{"id":303,"date":"2006-01-09T16:10:19","date_gmt":"2006-01-09T15:10:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=303"},"modified":"2016-02-21T10:53:05","modified_gmt":"2016-02-21T09:53:05","slug":"neue-gerechtigkeit-hort-man-von-der-cdu-neosozial-von-der-fdp-dabei-wird-nur-abgestandenes-in-neue-begriffen-verpackt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=303","title":{"rendered":"\u201eNeue Gerechtigkeit\u201c h\u00f6rt man von der CDU, \u201eneosozial\u201c von der FDP, dabei wird nur Abgestandenes in neue Begriffen verpackt."},"content":{"rendered":"<p>Heiner Gei&szlig;ler hat in den siebziger Jahren die zynische These vertreten, dass eine Partei, die die Macht erobern will, die &bdquo;Begriffe besetzen&ldquo; muss. Wer die Macht haben will, muss das Sagen haben. Deshalb hat er damals den Begriff der &bdquo;neuen sozialen Frage&ldquo; erfunden, um von der wirklichen sozialen Frage abzulenken.<br>\nAuf diese gei&szlig;lersche Manipulation des &ouml;ffentlichen Bewusstseins mittels Sprache, dass eben nicht die Wahrheit oder die n&uuml;chternen Tatsachen auszusprechen, sondern das Besetzen von Begriffen Macht verschafft, hat sich offenbar die CDU wieder besonnen, als sie mit ihrer sog. Mainzer Erkl&auml;rung vom 7.1.06 den Begriff &bdquo;Neue Gerechtigkeit&ldquo; besetzte. Ganz &auml;hnlich hat wohl auch Guido Westerwelle gedacht, als er j&uuml;ngst f&uuml;r seine FDP das neue Etikett &bdquo;neosozial&ldquo; erfunden hat.<br>\n<!--more--><br>\nNachdem die Wahlanalysten der CDU herausgefunden hatten, dass das schlechte Wahlergebnis f&uuml;r die Union vor allem darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren war, dass es der SPD gelungen war, die CDU als eine Partei der &bdquo;sozialen Ungerechtigkeit&ldquo; anzuprangern, wollen die Machtstrategen der Union nun den Sozialdemokraten den von diesen besetzten Begriff der &bdquo;sozialen Gerechtigkeit&ldquo; abspenstig machen indem die CDU nunmehr ihre &bdquo;neue Gerechtigkeit&ldquo; dagegen setzt.<\/p><p>Auch die Liberalen haben wohl erkannt, dass sie in die neoliberale Ecke gestellt wurden und dass &bdquo;neoliberal&ldquo; inzwischen in der &Ouml;ffentlichkeit als Schimpfwort wahrgenommen wird. Westerwelle hofft nun darauf, dieses negative Image f&uuml;r die FDP absch&uuml;tteln zu k&ouml;nnen, indem er das Verdikt &bdquo;neoliberal&ldquo;, das seiner Partei anhaftet, in das Tarnwort &bdquo;neosozial&ldquo; wendet. <\/p><p>H&ouml;rt man auf das Medienecho, so findet man den Beweis, dass die gei&szlig;lersche Manipulationstechnik nach wie vor pr&auml;chtig funktioniert. Landauf, landab schreiben sich die Leitartikler die Finger wund, um hinter diesen neuen Begriffen Neues, eine neue Programmatik oder m&ouml;glicherweise sogar einen neuen Gedanken zu entdecken.<\/p><p>Dabei h&auml;tten sich unsere journalistischen Wortklauber ihre ganzen Interpretationsk&uuml;nste ersparen k&ouml;nnen, wenn sie Westerwelles Rede auf dem traditionellen Dreik&ouml;nigstreffen angeh&ouml;rt oder die kurze Mainzer Erkl&auml;rung der CDU nachgelesen h&auml;tten. Sie h&auml;tten dann unschwer erkennen k&ouml;nnen, dass dort nur die altbekannten, ja abgestandenen Parolen unter neue &Uuml;berschriften gepackt worden sind.<\/p><p>Die lustigste und zugleich treffendste Interpretation zum Begriff &bdquo;neosozial&ldquo; lieferte f&uuml;r mich die Suchmaschine von Google. Als ich in die Suchfunktion &bdquo;FDP neosozial&ldquo; eingab, kam die zweifelnde R&uuml;ckfrage: &bdquo;Meinten Sie: FDP dissozial&ldquo;. Vielleicht ist der hirnlose Sprachcomputer doch kl&uuml;ger, als mancher neunmalkluge Leitartikler, der uns das &uuml;bliche marktradikale Credo der FDP pl&ouml;tzlich als sozial darstellen will. Das Pr&auml;fix &bdquo;dis-&bdquo; im googleschen Wortvorschlag &bdquo;dissozial&ldquo; hat laut Duden einen verneinenden Sinn und bedeutet also so viel wie &bdquo;unsozial.&ldquo; Und viel anders l&auml;sst sich die auf ihrem Dreik&ouml;nigstreffen sich selbst zur &bdquo;einzigen b&uuml;rgerlichen Alternative&ldquo; hochstilisierende FDP nun auch wirklich nicht charakterisieren, wenn man die &bdquo;Tarnworte&ldquo; in Westerwelles Rede in die Sprache der politischen Wirklichkeit &uuml;bertr&auml;gt.