{"id":3027,"date":"2008-02-28T13:31:23","date_gmt":"2008-02-28T12:31:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3027"},"modified":"2015-11-26T17:22:07","modified_gmt":"2015-11-26T16:22:07","slug":"pinkelnde-baeume-und-dicke-hunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3027","title":{"rendered":"Pinkelnde B\u00e4ume und dicke Hunde"},"content":{"rendered":"<p>Ein Bericht von G&uuml;nter Frech &uuml;ber eine Veranstaltung zur Politikberatung, Lobhudelei der Bertelsmann-Stiftung und Seltsames zum &bdquo;netzwerk recherche&ldquo; &ndash; vervollst&auml;ndigt mit einem Blick zur&uuml;ck in eine Bertelsmann-Recherche von vor acht Jahren. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n&Uuml;ber &bdquo;Chancen, Risiken und Nebenwirkungen&ldquo; der hiesigen Politikberatung sollte am Dienstagabend (26. Februar) in der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in Berlin ein &bdquo;Mediendisput&ldquo; entstehen. Eingeladen hatte neben dem Gastgeber, Staatssekret&auml;r Karl-Heinz Kl&auml;r, der Mainzer Mediendisput und das &bdquo;netzwerk recherche&ldquo;. Dessen Vorsitzender Thomas Leif moderierte die Veranstaltung. Anwesend waren: Matthias Machning (Staatssekret&auml;r im Bundesministerium f&uuml;r Umwelt), Josef Janning (Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung Bertelsmann-Stiftung), Michael H. Spreng (Ex-BamS-Chefredakteur, Stoiber-Berater im Wahlkampf 2002 und heute Politikberater), Peter Weingart (Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg), Nicolaus Huss (Kommunikationsberatung Burson Marsteller Deutschland) und Timo Grunden (Uni Duisburg-Essen).<\/p><p>Bei eher belanglosem Gepl&auml;nkel waren sich die Akteure einig, dass Politikberatung n&ouml;tig ist und von den Politikern gerne angenommen wird. Problematisch sei diese nur, wenn sich ein Politiker mit zu vielen Beratern umgibt. Spreng meinte, negativ k&ouml;nne Beratung auch sein, wenn der Politiker den Berater unter der Pr&auml;ferenz N&auml;he und nicht aus Kompetenzgr&uuml;nden ausw&auml;hle. Machning dr&ouml;selt die unterschiedlichen Beratungsebenen auf: Individuelle Politikerberatung, Parteistrategieberatung sowie Regierungs- und Ministeriumsberatung. Dabei erw&auml;hnte der einstige Kampa-Manager, dass Beratung in den Ministerien auch deshalb n&ouml;tig sei, da wegen der &bdquo;Kassenlage&ldquo; die Personaldecke d&uuml;nner geworden sei. Diese Beratung sei dann eine Art &bdquo;verl&auml;ngerte Werkbank&ldquo;. So habe Roland Berger f&uuml;r Siegmar Gabriel das Projekt &bdquo;&Ouml;kologische Industriepolitik&ldquo; entwickelt.<\/p><p>Ob Politikberatung beispielsweise die demokratische Legitimation von Parlament, Aussch&uuml;ssen, Parteien und Parteigremien untergrabe, wurde weder vom Moderator noch von den Beratern thematisiert. Kritisiert wurde, dass bei Anh&ouml;rungen in den Aussch&uuml;ssen die Sachverst&auml;ndigen eher nach Parteipr&auml;ferenz und &bdquo;Stimmungslage der jeweiligen Lobbygruppe&ldquo; ausgew&auml;hlt w&uuml;rden. Zum aktuellen Durcheinander in der SPD meinte Bertelsmann-Janning, w&uuml;rde er jetzt die SPD beraten, best&uuml;nde seine Strategie darin, die Linkspartei so schnell wie m&ouml;glich im Orkus verschwinden zu lassen: &bdquo;Es ist dauerhaft nicht gut, dass es links von der SPD noch etwas gibt.