{"id":30247,"date":"2016-01-15T09:04:58","date_gmt":"2016-01-15T08:04:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30247"},"modified":"2019-01-04T12:28:45","modified_gmt":"2019-01-04T11:28:45","slug":"wettbewerbsfaehigkeit-das-oekonomische-unwort-der-vergangenen-jahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30247","title":{"rendered":"\u201eWettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c \u2013 das (\u00f6konomische) Unwort der vergangenen Jahre"},"content":{"rendered":"<p>Das Wort &bdquo;Gutmensch&ldquo; ist in dieser Woche zum Unwort des Jahres 2015 erkl&auml;rt worden. Dass es ein Begriff rund um die Fl&uuml;chtlingsdebatte werden w&uuml;rde, war abzusehen, denn diese &uuml;berlagert derzeit alle anderen Themen. Auf Platz zwei landete mit &bdquo;Hausaufgaben&ldquo; dann ein Wort aus der Euro- und Griechenlandkrise. Um zum &bdquo;Unwort des Jahres&ldquo; gek&uuml;rt zu werden, muss ein Begriff folgende Kriterien erf&uuml;llen: erstens gegen die Prinzipien der Menschenw&uuml;rde und Demokratie versto&szlig;en, zweitens einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren und drittens euphemistisch, verschleiernd oder gar irref&uuml;hrend sein. Dar&uuml;ber hinaus sollte der Begriff eine gewisse Aktualit&auml;t aufweisen und allgemein bekannt sein. Von <strong>Thomas Trares<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30247#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3053\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-30247-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160115_Unwort_Wettbewerbsfaehigkeit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160115_Unwort_Wettbewerbsfaehigkeit_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160115_Unwort_Wettbewerbsfaehigkeit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160115_Unwort_Wettbewerbsfaehigkeit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=30247-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160115_Unwort_Wettbewerbsfaehigkeit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160115_Unwort_Wettbewerbsfaehigkeit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nimmt man diese Kriterien zum Ma&szlig;stab, dann h&auml;tte die Jury in den vergangenen Jahren gut und gerne auch das Wort &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; zum Unwort des Jahres w&auml;hlen k&ouml;nnen. Dieser Begriff ist n&auml;mlich Sinnbild einer falsch verstandenen Wettbewerbsideologie, die im Laufe der Jahre einen Keil zwischen die Staaten der Eurozone getrieben und in manchen L&auml;nden gar eine Schneise der sozialen Verw&uuml;stung hinterlassen hat. &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; ist zudem das wirtschaftspolitische Credo von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das seinen Ausdruck in Merkels Vision von einem &bdquo;wettbewerbsf&auml;higen Europa&ldquo; gefunden hat.<\/p><p>Reduzieren l&auml;sst sich das &ouml;konomische Weltbild der Kanzlerin auf folgende Formel: Eine Volkswirtschaft ist umso erfolgreicher (wettbewerbsf&auml;higer), je eher sie in der Lage ist, G&uuml;ter und Dienstleistungen auf den internationalen M&auml;rkten abzusetzen. Oberstes wirtschaftspolitisches Ziel ist von daher, hohe Export&uuml;bersch&uuml;sse zu erzielen. Die L&ouml;hne dagegen sind niedrig zu halten, um die Exportchancen (Wettbewerbsf&auml;higkeit) nicht zu gef&auml;hrden.<\/p><p>Diese Vorstellung von Wirtschaft ist gleich in vierfacher Hinsicht fehlerhaft: Erstens offenbart sie ein falsches Verst&auml;ndnis von der Funktionsweise einer W&auml;hrungsunion, zweitens verwechselt sie Volkswirtschaft mit Betriebswirtschaft, drittens liegt ihr ein antiquiertes wirtschaftspolitisches Ziel zugrunde und viertens steht diese Form der Wettbewerbsideologie auch auf ethisch wackligem Fundament.<\/p><p>Doch der Reihe nach: Der Sinn und Zweck von Wechselkursen ist es, &ouml;konomische Unterschiede zwischen den L&auml;ndern auszugleichen. Deutschland mit seinem starken Exportsektor und seiner auf Stabilit&auml;t pochenden Bundesbank wertete vor Einf&uuml;hrung des Euro stets auf, die vermeintlich flatterhaften S&uuml;dl&auml;nder mit ihren hohen Inflationsraten und eher gering ausgepr&auml;gten Stabilit&auml;tskultur werteten ab. In einer W&auml;hrungsunion steht der Wechselkurs als Ausgleichsmechanismus aber nicht mehr zur Verf&uuml;gung. Nun m&uuml;ssen Preise und L&ouml;hne diese Funktion &uuml;bernehmen. Das hei&szlig;t, in einer W&auml;hrungsunion l&auml;sst sich die St&auml;rke einer Volkswirtschaft nicht mehr am Wechselkurs, sondern an der Entwicklung der L&ouml;hne und Preise ablesen, sprich: im &ouml;konomisch starken Deutschland mit seinen Export&uuml;bersch&uuml;ssen m&uuml;ssten die L&ouml;hne und Preise stark steigen, in L&auml;ndern mit Handelsdefiziten m&uuml;ssten sie fallen oder zumindest weniger stark steigen.