{"id":30026,"date":"2016-01-08T09:19:33","date_gmt":"2016-01-08T08:19:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30026"},"modified":"2018-04-25T15:00:57","modified_gmt":"2018-04-25T13:00:57","slug":"sprache-in-der-fluechtlingsdebatte-worte-koennen-auch-taten-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30026","title":{"rendered":"Sprache in der Fl\u00fcchtlingsdebatte: Worte k\u00f6nnen auch Taten sein"},"content":{"rendered":"<p>Tagt&auml;glich lesen und h&ouml;ren wir derzeit Worte wie &bdquo;Fl&uuml;chtlingsstrom&ldquo;, &bdquo;Fl&uuml;chtlingsflut&ldquo; oder &bdquo;Fl&uuml;chtlingswelle&ldquo;. Welche Bilder entstehen in unseren K&ouml;pfen dadurch? Die, des gleichm&auml;&szlig;ig dahinflie&szlig;enden Flusses, die, der erfrischenden Welle bei einem Meeresbad in den Fluten der Nordsee? Oder eher die von unbeherrschbaren, zumindest aber gef&auml;hrlichen Naturereignissen, die Angst und Schrecken verursachen? Str&ouml;me treten &uuml;ber die Ufer und setzen St&auml;dte unter Wasser und Schlamm. Fluten zerst&ouml;ren hierzulande Deiche und f&uuml;hren zu Land-unter auf den Halligen, auf den Marshallinseln sind sie lebensgef&auml;hrdend. Von einer Welle &uuml;berrollt zu werden, tut zumindest weh, manchmal endet es auch t&ouml;dlich. Warum also diese Bilder im Zusammenhang mit Fl&uuml;chtlingen? Von <strong>Klaus Peter Lohest<\/strong> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2964\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-30026-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160108_Sprache_in_der_Fluechtlingsdebatte_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160108_Sprache_in_der_Fluechtlingsdebatte_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160108_Sprache_in_der_Fluechtlingsdebatte_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160108_Sprache_in_der_Fluechtlingsdebatte_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=30026-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160108_Sprache_in_der_Fluechtlingsdebatte_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160108_Sprache_in_der_Fluechtlingsdebatte_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zudem werden die fliehenden Frauen, M&auml;nner und Kinder auf diese Weise entindividualisiert. Die Worte werden ihrem Einzelschicksal nicht gerecht. Jede und jeder von ihnen hat einen individuellen Grund, sich auf die lebensgef&auml;hrliche Flucht zu begeben. Vergegenw&auml;rtigt man sich, dass viele Fliehende in den Fluten und Wellen den Tod finden, dann verbietet sich diese Wortwahl schon deshalb. Das gilt auch f&uuml;r das Wort &bdquo;Lawine&ldquo;. Von einer Lawine wird man versch&uuml;ttet oder begraben. Uns wollen Fl&uuml;chtlinge weder versch&uuml;tten noch begraben.<\/p><p>Der allgemeine Sprachgebrauch hat sich in den letzten Jahren stark ver&auml;ndert. Wir nutzen immer mehr Kurznachrichten, einzelne Worte, plakativ statt sensibel. Daher glaube ich, dass viele solche Begriffe unbewusst verwenden. Andere sind sich hingegen gut bewusst, was sie sagen, warum sie es so sagen und was sie damit anrichten. Hier geht es darum, Begriffe zu besetzen und mit erschreckenden Bildern zu hinterlegen. So werden Worte zu Taten.