<\/p><p>Bei der Mainzer Erkl&auml;rung der CDU unter Botschaft &bdquo;Neue Gerechtigkeit durch mehr Freiheit&ldquo; hat man zun&auml;chst den Eindruck, dass dieser Text auch von einem Wortgenerator h&auml;tte zusammengestoppelt werden k&ouml;nnen. Man h&auml;tte nur ein paar Versatzst&uuml;cke aus der Koalitionsvereinbarung, den Wortlaut der Briefanzeige der Kanzlerin und deren Neujahrsansprache und dazu noch die Weihnachtsansprache des Bundespr&auml;sidenten als Texte eingeben und mit einem Zufallsgenerator einige Passagen neu zusammenf&uuml;gen m&uuml;ssen. <\/p><p>Diese Textmischung wurde dann noch erg&auml;nzt um ein paar Plattit&uuml;den, etwa derart: &bdquo;Das, was unserem Land hilft, bef&ouml;rdern wir. Das, was unserem Land schadet, lassen wir nicht zu.&ldquo;<br>\nWarum die CDU f&uuml;r &bdquo;neuen&ldquo; Wohlstand und &bdquo;neue&ldquo; Sicherheit arbeiten will, statt f&uuml;r mehr Wohlstand f&uuml;r alle und mehr Sicherheit f&uuml;r alle, wollen wir gar nicht erst hinterfragen.<br>\nWas ist aber neu an der &bdquo;neuen Gerechtigkeit&ldquo;?<br>\nDamit Sie sich selbst Ihr Urteil bilden k&ouml;nnen, hier einfach der Wortlaut:<\/p><blockquote><p>Dass wir uns in der Koalition auf ein Sofortprogramm f&uuml;r h&ouml;heres Wachstum und mehr Besch&auml;ftigung verst&auml;ndigt haben.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Dass die Gro&szlig;e Koalition sich mit der Initiative &bdquo;Perspektive 50 plus&ldquo; darauf verst&auml;ndigt hat, die Besch&auml;ftigungschancen der Generation ab 50 Jahre zu verbessern, und sich die CDU in der Gro&szlig;en Koalition f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Kombi-Lohn-Modellen einsetzt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Dass die CDU weiterhin f&uuml;r mehr betriebliche B&uuml;ndnisse zur Sicherung und Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen und Standorten in Deutschland einsetzt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Dass sich die CDU mit dem Koalitionspartner darauf verst&auml;ndigt hat, die Betreuungsangebote zu verbessern, ein Elterngeld einzuf&uuml;hren und die besonderen Chancen von Mehrgenerationenh&auml;usern zu nutzen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Dass die CDU in einer Kommission &bdquo;Bildungschancen und Erziehung&ldquo; nach Wegen sucht&ldquo;, um den Missstand zu beenden, dass &bdquo;die Herkunft eines Menschen erheblich &uuml;ber seine Bildungschancen und damit &uuml;ber seine sp&auml;teren Aussichten am Arbeitsmarkt&ldquo; entscheidet.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Dass die CDU an einem Gesundheitswesen der Zukunft arbeitet, das mehr Wettbewerb zul&auml;sst.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Dass sich die CDU in der Gro&szlig;en Koalition und in Abstimmung mit der FDP f&uuml;r eine F&ouml;deralismusreform einsetzt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Neue Gerechtigkeit&ldquo; hei&szlig;t also all das, was man im Koalitionsvertrag vereinbart hat oder was die CDU schon immer gefordert hat. Das mag die CDU f&uuml;r richtig, ja sogar f&uuml;r gerecht halten, nur &bdquo;neu&ldquo; ist das nicht. Man darf also getrost die Begriffsetzung &bdquo;neue Gerechtigkeit&ldquo; mit &bdquo;neuer Selbstgerechtigkeit&ldquo; &uuml;bersetzen. Der Versuch Begriffe zu besetzen, um die Macht zu behalten &ndash; nichts Neues also von der CDU.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.cdu.de\/doc\/pdfc\/MainzerErklaerung.pdf\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.cdu.de\/doc\/pdfc\/MainzerErklaerung.pdf\">&ldquo;Mainzer Erkl&auml;rung&rdquo; der CDU &raquo;<\/a> <em>(leider nicht mehr erreichbar &ndash; 23.03.2006)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiner Gei&szlig;ler hat in den siebziger Jahren die zynische These vertreten, dass eine Partei, die die Macht erobern will, die &bdquo;Begriffe besetzen&ldquo; muss. Wer die Macht haben will, muss das Sagen haben. Deshalb hat er damals den Begriff der &bdquo;neuen sozialen Frage&ldquo; erfunden, um von der wirklichen sozialen Frage abzulenken.<br \/> Auf diese gei&szlig;lersche Manipulation des<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=303\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[192,193,12,146],"tags":[],"class_list":["post-303","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cducsu","category-fdp","category-manipulation-des-monats","category-soziale-gerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=303"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/303\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31453,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/303\/revisions\/31453"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=303"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}