{"id":30,"date":"2003-12-01T16:46:45","date_gmt":"2003-12-01T14:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=30"},"modified":"2024-10-13T01:11:44","modified_gmt":"2024-10-12T23:11:44","slug":"sozialdemokraten-haben-sich-als-gestaltende-kraft-verabschiedet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30","title":{"rendered":"Sozialdemokraten haben sich als gestaltende Kraft verabschiedet"},"content":{"rendered":"<p>Es ist h&ouml;chste Zeit, dass die Linke in Europa endlich wieder eine klare Orientierung bietet. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, <em>Frankfurter Rundschau<\/em>.<br>\n<!--more--><\/p><p>Es steht nicht gut um die Linke, um Sozialdemokraten und um Gr&uuml;ne &ndash; in Europa und weltweit. Die Sozialdemokraten haben in wenigen Jahren die Macht in Spanien und Portugal, in Italien und &Ouml;sterreich, in D&auml;nemark und Norwegen verloren; jetzt auch in Frankreich und in den Niederlanden. Mit den Wahlen haben die Sozialdemokraten und Sozialisten zugleich Einflu&szlig; auf das politische Geschehen in Europa und in der Welt eingeb&uuml;&szlig;t. Die Totenstille um die sozialistische Internationale ist symptomatisch daf&uuml;r. Und dies alles nach einer Bl&uuml;te der Macht in der Mehrheit der L&auml;nder Europas.<\/p><p>In den deutschen Medien wird diese Entwicklung ausf&uuml;hrlich kommentiert. Das ist verst&auml;ndlich, weil nat&uuml;rlich zur Diskussion steht, ob diese Entwicklung ein Omen f&uuml;r die Wahl in Deutschland sein wird. Es werden verschiedene Ursachen er&ouml;rtert; man greift auf Dahrendorfs These vom Ende des sozialdemokratischen Zeitalters zur&uuml;ck, oder man weist den Niedergang der angeblich mangelhaften Reformbereitschaft zu und den schlechten Zeiten, die angeblich die Finanzierbarkeit des Sozialstaats verunm&ouml;glichen; oder der Undankbarkeit der W&auml;hler. Eines der sonst g&auml;ngigen Erkl&auml;rungsmuster fehlt bisher noch: der Hinweis auf die mangelnde Geschlossenheit. Er fehlt zurecht, denn geschlossen sind die meisten sozialdemokratischen Parteien &ndash; bis zur Totenstarre.<\/p><p>&Uuml;ber eine andere, eigentlich naheliegende Erkl&auml;rung des Niedergangs steht wenig zu lesen: die Sozialdemokraten haben sich im Laufe der letzten zehn bis zwanzig Jahren als konzeptionelle und gestaltende Kr&auml;fte, (und sogar als analytische Kraft) verabschiedet. Das ist der Kern der Entwicklung und zugleich die wichtigste Ursache ihres Niedergangs. Ihre f&uuml;hrenden Kr&auml;fte bieten keine Perspektive, die mitrei&szlig;en k&ouml;nnte, keine interessanten Gedanken; ihre Wertorientierung ist auf das &uuml;bliche Normalma&szlig; der Wirtschaftsliberalen eingedampft. Auch sie trauen den Menschen und sich selbst nicht mehr zu als die Orientierung am Eigennutz.Die Hegemonie &uuml;ber das Denken und Gestalten liegt bei den Konservativen: sie bestimmen ganz wesentlich die Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik &ndash; interessenorientiert und bereit zum Einsatz milit&auml;rischer Gewalt; sie pr&auml;gen vor allem die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Auch in Europa gilt das wirtschaftsliberale Glaubensbekenntnis. Auch die meisten sozialdemokratischen und gr&uuml;nen Parteien