<\/p><p>Nehmen wir als weiteres Beispiel das Reden von der &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo;. Ja, wir haben Krisen. An erster Stelle ist es eine Krise der Humanit&auml;t, wenn aus vielen L&auml;ndern Menschen fliehen m&uuml;ssen, weil ihre Heimat zerbombt wird oder weil sie terrorisiert werden. Die politische Krise besteht darin, dass viele Staaten &ndash; auch mit dem Zutun der westlichen Welt &ndash; in den letzten Jahren so destabilisiert wurden, dass jegliche staatliche Ordnung verloren gegangen ist und es keine Verhandlungspartner gibt, mit denen &uuml;berhaupt Friedensgespr&auml;che gef&uuml;hrt werden k&ouml;nnten. Die Fronten sind unklar. Wer steht wof&uuml;r? Mit wem, gegen wen, f&uuml;r wen? Manche, gegen die wir heute Krieg f&uuml;hren sollen, sind erst durch die Unterst&uuml;tzung westlicher Staaten gro&szlig; geworden.<\/p><p>Auch unser Wirtschaften ist ein Krisenverursacher: Waffen, die wir exportieren, zum Beispiel an Saudi-Arabien, einem Staat, aus dem der Terror mitfinanziert wird.<\/p><p>Wir wirtschaften so, dass Menschen aufgrund von Umweltkatastrophen ihr Leben in Sicherheit bringen m&uuml;ssen. Unser Beitrag zur Entwicklungspolitik liegt immer noch weit unter den 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens, die wir uns schon vor Jahrzehnten vorgenommen hatten.<\/p><p>Und nat&uuml;rlich ist es auch eine &bdquo;Krise&ldquo;, wenn Fl&uuml;chtlinge in Notunterk&uuml;nften untergebracht werden m&uuml;ssen oder sich nachts vor &Auml;mtern anstellen m&uuml;ssen, um &uuml;berhaupt die Chance auf eine Registrierung zu haben. Aber ist das zusammen eine &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo;? Nein, die Fl&uuml;chtlinge sind Opfer dieser Krisen.<\/p><p>&Uuml;brigens: Die aktuelle Situation sollte jedem klarmachen, wie wichtig ein handlungsf&auml;higer Staat ist. &bdquo;Weniger Staat&ldquo;, die Devise der letzten Jahre, war und ist falsch. Wir brauchen mehr staatliche Handlungsf&auml;higkeit, auch was das Personal angeht. Das ist eine Voraussetzung gelingender Integration.<\/p><p>Was ist mit Integrationskonzepten? Schon vor f&uuml;nfzehn Jahren hatten wir eine Debatte um die sogenannte &bdquo;Leitkultur&ldquo;. Heute haben wir sie wieder. Ich kenne darauf nur eine vern&uuml;nftige Antwort: Die Grunds&auml;tze f&uuml;r das Zusammenleben in Deutschland stehen in unserem Grundgesetz. Das gilt f&uuml;r alle. Dann k&ouml;nnen keine Missverst&auml;ndnisse entstehen. Dann muss niemand bef&uuml;rchten, es gehe in Wirklichkeit um &bdquo;Oben und unten&ldquo;, um Kulturen erster und zweiter Ordnung, um Ausgrenzung. Unser Grundgesetz ist aus der Erfahrung von Krieg, Vernichtung und Massenmord geschrieben worden. In den ersten 20 Artikeln finden sich wie in kaum einer anderen Verfassung die Grunds&auml;tze der Allgemeinen Erkl&auml;rung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 wieder.<\/p><p>Kommen wir zu der Forderung nach einem &bdquo;Integrationspflichtgesetz&ldquo;. Die meisten Gefl&uuml;chteten sehnen sich danach, sicher, in Frieden und Geborgenheit zu leben. Sie suchen f&uuml;r sich und ihre Kinder eine Zukunftsperspektive bei uns in Deutschland, viele auf Dauer, manche auf Zeit. Sprache, Arbeit, Bildung, gesellschaftliche Teilhabe sind die Voraussetzungen daf&uuml;r. Wenn wir das gemeinsam erm&ouml;glichen und Ghettos verhindern, dann bietet das die beste Gew&auml;hr f&uuml;r gelingende Integration.<\/p><p>Wer will, dass &bdquo;alle Neuank&ouml;mmlinge &hellip; auf ihren Kopfkissen eine `Hausordnung Deutschland&acute; vorfinden&ldquo;, den muss man daran erinnern, dass das Grundgesetz diese Hausordnung ist. Hier sind die Grunds&auml;tze unserer demokratischen Gesellschaftsordnung niederlegt und die wiederum haben Auswirkungen auf das Alltagsleben. Glauben und F&uuml;r-Richtighalten kann bei uns in Deutschland jeder und jede, was er oder sie will, aber alle m&uuml;ssen sich an die gleichen Grunds&auml;tze und Regeln halten. In Abwandlung eines Wortes von Gustav Heinemann kann man sagen: &bdquo;Das Grundgesetz ist ein gro&szlig;es Angebot auch an alle, die zu uns kommen.