{"id":3009,"date":"2008-02-25T10:04:44","date_gmt":"2008-02-25T09:04:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3009"},"modified":"2015-11-28T10:03:52","modified_gmt":"2015-11-28T09:03:52","slug":"hamburg-wenn-drei-parteien-die-vierte-ausgrenzen-gewinnt-die-cdu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3009","title":{"rendered":"Hamburg: Wenn drei Parteien die vierte ausgrenzen, gewinnt die CDU"},"content":{"rendered":"<p>Der Hamburger Wahlabend bot nicht viel Spannendes. Von Anfang an war klar, dass es auf einen Einzug der Liberalen in die B&uuml;rgerschaft f&uuml;r eine Regierungsbildung angesichts der starken Verluste der CDU nicht ankam. Deshalb gab es f&uuml;r den &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehjournalismus in den Wahlsendungen nur zwei Themen, die den Abend beherrschten: Erstens, kommt es zur ersten schwarz-gr&uuml;nen Koalition auf L&auml;nderebene? Das wichtigste Thema aber war: Hat Kurt Becks &Auml;u&szlig;erung, dass die hessische Kandidatin Andrea Ypsilanti als Ministerpr&auml;sidentin kandidieren k&ouml;nnte, der SPD geschadet? Die Kampagne der letzten Woche gegen eine Parlamentsmehrheit jenseits des &bdquo;b&uuml;rgerlichen Lagers&ldquo; hatte Erfolg: Kurt Beck leistete Abbitte, und Ole von Beust bleibt wie selbstverst&auml;ndlich Erster B&uuml;rgermeister, obwohl eine Mehrheit ihn abgew&auml;hlt hat. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nDie Wahlergebnisse bieten keinerlei &Uuml;berraschung: Die CDU hat mit 42,6% deutliche 4,6% verloren. Die SPD hat mit 34,1% m&auml;&szlig;ige 3,6% auf ihr zweitschlechtestes Ergebnis zugelegt. Die Gr&uuml;nen\/GAL haben mit 9,6% 2,3% eingeb&uuml;&szlig;t Die FDP hat sich von 2,8% auf 4,7% etwas verbessert, aber deren Hoffnungen nach den ersten Hochrechnungen auf einen Einzug in die B&uuml;rgerschaft sind zerstoben. Die Linke hat aus dem Stand 6,4% gewonnen und sitzt nun in 10 von 16 Landtagen. &Uuml;ber 37% sind gar nicht erst zur Wahlurne gegangen, das ist mit 62,2 % die geringste Wahlbeteiligung in <a href=\"http:\/\/fhh.hamburg.de\/stadt\/Aktuell\/wahl\/buergerschaftswahlen\/start-aktuell.html\">Hamburg &uuml;berhaupt.<\/a><\/p><p>Ein &bdquo;gro&szlig;artiges Ergebnis&ldquo; verk&uuml;ndeten Pofalla (CDU), Beck (SPD), Niebel (FDP) oder Bartsch (Linke) uni sono, und selbst die Gr&uuml;nen konnten sich noch dar&uuml;ber freuen, dass sie in Hamburg drittst&auml;rkste Kraft geblieben sind.<\/p><p>Was das Thema Schwarz-Gr&uuml;n in Hamburg angeht, so wurde diese Koalition auf ARD und ZDF geradezu herbeigeredet. Obwohl diese Option von 54% der Hamburger f&uuml;r schlecht befunden wird, darf man wohl davon ausgehen, dass sie die wahrscheinlichste ist. Von Reinhard B&uuml;tikofer &uuml;ber Anja Hajduk und Steffi Lemke bis zu Christa Goetsch (GAL) wurde sie jedenfalls nicht ausgeschlossen und allenfalls darauf verwiesen, dass es diese Koalition nat&uuml;rlich nicht zum &bdquo;Nulltarif&ldquo; gebe.<\/p><p>Unsere &ouml;ffentlich-rechtlichen Journalisten lie&szlig;en kein Argument aus, um ihren gr&uuml;nen und schwarzen Gespr&auml;chspartnern dieses B&uuml;ndnis schmackhaft zu machen.<br>\nDer Generalsekret&auml;r der CDU, Roland Pofalla, fand das nat&uuml;rlich &bdquo;interessant&ldquo;, von Beust geht es ohnehin nur noch um eine &bdquo;Regierung ohne Kommunisten&ldquo;, und selbst der FDP-Generalsekret&auml;r Dirk Niebel konnte noch eine Zeit lang von &bdquo;Jamaika&ldquo; tr&auml;umen.