{"id":30183,"date":"2016-01-14T09:28:50","date_gmt":"2016-01-14T08:28:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30183"},"modified":"2024-08-22T16:19:14","modified_gmt":"2024-08-22T14:19:14","slug":"wider-die-standardisierung-menschlicher-lern-und-lebenswelten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30183","title":{"rendered":"Wider die Standardisierung menschlicher Lern- und Lebenswelten"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin:0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160114_bruegelmann.jpg\" alt=\"Hans Br&uuml;gelmann\" title=\"Hans Br&uuml;gelmann\"><\/div><p>Allerorten wird vermessen, bewertet, zertifiziert. PISA ist &uuml;berall. Doch was geschieht hier &uuml;berhaupt? Leiden immer mehr Sch&uuml;ler und Lehrer am Bildungssystem weil dasselbe bisher einfach zu wenig vermessen worden ist? Ganz sicher nicht, meint der emeritierte Professor f&uuml;r Erziehungswissenschaft <strong>Hans Br&uuml;gelmann<\/strong> im Gespr&auml;ch mit <strong>Jens Wernicke<\/strong> und skizziert die allerorten zu beobachtende Zunahme des von anderer Seite bereits als &bdquo;Menschenmesserideologie&ldquo; kritisierten Testwahns als Indikator f&uuml;r den Einzug neoliberaler Paradigmen ins Bildungssystem, die gro&szlig;en Schaden anrichteten.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2144\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-30183-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160114_Die_Standardisierung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160114_Die_Standardisierung_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160114_Die_Standardisierung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160114_Die_Standardisierung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=30183-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160114_Die_Standardisierung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160114_Die_Standardisierung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Br&uuml;gelmann, in Ihrem unl&auml;ngst erschienen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.beltz.de\/fachmedien\/paedagogik\/buecher\/produkt_produktdetails\/15130-vermessene_schulen_standardisierte_schueler.html\">Vermessene Schulen &ndash; standardisierte Sch&uuml;ler<\/a>&ldquo; wenden Sie sich gegen die allgemeine Testeritis, die das Bildungssystem seit einiger Zeit heimsucht. Wieso? Was haben Sie gegen derlei Bem&uuml;hungen um Qualit&auml;tssicherung? <\/strong><\/p><p>Durch Leistungstests die Qualit&auml;t von Schule sichern? Eine k&uuml;hne These! Solche Tests erfassen doch nur den sogenannten &bdquo;Output&ldquo; und davon wiederum nur einen kleinen Teil, schon vom Ansatz her eingeschr&auml;nkt auf wenige F&auml;cher und von diesen wiederum nur Ausschnitte &ndash; und das auch noch in sehr oberfl&auml;chlicher Form. <\/p><p>Wo bleiben die Wirkungen der Schule auf das soziale und das &auml;sthetische Lernen oder gar auf die Pers&ouml;nlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen? Und was ist mit der Qualit&auml;t des p&auml;dagogischen Umgangs: Respekt f&uuml;reinander, Offenheit f&uuml;r die besonderen Bed&uuml;rfnisse und Interessen einzelner Kinder, Bem&uuml;hen um die &Uuml;berwindung ihrer Schw&auml;chen, demokratische Entscheidungsverfahren usw.? Ich finde, die Fixierung auf Punktwerte in Leistungstests f&uuml;hrt zu einer Verarmung der Qualit&auml;tsdiskussion.