{"id":3022,"date":"2008-02-28T08:59:57","date_gmt":"2008-02-28T07:59:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3022"},"modified":"2019-07-25T11:14:14","modified_gmt":"2019-07-25T09:14:14","slug":"tod-auf-dem-hochsitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3022","title":{"rendered":"Tod auf dem Hochsitz"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen meldeten die Medien, dass sich ein 58 Jahre alter Mann auf einem Hochsitz zu Tode gehungert hat. Er hinterlie&szlig; ein Tagebuch, in dem er sein Sterben dokumentierte. Weiter hei&szlig;t es: &bdquo;Aus dem in blaues Plastik eingebundenen B&uuml;chlein geht hervor, dass der fr&uuml;here Au&szlig;endienstler schon l&auml;nger arbeitslos war. Seine Ehe sei gescheitert, seine erwachsene Tochter habe sich von ihm losgesagt&ldquo;. Er bekam kein Arbeitslosengeld mehr. Er musste seine Wohnung r&auml;umen. Er h&auml;tte Hartz IV beantragen k&ouml;nnen, tat dies aber nicht, so dass er v&ouml;llig ohne Geld dastand. Das Tagebuch des Toten wird an seine Tochter geschickt. Der Tote hatte in dem B&uuml;chlein darum gebeten.<\/p><p>Soweit die Meldung. Was mag in dem B&uuml;chlein gestanden haben? Vielleicht das Folgende.<br>\nVon Joke Frerichs.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Liebe Frau, liebe Tochter. Eure Namen mag ich nicht mehr aussprechen. Es tut zu sehr weh. Ich befinde mich auf einem Hochsitz irgendwo im Solling. Ich bin entschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. Bin mit dem Fahrrad einfach losgefahren. Ohne Ziel. Immer nur nach S&uuml;den. Soweit ich konnte. Nur weg von allem. Hier &ndash; in einer idyllischen Umgebung &ndash; habe ich einen Hochsitz entdeckt, den sobald wohl keiner aufsuchen wird. Die Planken sind morsch. Ich hatte M&uuml;he, heraufzukommen. Hier sitze ich nun und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Ich f&uuml;hle mich unendlich m&uuml;de und ganz leer. Hier oben ist es feucht und kalt. Ich wei&szlig; nicht, wie lange ich durchhalte.  Geld habe ich keines mehr. Auch keine Lebensmittel. Nur eine Flasche Wasser habe ich dabei. <\/p><p>Da ihr euch von mir abgewendet habt, schreibe ich auf, was ich noch zu sagen habe. Es ist alles in dem kleinen, blauen B&uuml;chlein enthalten. Viel ist es ohnehin nicht. In meinem Kopf geht alles durcheinander. Ich wei&szlig; nicht, wo ich beginnen soll. Das ein oder andere wird euch bekannt vorkommen. Einiges vielleicht &uuml;berraschen. Vor allem m&ouml;chte ich, dass ihr wisst, dass ich an euch gedacht habe. Bis zuletzt. Ihr wart ja alles, was ich hatte. Trotz allem, was geschehen ist.<\/p><p>Es geht mir nicht darum, mich zu rechtfertigen. Auch m&ouml;chte ich euch keine Schuldgef&uuml;hle machen. Zu vieles habe ich  falsch gemacht. Gerade in der letzten Zeit. Ich wei&szlig; nicht, was mit mir los war. Ich war nicht mehr ich selbst. Ich f&uuml;hlte mich von allen gedem&uuml;tigt, missverstanden, ja verraten. Das hat mich misstrauisch gemacht &ndash; gegen jeden. Ich lie&szlig; niemanden mehr an mich heran. Hab mich eingekapselt. War nur noch mit mir besch&auml;ftigt. F&uuml;hlte mich irgendwie schuldig. Besch&auml;mt. Ich