{"id":3045,"date":"2008-03-07T08:58:16","date_gmt":"2008-03-07T07:58:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3045"},"modified":"2015-11-26T16:50:04","modified_gmt":"2015-11-26T15:50:04","slug":"mehrheitswahlrecht-oder-die-kuenstliche-verringerung-der-parteienzahl-durch-veraenderungen-im-wahlsystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3045","title":{"rendered":"Mehrheitswahlrecht oder die \u201ek\u00fcnstliche Verringerung der Parteienzahl durch Ver\u00e4nderungen im Wahlsystem\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Entwicklung zu einem F&uuml;nf-Parteiensystem in den Parlamenten einhergehend mit einem &bdquo;Vertrauensschwund&ldquo; der W&auml;hler gegen&uuml;ber den Volksparteien CDU\/CSU und SPD habe zu Spekulationen &bdquo;&uuml;ber die Abl&ouml;sung der bisherigen Zweiparteien-Koalitionen durch Dreiparteien-Koalitionen gef&uuml;hrt&ldquo;. Durch das Aufkommen eines F&uuml;nfparteiensystems mit der Linken &bdquo;haben (wir) also mit einer fundamentalen Ver&auml;nderung unseres Regierungssystems zu rechnen&ldquo;, so die Prognose des Altbundespr&auml;sidenten und jetzigen Aush&auml;ngeschilds des konservativen &bdquo;Konvents f&uuml;r Deutschland&ldquo; Roman Herzog. &bdquo;Die beiden gro&szlig;en Lager, die sich im Laufe der Zeit herausbildeten, konnten damit rechnen, dass sie in der Wahl die absolute Mehrheit der W&auml;hler hinter sich vereinigen konnten.&ldquo; Die Ausf&auml;cherung des Parteiensystems werde diesen Effekt so gut wie sicher beseitigen. Es werde immer schwerer werden stabile absolute Mehrheiten zu bilden und zusammenzuhalten: &bdquo;Im Klartext: Die Gefahr von Minderheitsregierungen wird wachsen.&ldquo; Herzog pl&auml;diert deshalb f&uuml;r einen &Uuml;bergang zu einem Mehrheitswahlrecht und f&uuml;r eine &Auml;nderung des Abstimmungsverfahrens im Bundesrat.<br>\nIn der Sache geht es um die rechtliche Absicherung des herrschenden politischen Kurses gegen den Mehrheitswillen der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nPl&auml;ne f&uuml;r die Einf&uuml;hrung eines Mehrheitswahlrechts sind nicht neu. Vor allem konservative Juristen wie etwa Ernst Benda oder der CDU nahe stehende Politologen wie der in den sechziger Jahren in K&ouml;ln lehrende Ferdinand A. Hermens und der Freiburger Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis waren gl&uuml;hende Verfechter dieser Idee. Die erste Gro&szlig;e Koalition im Bund (1966 -1969) stand schon kurz vor einer solchen Wahlrechtsreform. Vor allem die CDU wollte damals die l&auml;stige &bdquo;Umfallerpartei&ldquo; FDP loswerden. Dies mit dem durchaus stichhaltigen Argument, dass dieser &bdquo;Mehrheitsbeschaffer&ldquo; mit kaum &uuml;ber 10 Prozent der W&auml;hlerstimmen bei Koalitionsbildungen einen unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gro&szlig;en politischen Einfluss auf den gr&ouml;&szlig;eren Regierungspartner nehmen konnte. Als die FDP daraufhin geschickter Weise den Sozialdemokraten Avancen f&uuml;r eine sozial-liberale Koalition machte, nahm die SPD von einer Wahlrechts&auml;nderung Abstand.