Europas haben sich dieser in Politik, Wissenschaft und Medien grassierenden Ideologie gebeugt, wenn auch ihre Praxis gelegentlich noch durchwirkt ist von ihren traditionellen gesellschaftspolitischen Vorstellungen und ihren guten Erfahrungen mit sozialstaatlichen Regelungen. Aber als modern gilt auch bei den Sozis und den Gr&uuml;nen, wer den Washington Consensus auswendig kennt: privatisieren, deregulieren, also rundum entstaatlichen, liberalisieren, flexibilisieren. Diesem G&ouml;tzen haben am Ende auch jene ihr Opfer gebracht, die anders anfingen: Jospin z.B. mit einem Wahlkampf ohne eigenes Profil. Aber es hat nichts genutzt, die W&auml;hler haben das Original gew&auml;hlt oder noch weiter rechts.<\/p><p>Die niederl&auml;ndischen Sozialdemokraten waren von den Modernisierern unter den europ&auml;ischen Sozialdemokraten wie eine Monstranz herumgetragen und vorgezeigt worden. Sie hatten &ldquo;Reformen&rdquo; am Sozialstaat betrieben, die von Neoliberalen und Modernisierern &auml;hnlich innig gelobt worden waren. Was nun? Sie gelten neben Britisch New-Labour als Musterbeispiel f&uuml;r die Gewinner-Strategie des In-die-Mitte-R&uuml;ckens. Was nun? Noch einen Zahn beim &ldquo;Reformieren&rdquo; zulegen? Einige Berater der Sozialdemokraten empfehlen diese Erh&ouml;hung der Dosis an &ldquo;Reformen&rdquo;und &ldquo;Modernisierung&rdquo;. Das wird t&ouml;dlich werden, denn die R&auml;umung der eigenen Bastion entmutigt die eigenen Anh&auml;nger, best&auml;tigt das konservative Original und verschiebt die Ordinate zugunsten der noch weiter rechts Stehenden.<\/p><p>Die in den sozialdemokratischen Parteien bestimmenden Kr&auml;fte, jene, die sich auch Modernisierer nennen, sind Gefangene ihrer Anpassung an das konservative Milieu und an die dort virulenten Ideologien. Sie sind deshalb blind daf&uuml;r, da&szlig; Millionen Menschen Orientierung suchen. Und sie merken gar nicht, wie modern die traditionellen Erkenntnisse der Sozialdemokratie, ihre Werte und Konzeptionen sind, und wie desavouiert und gescheitert die Wirtschaftsliberalen und Konservativen mit ihrer Ideologie sind. &ndash; Das ist schon ein Treppenwitz der Weltgeschichte: die Linke w&uuml;rde gerade heute als orientierende Kraft gebraucht &ndash; und hat sich als solche davongemacht. &Auml;ngstlich, defensiv, selbstkasteiend &ndash; typisch daf&uuml;r das alte Schr&ouml;der-Blair-Papier.<\/p><p>Es ist an der Zeit, den sozialdemokratischen Gestaltungswillen wieder sichtbar werden zu lassen. Es ist an der Zeit, mit eigenen Vorstellungen Orientierung zu bieten &ndash; selbstbewu&szlig;t und offensiv statt die neoliberalen Parolen nachzubeten. Die Gelegenheiten sind gut:<\/p><p>Das neoliberale Modell ist da, wo es in der Praxis erprobt wurde, gescheitert. Die wirtschaftsliberalen Berater der Chicago Schule und der internationalen Finanzorganisatioen haben Millionen Menschen ins Ungl&uuml;ck gest&uuml;rzt. In Ru&szlig;land und vielen anderen Reformstaaten Mittel- und Osteuropas hat die Wende von 1989 den Menschen dank dieser famosen Ratschl&auml;ge nichts gebracht. Im Gegenteil. Ru&szlig;land hat 10 Jahre nach der Wende gerade mal 64% des Bruttoinlandsprodukts von 1989 erreicht, die Ukraine nur 33,5% und Moldawien nicht einmal ein Drittel. Und die Verm&ouml;genswerte und Ressourcen dieser wie anderer sogenannter Reformstaaten sind von den eigenen Eliten im Zusammenspiel mit westlichen Politik- und Finanzkreisen ausgepl&uuml;ndert worden. &ndash; Mit neoliberalem Purismus wurden die Volkswirtschaften in S&uuml;dostasien und Argentinien in die Krise gest&uuml;rzt. Auch Europa hat sich der neoliberalen Reformpolitik verschrieben und kommt seit zehn Jahren nicht aus der Krise.