will versuchen, es euch zu erkl&auml;ren. <\/p><p>Wenn man einmal seine Arbeit verloren hat in meinem Alter, kommt es einem vor, als w&uuml;rde man in ein tiefes, schwarzes Loch fallen. Man f&uuml;hlt sich entwurzelt. Alles bricht zusammen. Man verliert die Orientierung. Glaubt an nichts mehr. Nicht sofort. Aber ganz allm&auml;hlich l&ouml;st sich alles auf. Ohne dass es einem zun&auml;chst bewusst wird. Anfangs hofft man noch. Klammert sich an jeden Strohhalm. Aber mit jeder Absage, die man erh&auml;lt, wird man buchst&auml;blich kleiner. Man schrumpft f&ouml;rmlich zusammen. Von Mal zu Mal. Von Niederlage zu Niederlage.<\/p><p>Ich wei&szlig;, dass viele in der gleichen Situation sind wie ich. Ich wei&szlig; nicht, wie sie es machen, damit fertig zu werden. Ich habe mir lange &uuml;berlegt, ob ich mit einigen einmal reden sollte. Habe es auch das eine oder andere Mal versucht. Aber ich habe sehr bald gesp&uuml;rt, dass die meisten daran nicht interessiert sind. Viele blocken ab. Es ist ihnen peinlich, &uuml;ber sich zu reden. &Uuml;ber ihre Gef&uuml;hle. Wie sie mit der Situation klar kommen.  Die meisten schimpfen zwar auf die Mitarbeiter der Agentur, auf die Politiker, auf das ganze System. Aber das bringt gar nichts. Am Ende  steht jeder wieder allein da.  Macht alles mit sich selbst aus. Man bekommt ja auch kaum Hilfe. Die Mitarbeiter der Agentur sind v&ouml;llig &uuml;berlastet. Man hat schnell das Gef&uuml;hl, ihnen l&auml;stig zu sein. Man f&uuml;llt Formulare aus. Nimmt an Informationsveranstaltungen teil. Meldet sich in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden. Zeigt damit, dass man dem Arbeitsmarkt zur Verf&uuml;gung steht. Aber das alles dient wahrscheinlich nur der Statistik. Denn  das Entscheidende fehlt: Dass man Angebote bekommt. Dass einem gesagt wird, wie es weitergeht.   <\/p><p>Vielleicht h&auml;tte ich versuchen sollen, mit euch zu reden.  Als das noch m&ouml;glich war. Stattdessen habe ich meinen Frust an euch ausgelassen. Habe an allem rumgen&ouml;rgelt. Als w&auml;rt ihr f&uuml;r meine Situation verantwortlich. Lange Zeit habe ich auch geglaubt, allein mit meiner Situation fertig zu werden. Zu lange. Ich wollte nicht als Verlierer dastehn. Als Versager. Ich hatte es doch immer aus eigener Kraft geschafft. Damals, als mein Vater fr&uuml;h starb und ich die Schule abbrechen musste. Ich habe mir eine Lehrstelle besorgt. Habe Mutter unterst&uuml;tzt. Bin an Vaters Stelle getreten. Habe Verantwortung &uuml;bernommen, wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t. War stolz darauf, gebraucht zu werden. Bin mit der Aufgabe gewachsen. Bis zum Ende der Lehre. Als ich dann nicht &uuml;bernommen wurde, habe ich dies nach einer kurzen Zeit der Entt&auml;uschung und Wut relativ leicht &uuml;berwunden. Ich war jung. Die Welt stand mir noch offen. So glaubte ich jedenfalls. Doch es war auch schon damals schwierig, wieder Fu&szlig; zu fassen. In meinem erlernten Beruf konnte ich nicht bleiben. So habe ich umgeschult und bin dann schlie&szlig;lich im Au&szlig;endienst gelandet. Lange Zeit ging es ganz gut, obwohl ich eigentlich nie ein &bdquo;Verk&auml;ufertyp&ldquo; war. Nach einigen Jahren wurde ich sogar Distriktleiter. Auch privat lief zun&auml;chst alles glatt. Ich gr&uuml;ndete eine Familie. Das erste Kind kam. Alles schien  bester Ordnung zu sein. Bis vor einem Jahr die Katastrophe geschah und ich meine Arbeit verlor. Von heut auf morgen.