{"id":30204,"date":"2016-01-14T14:04:34","date_gmt":"2016-01-14T13:04:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30204"},"modified":"2016-01-14T15:34:41","modified_gmt":"2016-01-14T14:34:41","slug":"der-streit-ums-gastrecht-versuch-einer-klaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30204","title":{"rendered":"Der Streit ums \u201eGastrecht\u201c \u2013 Versuch einer Kl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p>Gestern kommentierte Jens Berger von den NachDenkSeiten im Artikel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30171\">Was dem Herrn geziemt, geziemt noch lange nicht dem (Wagen)Knecht<\/a>&ldquo; den innerparteilichen Streit der Linkspartei &uuml;ber ein Zitat der Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht. Daraufhin haben wir viele zustimmende aber auch einige kritische Zuschriften bekommen. Stellvertretend m&ouml;chten wir Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, eine Zuschrift als Debattenbeitrag pr&auml;sentieren, die uns <strong>David Goe&szlig;mann<\/strong>, Mitbegr&uuml;nder des unabh&auml;ngigen TV-Nachrichtenmagazins <a href=\"http:\/\/www.kontext-tv.de\">Kontext TV<\/a> zugesandt hat. David Goe&szlig;mann gab &uuml;brigens vor einigen Tagen auch Jens Wernicke ein sehr interessantes <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30135\">Interview<\/a> f&uuml;r die NachDenkSeiten.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Streit ums &bdquo;Gastrecht&ldquo; &ndash; Versuch einer Kl&auml;rung<\/strong><\/p><p>Die Formulierung, die Sahra Wagenknecht benutzt, ist missverst&auml;ndlich und problematisch. Wagenknecht h&auml;tte auch sagen k&ouml;nnen: Die Genfer Konvention und das deutsche Asylrecht gelten! Oder: Wer gegen die Genfer Konvention und das deutsche Asylrecht&nbsp;verst&ouml;&szlig;t, also wer die &bdquo;nationale Sicherheit&ldquo; massiv gef&auml;hrdet oder aufgrund von schweren Verbrechen zu mindestens drei Jahren Gef&auml;ngnis rechtskr&auml;ftig in Deutschland verurteilt wird, der kann durchaus in Deutschland seinen Fl&uuml;chtlings- und Aufenthaltsstatus&nbsp;verlieren (das gilt im &Uuml;brigen auch f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge, die in ihren L&auml;ndern verfolgt werden, siehe Artikel 33 der Genfer Fl&uuml;chtlingskonvention). Doch das sagt Wagenknecht eben nicht, weil es nicht zum &bdquo;K&ouml;lner Hauptbahnhof&ldquo; passt. Sie benutzt daher eine g&auml;ngige&nbsp;populistische Formel und spricht von &bdquo;missbrauchtem&ldquo; Gastrecht und &bdquo;verwirktem&ldquo; Gastrecht. &bdquo;Gast&ldquo;, &bdquo;Gastrecht&ldquo;, &bdquo;Missbrauch&ldquo; und &bdquo;Verwirken&ldquo; sind keine juristischen Begriffe, die die Rechtssituation von Fl&uuml;chtlingen betreffen. Juristische Begriffe sind genau&nbsp;definiert und der politischen Interpretationswillk&uuml;r entzogen, daher werden sie ja auch in populistischen Formeln vermieden. Ist der Klau von Pizzast&uuml;cken, das &bdquo;Danebenbenehmen&ldquo; im Gastgeberland nicht auch schon ein &bdquo;Missbrauch&ldquo; des &bdquo;Gastrechts&ldquo;, der zum&nbsp;&bdquo;Verwirken des Gastrechts&ldquo; vielleicht sogar zum &bdquo;Verwirken&ldquo; des Rechtsschutzes im Gastland f&uuml;hrt? Die Liste von populistischen &bdquo;Missverst&auml;ndnissen&ldquo; lie&szlig;e sich fortsetzen.