<br>\nMan kann gewiss sein, dass der Druck in den Printmedien noch zunehmen wird, so dass es keiner allzu seherischen F&auml;higkeiten bedarf, um vorauszusagen, dass der k&uuml;nftige Hamburger Senat schwarz-gr&uuml;n sein wird. Es sei denn, die SPD bietet der CDU einen noch billigeren Tarif.<\/p><p>Die wichtigste journalistische Frage des ganzen Abends war aber, ob die &bdquo;Irritationen&ldquo; um eine &Auml;u&szlig;erung von Kurt Beck &uuml;ber eine Kandidatur von Andrea Ypsilanti als hessische Ministerpr&auml;sidentin der SPD geschadet habe. Im Verlauf des Fernsehabends konnte man zunehmend den Eindruck gewinnen, als habe nicht die CDU deutlich &uuml;ber 4 Prozent verloren, sondern als sei der Zugewinn der SPD zu gering ausgefallen, ja als sei Kurt Beck schuld, dass es in Hamburg nicht zu Rot-Gr&uuml;n gekommen ist. <\/p><p>Da spielte es pl&ouml;tzlich keine Rolle mehr, dass Ole von Beust mit 52% Zustimmung seinem Herausforderer Michael Naumann mit 38% im direkten Vergleich haushoch &uuml;berlegen war (<a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/2\/0,3672,7139906,00.html\">siehe Kandidaten, Themen, Kompetenzen im ZDF<\/a>). Keiner fragte danach, warum angesichts des Kompetenzvorsprungs der CDU Ole von Beust nicht die absolute Mehrheit verteidigen konnte. <\/p><p>Nein, spekuliert wurde &uuml;ber fiktive &bdquo;Verluste&ldquo; der SPD, Naumann habe doch schlie&szlig;lich 38% erwartet. Und daran, dass dieses Wunschergebnis nicht eingetreten ist, mussten nat&uuml;rlich Kurt Beck und seine angebliche &bdquo;Verunsicherung&ldquo; der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler schuld sein.<\/p><p>Ulrich Deppendorf legte sich noch vor der ersten Hochrechnung fest und sprach von einer &bdquo;Niederlage f&uuml;r Beck&ldquo;, der konservative, derzeitige Oberwahlforscher Rudolf Korte fabulierte &uuml;ber den &bdquo;Beck-Effekt&ldquo;. Der sonst immer als &bdquo;Terrorismusexperte&ldquo; vorgestellte Elmar Theve&szlig;en verk&uuml;ndete im ZDF: &bdquo;Es hat zumindest den Anschein, als habe SPD-Chef Beck die rot-gr&uuml;nen Chancen seiner Hamburger Genossen mit seinem Alleingang erledigt.&ldquo; Im Schlusstremolo malte Theve&szlig;en sogar folgendes Schreckensbild an die Wand: Falls es zum Beckschen Strategiewechsel k&auml;me, f&auml;nde sich die SPD als &bdquo;Juniorpartner einer extremen Linken um den Ex-Genossen Lafontaine&ldquo; wieder.<br>\nPeter Frey (ZDF) er&ouml;ffnete die Generalsekret&auml;rrunde mit der Frage &bdquo;Ist Kurt Beck schuld?&ldquo;, und auch f&uuml;r Sabine Rau (ARD) hat die Debatte um Kurt Beck dazu beigetragen, dass die SPD unter ihrem erhofften Ergebnis blieb. <\/p><p>Jede und jeder eiferte an diesem Wahlabend in den &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern um Absagen von SPD-Vertretern gegen die Linke. Keine oder keiner hatte irgendein Faktum in der Hand, umso mehr schien es ein vorgegebenes journalistisches Ziel zu sein, Behauptungen &uuml;ber negative Auswirkungen der in den Medien vor der Wahl inszenierten Debatte herauszukitzeln.<\/p><p><strong>Diese Methode hatte Erfolg:<\/strong><br>\nNicht nur Pofalla konnte sich feixend die H&auml;nde reiben und Kurt Beck einen &bdquo;schwerwiegenden Fehler&ldquo; vorhalten; er habe gar &bdquo;ein Desaster&ldquo; angerichtet. Auch alle, die gestern Abend von der SPD vor ein Mikrofon geholt wurden, schl&uuml;pften ins B&uuml;&szlig;ergewand: Vom abgehalfterten ehemaligen SPD-Verkehrsminister und heutigen Senior Adviser bei der Beratungsagentur KPMG, Kurt Bodewig, der meinte, die &bdquo;Diskussion um Rot-Rot&ldquo; habe nicht geholfen, &uuml;ber den SPD-&bdquo;Linken&ldquo; Niels Annen (&bdquo;kein R&uuml;ckenwind&ldquo;), das Mitglied der Hamburger B&uuml;rgerschaft Ingo Egloff (&bdquo;geholfen hat es nicht&ldquo;) bis hin zum Spitzenkandidat Michael Naumann (&bdquo;Hilfreich war es sicher nicht.