{"id":2997,"date":"2008-02-20T11:28:04","date_gmt":"2008-02-20T10:28:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2997"},"modified":"2015-11-28T10:23:02","modified_gmt":"2015-11-28T09:23:02","slug":"warum-bekommt-seine-durchlaucht-erbprinz-alois-von-und-zu-liechtenstein-das-fracksausen-wegen-der-beihilfe-bei-der-hinterziehung-von-steuern-auf-zinseinkuenfte-wohl-kaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2997","title":{"rendered":"Warum bekommt Seine Durchlaucht Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein das Fracksausen? Wegen der Beihilfe bei der Hinterziehung von Steuern auf  Zinseink\u00fcnfte? Wohl kaum."},"content":{"rendered":"<p>Gestern konnte man allerlei lesen, h&ouml;ren und sehen zum Streit mit Liechtenstein. In der Regel ging es um die Hinterziehung von Steuern auf Zinseink&uuml;nfte und um die Frage, was man dagegen tun k&ouml;nnte. Im Heute Journal des ZDF zum Beispiel wurden gestern Interviews mit wilden Theorien &uuml;ber den Spa&szlig; an diesem Spiel und dem Risiko, erwischt zu werden, gef&uuml;hrt. Das ist ja sch&ouml;n und gut und recht. Aber wenn sich S.E. Erbprinz Alois aus Liechtenstein so aufregt, wie das gestern im Fernsehen zu greifen war, dann geht es nicht um die Sorge, dass solche Spielleidenschaften auffliegen k&ouml;nnten, dann muss anderes dahinter stecken. Au&szlig;erdem wurde in den meisten Einlassungen zum Thema nicht die Frage besprochen, wie das Geld, dessen Zinsertr&auml;ge nicht gemeldet wurden, zur Anlage nach Liechtenstein kommt. Auf welchem Weg und warum? &ndash; Der vermutlich zielf&uuml;hrendere Tipp kam von einem unserer Leser um 16:38 Uhr. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nIch gebe seine Mail w&ouml;rtlich weiter: <\/p><blockquote><p>Habe gerade eben einen Anwalt im Radio geh&ouml;rt. Sinngem&auml;&szlig;:<br>\nMan darf sich doch das nicht so vorstellen, dass da Leute mit K&ouml;fferchen von hier nach Liechtenstein gefahren sind. Wahrscheinlicher stammt das Geld z.B. aus Kick-back-Gesch&auml;ften, bei denen das Geld aus gutem Grund nicht nach Deutschland (r&uuml;ck-)transferiert wurde, sondern eben nach Liechtenstein (oder nach anderswo).<\/p><\/blockquote><p>Eigentlich m&uuml;ssten wir das doch wissen &ndash; aus der Aff&auml;re um die Schmiergelder von Siemens zum Beispiel und auch aus der Aff&auml;re um das Schwarzgeld der hessischen CDU und das angebliche Verm&auml;chtnis j&uuml;discher B&uuml;rger.<\/p><p>Ich will diese Erinnerung mit zwei einschl&auml;gigen pers&ouml;nlichen Erfahrungen auffrischen und dann ein paar Fragen zu aktuellen Vorg&auml;ngen anh&auml;ngen:<\/p><p><strong>Erster Fall:<\/strong> Vor gut drei Jahrzehnten wurde ich zum ersten Mal mit einer Publicrelations-Zahlung konfrontiert und staunte. F&uuml;r die Leistung eines Agenturjournalisten, eine rund neunmonatige T&auml;tigkeit, deren Ergebnis in zwei Aktenordnern mit Zeitungsausschnitten festgehalten worden war, wurden 600.000 DM bezahlt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat der f&uuml;r die Zahlungsrntscheidung Verantwortliche einen Teil davon abbekommen (Kick-Back). Es w&auml;re naiv anzunehmen, dass ein solcher Betrag dann auf das Gehaltskonto bei der Bonner Sparkasse &uuml;berwiesen worden ist. Vermutlich landete das damals schon in Liechtenstein, in der Schweiz oder anderen Steueroasen, die f&uuml;r diese Art von Geldw&auml;sche geeignet sind.