<\/p><p>Dass der Begriff &bdquo;Gastrecht&ldquo; missverst&auml;ndlich ist exerziert der Kommentar von ihnen selbst: &bdquo;Strittig wird es erst bei der Frage, was mit G&auml;sten zu tun ist, die ihr Gastrecht missbraucht haben, aber aufgrund internationaler Rechtsabkommen nicht abgeschoben&nbsp;werden d&uuml;rfen. In diesem Punkt ist auch die Genfer Fl&uuml;chtlingskonvention sehr klar und l&auml;sst keinen Raum f&uuml;r Rechtspopulismus &hellip; aber um diese Frage ging es bei den &Auml;u&szlig;erungen von Sahra Wagenknecht ja auch gar nicht.&ldquo; Wie nun? Ist das &bdquo;Gastrecht&ldquo;, also der&nbsp;Schutz und das Aufenthaltsrecht der Fl&uuml;chtlinge, nun doch nicht verwirkt, wenn das Gastrecht &bdquo;missbraucht&ldquo; wurde? Wie k&ouml;nnen sich &bdquo;internationale Rechtsabkommen&ldquo; und die &bdquo;Genfer Fl&uuml;chtlingskonvention&ldquo; &uuml;ber das &bdquo;missbrauchte Gastrecht&ldquo; sch&uuml;tzend vor den&nbsp;Fl&uuml;chtling stellen, wenn sie doch das &bdquo;Gastrecht&ldquo; bilden, das vom &bdquo;Gast&ldquo; &bdquo;missbraucht&ldquo; wurde und damit doch eigentlich f&uuml;r ihn &bdquo;verwirkt&ldquo; ist? Der Widerspruch l&auml;sst sich aufl&ouml;sen. Da es keinen Konflikt zwischen deutschem Asylrecht und der Genfer Konvention&nbsp;gibt, bleibt nur eine L&ouml;sung. &bdquo;Gastrecht&ldquo; meint hier &uuml;berhaupt nicht &bdquo;Genfer Konvention&ldquo;, &bdquo;humanit&auml;res V&ouml;lkerrecht&ldquo; oder &bdquo;deutsches Asylrecht&ldquo;, sondern &bdquo;geltendes Recht in Deutschland&ldquo;, das &bdquo;Recht im Gastland&ldquo;. Mit diesem Verst&auml;ndnis von &bdquo;Gastrecht&ldquo; aber&nbsp;macht die politische Formel: &bdquo;Wer Gastrecht missbraucht, verwirkt eben auch Gastrecht&ldquo; keinen Sinn mehr und ist schon gar nicht tautologisch. Denn deutsches Recht oder den international garantierte Fl&uuml;chtlingsschutz &bdquo;verwirkt&ldquo; kein Fl&uuml;chtling, wenn er deutsches&nbsp;Recht &bdquo;missbraucht&ldquo;, sprich dagegen verst&ouml;&szlig;t. Ein Fl&uuml;chtling, der ein Pizzast&uuml;ck klaut, wird nach geltendem deutschem Recht bestraft (wie jeder in Deutschland). Sein Recht als Fl&uuml;chtling ist davon nicht betroffen, nur in extremen Ausnahmef&auml;llen, siehe oben.<\/p><p>Diese Bedeutungsambivalenz von &bdquo;Gastrecht&ldquo; als &bdquo;geltendes Recht im Gastland&ldquo; und &bdquo;international garantierter Rechtsschutz von Fl&uuml;chtlingen in Gastl&auml;ndern&ldquo;, die ihnen selbst auf die F&uuml;&szlig;e f&auml;llt, ist bewusst in der populistischen, pseudo-juristischen Parole vom&nbsp;&bdquo;Gastrecht&ldquo; eingelassen. Denn mit dem schwammigen &bdquo;Gastrecht&ldquo; kann man diverse Diskussionen erm&ouml;glichen. Wie gesagt, der Klau von Pizzast&uuml;cken, angegrabschten deutschen Frauen, selbst unangemessenes Benehmen des &bdquo;Gasts&ldquo; im &bdquo;Gastland&ldquo; kann als&nbsp;Missbrauch des &bdquo;Gastrechts&ldquo; empfunden werden und dann quasi-automatisch oder &bdquo;tautologisch&ldquo; im Sinne der Parole als verwirktes &bdquo;Gastrecht&ldquo; (sprich: Abschiebung) gefolgert werden. Sicherlich, Sahra Wagenknecht und Sie sehen das nicht so. Aber die Parole&nbsp;bietet diese M&ouml;glichkeiten an. Daher ist sie auch populistisch.