&ldquo;<\/p><p>Unser Grundgesetz sagt klar, was gilt. In Artikel 2, Absatz 1 hei&szlig;t es: &bdquo;Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pers&ouml;nlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsm&auml;&szlig;ige Ordnung oder das Sittengesetz verst&ouml;&szlig;t.&ldquo; Im Zusammenspiel mit Artikel 3 Absatz 3 (&bdquo;Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religi&ouml;sen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.&ldquo;) zeigen sich ganz unmissverst&auml;ndlich die Garantie der freien Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit und ihre Grenzen. Um ein Beispiel zu nennen: Frauen und M&auml;nner haben gleiche Rechte.<\/p><p>Das gilt f&uuml;r Arbeitgeber, die Frauen f&uuml;r die gleiche Arbeit immer noch schlechter bezahlen als M&auml;nner, genauso wie f&uuml;r Menschen, die aus patriarchalisch gepr&auml;gten Gesellschaften zu uns kommen. Wenn konservative Muslime oder Juden Frauen mit religi&ouml;ser Begr&uuml;ndung den Handschlag verweigern, dann kann man zu Recht dar&uuml;ber staunen und es kritisieren, aber man wird niemanden zu einem Handschlag verpflichten k&ouml;nnen &ndash; durch keine Hausordnung und durch kein Gesetz. Das Grundgesetz gilt aber in allen Teilen: Wer den Nachzug von Familienmitgliedern verhindern will, der stellt sich gegen den besonderen Schutz von Ehe und Familie in Artikel 6, Absatz 1.<\/p><p>Wir brauchen in der gesellschaftspolitischen Debatte &uuml;ber die Bek&auml;mpfung von Fluchtursachen, &uuml;ber Aufnahme und Integration von Fl&uuml;chtlingen mehr Sensibilit&auml;t, auch was die Sprache angeht. Politikerinnen und Politiker, Journalistinnen und Journalisten, Meinungsmacherinnen und Meinungsmacher tragen daf&uuml;r eine besondere Verantwortung Wir d&uuml;rfen durch Sprache nicht Vorurteile sch&uuml;ren. Wir m&uuml;ssen &Auml;ngste ernst nehmen, d&uuml;rfen sie aber nicht verst&auml;rken.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Klaus Peter Lohest<\/strong> ist Abteilungsleiter Familie im rheinland-pf&auml;lzischen Ministerium f&uuml;r Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagt&auml;glich lesen und h&ouml;ren wir derzeit Worte wie &bdquo;Fl&uuml;chtlingsstrom&ldquo;, &bdquo;Fl&uuml;chtlingsflut&ldquo; oder &bdquo;Fl&uuml;chtlingswelle&ldquo;. Welche Bilder entstehen in unseren K&ouml;pfen dadurch? Die, des gleichm&auml;&szlig;ig dahinflie&szlig;enden Flusses, die, der erfrischenden Welle bei einem Meeresbad in den Fluten der Nordsee? Oder eher die von unbeherrschbaren, zumindest aber gef&auml;hrlichen Naturereignissen, die Angst und Schrecken verursachen? Str&ouml;me treten &uuml;ber die Ufer<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30026\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,123,11,161],"tags":[1112,1055,418,413,2299],"class_list":["post-30026","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-strategien-der-meinungsmache","category-wertedebatte","tag-buergerrechte","tag-fluechtlinge","tag-grundgesetz","tag-schlanker-staat","tag-sprachkritik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30026","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30026"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30026\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30069,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30026\/revisions\/30069"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30026"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30026"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30026"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}