<\/p><p><strong>Die allerorts boomenden Tests messen also nicht wirklich Qualit&auml;t? Warum schie&szlig;en sie dann aber wie Pilze aus dem Boden und behauptet man das allerorts? <\/strong><\/p><p>Es ist die Faszination durch scheinbar objektive Zahlen&hellip; Das ist mit den Quartalszahlen in der freien Wirtschaft nicht anders als mit den Liegetagen im Krankenhaus. Man hofft, das ja immer fehleranf&auml;llige Urteil beteiligter Menschen ausschalten zu k&ouml;nnen. Denken Sie nur an die Diskussion &uuml;ber Noten. <\/p><p>Aber das Problem kriegt man mit Tests nicht weg. Der Preis f&uuml;r &bdquo;Objektivit&auml;t&ldquo; ist Standardisierung. Menschliche Verhaltensweisen, also auch Leistungen in Tests, sind allerdings stets mehrdeutig. Standardisierung bedeutet daher den Verzicht darauf, unter die Oberfl&auml;che zu gucken. Denn eben das w&uuml;rde auch eine Interpretation des Sichtbaren erforderlich machen. Man k&auml;me um ein pers&ouml;nliches Urteil gar nicht herum. <\/p><p><strong>Der aktuelle Testboom stellt also nur ein &bdquo;oberfl&auml;chliches Messen&ldquo; dar, das der Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit menschlicher Lebens&auml;u&szlig;erungen nicht gerecht zu werden vermag, und daher eine Art &bdquo;Standardisierung&ldquo; forciert? Wie meinen Sie das denn? Im Sinne von: der Tests erzeugt eine Lebensrealit&auml;t, in der dieses gewollt und jenes verp&ouml;nt ist und daher passen sich dann die Getesteten der vermeintlich &bdquo;allgemeinen Wahrheit&ldquo; des Testes mehr und mehr an, verlieren selbst ihr Vielschichtig- und Mehrdeutigkeit?<\/strong><\/p><p>Das Grundproblem: Es z&auml;hlt nur die &bdquo;richtige&ldquo; Antwort, das hei&szlig;t, die von den Testautoren vorgegebene L&ouml;sung. Die pers&ouml;nliche Lesart eines Textes, die individuelle Deutung einer Aufgabe, untypische L&ouml;sungswege bringen keine Punkte. <\/p><p>Damit werden Tests zum &bdquo;heimlichen Lehrplan&ldquo; &ndash; angesichts der genannten Schw&auml;chen und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen eine echte Gefahr. <\/p><p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Nun, zum einen lernt man am besten, wenn es Bez&uuml;ge zu eigenen Erfahrungen gibt, wenn das Neue auch an pers&ouml;nlichen Vorstellungen ankn&uuml;pfen kann, wenn sich eine Br&uuml;cke zu individuellen Interessen schlagen l&auml;sst. Genau das aber wird um der Standardisierung willen ausgeblendet.<\/p><p>Und zum anderen: Es entsteht gerade eine gewaltige Testindustrie weltweit, und wenn es bei der Gl&auml;ubigkeit der Politik an die Messbarkeit alles Menschlichen bleibt, bestimmen mehr und mehr diese Firmen, was Bildung eigentlich ist. Bildung w&uuml;rde verflachen und sich mehr und mehr nur noch um Aspekte wie &bdquo;schnell&ldquo; und &bdquo;verwertbar&ldquo; drehen. Das ist eine Gefahr nicht zuletzt auch f&uuml;r die Demokratie. <\/p><p><strong>Das w&auml;re dann ja im Wortsinne eine &bdquo;Kolonialisierung der Lebenswelt&ldquo;, wie Habermas das einmal nannte: Eine &Ouml;konomisierung aller Lebensbereiche, die sich dank geeigneter Verfahren so inszeniert, dass sie als Ideologie und gr&ouml;&szlig;tenteils Bedrohung von den Menschen wahrgenommen wird, sondern als &bdquo;wissenschaftliche Messung&ldquo; vielmehr die Menschen zu jenem Homo Oeconomicus erzieht, den sie braucht&hellip;<\/strong><\/p><p>Zumindest besteht die Gefahr. Dabei ist vor allem die Frage, welchen Status Lehrerinnen und Lehrer, Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler, Eltern und Arbeitsgeber den Tests und ihren Ergebnissen beimessen. <\/p><p>An sich k&ouml;nnen Tests ja durchaus hilfreich sein, als Warnlampe: Hier muss man genauer hinschauen, da noch was tun. &Auml;hnlich wie in der Medizin eine erh&ouml;hte Temperatur Anlass zu einer differenzierteren Diagnose ist &ndash; aber eben nicht die Diagnose selbst. Schlie&szlig;lich k&auml;me niemand auf die Idee, das professionelle Urteil des Arztes durch ein Thermometer zu ersetzen. <\/p><p>Genau das aber droht in der P&auml;dagogik. Und wenn dann noch auf den Test hin ge&uuml;bt wird, verliert der letztlich sogar noch seine Aussagekraft als Warnlampe. Wie viele Buchstaben Schulanf&auml;nger benennen k&ouml;nnen, war einmal ein brauchbarer Indikator f&uuml;r die vorschulische Schriftspracherfahrung der Kinder. Daraufhin haben Eltern oder Oma und Opa mit den Kleinen das Alphabet ge&uuml;bt, so dass sie es aufsagen k&ouml;nnen. Jetzt aber wei&szlig; man nicht mehr: Ist das nur inhaltsleeres Oberfl&auml;chenwissen oder steckt mehr dahinter?