&ldquo;) und dem SPD-Generalsekret&auml;r Hubertus Heil (das sei etwas &bdquo;schief gelaufen&ldquo; und es h&auml;tte &ldquo;Ungeschicklichkeiten&rdquo; gegeben): alle Sozialdemokraten, die gestern zu Wort kamen, haben sich von Beck distanziert. Der Druck war offenbar so gro&szlig;, dass selbst Kurt Beck f&uuml;r die &bdquo;Irritationen&ldquo; Abbitte leisten musste: &ldquo;Wenn ich selbst einen Beitrag dazu geleistet habe, bedauere ich das&rdquo;, so musste der SPD-Chef am Wahlabend in Berlin zu Kreuze kriechen. <\/p><p>Ohne Parteitag gewinnen eben die Steinbr&uuml;cks, die Steinmeiers und die Schatzmeisterin Hendricks.<\/p><p>Die rechten Abwehrreihen innerhalb der SPD haben ihren Parteivorsitzenden zur&uuml;ckgepfiffen und wohl auf Dauer besch&auml;digt. Die &bdquo;Verl&auml;sslichkeit&ldquo; (Naumann) der SPD wird Koch wie von Beust und allen von der CDU, auch wenn sie noch so gro&szlig;e Wahlniederlagen einstecken, die Regierungsmacht gegen eine Mehrheit jenseits der Union garantieren.<br>\nWenn man n&auml;mlich 5 bis 10 Prozent dieser W&auml;hlermehrheit st&auml;ndig ausgrenzt, dann stellt eben die Union den Regierungschef, selbst wenn er nur ein zehntel Prozent vor der SPD liegt. Das ist das Ergebnis der vom SPD-Generalsekret&auml;r Hubertus Heil ins Spiel gebrachten Formel einer &bdquo;Mehrheit jenseits von Union <strong>und<\/strong> Linkspartei&ldquo;.<\/p><p>Die vom &bdquo;b&uuml;rgerlichen Lager&ldquo; angeschobene Medienkampagne hat ihr Ziel erreicht: Vom Wahlergebnis mit einer linken Mehrheit in der Hamburger B&uuml;rgerschaft war am Wahlabend nicht mehr die Rede. Ole von Beust bleibt wie selbstverst&auml;ndlich als Wahlverlierer &bdquo;Erster B&uuml;rgermeister&ldquo; der Hansestadt Hamburg.<\/p><p>Ole von Beust hat nur noch ein Ziel, n&auml;mlich &bdquo;Eine Regierung ohne Kommunisten und Linksradikale&ldquo;. Theve&szlig;en redete von &bdquo;Linkssozialisten und Altkommunisten&ldquo;, Frey sprach von &bdquo;diesen Leuten&ldquo; und vom &bdquo;Aufstand der Anst&auml;ndigen&ldquo;, Naumann will &bdquo;auf keinen Fall&ldquo; usw. usf.. So viel kollektive Angst vor einer Partei gab es nach einer Wahl noch nie. <\/p><p>Die Linke muss sich nach diesem Wahlabend sehen wie Mephistopheles in Goethes Faust. Sie wurde geradezu zum &bdquo;Leibhaftigen&ldquo; hochstilisiert. Aber vielleicht wird sie gerade dadurch &bdquo;ein Teil von jener Kraft, die stets das B&ouml;se will und stets das Gute schafft.&ldquo;<br>\nDenn wie verhalten sich SPD und GAL, wenn die Linke Antr&auml;ge zur Abschaffung von Studiengeb&uuml;hren, gegen das Kohlekraftwerk Moorburg, gegen die Elbvertiefung, f&uuml;r die Einf&uuml;hrung eines Sozialtickets, f&uuml;r die Einheitsschule und zu weiteren Themen aus den Wahlprogrammen von Roten und Gr&uuml;nen in die Hamburger B&uuml;rgerschaft einbringt?<br>\nEntweder SPD und Gr&uuml;ne\/GAL verkaufen ihre Seele an die CDU, oder sie besinnen sich auf das, was sie ihren W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern versprochen haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Hamburger Wahlabend bot nicht viel Spannendes. Von Anfang an war klar, dass es auf einen Einzug der Liberalen in die B&uuml;rgerschaft f&uuml;r eine Regierungsbildung angesichts der starken Verluste der CDU nicht ankam. 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