<\/p><p>Die Sozialdemokraten hocken bisher &auml;ngstlich in der Ecke, manche von ihnen bewundern die wirtschaftliberalen Gurus. Es ist Zeit, da&szlig; sie diese Ecke verlassen und endlich alle M&ouml;glichkeiten der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik einsetzen: eine Reformpolitik zugunsten der breiten Schichten und eine expansive Konjunkturpolitik. Da sind die Amerikaner wirklich Modell. Sie haben in ihrem eigenen Laden schamlos jene Instrumente eingesetzt, die ihre neoliberalen Puristen den Europ&auml;ern bisher &ldquo;verboten&rdquo; haben. Das ist clever und es ist dumm von den Europ&auml;ern, da&szlig; sie das nicht merkten. Welch eine Chance f&uuml;r eine offensive Sozialdemokratie.<\/p><p>Es ist an der Zeit, die Vorstellung aufzugeben, Privatisierung und Deregulierung seien per se etwas Gutes. Wieviel Staat wir brauchen, was &ouml;ffentlich und was privat &ldquo;produziert&rdquo; wird, das ist keine ideologische, sondern eine praktische Frage. Die uralte sozialdemokratische Erkenntnis, da&szlig; sich nur Reiche einen armen Staat leisten k&ouml;nnen, gilt heute in vielen Bereichen wieder. Wir brauchen &ouml;ffentliche Investitionen in der Bildungspolitik, um die Begabungsreserven auch der Kinder aus den weniger beg&uuml;terten Familien zu f&ouml;rdern. Schutz vor Verbrechen sollte bei uns in Europa in den H&auml;nden des Staates bleiben; wir wollen keine Zweiteilung, in jene, die sich Mauern und Stacheldraht um ihre H&auml;user leisten k&ouml;nnen und in jene, die das Geld daf&uuml;r nicht haben. Und selbst den neoliberalen Briten und ihrem Premier Blair d&auml;mmert es, da&szlig; die privatisierte Eisenbahn vielleicht doch nicht das Gelbe vom Ei ist. Eine gute Infrastruktur ist ein wichtiges Pfund. Sozialdemokraten standen mal daf&uuml;r, da&szlig; sie das Verh&auml;ltnis von privater zu &ouml;ffentlicher Organisation zu optimieren vermochten und dabei auch an die Schw&auml;cheren dachten. Sie br&auml;uchten sich auf dieses gute Erbe nur zu besinnen statt die Parolen der Konservativen nachzuplappern. Und schon b&ouml;ten sie Orientierung.<\/p><p>Soziale Sicherheit ist das Verm&ouml;gen der kleinen Leute. Das ist die Realit&auml;t, die &uuml;brigens auch dadurch best&auml;tigt wird, da&szlig; es keinen Run auf die Riesterrente gibt. Sozialstaatlichkeit ist in Deutschland sogar im Grundgesetz zugesichert. Wann endlich sagen die Sozialdemokraten einhellig, da&szlig; ein Verfassungsfeind ist, wer an die Wurzel dieser Verfassungszusage r&uuml;hrt?