<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn Wissenschaft das ist, was die Meinungsf&uuml;hrer unter jenen Leuten sagen, die von der Regierung das meiste Geld f&uuml;r etwas bekommen, was &sbquo;Wissenschaft&lsquo; genannt wird, dann ist PISA nat&uuml;rlich Wissenschaft. Im Mittelalter geh&ouml;rten in diesem Sinne die elaboriertesten Theorien zur Hexenverbrennung ja auch der wissenschaftlichen Speerspitze an. Wenn Sie hingegen an ein wissenschaftliches Messinstrument den Anspruch haben, dass benennbar ist, was &uuml;berhaupt gemessen wird, dass das Instrumentarium der wissenschaftlichen Debatte zug&auml;nglich ist, dass das verwendete mathematische Modell zum Gegenstandsbereich passt und dass die Stichprobe bestimmten Kriterien gen&uuml;gt, dann w&uuml;rde man das PISA-Instrumentarium sicherlich eher in den Grenzbereichen des Wissenschaftlichen verorten.<br>\nIm Vorwort des wissenschaftlichen Sammelbandes &sbquo;PISA zufolge PISA&lsquo; von Stefan Thomas Hopmann und anderen hei&szlig;t es, die dort publizierten 18 Beitr&auml;ge von Forscherinnen und Forschern aus 7 europ&auml;ischen L&auml;ndern zusammenfassend, denn auch in aller Deutlichkeit, ich zitiere:<br>\n&sbquo;Das PISA-Projekt ist offenkundig mit so vielen Schwachstellen und Fehlerquellen belastet, dass sich zumindest die popul&auml;rsten Endprodukte, die internationalen Vergleichstabellen sowie die meisten nationalen Zusatzanalysen zu Schulen und Schulstrukturen, Unterricht, Schulleistungen und Problemen wie Migration, sozialer Hintergrund, Geschlecht usw., in den bisher praktizierten Formen wissenschaftlich schlicht nicht aufrecht erhalten lassen.&lsquo;<br>\nGenau darum geht&rsquo;s.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wolfram Meyerh&ouml;fer: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19428\">Macht PISA dumm?<\/a>&ldquo;<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>K&ouml;nnten Sie das mit den Tests denn bitte einmal konkreter ausf&uuml;hren? Den Prozess des Messens und Fehlmessens, des Standardisierens und Menschen&uuml;bersehens dabei?<\/strong><\/p><p>Eine Schw&auml;che von Tests ist stets die K&uuml;nstlichkeit der Aufgabe. Zum Beispiel m&uuml;ssen mathematische oder naturwissenschaftliche Probleme als Text dargeboten werden. Insofern wird indirekt auch die Lesef&auml;higkeit mit gepr&uuml;ft. Besonders benachteiligt sind damit Kinder mit einer anderen Muttersprache. Bei der Beantwortung von Fragen zu Texten wiederum spielen auch Wortschatz, Weltwissen und Kombinationsf&auml;higkeit eine Rolle.<\/p><p>Auch die Vorgabe von Auswahlantworten oder die Begrenzung der Zeit engen den L&ouml;sungsraum k&uuml;nstlich ein. Man kann seine Antworten nicht mehr erl&auml;utern, das hei&szlig;t, die Deutungshoheit f&uuml;r die richtige Lesart der Aufgabe und f&uuml;r die Bewertung der L&ouml;sung geht verloren. Sie wird sozusagen an den Test beziehungsweise dessen Macher &uuml;berstellt.<\/p><p><strong>Zielen Sie mit Ihrer Kritik auch auf die sogenannte &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.uni-konstanz.de\/ag-moral\/pdf\/Lind-2011_hattie-studie_kommentar.pdf\">Hattie-Studie<\/a>&ldquo;, eine gigantische Metaanalyse, mit der man uns bspw. in Hessen erkl&auml;rt, endlich g&auml;be es den unwiderlegbaren wissenschaftlichen Beweis, dass Lernerfolge unabh&auml;ngig von der Klassengr&ouml;&szlig;e zustande k&auml;men, weswegen wir Linken und Gewerkschafter doch endlich die Klappe halten und aufh&ouml;ren sollten, nach besseren Lern- und Lehrbedingungen zu rufen?