<\/p><p>Wenn ich heute daran denke,  kommt es mir vor, als h&auml;tte ich in einer anderen Welt gelebt. In einer Art fr&uuml;herem Leben. So ist es ja in gewisser Weise auch. Was jetzt mit mir geschah, war ein totaler Bruch mit allem, was mir vertraut war. Wie viel  Niederlagen habe ich seitdem erlitten. Wie konnte es nur so weit kommen? Ich kann einfach nicht begreifen, dass jemand, der arbeiten will, keine Chance mehr bekommt. Dass man schlichtweg &uuml;berfl&uuml;ssig ist. Ausschuss. Das hat mir nach und nach mein Selbstbild zerst&ouml;rt. Das Selbstvertrauen genommen. Jedenfalls das bisschen, was davon noch &uuml;brig war. Denn als die Firma von einem neuen Eigent&uuml;mer &uuml;bernommen wurde, verlor ich ja schon meinen Posten als Distriktleiter. Musste wieder in den Au&szlig;endienst. An die Front, wie wir zu sagen pflegten. Die Gebiete, die wir zu betreuen hatten, wurden immer gr&ouml;&szlig;er. Was fr&uuml;her drei Mitarbeiter machten, wurde jetzt auf zwei verteilt. Das bedeutete nat&uuml;rlich mehr Stress f&uuml;r jeden. Vor allem aber war man weniger zu Hause. Immer &ouml;fter musste ich ausw&auml;rts &uuml;bernachten. An den Abenden sa&szlig; ich allein in meinem Hotelzimmer oder in irgendeiner Kneipe. Es war ziemlich trostlos. Ich trank mehr als ich wollte. Versuchte, irgendwie die Zeit totzuschlagen.  Wenn ich heute dar&uuml;ber nachdenke, glaube ich, dass schon damals die ersten Risse in unserem Familienleben entstanden.  Ich war h&auml;ufig ausgelaugt, wenn ich nach Hause kam. Nerv&ouml;s, besonders wenn ich wenig Abschl&uuml;sse gehabt hatte. Oft, ja allzu oft, habe ich meine Entt&auml;uschung an euch ausgelassen. Kein Wunder, dass ihr irgendwann genug davon hattet.<\/p><p>Heute wird mir klar, wie falsch wir gelebt haben. Wie viel wertvolle Zeit wir vertan haben. Man tut immer so, als h&auml;tte man unendlich viel Zeit zum Leben. Als lie&szlig;e sich alles auf sp&auml;ter verschieben. Irgendwann einmal nachholen. Im Urlaub. Oder wenn man in Rente geht. Was  h&auml;tte man alles machen k&ouml;nnen? Gemeinsam. Aber jetzt ist es zu sp&auml;t. Vielleicht war es immer schon zu sp&auml;t. Oder doch nicht so einfach, anders zu leben. Denn was ist es denn schon, das so genannte Leben? Wenn man zur&uuml;ck denkt, reduziert sich alles auf ein paar Gl&uuml;cksmomente, an die man sich erinnert. Die erste Zeit der Liebe. Die Geburt der Tochter. Das war es doch schon fast. Wenn man so im t&auml;glichen Trott dahin lebt, wie wir es getan haben und viele andere es tun, denkt man wenig dar&uuml;ber nach. Meistens ist man abends viel zu  kaputt dazu. Oder zu tr&auml;ge. Man will einfach nur noch seine Ruhe haben. Schaltet den Fernseher ein und sich selber ab. So ist es doch. M&ouml;glichst nicht zu viel reden. Sich keine Gedanken machen dar&uuml;ber, wie man lebt. Was auf einen zukommen kann. Man macht einfach