<\/p><p>Es handelt sich dabei, das sollte beachtet werden, nicht um die &uuml;bliche und inzwischen allgemein ge&auml;chtete Art von Geldw&auml;sche. Hier ging es nicht um Drogengelder oder Gelder aus anderen kriminellen Akten. Es ging um eine Art Provision, um ein Entgelt f&uuml;r eine Entscheidung zu Gunsten eines Dritten.<\/p><p><strong>Zweiter Fall:<\/strong> In Br&uuml;ssel entscheiden Beamte &uuml;ber hohe Betr&auml;ge zur Agrar-, Struktur- und Wirtschaftsf&ouml;rderung. Ich kannte Beamte, die zu diesem Zweck mit au&szlig;enstehenden Vermittlern zusammenarbeiten. Es w&auml;re naiv anzunehmen, die dabei anfallenden Provisionen w&uuml;rden auf normale Konten in Br&uuml;ssel oder anderswo innerhalb der leichter durch- und &uuml;berschaubaren Europ&auml;ischen Union gezahlt. Sie finden ihren Weg in Steueroasen zum Beispiel nach Liechtenstein und werden dort vielleicht zu Stiftungen.<\/p><p>Der entscheidende Vorteil f&uuml;r die Beg&uuml;nstigten ist dann beileibe nicht die Tatsache, dass keine Steuern auf die Zinsen dieser angelegten Gelder gezahlt werden, der entscheidende Vorteil ist die Tatsache, dass das Geld aus einer ungesetzlichen Provision &uuml;berhaupt auf einem Konto und noch dazu auf einem als vertraulich geltenden Konto landen konnte. Dass solche Vorg&auml;nge &ouml;ffentlich werden, beunruhigt S.E. vermutlich sehr viel mehr als die viel diskutierte Hinterziehung von Steuern auf Zinsen.<br>\nDie wichtigen Fragen sind also nicht die, ob die jetzt aufgeschreckten Personen Steuern auf Zinsen hinterzogen haben, viel wichtiger w&auml;re nachzupr&uuml;fen, woher das Geld stammt. Ich habe die Sorge, dass diese Recherchen nicht konsequent genug betrieben werden. Anders kann ich mir den Rummel um die Steuerhinterziehung nicht so richtig erkl&auml;ren &ndash; entweder ist das naiv oder eine Art Vernebelung.<\/p><p>Wenn Sie die beiden genannten F&auml;lle nun &uuml;bertragen auf verschiedene <strong>Ereignisse und Vorg&auml;nge, mit denen jeweils eine finanztr&auml;chtige Entscheidung verbunden war und ist<\/strong>, dann werden Sie erahnen k&ouml;nnen, wie aktuell diese Analogien sein k&ouml;nnen. Das gilt f&uuml;r unternehmerische wie f&uuml;r politische Entscheidungen. Wenn ein gro&szlig;es und weltweit t&auml;tiges Unternehmen wie beispielsweise Siemens, die Deutsche Post AG, die Telekom, die Deutsche Bahn AG, Hochtief, die Bundeswehr und wer sonst auch immer Entscheidungen &uuml;ber gro&szlig;e Investitionen oder Eink&auml;ufe und Beschaffungen trifft, dann ist die Versuchung gro&szlig;, solche Entscheidungen auch pers&ouml;nlich zu honorieren. Sicher gibt es eingebaute Kontrollen, die das Schmieren solcher Entscheidungen erschweren sollen und dies auch tats&auml;chlich tun. Aber ganz vermeidbar sind solche Zahlungen nicht. Die M&ouml;glichkeit, die Provisionszahlungen vertraulich auf ein oder mehrere Konten in Steueroasen &uuml;berweisen zu k&ouml;nnen, ist eine wichtige Voraussetzung f&uuml;r das Gelingen. Wir k&ouml;nnen jedenfalls davon ausgehen, dass dies mannigfach geschieht und dass die Steueroasen genau an diesen Vorg&auml;ngen kr&auml;ftig verdienen.