<\/strong><\/p><p>Ja, Metaanalysen, in denen die Kennwerte vieler Studien zu einem einzigen Thema miteinander verrechnet werden, stellen in diesem Kontext ein ganz besonderes Problem dar: Bei der Verdichtung von Ergebnissen auf immer h&ouml;heren Abstraktionsebenen verlieren die bewerteten Ph&auml;nomene wie &bdquo;Hausaufgaben&ldquo; oder &bdquo;offener Unterricht&ldquo; immer mehr an inhaltlicher Bedeutung, weil in den zusammengefassten Teilstudien jeweils ganz unterschiedliche Realisierungen untersucht wurden.<\/p><p>Dabei zeigt doch schon die Alltagserfahrung, dass es etwa bei Hausaufgaben darauf ankommt, worauf die sich inhaltlich beziehen, wie man die Aufgaben vorbereitet bzw. stellt und nach Erledigung bespricht oder auswertet, ob und wie die Eltern eingreifen. Weiter macht es f&uuml;r den Sinn von Hausaufgaben einen Unterschied, um welches Fach es sich handelt und welche Kompetenzen man mit den Hausaufgaben f&ouml;rdern will. <\/p><p>In Pauschalurteilen, wie sie bei Hattie herauskommen, geht alles das verloren.<br>\nWas vielleicht noch f&uuml;r Allgemeinentscheidungen hilfreich ist, zum Beispiel f&uuml;r die Politik, also H&auml;ufigkeiten, Durchschnitte, Korrelationen und &auml;hnliches, wird dem Einzelfall nicht gerecht. Kontextbedingte Abweichungen und das individuell Bedeutsame werden forschungsmethodisch zum &bdquo;Schmutzeffekt&ldquo;, zum &bdquo;Ausrei&szlig;er&ldquo; erkl&auml;rt.<\/p><p><strong>So etwas geschieht gerade ja allerorts. Im Sozial-, im <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28081\">Gesundheitssystem<\/a> &ndash; offenbar in allen Bereichen der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge. Skizzieren wir hier die Ideologie des Sozialabbaus; die Rechtfertigungslehre des Neoliberalismus, mit der er seine Schandtaten zu legitimieren sucht? <\/strong><\/p><p>Ja, die generelle Tendenz zu quantitativen Kennwerten als Ausweis f&uuml;r die Qualit&auml;t &ouml;ffentlicher Versorgung &ndash; also die &bdquo;Leistung&ldquo; in Krankenhaus, Verkehr, Theater, Museum, Bildung etc. &ndash; muss sehr kritisch betrachtet werden. <\/p><p>Es ist ja richtig, Rechenschaft f&uuml;r die Verwendung von Steuergeldern zu fordern. Aber vom st&auml;ndigen Wiegen ohne angemessene F&uuml;tterung wird die Sau auch nicht fett. Ganz im Gegenteil. Und, um im Bild zu bleiben: Wenn das Ziel gar nicht sein sollte, dass die Sau fetter, das Bildungssystem und anderes also nur im Testsinne &bdquo;besser&ldquo; wird, sondern dass sie sich gesund entwickelt, wenn die Waage also das falsche Instrument ist, &uuml;berhaupt &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; zu messen, dann hat das verheerende Folgen. <\/p><p>Dann werden beispielsweise Patienten aus dem Krankenhaus &bdquo;blutig&ldquo; entlassen, um die Statistik zu verbessern, und dann wird auch im Bildungsbereich get&auml;uscht, um bei Vergleichstests wie etwa <a href=\"https:\/\/www.iqb.hu-berlin.de\/vera\">VerA<\/a> gut abzuschneiden.<\/p><p><strong>Ihre Kritik also in einem zusammenfassenden Satz?<\/strong><\/p><p>Standardisierte Messverfahren, die vorgeben, Qualit&auml;t erst zu erheben und dann zu erh&ouml;hen, wirken wie Nebelkerzen, die die realen Probleme verdecken. <\/p><p>Bereits 1976 hat der Sozialpsychologe Campbell als &bdquo;Gesetz&ldquo; formuliert: &bdquo;Je h&auml;ufiger ein quantitativer sozialer Indikator f&uuml;r gesellschaftliche Entscheidungen genutzt wird, desto st&auml;rker verf&uuml;hrt er zum T&auml;uschen und desto nachhaltiger wird er die sozialen Prozesse st&ouml;ren, die er messen soll.&ldquo;<\/p><p><strong>Wolfram Meyerh&ouml;fer spricht in diesem Zusammenhang von einer &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/975235.menschenmesserideologie.html\">Menschenmesserideolgie<\/a>&ldquo;. Damit beschreibt er den Glauben daran, alles Menschliche messen zu k&ouml;nnen: &bdquo;PISA behauptet, mit ein paar d&uuml;mmlichen Ankreuzaufgaben die Qualit&auml;t von Schulsystemen messen zu k&ouml;nnen. Die Stiftung Warentest behauptet, den Geschmack von Schokocreme auf einer Skala angeben zu k&ouml;nnen. Es gibt sogar Skalen f&uuml;r religi&ouml;se Kompetenz. Nat&uuml;rlich kann man jedes Element des Seins in eine Skala pressen. Menschenmesserideologie ist aber der Glaube, dass diese Skala wirklich etwas &uuml;ber den Menschen erz&auml;hlt&ldquo;. Trifft es das? Sehen Sie es &auml;hnlich?