{"id":3023,"date":"2008-02-28T09:03:49","date_gmt":"2008-02-28T08:03:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3023"},"modified":"2019-02-04T11:18:29","modified_gmt":"2019-02-04T10:18:29","slug":"norbert-bluem-feuerwehr-als-brandstifter-die-privatisierung-frisst-ihre-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3023","title":{"rendered":"Norbert Bl\u00fcm: \u201eFeuerwehr als Brandstifter \u2013 Die Privatisierung frisst ihre Kinder\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Privatisierung des Staates frisst ger&auml;uschlos und gem&auml;chlich die &ouml;ffentliche Sicherheit auf. Sicherheit vor Verbrechen und Sicherheit vor Not werden Opfer der Privatisierung. Freiheit von Gewalt und Willk&uuml;r und Freiheit von Not ist jedoch die elementare Basis staatsb&uuml;rgerlicher Freiheit. Diese Langfassung eines Beitrags in der Frankfurter Neuen Presse hat uns Norbert Bl&uuml;m zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Freiheit von Gewalt<\/strong><br>\nDas Gewaltmonopol des Staates geh&ouml;rt zu den zivilisatorischen Fortschritten, die mit dem Rechtsstaat verbunden sind. Das Gewaltmonopol setzte der Willk&uuml;r Grenzen. Der Staat als Garant von Sicherheit zieht sich zur&uuml;ck. Er wird &bdquo;privatisiert&ldquo;. Doch die res publica l&auml;sst sich nicht privatisieren, ohne der Anarchie Raum zu geben.<br>\nIn manchen L&auml;ndern, wie beispielsweise in den USA, gibt es inzwischen mehr Personal f&uuml;r private Sicherheitsdienste als Polizei. In anderen L&auml;ndern sind die &bdquo;Schutzm&auml;nner&ldquo; von Gro&szlig;betrieben besser ausger&uuml;stet und h&ouml;her bezahlt als die staatliche Armee. Wer bei Gasprom Wache schiebt, hat mehr Geld als ein Soldat der russischen Armee.<br>\nIn allen Krisengebieten dieser Erde tummeln sich inzwischen &bdquo;privatisierte&ldquo; Milit&auml;rs, und zwar auf eigene wie fremde Rechnung. Im Irak ballert eine amerikanische Firma als private Sicherungstruppe, anscheinend frei von rechtlichen R&uuml;cksichten.<\/p><p>Die Privatisierung ist die Hebamme eines neuen Klassenkampfes. Die Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm trennt die Wohngebiete sch&auml;rfer als je zuvor: In den Reichen-Vierteln festungs&auml;hnlich mit Hunden und Stacheldraht und Wachmannschaften gesicherte Villen, in den Armutsquartieren freie Bahn der Gewalt. Das ist die h&auml;ssliche Fratze der Privatisierung der Rechtssicherheit.<\/p><p><strong>Freiheit von Not<\/strong><br>\nIn das Visier der Privatisierung ger&auml;t jetzt auch der Sozialstaat. Das Projekt ist ein Bombengesch&auml;ft f&uuml;r die Versicherungskonzerne. Wenn hierzulande die Privatversicherung auch nur 10 % des Geldes, was die gesetzliche Rentenversicherung einnimmt, auf ihre M&uuml;hlen umleitet, hat sie rund 20 Milliarden Euro Mehreinnahmen. Daf&uuml;r lassen sich schon gro&szlig;e Anzeigenkampagnen finanzieren und Wissenschaftler sponsern, mit denen f&uuml;r private, kapitalgedeckte Alterssicherung und gegen die gesetzliche, umlagefinanzierte Rente mobilgemacht wird. BILD schlie&szlig;t mit Allianz ein Aktionsb&uuml;ndnis, und Wissenschaftler werden zu Lobbyisten umgeschult, die ihren Professorentitel nur noch als Tarnkappe tragen. &bdquo;Wissenschaftlich&ldquo; wird hochgerechnet, was jemand an Rente erh&auml;lt, der lebenslang Beitrag gezahlt hat. Peter Oberender von der Uni Bayreuth hat f&uuml;r BILD ausgerechnet, dass ein Junger 146.080 Euro mehr in die Rentenversicherung im Laufe seines Lebens einzahlt, als er sp&auml;ter ausgezahlt bekommt. Der Mann ist ein Genie! Die Rechnung kann seri&ouml;ser Weise nur jemand machen, der die Lohn- und Besch&auml;ftigungsentwicklung der n&auml;chsten f&uuml;nf Jahrzehnte genau voraussagen kann. Au&szlig;er dem lieben Gott k&ouml;nnen das allerdings nur noch Wahrsager und Professor Oberender. <\/p><p>Eine Meisterleistung des wissenschaftlichen Lobbyismus&rsquo; ist