<\/p><p>Diese simple Logik steht aber nicht nur in klarem Widerspruch zu Merkels Vorstellung von Wettbewerbsf&auml;higkeit, sondern auch zur g&auml;ngigen Praxis in Deutschland. Denn in keinem anderen Land der W&auml;hrungsunion haben sich die Lohnst&uuml;ckkosten in der Vergangenheit so schwach entwickelt wie hierzulande. Der Kosten- und Preisvorteil gegen&uuml;ber den L&auml;ndern S&uuml;deuropas bel&auml;uft sich inzwischen auf etwa 25 Prozent. Die Folge sind massive Ungleichgewichte im Euroraum: hohe Export&uuml;bersch&uuml;sse und eine schwache Binnenwirtschaft in Deutschland, Importdefizite, steigende Verschuldung, Stagnation und Massenarbeitslosigkeit in S&uuml;deuropa.<\/p><p>Wettbewerbsf&auml;higkeit per se muss aber nichts Schlechtes sein. Unternehmen, die gute Produkte herstellen, sollen gute Gewinne einfahren, Unternehmen, deren Produkte niemand haben will, sollen vom Markt verschwinden. Das ist die Grundlage wirtschaftlichen Fortschritts. Wettbewerbsf&auml;higkeit ist jedoch ein Ziel aus der Betriebswirtschaftslehre und l&auml;sst sich nicht einfach auf eine Volkswirtschaft &uuml;bertragen. Ein Export&uuml;berschuss ist nicht das Gleiche wie ein Betriebsgewinn, und ein Au&szlig;enhandelsdefizit ist nicht mit einem Unternehmensverlust zu vergleichen. Anders als bei einem Unternehmen sagt die Tatsache, ob ein Land &Uuml;bersch&uuml;sse oder Defizite erwirtschaftet, nur wenig &uuml;ber dessen Wohlstand aus. Die USA etwa weisen schon seit Jahren Fehlbetr&auml;ge im Au&szlig;enhandel auf, haben aber dennoch ein h&ouml;heres Pro-Kopf-Einkommen als Deutschland.<\/p><p>Zudem fehlt dem Merkelschen Mantra der Wettbewerbsf&auml;higkeit jegliche wissenschaftliche Grundlage. Das Ziel den Export&uuml;berschuss zu maximieren, ist schon seit gut 200 Jahren aus der Mode. Im Merkantilismus, wie die Wirtschaftspolitik im Zeitalter des Absolutismus genannt wird, kannte man noch das Ziel einer &bdquo;aktiven Handelsbilanz&ldquo;. Die Welt begriff man als statisch, Wirtschaftswachstum gab es so gut wie keines. Ein Land konnte also nur wachsen, wenn es dem anderen etwas wegnimmt. Heute ist man sich in der Volkswirtschaftslehre jedoch darin einig, dass im Au&szlig;enhandel ein &bdquo;au&szlig;enwirtschaftliches Gleichgewicht&ldquo; anzustreben ist. Dieses Ziel ist im Stabilit&auml;ts- und Wachstumsgesetz von 1967 verankert. Demnach sollten sich Ex- und Importe im Laufe der Jahre die Waage halten. &Uuml;berm&auml;&szlig;ige &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite werden dagegen als destabilisierend angesehen.<\/p><p>Die Wettbewerbsideologie auf die Ebene von Staaten zu &uuml;bertragen, ist aber auch ethisch eine h&ouml;chst fragw&uuml;rdige Angelegenheit. Denn der Wettbewerb produziert per definitionem Gewinner und Verlierer. Unternehmen kann man im Handelsregister ein- und wieder austragen, Staaten jedoch nicht. Staaten sind keine Verlierer. Griechenland l&auml;sst sich nicht im Mittelmeer versenken und als Schwellenland-Start-up in der Karibik wieder aufbauen. In den Beziehungen der Staaten zueinander gilt nicht das Wettbewerbsprinzip, sondern das des Ausgleichs. Leistungsbilanzen m&uuml;ssen sich ausgleichen, nicht auseinander entwickeln. Daf&uuml;r sorgten fr&uuml;her die Wechselkurse, heute sollten sich die Lohnst&uuml;ckkosten angleichen. <\/p><p>Deutschland jedoch hat in den vergangenen Jahren auf Basis einer falschen Wettbewerbsideologie andere L&auml;nder niederkonkurriert, seine Arbeitslosigkeit exportiert und eine &bdquo;Beggar-thy-Neighbour-Politik&ldquo; in Reinkultur betrieben. Wer sich wie die Axt im Walde verh&auml;lt, der muss sich auch nicht wundern, wenn einem diese L&auml;nder beispielsweise in der Fl&uuml;chtlingskrise die Gefolgschaft verweigern. Also: Warum nicht mal die Parole &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; zum Unwort des Jahres ausrufen?<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort &bdquo;Gutmensch&ldquo; ist in dieser Woche zum Unwort des Jahres 2015 erkl&auml;rt worden. Dass es ein Begriff rund um die Fl&uuml;chtlingsdebatte werden w&uuml;rde, war abzusehen, denn diese &uuml;berlagert derzeit alle anderen Themen. Auf Platz zwei landete mit &bdquo;Hausaufgaben&ldquo; dann ein Wort aus der Euro- und Griechenlandkrise. Um zum &bdquo;Unwort des Jahres&ldquo; gek&uuml;rt zu werden,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30247\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,13,123,157],"tags":[290,380,499,333,288,1085],"class_list":["post-30247","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-binnennachfrage","tag-export","tag-handelsbilanz","tag-lohnstueckkosten","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-wechselkurse"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30247"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48248,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30247\/revisions\/48248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}