<\/strong><\/p><p>Ja, der gesellschaftspolitische Kontext versch&auml;rft das Problem &ndash; ganz unabh&auml;ngig von den test-immanenten forschungsmethodischen Problemen, auf die ich eingangs hingewiesen habe. <\/p><p>Wie Karl-Heinz Dammer in <a href=\"http:\/\/www.paedagogik.de\/index.php?m=wd&amp;wid=2687\">fundierten Analysen<\/a> herausgearbeitet hat, werden diese Tests dabei auch als Schmiermittel der neoliberalen Ideologie genutzt: Wo sie unkritisch &bdquo;geglaubt&ldquo; werden, wird nicht nur die Deutungshoheit &uuml;ber den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11356\">Bildungsbegriff<\/a>, &uuml;ber Gesundheit usw. privatisiert &ndash; es wird auch ein Aktionismus unterst&uuml;tzt, der nicht wirklich hilft, und somit der dringend notwendigen Debatte dar&uuml;ber, welche realen N&ouml;te im Bildungssystem bestehen und was gegen diese getan werden kann, der Saft abgedreht.<\/p><p><strong>Was w&uuml;rden Sie denn vorschlagen, w&auml;re hiergegen zu tun? Welche konkreten Schritte w&auml;ren wider diese Testerits und ihre Heilsversprechungen aktuell sinnvoll zu tun?<\/strong><\/p><p>Wir k&ouml;nnen das pers&ouml;nliche Urteil nicht ausschalten. Das ist auch nicht schlimm, solange es nicht mit zu viel Macht verbunden ist. N&ouml;tig ist eine soziale Kontrolle von Bewertungen statt technisch immer perfekterer Methoden. Wie im Gerichtswesen mit unterschiedlich definierten Rollen. Wahrnehmungen m&uuml;ssen ausgetauscht, Deutungen ausgehandelt werden: zwischen Lehrerinnen, Sch&uuml;lerinnen und ihren Eltern. Statt Standardisierung brauchen wir Mehrperspektivit&auml;t. Auch bei der Beurteilung von Schulen und auf der Systemebene.<\/p><p>Ein Beispiel: Ich war mehrere Jahre Sprecher des seit 1989 bestehenden Schulverbunds &bdquo;Blick &uuml;ber den Zaun&ldquo;. Diese 140 Schulen haben sich in 16 Arbeitskreisen zusammengeschlossen. Gemeinsam haben sie Standards f&uuml;r ihre Arbeit beschlossen, die sich vor allem auf die Qualit&auml;t der p&auml;dagogischen Prozesse beziehen. F&uuml;r deren Evaluation wird versucht, den hilfreichen Au&szlig;enblick und die notwendige Vertrautheit mit der Alltagspraxis auszutarieren, indem regelm&auml;&szlig;ige Peer-Reviews verabredet haben. Zweimal im Jahr wird eine Schule von jeweils zwei Vertretern der anderen Schulen des gleichen Arbeitskreises besucht, die zwei bis drei Tage in der Schule verbringen. Die gastgebende Schule kann einen spezifischen Beobachtungsauftrag formulieren, doch unabh&auml;ngig davon sind die G&auml;ste frei, das zu beobachten, was ihnen wichtig erscheint. Sie nehmen am Unterricht teil, unterhalten sich mit Kollegen, Sch&uuml;lern und Elternvertretern. In einer Schlussrunde spiegeln die Besucher dem Kollegium jeweils ihre individuellen und damit unterschiedlichen Eindr&uuml;cke zur&uuml;ck. <\/p><p>Die Ertr&auml;ge dieses kollegialen Austauschs sind vielf&auml;ltig &ndash; sowohl f&uuml;r die besuchte Schule als auch f&uuml;r die Besucher, die ihre Beobachtungen als Anregung in die eigene Schule zur&uuml;ckbringen. Dialog der Praxis statt hierarchischer Dominanz der Wissenschaft oder Verwaltung &ndash; das sehe ich als Alternative zu den standardisierten Test.