der Renditevergleich zwischen Rente, Lebensversicherung und Aktien, der uns j&uuml;ngst bei Maybrit Illner &ouml;ffentlich-rechtlich vorgestellt wurde. Auch dieser Vergleich war von &bdquo;Professoren&ldquo; geliefert worden: Peter Albrecht und Axel B&ouml;rsch-Supan von der Uni Mannheim. Als Rendite wird f&uuml;r die Rente 2,1 % angegeben, f&uuml;r Lebensversicherung 7,2 % und f&uuml;r die Aktie 10,8 %. Bei Licht betrachtet ist das ein Vergleich zwischen &Auml;pfeln und Birnen, die Rentenversicherung sichert schlie&szlig;lich nicht nur das Alter ab, sondern gleich einen ganzen Komplex von Lebenslagen und Risiken: von der Hinterbliebenenrente &uuml;ber die Waisenrente bis zur Erwerbsunf&auml;higkeitsrente. Zudem zahlt die Rentenversicherung Kindererziehungszeiten und Rehabilitationsma&szlig;nahmen. Mir ist keine Privatversicherung der Welt bekannt, die ein solches Sicherungsb&uuml;ndel zu dem Beitrag anbieten kann, zu dem es die Rentenversicherung schafft. Das w&auml;re leicht erkl&auml;rbar, wenn es jemand erkl&auml;ren wollte. Die Privatversicherung muss n&auml;mlich auch ihre Werbekolonnen bezahlen, ihre Aktion&auml;re bedienen und die Provisionen ihrer Vertreter finanzieren, bevor &uuml;berhaupt sie auch nur 1 Euro f&uuml;r den eigentlichen Zweck abzweigt. Manipulativ war der &bdquo;wissenschaftliche&ldquo; Vergleich auch deshalb, weil f&uuml;r die vorgestellte Renditerechnung der Aktien der Zeitraum von 1980 bis 2006 gew&auml;hlt wurde. Es w&uuml;rden sich ganz andere Zahlen ergeben, wenn andere Zeitr&auml;ume gew&auml;hlt worden w&auml;ren. Der deutsche Aktienindex ist beispielsweise zwischen 1999 und 2002 um 60 % gesunken. 955 Milliarden Euro sind in dieser Zeit durch den B&ouml;rsenkamin gerauscht.<\/p><p>Was macht ein Aktion&auml;r, der nicht von der Rendite zwischen 1980 und 2006 lebt, sondern seine Aktien zur Sicherung seines Lebensunterhalts in einer ganz bestimmten Zeit ben&ouml;tigt? Die Rendite der Aktion&auml;re, berechnet auf den Zeitraum zwischen 1980 und 2006, ist deshalb so g&uuml;nstig, weil man sich einen g&uuml;nstigen l&auml;ngeren Zeitrahmen ausgew&auml;hlt hat. Das ist ungef&auml;hr so, als w&uuml;rde man die Durchschnittstemperatur Skandinaviens im Jahreszeitraum ermittelt wurde, ohne darauf hinzuweisen, dass man im Winter am Nordkap erfrieren kann, wenn man sommerlich bekleidet ist.<\/p><p>Den Arbeitern von Enron hat die Rendite ihrer Aktien &uuml;berhaupt nichts genutzt, denn als der Schwindel ihrer Firma aufflog, waren sie um 2 Milliarden &auml;rmer. Das war der Unterschied zu den Managern, die vorher f&uuml;r sich selbst eine Milliarde in Aktien zur Seite geschafft hatten. Aber warum in die Ferne schweifen &hellip;? Die Infineon-Aktie fiel von einem Rekordhoch von 100 Euro im Jahr 2000, also kurz nach B&ouml;rsengang im Februar 2008, in den Keller von 5,60 Euro. Da ist von Rendite keine Spur mehr.<\/p><p>So ist es eben, wenn man mit ausgesuchten Durchschnittszahlen die Kunden &bdquo;wissenschaftlich f&uuml;r dumm verkauft&ldquo;. Mit Durchschnittszahlen l&auml;sst sich schlecht leben. Im Durchschnitt ist nicht die Bandbreite erkennbar, zwischen der er ermittelt wurde. Wenn einer zwei Bratw&uuml;rste isst, der andere aber keine, haben beide durchschnittlich eine Bratwurst gegeben; allerdings ist der eine satt und der andere hat Hunger.<\/p><p>Irref&uuml;hrend ist auch die von den Lobby-Wissenschaftlern angegebene Rendite f&uuml;r die Lebensversicherungen. Deren Mindestverzinsung sinkt st&auml;ndig, und mit der Sicherheit der Lebensversicherungen ist es auch nicht allzu weit her. Vor ein paar Jahren waren in Deutschland f&uuml;nf oder mehr Lebensversicherungen am Rande des Ruins. Und nur indem der Gesetzgeber ihnen steuerlich schnell zur Seite sprang, konnten sie &uuml;berleben. Den Crash-Test der Finanzaufsicht hat nur ein Teil der deutschen Lebensversicherungen bestanden.