das, was alle anderen auch machen. Ein Tag ist wie der andere. Solange nichts Au&szlig;ergew&ouml;hnliches passiert, gibt es keinen Grund, daran etwas zu &auml;ndern. Man merkt oft gar nicht, dass irgendetwas nicht stimmt. Das merkt man erst, wenn die Katastrophe da ist. So wie jetzt. Jetzt w&uuml;sste ich, was ich anders machen w&uuml;rde. Aber wie gesagt: jetzt ist es zu sp&auml;t. Und vielleicht ist ohnehin alles nur ein Trugschluss. Vielleicht mache ich mir auch jetzt noch was vor. Damals jedenfalls hatte ich keine Kraft, unserem Leben eine andere Wendung zu geben. <\/p><p>&Uuml;ber mich reden, konnte ich nie besonders gut. Hatte es nie gelernt. Habe mich auch nie so wichtig genommen. Es war ein Fehler, wie ich heute wei&szlig;. Ich h&auml;tte euch von meinen Problemen erz&auml;hlen sollen. Von meinen Sorgen. Dass es immer schwieriger wurde in der Firma. Die st&auml;ndigen Kontrollen. Der Leistungsdruck. Aber ich ging &uuml;ber all das hinweg. &Uuml;berlie&szlig; mich dem Alltagstrott.  Machte mir was vor. Sobald ich wieder einmal einen gelungenen Abschluss hatte, f&uuml;hlte ich mich wieder gut. Hielt mich f&uuml;r unersetzbar. Im tiefsten Innern sp&uuml;rte ich zwar, dass dem nicht so war. Aber ich &uuml;berspielte meine &Auml;ngste. Konnte es mir gar nicht erlauben, mich l&auml;nger damit zu besch&auml;ftigen. Es h&auml;tte mich alles  nur noch mehr verunsichert, glaubte ich damals. Und mit euch dar&uuml;ber zu reden &ndash; das w&auml;re mir nie in den Sinn gekommen. Euch mit hereinziehen? Das wollte ich partout nicht.  Lieber spielte ich meine Rolle wie gewohnt weiter. Markierte den starken Mann.  Mir war zwar zunehmend unwohl dabei, aber was sollte ich machen? Ich sah keinen anderen Ausweg.<\/p><p>Als mir der Stuhl vor die T&uuml;r gesetzt wurde &ndash; nat&uuml;rlich mit den &uuml;blichen Spr&uuml;chen des Bedauerns;  dass es nicht pers&ouml;nlich gemeint sei; dass die Marktsituation keine Alternative zulasse usw., war ich zun&auml;chst v&ouml;llig sprachlos. Ja, apathisch. Damit hatte ich nicht gerechnet. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich hatte eine ganze Reihe zufriedenstellender Abschl&uuml;sse get&auml;tigt. Auch der Firma ging es gut, so glaubte ich jedenfalls. Ich war wie vor den Kopf gesto&szlig;en. Empfand noch nicht einmal Wut. Entt&auml;uschung vielleicht. Auch Selbstmitleid. Aber wenn ich es genau nehme, empfand ich gar nichts. Alles war irgendwie unwirklich. Als w&uuml;rde man tr&auml;umen. Dieses Gef&uuml;hl kannte ich schon als Kind. Immer, wenn mir etwas Schlimmes oder Unangenehmes passierte, stellte ich mir einfach vor, es sei nur ein Traum. Manchmal war es auch so. Aber manchmal eben auch nicht. Und das, was ich jetzt erlebte, war leider kein Traum. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich einigerma&szlig;en realisiert hatte, was geschehen war.  