<\/p><p><strong>Also Unterst&uuml;tzung und Kooperation statt stetem Messen, Testen und Kontrollieren &ndash; und das alles unter dem Damoklesschwert, dass, wenn etwas am &bdquo;Ergebnis&ldquo; nicht stimmt, es Sanktionen g&auml;be etc.? Dieses Bild wurde mir zuletzt von deutschen Schulen gezeichnet &ndash; und es wundert wohl nicht, dass hier wenig besser zu werden vermag und noch weniger an Gutem und Neuem &bdquo;erbl&uuml;ht&ldquo;&hellip; Manchmal habe ich mir inzwischen sogar gedacht: Diese ganzen Tests, die werden doch &uuml;berhaupt nur dazu gemacht, um sp&auml;ter die Lehrer als unf&auml;hig oder Sch&uuml;ler als dumm klassifizieren zu k&ouml;nnen &ndash; und also einen Schuldigen zu haben, der eine gute Ablenkung von den systemischen Missst&auml;nden, der grundlegenden Unterfinanzierung und anderem ist&hellip;<\/strong><\/p><p>In der Tat besteht die Gefahr, dass gesellschaftliche Probleme &bdquo;p&auml;dagogisiert&ldquo; oder gar <a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2015\/10\/26\/bdwi-studienheft\/\">individualisiert<\/a> werden und die Bedingungen, unter denen Lehrende sowie Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler ihre &bdquo;Leistungen&ldquo; erbringen, aus dem Blick geraten: Armut in den Familien, Selektionsdruck im Bildungssystem, Finanzierung der Schulen usw. Allein kann man nichts dagegen ausrichten. Da hilft nur, sich in Gewerkschaften und Fachverb&auml;nden zu organisieren, um politisch agieren zu k&ouml;nnen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Hans Br&uuml;gelmann<\/strong> war bis 2012 Professor f&uuml;r Erziehungswissenschaft an der Universit&auml;t Siegen. Inzwischen arbeitet er als Fachreferent f&uuml;r Qualit&auml;tsentwicklung beim Grundschulverband, wo er an qualitativen Evaluationsverfahren einer &bdquo;p&auml;dagogischen Leistungskultur&ldquo; mitgearbeitet hat.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Telepolis-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/39\/39307\/1.html\">Schluss mit PISA?<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19428\">Macht PISA dumm?<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21671\">PISA besch&auml;digt die Bildung weltweit<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Wortmeldung beim Neuen Deutschland: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/975235.menschenmesserideologie.html\">Menschenmesserideologie<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spektrum.de\/news\/rechenschwaeche-gibt-es-nicht\/1209908\">Rechenschw&auml;che gibt es nicht<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19187\">Von wegen Rechtschreipkaterstrofe!<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27016\">Die Kinderkrankmacher<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>BdWi-Studienheft Nr. 10: &bdquo;<a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2015\/10\/26\/bdwi-studienheft\/\">Naturalisierung und Individualisierung. Beitr&auml;ge der Wissenschaft zur Legitimation von Armut und Ausgrenzung<\/a>&ldquo;<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <strong><a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a><\/strong> &uuml;ber neue Texte bestellen.<\/em><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e935a179af0c4ce68f8c398ae7b0e79b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin:0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160114_bruegelmann.jpg\" alt=\"Hans Br&uuml;gelmann\" title=\"Hans Br&uuml;gelmann\"\/><\/div>\n<p>Allerorten wird vermessen, bewertet, zertifiziert. PISA ist &uuml;berall. Doch was geschieht hier &uuml;berhaupt? Leiden immer mehr Sch&uuml;ler und Lehrer am Bildungssystem weil dasselbe bisher einfach zu wenig vermessen worden ist? Ganz sicher nicht, meint der emeritierte Professor f&uuml;r Erziehungswissenschaft <strong>Hans Br&uuml;gelmann<\/strong> im Gespr&auml;ch mit <strong>Jens<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30183\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,34,151,209],"tags":[373,371],"class_list":["post-30183","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-bildung","category-bildungspolitik","category-interviews","tag-oekonomisierung","tag-pisa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30183"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120052,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30183\/revisions\/120052"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}