<\/p><p>Renditevergleiche ohne Hinweis auf das Risiko sind vergleichbar einer Geschwindigkeitsangabe f&uuml;r Rennen auf einem zugefrorenen See ohne Angabe der Eisdicke. Es nutzen Rekordgeschwindigkeiten wenig, wenn das Eis d&uuml;nn ist, die Eisdecke bricht und die Rennfahrer ersaufen.<\/p><p>F&uuml;r die Riester-Rente hat der Gesetzgeber lediglich Null als Mindestrendite festgelegt. Das steht im Kontrast zur Gro&szlig;m&auml;uligkeit, mit der Renditeprognosen von Wissenschaftlern, die im Solde der Versicherungswirtschaft stehen, verbreitet werden.<\/p><p>&Uuml;bersehen wird, dass die 7,2 %, die als Lebensversicherungs-Rendite angegeben werden, rein nominal sind, also der reale Wert ausgeblendet ist. Was sie wirklich wert sind, entscheidet die Inflation, denn die meisten Lebensversicherungszusagen sind nicht dynamisiert wie die Rente, sondern statisch festgeschrieben und deshalb schutzlos den Preissteigerungsraten ausgesetzt.<\/p><p>Es findet weiterhin die Kampagne &bdquo;Volksverdummung&ldquo; statt. Das Traurige dabei ist, dass Leute, die sich als Wissenschaftler ausgeben, daf&uuml;r Schmiere stehen und bezahlte Schreiber die Rentenversicherung kaputt schreiben. Wobei ihnen ihr Gesch&auml;ft erleichtert wurde, weil die Rentenversicherung in einen Zustand &bdquo;reformiert&ldquo; wurde, der sie den Schreckensszenarien angleicht.<\/p><p>In vorauseilendem Gehorsam senkte die amtliche Rentenpolitik das Rentenniveau systematisch so weit ab, dass viele Renten in Zukunft in die Nachbarschaft der Sozialhilfe geraten werden. Altersarmut wird dann nicht mehr eine Ausnahme sein, sondern ein Massenschicksal. Eine Altersrente aber, die Altersarmut als Massenschicksal nicht vermeiden kann, bringt sich um den Sinn von Beitragszahlungen. Damit verliert die Rentenversicherung ihre Akzeptanz. Aber das ist wohl Ziel der &Uuml;bung.<\/p><p>Durch den Riester-Beitrag sinkt das Rentenniveau. Hinzu kommt, dass die Bewertung von Zeiten der Arbeitslosigkeit zu der Rentenberechnung rapide abgesenkt wurde. So entl&auml;sst die Rentenversicherung gerade die aus ihrem Schutz, die auf ihn angewiesen sind, weil sie sonst nichts haben. <\/p><p>Dass der Demografiefaktor in der alten, von Riester ver&auml;nderten Rentenformel zu einem niedrigeren Rentenniveau gef&uuml;hrt hatte als die &bdquo;Riestertreppe&ldquo;, wie der angesehene Vorsitzende des Sachverst&auml;ndigenrates Professor R&uuml;rup behauptet, ist Quatsch, denn die alte Riester-Formel war mit einer Niveau-Sicherungsklausel versehen, die als Notbremse verhindert h&auml;tte, dass das Rentenniveau unter 64 % sinkt. Die Riester-Rente landet dagegen im Rentenalter weit darunter (beim Netto-Vergleich unter 55 %). Au&szlig;erdem wurde die Bewertung der Arbeitslosenzeiten rapide abgesenkt. Das trifft &uuml;berwiegend die &Auml;rmeren. Herr Professor R&uuml;rup hat dies in seinem Eifer f&uuml;r die Privatversicherung offenbar vergessen. Blinder Eifer schadet nur.<br>\nDie Riester-Rente hat die Rolle, die ein Brandstifter spielt, der sich als Feuerwehrmann verkleidet hat. <\/p><p>Wenn das Geld, das in die Riester-Rente gesteckt wird, in der Rentenversicherung landen w&uuml;rde einschlie&szlig;lich der staatlichen F&ouml;rderung von 13 Milliarden Euro, h&auml;tten auch die Geringverdiener und Arbeitslosen etwas davon. So geht die staatliche F&ouml;rderung an ihnen vorbei, und sollten die &Auml;rmeren doch einen Beitrag zur Riester-Rente sich am Munde abgespart haben, nutzt ihnen das auch nichts. Die Riester-Rente wird auf die Grundsicherung angerechnet. Wie sie es auch drehen und wenden, die Armen sind die Verlierer. <\/p><p>Die Spaltung der Gesellschaft versch&auml;rft sich durch Privatisierung der Solidarit&auml;t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Privatisierung des Staates frisst ger&auml;uschlos und gem&auml;chlich die &ouml;ffentliche Sicherheit auf. 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