Ganz begriffen habe ich es bis heute nicht. Wenn man jahrzehntelang so dahin gelebt hat &ndash; tagaus, tagein &ndash; kann man sich gar nicht vorstellen, dass es einmal anders sein k&ouml;nnte. Jetzt wei&szlig; ich, dass das ein Irrtum war. Aber wieder einmal kommt die Einsicht zu sp&auml;t. <\/p><p>Ihr wisst, dass ich versucht habe, mich gegen meine Entlassung zu wehren. War beim Betriebsrat. Bei der Gewerkschaft. Man versprach, sich f&uuml;r mich einzusetzen. Versuchte, mir Mut zu machen. Aber heraus kam dabei nichts. Eine m&auml;&szlig;ige Abfindung. Das war alles. Gegen die so genannten  Marktgesetze kann keiner was ausrichten. Die Auftragslage lie&szlig; angeblich keine andere M&ouml;glichkeit zu. Und bei der Sozialauswahl, an der der Betriebsrat beteiligt war, sei ich nun mal an der Reihe gewesen. Das war alles, was man mir sagen konnte. Ich vermute zwar, dass irgendjemandem meine Nase nicht mehr passte &ndash; aber was nutzt das alles. Letztlich bist du machtlos und stehst ziemlich verloren da. Die Kollegen zucken mit den Achseln oder sagen einem irgendwelche Banalit&auml;ten. In Wirklichkeit ist jeder froh, dass es ihn nicht getroffen hat.<\/p><p>Das alles musste ich erst einmal verdauen. Ich h&auml;tte nie gedacht, dass mir das passieren k&ouml;nnte. Ich war doch kein schlechter Au&szlig;endienstler. Konnte durchaus noch mithalten, auch wenn mich das st&auml;ndige Reisen mehr und mehr anstrengte. Ich hatte ja auch versucht, in den Innendienst zu kommen. Aber damals sagte man mir, man brauche Leute mit meiner Erfahrung im Au&szlig;endienst. Ich gebe gerne zu, dass mir das geschmeichelt hat. Aber was solche Aussagen wert sind, sieht man ja. Es ist das Geschw&auml;tz von gestern, das keinen mehr interessiert.<\/p><p> Dass ich mich bem&uuml;ht habe, wieder Arbeit zu finden, wisst ihr. Anfangs ist man noch ganz guter Hoffnung. Man wei&szlig; schlie&szlig;lich, was man kann. Als von der Arbeitsagentur so gut wie nichts an Angeboten kam, blieb mir nichts anderes &uuml;brig, als selbst aktiv zu werden. Ich habe t&auml;glich die Stellenangebote in den Zeitungen durchgesehen; im Internet; habe mich rumgeh&ouml;rt. Nichts und wieder nichts. Immer nur Absagen. Immer die gleichen Begr&uuml;ndungen. Oft waren es Vordrucke, in die nur die jeweiligen Namen eingesetzt worden waren. Die &uuml;blichen Phrasen. Wenn &uuml;berhaupt eine Antwort kam. Das hat mich am meisten verletzt, wenn man nicht einmal einer Antwort f&uuml;r wert befunden wurde. Das geht an die Ehre &ndash; und an die Nerven. Leute in meinem Alter geh&ouml;ren in dieser Gesellschaft offenbar zum alten Eisen. Allem Geschw&auml;tz der Politiker zum Trotz. Man hat den Eindruck, dass man gerade noch geduldet wird, aber mehr auch nicht. Das sagt einem nat&uuml;rlich keiner ins Gesicht. Aber man sp&uuml;rt es auf Schritt und Tritt. An der Art, wie einen die Nachbarn ansehen. Die ehemaligen Kollegen. Die Leute in der Kneipe. Die fr&uuml;heren Sportkameraden.  Wenn es geht, machen sie einen Bogen um einen.  Das alles tut einfach nur weh. Wer das nicht selbst erlebt hat, wird es nicht verstehen. Man glaubt gar nicht, wie sehr das an einem zehrt. Wie d&uuml;nnh&auml;utig man mit der Zeit wird. Man hat nur noch das Bed&uuml;rfnis, sich zu verkriechen.