<\/p><p>In Erfurt zeigte sich, wie verrottet das konservative Bild vom Menschen ist. Junge Menschen werden auf Leistung getrimmt, indem man ihnen droht, sie ins Loch fallen zu lassen, wenn sie versagen. Tausende sozialdemokratischer Lehrer haben jahrzehntelang f&uuml;r eine andere Vorstellung von der Entwicklung junger Menschen geworben und daran gearbeitet. Die europ&auml;ische Sozialdemokratie br&auml;uchte nur auf dieses gute und durch Wissen erarbeitete Erbe zur&uuml;ckzugreifen. Sie l&auml;ge damit meilenweit vor den &ouml;konomistischen und engstirnigen Leistungsvorstellungen der neuen Konservativen.<\/p><p>Die Gelegenheiten f&uuml;r eine neue Offensive der Sozialdemokraten sind da, auch beim klassischen Feld der Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen. Sie haben sich im neoliberalen Jahrzehnt in skandal&ouml;ser Weise auseinander entwickelt. Die Sozialdemokraten tun gut daran, die Thematisierung und Aufarbeitung dieses Skandals nicht den LePens und Stoibers zu &uuml;berlassen. LePen hat in typisch national-sozialistischer Manier das Gef&uuml;hl vieler in den unteren Einkommensschichten angesprochen, ungerecht behandelt zu werden, ohnm&auml;chtig zu sein. Wenn die deutsche Antwort auf ein &auml;hnliches Empfinden weiter Kreise bei uns &ldquo;Blut, Schwei&szlig; und Tr&auml;nen&rdquo; sein sollte, wie es der Meinungsforscher und Kanzlerberater G&uuml;llner im &ldquo;stern&rdquo; empfiehlt, dann gute Nacht.<\/p><p>Und dann das klassische Thema: Wie sichern wir den Frieden in der Welt, wie kommen wir dem Terror bei? Wie sorgen wir daf&uuml;r, da&szlig; das Geld der Steuerzahler nicht in R&uuml;stungsprojekten verpulvert wird? Und wie daf&uuml;r, nicht nur als Anh&auml;ngsel der USA zu erscheinen? Auf diesem Feld hat die Linke viel Profil verloren. z.T. aus eigener Schuld: der Labour-Mann und Nato-Generalsekret&auml;r Robertsen mu&szlig; sich nicht als oberster Kriegsherr auff&uuml;hren, wenn es um so etwas trauriges und unsozialdemokratisches wie das Bombardement von H&auml;usern und Fabriken in Jugoslawien geht; und der deutsche Verteidigungsminister mu&szlig; zum gleichen schmutzigen Krieg nicht jeden Tag eine Pressekonferenz veranstalten. Das sind vergangene Ereignisse, aber sie haben deutlich zur Orientierungslosigkeit beigetragen. Die Linke k&ouml;nnte einiges wiedergutmachen, wenn sie noch klarer machen w&uuml;rde, da&szlig; der Kampf gegen den Terror f&uuml;r sie zu aller allerletzt eine milit&auml;rische Angelegenheit ist, und lange vorher ein Problem der inneren Sicherheit und der Hilfe f&uuml;r V&ouml;lker und Menschen, die meinen, Nichts mehr verlieren zu k&ouml;nnen, weil es ihnen so elend geht und weil ihre Probleme nicht gel&ouml;st werden wie etwa in Nahost.<\/p><p>Die Linke k&ouml;nnte neue Orientierung geben, wenn sie klar Position bez&ouml;ge gegen das sich abzeichnende Wettr&uuml;sten zwischen Europa und den USA &ndash; ein Wahnsinn, der da ins Haus steht &ndash; und wenn sie die Profilierung Europas auch gegen&uuml;ber den USA damit betreiben w&uuml;rde, da&szlig; dieser alte Kontinent den Frieden mit anderen V&ouml;lkern und Religionen wie dem Islam sucht und nicht eine neu eingef&auml;rbte koloniale Vorherrschaft installiert.<\/p><p><em>&copy; Frankfurter Rundschau \/  27. Mai 2002<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist h&ouml;chste Zeit, dass die Linke in Europa endlich wieder eine klare Orientierung bietet. 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