<\/p><p>Im &Uuml;brigen: Kriegsfl&uuml;chtlinge sind zwar in der Genfer Konvention nicht ausdr&uuml;cklich genannt. Aber das Verbot, Kriegsfl&uuml;chtlinge, die in Folge von internationalen und nicht-internationalen Konflikten fliehen, nicht abzuweisen oder abzuschieben, entstammt dem&nbsp;humanit&auml;ren V&ouml;lkerrecht und diversen vertraglichen Verpflichtungen, die Kriegsfl&uuml;chtlinge ausdr&uuml;cklich unter Schutz stellen. Der UNHCR und die UN-Vollversammlung in Resolutionen haben immer wieder klar gemacht, dass auch in Kriegen Menschen wegen ihrer&nbsp;Zugeh&ouml;rigkeiten und politischen &Uuml;berzeugungen verfolgt werden. Auch regelt die Genfer Konvention gar nicht, dass Staaten den Fl&uuml;chtlingen ein dauerhaftes Asyl oder gar Staatsb&uuml;rgerschaft geben m&uuml;ssen. Das Zentrum der Fl&uuml;chtlingskonvention ist das Prinzip des&nbsp;&bdquo;Nicht-Zur&uuml;ckweisens&ldquo;, das &bdquo;Non-Refoulement&ldquo;, das auch f&uuml;r Kriegsfl&uuml;chtlinge gilt.&nbsp;&bdquo;Refugee law clarifies the principle that while States have the right to grant durable asylum on a discretionary basis, they are absolutely prohibited from returning individuals to&nbsp;situations in which their basic human rights are at risk. International humanitarian law helps us identify those situations in which the occurrence of war atrocities requires the provision of humanitarian non-refoulement, especially when attempts to stop those&nbsp;atrocities have proven ineffective.&rdquo;&nbsp;(&ldquo;Protection against the Forced Return of War Refugees, Jennifer Moore, 2014) Im Artikel 25 Grundgesetz hei&szlig;t es: &bdquo;Die allgemeinen Regeln des V&ouml;lkerrechtes sind Bestandteil des Bundesrechtes. Sie gehen den Gesetzen vor und&nbsp;erzeugen Rechte und Pflichten unmittelbar f&uuml;r die Bewohner des Bundesgebietes.&ldquo; Es stimmt also nicht, dass Fl&uuml;chtlinge keine &bdquo;&uuml;bergeordneten Rechte&ldquo; jenseits des deutschen Asylrechts haben und f&uuml;r Kriegsfl&uuml;chtlinge keine anerkannten Fl&uuml;chtlingsrechte, also&nbsp;&bdquo;Gastrechte&ldquo;, bestehen.<\/p><p><em>David Goe&szlig;mann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern kommentierte Jens Berger von den NachDenkSeiten im Artikel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30171\">Was dem Herrn geziemt, geziemt noch lange nicht dem (Wagen)Knecht<\/a>&ldquo; den innerparteilichen Streit der Linkspartei &uuml;ber ein Zitat der Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht. Daraufhin haben wir viele zustimmende aber auch einige kritische Zuschriften bekommen. 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