<\/p><p>Ich schreibe dies alles nicht auf, um irgendjemanden anzuklagen. Ich selbst habe mich nicht anders verhalten in &auml;hnlichen Situationen. Habe ich mich um andere gek&uuml;mmert? Keineswegs. Man h&auml;lt es nur nicht f&uuml;r m&ouml;glich, das  einem selbst das passiert. Jeder h&auml;lt sich f&uuml;r unverwundbar. Trotz der vielen Arbeitslosen, die es seit Jahren gibt. Jedenfalls tut jeder so, als ginge ihn das nichts an.  Vielleicht spielt auch  jeder nur seine Rolle, so gut er kann. Macht vielleicht sogar noch seine Spr&uuml;che, &uuml;ber &bdquo;die&ldquo; Arbeitslosen. Die doch selber Schuld sind an ihrer Lage. Habe nicht auch ich lange Zeit so oder &auml;hnlich gedacht? Dass genug Arbeit f&uuml;r alle da ist. Dass man nur &bdquo;wollen&ldquo; muss. Hatte es nicht etwas Entlastendes, so zu reden? Auch wenn man es besser h&auml;tte wissen k&ouml;nnen?  War es nicht bequem, so daher zu reden? Sich keine weiteren Gedanken zu machen? Sich gar vorzustellen, dass es einen selbst erwischen k&ouml;nnte? Wie gesagt: Ich nehme mich da gar nicht aus. Ich war auch nicht anders als die anderen. Solange es mich nicht betraf.<\/p><p>Ich betone es noch einmal: Ich mache Niemandem einen Vorwurf. Vor allem auch den Mitarbeitern der Arbeitsagentur nicht, die f&uuml;r vieles den Kopf hinhalten m&uuml;ssen. Sie haben mich immer gut behandelt. Da kann ich mich nicht beklagen. Was sollen sie machen, wenn keine Stellen da sind. Mit der Zeit merkt man zwar, dass es ihnen unangenehm ist, wenn man auftaucht. Dass es ihnen l&auml;stig ist, immer die gleichen Ausk&uuml;nfte  zu geben. Man kommt sich vor, als w&uuml;rde man  ihnen ihre Zeit stehlen. Vielleicht  f&uuml;hlen sie sich selbst auch nur unwohl, weil sie nichts zu bieten haben. Das ist f&uuml;r alle Beteiligten unangenehm. Bei der Vielzahl der F&auml;lle, die sie zu bearbeiten haben, k&ouml;nnen sie sich ohnehin nicht mit jedem besch&auml;ftigen. Wie sollen sie sich in die Schicksale ihrer Klienten reindenken? Dazu haben sie gar keine Zeit. Das ist wie bei den &Auml;rzten. Und &auml;ndern w&uuml;rde es ja ohnehin nichts. Irgendwann haben sie mir dann mitgeteilt, dass ich bald kein Arbeitslosengeld mehr bekommen k&ouml;nne. Die Frist sei abgelaufen. Ich sollte doch einen Antrag auf Hartz IV stellen. Das w&uuml;rde mir zustehen. Darauf h&auml;tte ich einen Rechtsanspruch. Nur m&uuml;sste ich dann die Wohnung aufgeben. Mir eine kleinere suchen. <\/p><p>Ich bin zu dem Schluss gekommen, keinen Antrag zu stellen. Ich will nicht bis zu meinem Lebensende Bittsteller sein. Mich als Sozialschmarotzer beschimpfen lassen. Das geht gegen meine W&uuml;rde als Mensch. Ich will arbeiten. Selbst f&uuml;r mich sorgen. Wenn man keine Arbeit mehr f&uuml;r mich hat, zeigt mir das nur, dass ich nicht  gebraucht werde. Aber dann f&uuml;hle ich mich auch nicht mehr gesellschaftsf&auml;hig. Dann hat es auch keinen Sinn, weiter zu machen. Zu diesem Entschluss bin ich nach und nach gekommen. Es fiel mir nicht leicht. Den letzten Ansto&szlig; gab die Tatsache, dass man mir die Wohnung wegnahm. Das hat mich buchst&auml;blich entwurzelt. Stellt euch vor:  Unsere Wohnung, in der wir so lange gelebt haben. Die voll ist von Erinnerungen. Wo man jede Ecke kennt. So vieles selbst gemacht hat.  Das habe ich nicht verkraftet. Ab da war ich nicht mehr bereit, mitzuspielen. F&uuml;r mich habe ich beschlossen, das Spiel zu beenden.