<\/p><p>Wir k&ouml;nnen weiter davon ausgehen, dass die Voraussetzung der Geheimhaltung und Vertraulichkeit aufgehoben zu werden droht, wenn CDs mit Namen und Konten bekannt werden. S.E. Erbprinz Alois macht sich mit Recht Sorgen. Immer unterstellt, die Ermittlungsbeh&ouml;rden bei uns gehen nicht nur den Zins-Steuerhinterziehungen nach.<br>\nDamit Nachdruck in diese Richtung gemacht wird, w&auml;re es sinnvoll, die Parlamentarische Kontrollkommission w&uuml;rde sich genau mit diesem Aspekt befassen. Eigentlich w&auml;re ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss f&auml;llig, um zu verhindern, dass die wirklich schlimmen Vergehen unter der Decke bleiben.<br>\nEs bleibt noch eine Anmerkung zur Aktualit&auml;t zu machen:<\/p><p>In den NachDenkSeiten wie auch in unserem NachDenkSeiten-Buch, dem <a href=\"?p=2933\">kritischen Jahrbuch<\/a>, haben wir an vielen Stellen aufgezeigt, dass wichtige politische Entscheidungen nur verst&auml;ndlich sind, wenn man danach fragt, wer daran verdient. Das gilt zum Beispiel f&uuml;r die Entscheidung, zum 1.1.2002 die Gewinne steuerfrei zu stellen, die beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen realisiert werden; es gilt f&uuml;r die Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente. Das gilt f&uuml;r eine Reihe von Privatisierungsma&szlig;nahmen auf der Ebene des Bundes, der L&auml;nder und der Kommunen wie zum Beispiel auch f&uuml;r die r&uuml;cksichtslose Fortf&uuml;hrung der Privatisierungsabsichten bei der Deutschen Bahn AG.<\/p><p>Ich erinnere an folgende schon mehrmals zitierte Berechnung: Wenn nur 10% der bisherigen Beitr&auml;ge f&uuml;r die gesetzliche Rente auf die M&uuml;hlen der Versicherungswirtschaft, Banken und Finanzdienstleister umgelenkt werden k&ouml;nnen, dann f&auml;llt dort ein Pr&auml;mienzuwachs von rund 16 Milliarden &euro; an. Und dies j&auml;hrlich. Damit kann man viele Verg&uuml;tungen f&uuml;r entscheidende und beratende Personen und Einrichtungen zahlen. Ob dies mit den Vortragshonoraren f&uuml;r die im PR-Wesen eingesetzten sogenannten Wissenschaftler und mit den Honoraren f&uuml;r Vortr&auml;ge und Beratungen durch den fr&uuml;heren Arbeitsminister Walter Riester in H&ouml;he von mindestens 181.000 &euro;, mit dessen Namen die &bdquo;Innovation&ldquo; zu Gunsten der privaten Finanzindustrie verbunden ist, abgegolten ist, m&ouml;chte ich bezweifeln. <\/p><p>Oasen wie Liechtenstein k&ouml;nnten bei der politischen Korruption eine sehr viel gr&ouml;&szlig;ere Rolle spielen, als wir ahnen. Das gilt auch f&uuml;r den B&ouml;rsengang der Bahn, dessen Rationalit&auml;t aus der Sache heraus nicht zu erkl&auml;ren ist, und der gegen den Willen des Volkes und sogar gegen den Willen wichtiger Entscheidungstr&auml;ger, wie im konkreten Fall wichtiger Teile der SPD, &bdquo;durchgezogen&ldquo; wird.<\/p><p><em><strong>Fazit:<\/strong> Der Fall Liechtenstein ist nicht nur relevant f&uuml;r Steuerhinterziehung, sondern vermutlich auch f&uuml;r die Beantwortung der Frage wichtig, wie und wo die Zerst&ouml;rung wichtiger gesellschaftlicher Einrichtungen in Deutschland ihren finanziellen Niederschlag finden k&ouml;nnte.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern konnte man allerlei lesen, h&ouml;ren und sehen zum Streit mit Liechtenstein. In der Regel ging es um die Hinterziehung von Steuern auf Zinseink&uuml;nfte und um die Frage, was man dagegen tun k&ouml;nnte. 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