgezeichneten Recherche eines der renommiertesten Journalisten der USA und Pulitzer-Preistr&auml;gers, Seymour Hersh, jedem Interessierten zug&auml;nglich. Auch hier verweist Andreas von B&uuml;low stattdessen auf sein Weltgespinst der Geheimdienstverschw&ouml;rungen.<\/p><p>Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt Verschw&ouml;rungen, es gibt sie weltweit und es sind gewiss auch Geheimdienste daran beteiligt. Eine Verschw&ouml;rung ist nichts anderes, als eine geheime Absprache zur Durchsetzung eines gemeinsamen Ziels. Die Darstellungen von Herrn von B&uuml;low werden jedoch zu Verschw&ouml;rungstheorien, indem Annahmen &uuml;ber vermutete Verschw&ouml;rungen mit ausgew&auml;hlten Fakten und waghalsigen Schlussfolgerungen ideologisch so verkleistert werden, dass sie die Gestalt von letztg&uuml;ltigen, unhinterfragbaren Wahrheiten angenommen haben.<\/p><p>Von B&uuml;low und seine verschw&ouml;rungstheoretischen Gesinnungsgenossen sind schlicht einer Versuchung der Irrationalit&auml;t erlegen. Der Historiker Dieter Groh schrieb bereits vor 20 Jahren, dass Verschw&ouml;rungstheorien &ldquo;eine st&auml;ndige Versuchung f&uuml;r uns alle dar[stellen].&rdquo; Verschw&ouml;rungstheorien seien nur insofern irrational, als dass sie &ldquo;die Wirklichkeit an logischer Konsistenz und Koh&auml;renz weit &uuml;bertreffen&rdquo;. Heute wird solchen Darstellungen gerne das Gewand einer kritischen, investigativen Recherche unter erschwerten Bedingungen (zu Unrecht als Verschw&ouml;rungstheoretiker l&auml;cherlich gemacht zu werden &hellip;) umgeh&auml;ngt. In der Tat bedarf es hier eines geschulten Auges, aber vor allem deshalb, um diese antiwissenschaftlichen und antidemokratischen Hirngespinste als solche zu enttarnen. Verschw&ouml;rungstheorien sind nichts anderes als der Sirenengesang unserer globalisierten, fernseh- und internetbasierten Medienwelt.<\/p><p>Und darin liegt eine Gefahr f&uuml;r den kritischen Verstand. Damit Verschw&ouml;rungstheorien wirksam werden k&ouml;nnen, muss ihnen &ldquo;die Realit&auml;t &hellip; im Sinne von &lsquo;welcome orientation and structure&rsquo; entgegenkommen&rdquo; (Groh). Dann bedarf es nur noch eines Anlasses, eines unverstandenen Ereignisses, um der verf&uuml;hrerischen Einfach-Komplexheit einer Verschw&ouml;rungstheorie zu verfallen. Und wie die Erfahrung zeigt, sch&uuml;tzen weder Intelligenz noch Bildung vor der verschw&ouml;rungstheoretischen Versuchung! Sie scheinen im Gegenteil manche Verschw&ouml;rungstheorien eher noch zu bef&ouml;rdern. Hierin liegt ein weiterer Aspekt ihrer Antirationalit&auml;t. Verschw&ouml;rungstheorien richten unsere Rationalit&auml;t quasi neu aus. So wie man einen Kompass durch Manipulation dazu bringen kann, in jede Himmelsrichtung zu zeigen, verwenden Verschw&ouml;rungstheorien und -ideologien ihre hochrationale Binnenstruktur und ihr (pseudo-)skeptisches Auftreten manipulativ gegen den gesunden Menschenverstand. Sie ver&auml;ndern unsere Interpretation der Welt und f&uuml;hren uns in das geschlossene Labyrinth einer konstruierten parallelen Realit&auml;t mit hoher Aufkl&auml;rungsresistenz.<\/p><p><em>Hier noch die genannten Buchtitel:<\/em><\/p><p>Schr&ouml;m, Oliver und Laabs, Dirk: T&ouml;dliche Fehler. Das Versagen von<br>\nPolitik und Geheimdiensten im Umfeld des 11. September. Berlin 2003.<\/p><p>Hersh, Seymour M.: Die Befehlskette. Vom 11. September bis Abu Ghraib.<br>\nReinbek 2004.<\/p><p>Groh, Dieter: Die verschw&ouml;rungstheoretische Versuchung. Oder: Why do bad things happen to good people? In: Ders.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte. Frankfurt am Main 1992. S. 267-304. (Erstfassung 1987).<br>\nZitate S. 269ff.<\/p><p>Viele Gr&uuml;&szlig;e!<br>\nDemuth<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern habe ich bei einem Eintrag ins kritische Tagebuch zu und mit einer Rede von <a href=\"?p=2988\">Andreas von B&uuml;low<\/a> vers&auml;umt, anzumerken, dass ich mir die darin enthaltenen Thesen zu 9\/11 nicht zueigen mache. So kam es, dass einige Leser der NachDenkSeiten meinen Text verst&auml;ndlicherweise falsch interpretierten. Drei haben sich in Leserbriefen ge&auml;u&szlig;ert. Einen davon k&ouml;nnen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2991\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[166],"tags":[1194,682,1686],"class_list":["post-2991","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-terrorismus","tag-1194","tag-verschwoerungstheorie","tag-von-buelow-andreas"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2991","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2991"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2991\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29167,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2991\/revisions\/29167"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}