<\/p><p>Ihr wart ja schon vor einiger Zeit ausgezogen. Habt es nicht mehr mit mir ausgehalten. Ich mache euch deswegen keine Vorw&uuml;rfe. Heute verstehe ich euch besser. Damals war es nat&uuml;rlich ein harter Schlag f&uuml;r mich. Erst die Tochter weg. Dann die Frau. Ich habe viel dar&uuml;ber nachgedacht, wie es so weit kommen konnte. Eine Antwort habe ich nicht gefunden. Es gibt immer viele Gr&uuml;nde. Welcher der ausschlaggebende war, wei&szlig; ich nicht. Vielleicht ist es so, dass sich alles mit der Zeit aufgel&ouml;st hat in seine Bestandteile. Dass ihr es nicht mehr mit ansehen konntet, wie alles den Bach runtergeht. Wenn man es genau nimmt, habt ja nicht ihr euch abgewandt von mir, sondern umgekehrt: ich war es, der sich zunehmend zur&uuml;ckzog, weil ich mir minderwertig vorkam. Der sich vor Scham kaum noch traute, irgendwo aufzutauchen. Der tagelang auf dem Bett liegen konnte und vor sich hin d&ouml;ste. Der bei jeder Gelegenheit aufbrauste. Sich gest&ouml;rt f&uuml;hlte, wenn jemand ihn ansprach. Der immer asozialer wurde. Ja &ndash; das ist das richtige Wort. Asozial bin ich geworden. Nicht mehr f&auml;hig, zu reden, mich mitzuteilen, auszutauschen, &bdquo; in Gesellschaft&ldquo; zu sein. Alles ist mir l&auml;stig geworden. Ich will nur noch meine Ruhe. Endg&uuml;ltig. F&uuml;r immer. Einfach nur Ruhe. K&ouml;nnt ihr das ein wenig verstehn? Ich bitte euch darum. Es ist meine letzte Bitte.<\/p><p>Ich bin jetzt so schwach, dass ich mich kaum noch aufrichten kann. Obwohl mir alles weh tut, f&uuml;hle ich mich irgendwie ganz frei. Kein Druck lastet mehr auf mir. Endlich. Schreiben werde ich bald nicht mehr k&ouml;nnen. Daher verabschiede ich mich jetzt von euch. Macht euch meinetwegen keine Gedanken. Ich habe mich so entschieden, wie ich mich entschieden habe. Ich mache von der einzigen Freiheit Gebrauch, die mir geblieben ist. Ich wollte so wenig Aufhebens von mir machen, wie m&ouml;glich. Deshalb habe ich diesen Weg gew&auml;hlt. Verzeiht mir.<\/p><p>P.S.:<br>\nWer immer mich findet:  Das blaue B&uuml;chlein soll an meine Tochter gehen. Sie soll wissen, dass meine Gedanken bis zuletzt bei meiner Familie waren.  <\/p><p>Ich wei&szlig; nicht, wie lange das hier oben auf dem Hochsitz so weiter geht. Nachts wird es immer k&auml;lter. Ich schlafe schlecht. Tr&auml;ume zu viel. Wei&szlig; manchmal gar nicht, ob ich tr&auml;ume oder wache. Das Hungergef&uuml;hl schmerzte am Anfang sehr. L&auml;sst jetzt aber immer mehr nach. Habe nur noch wenig zu trinken. S&auml;mtliche Knochen tun mir weh. Ich wei&szlig; nicht mehr, wie ich mich legen soll. Wenn ich mich aufsetze, wird mir schwindlig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen meldeten die Medien, dass sich ein 58 Jahre alter Mann auf einem Hochsitz zu Tode gehungert hat. Er hinterlie&szlig; ein Tagebuch, in dem er sein Sterben dokumentierte. Weiter hei&szlig;t es: &bdquo;Aus dem in blaues Plastik eingebundenen B&uuml;chlein geht hervor, dass der fr&uuml;here Au&szlig;endienstler schon l&auml;nger arbeitslos war. 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