&ldquo; Ungewollt sagte er damit, dass die Gr&uuml;nen im b&uuml;rgerlichen Lager angekommen sind. &bdquo;Wir waren ja auch das Back-Office von Fischer&ldquo;, gab Janning zu.<\/p><p>So d&uuml;mpelte die Diskussion auf dem Podium eine Dreiviertel Stunde vor sich hin. In einem jovialen Tonfall, der suggerieren sollte, wir sind uns im Prinzip einig, aber ich mu&szlig; die Frage jetzt stellen, er&ouml;ffnete Leif den etwas spannenderen Teil des Abends: &bdquo;Wie haben Sie es nur zur neoliberalen Krake geschafft &ndash; ganze Kongresse, B&uuml;cher und Untersuchungen besch&auml;ftigen sich mit Ihrer Stiftung.&ldquo; Die Antwort von Janning schien einstudiert: &bdquo;Ein dicker Baum zieht viele Hunde zum Ranpinkeln an.&ldquo; Gel&auml;chter und Unmut im Publikum. Vielleicht werde die Bertelsmann-Stiftung auch nur deshalb so viel kritisiert, &bdquo;weil wir beispielhaft transparent sind&ldquo;, so Janning. Machning meinte, die Stiftung biete einen Rahmen, in dem &bdquo;offene Debatte jenseits von Ideologien ohne Dogmen&ldquo; m&ouml;glich seien. &bdquo;Bertelsmann zieht deshalb so viel Kritik auf sich, weil sie erfolgreich sind&ldquo;, sagte Weingart. Und Spreng lobte die offene Diskussionskultur, die &bdquo;unter Ausschu&szlig; der &Ouml;ffentlichkeit stattfindet&ldquo;, nur so lie&szlig;en sich gute Ideen entwickeln. So viel zur Transparenz!<\/p><p>Janning meinte dann noch,  Bertelsmann sei &bdquo;Teil der politischen Debatte geworden&ldquo; und da gebe es eben auch Neider. Dann sagte er etwas, was im Publikum zu gro&szlig;er Heiterkeit f&uuml;hrte: &bdquo;Wir werden leider immer im Zusammenhang mit dem Bertelsmann-Konzern genannt. Da wird verkannt, dass wir unabh&auml;ngig sind.&ldquo; Dann durfte die M&auml;nnerrunde noch &uuml;ber die Parteistiftungen herfallen und legitimierten auch so die Bertelsmann-Stiftung. Leif lie&szlig; dann noch f&uuml;nf Fragen aus dem Publikum zu, die hier nicht weiter erw&auml;hnenswert sind. Diskurs sieht auf jeden Fall ganz anders aus!<\/p><p>Fakten liegen schon lange vor<\/p><p>Hier seien noch ein paar Anmerkungen erlaubt: Zu negieren, es gebe zwischen Konzern und Stiftung keinen kausalen Zusammenhang, ist eine Frechheit. Lutz Hachmeister, ehemaliger Direktor des Adolf Grimme Instituts, schrieb im August 2000 in der Zeitschrift &bdquo;brand eins&ldquo;: &bdquo;Ich halte die Bertelsmann-Mischung aus Gutmenschentum und schleichendem Machterwerb f&uuml;r problematisch. Genauso problematisch wie das Gesellschaftsmodell, das Mohn in seinen B&uuml;chern beschw&ouml;rt: ein M&auml;nnerb&uuml;ndisch-technokratischer St&auml;ndestaat, in dem die Interessen von B&uuml;rgern und Konzernen eins sind. Wie weit kann das freie Spiel der Ideen und Meinungen unter dem Schirm der Bertelsmann-Stiftung wirklich gehen? Ohne diese Diskussion in eigener Sache bleibt der Generalvorbehalt von Bigotterie und Scheinheiligkeit.&ldquo; Soweit Hachmeister.<\/p><p>Die unten angef&uuml;hrten Links weisen auf zwei Artikel, die ich Anfang 2000 f&uuml;r die IG Medien-Publikation M &ndash; MENSCHEN MACHEN MEDIEN geschrieben habe. Mit dem Konzern und der Stiftung habe ich mich 1999\/2000 eingehend besch&auml;ftigt. Stets war mir wichtig, auf die Kausalit&auml;t von Stiftung und Konzern hinzuweisen. Und noch wichtiger war (und ist) mir, die betriebliche Realit&auml;t von Bertelsmann zu reflektieren. So erschien im FREITAG im August 1995 unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Intelligentes Modell zur Kostensenkung&ldquo; mein erster Beitrag &uuml;ber Bertelsmann. Was unter &bdquo;Besch&auml;ftigungspakt&ldquo; an der Gewerkschaft vorbei der Belegschaft abgepre&szlig;t wurde, firmierte sp&auml;ter unter B&uuml;ndnis f&uuml;r Arbeit. Bertelsmann war der erste Konzern, der so etwas einem Praxistest unterzogen hat. In den folgenden Jahren ver&ouml;ffentlichte ich in der Frankfurter Rundschau und andern Publikation ein gutes Duzend Artikel, in denen die betriebliche Realit&auml;t in Einzelunternehmen des Konzerns abgebildet ist.<\/p><p>Um den Bogen zum &bdquo;netzwerk recherche&ldquo; zu spannen, hier ein anderes signifikantes Beispiel: Im November\/Dezember fanden bei der S&auml;chsischen Zeitung in Dresden mehrere Streikaktionen der Redakteure gegen Auslagerungspl&auml;ne statt. Die Zeitung geh&ouml;rt zu 60 Prozent Bertelsmann und zu 40 Prozent der SPD-Medienholding DDVG. Der Konflikt ist zu recherchieren im Archiv der IG Medien und in der FR vom 27. November 1999 &bdquo;Arbeitsplatz-Sicherungsmodell oder Gewinnmaximierungsidee?&ldquo; und vom 17. Dezember 1999 &bdquo;Mit R&uuml;cksicht auf unsere Anzeigenkunden&hellip;&ldquo; Hauptakteur damals war der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Mario Frank. <\/p><p>Unl&auml;ngst ver&ouml;ffentlichte das &bdquo;netzwerk recherche&ldquo; eine Untersuchung &uuml;ber Investigativen Journalismus. Es geht auch um die S&auml;chsische Zeitung. Wir lesen: &bdquo;Gruner + Jahr setzte Mario Frank als Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Dresdener Verlages ein. Frank leitete die wirtschaftliche Geschicke der Zeitung sehr erfolgreich, bis er 2006 als Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Verlagsgruppe zum SPIEGEL wechselte.&ldquo; Wohlgemerkt &ndash; das steht in einer wissenschaftlichen Untersuchung der Universit&auml;t Leipzig. Frank mag bei der S&auml;chsischen Zeitung erfolgreich gewesen sein. Aber zu welchem Preis? Da wurde erpre&szlig;t und gemobbt, die Redaktion zerschlagen, den Druckern ein abweichender Tarifvertrag aufgen&ouml;tigt. Kein Wort davon in dieser aktuellen Untersuchung! Dass man sich in Betrieben, die man untersucht, auch mit Betriebsr&auml;ten unterhalten kann, das scheint sich bis zum Studiengang Journalistik der Uni Leipzig nicht durchgesprochen zu haben! F&uuml;r die &bdquo;Edelfedern&ldquo; des &bdquo;netzwerk recherche&ldquo; ist diese Untersuchung keine gute Referenz f&uuml;r rechercheges&auml;ttigten Journalismus.<br>\nG&uuml;nter Frech<\/p><p><a href=\"http:\/\/www2.tu-berlin.de\/fb1\/AGiW\/Cricetus\/SOzuC1\/SOKonsF\/BertKonz.htm\">Quelle 1<\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/194.245.102.185\/publikationen\/m\/2000\/1_2\/08.html\">Quelle 2<\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/194.245.102.185\/publikationen\/m\/2000\/03\/main.html\">Quelle 3<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht von G&uuml;nter Frech &uuml;ber eine Veranstaltung zur Politikberatung, Lobhudelei der Bertelsmann-Stiftung und Seltsames zum &bdquo;netzwerk recherche&ldquo; &ndash; vervollst&auml;ndigt mit einem Blick zur&uuml;ck in eine Bertelsmann-Recherche von vor acht Jahren. 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