<\/p><p>So wie damals werden auch heute wieder die kleinen Parteien den gro&szlig;en l&auml;stig, indem sie es der CDU und schon gar der SPD schwerer machen, bei Wahlen absolute Parlamentsmehrheiten zu schaffen. Insofern d&uuml;rfte der Vorsto&szlig; von Herzog bei den &bdquo;Volksparteien&ldquo; auf ausgesprochene oder unausgesprochene Zustimmung sto&szlig;en, erleben sie doch in den letzten Jahren, wie der Altbundespr&auml;sident realistisch beschreibt, einen &bdquo;Vertrauensschwund&ldquo; bei den W&auml;hlern.<\/p><p>Die schon vorhandene hohe H&uuml;rde f&uuml;r kleine Parteien, die 5-Prozent-Sperrklausel, reicht offenbar nicht mehr aus, die aufstrebende Linke aus den Parlamenten zu halten. Das haben die Wahlen in den Westl&auml;ndern Hessen, Niedersachsen und Hamburg gezeigt, und darauf weisen auch alle Umfragen f&uuml;r das Saarland und f&uuml;r die Bundestagswahl 2009 hin. Und je h&auml;ufiger diese f&uuml;nfte Partei die 5-Prozent-H&uuml;rde &uuml;berspringt, desto mehr Zustimmung d&uuml;rfte sie erfahren, weil die W&auml;hler sicherer werden k&ouml;nnen, dass sie durch die Wahl dieser Partei ihre Stimme nicht mehr &bdquo;verschenken&ldquo;. Deshalb wird nach einer neuen Barriere gesucht. Und da bietet sich eben eine Wahlrechts&auml;nderung an. <\/p><p>Das Wahlrecht ist eine der tragenden S&auml;ulen der Demokratie. Die Wahl ist neben den in Deutschland nur sehr schwach ausgepr&auml;gten M&ouml;glichkeiten einer Volksabstimmung oder eines B&uuml;rgerentscheids die einzige direkte Form, in der das als souver&auml;n geltende Volk seinem politischen Willen Ausdruck verleihen kann. Das Wahlrecht ber&uuml;hrt insofern den Kern der Demokratie. <\/p><p><strong>Artikel 20 Abs. 2 Grundgesetz:<\/strong><\/p><blockquote><p>Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausge&uuml;bt.<\/p><\/blockquote><p>Art. 38 GG legt zwar die Wahlprinzipien (allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahl) fest, das Wahlsystem (Verh&auml;ltnis- oder Mehrheitswahl) ist jedoch nur gesetzlich geregelt und kann so durch einfache parlamentarische Mehrheiten ge&auml;ndert werden. <\/p><p>Seit der Gr&uuml;ndung der Bundesrepublik ist bei nahezu allen Wahlgesetzen das <strong>Verh&auml;ltnis- und das Mehrheitswahlsystem durch die sog. personalisierte Verh&auml;ltniswahl miteinander verkn&uuml;pft<\/strong>. D.h. den Wahlkreis gewinnt der Kandidat, der mit einfacher Mehrheit die meisten Stimmen auf sich vereinen kann. Zugleich aber w&auml;hlen die B&uuml;rger mit ihrer Zweitstimme &ndash; der so genannten Kanzlerstimme &ndash; die Landesliste einer bestimmten Partei. Ausschlie&szlig;lich aus den bundesweit abgegebenen Zweitstimmen ergibt sich dann die St&auml;rke der Parteien im Bundestag.<\/p><p>Beim Mehrheitswahlrecht gilt hingegen das Entscheidungsprinzip, d.h. &bdquo;the winner takes it all&ldquo;, der Kandidat mit der Mehrheit siegt. Egal wie gro&szlig; seine Mehrheit ist. Dies kann im Extremfall dazu f&uuml;hren, dass in einem Parlament eine Partei eine 100-prozentige Mehrheit stellen k&ouml;nnte, obwohl sie vielleicht nur 20 oder 30 Prozent der der W&auml;hlerstimmen bekommen hat. Auf je mehr Parteien sich die Stimmen verteilen, umso geringer braucht die Mehrheit zu sein, die ein einzelner Kandidat bekommen muss, um relativ die meisten Stimmen auf sich zu vereinigen.<\/p><p>Bei der letzten Wahl 2005 in Gro&szlig;britannien haben z.B. 22% der Wahlberechtigten &ldquo;New Labour&rdquo; gew&auml;hlt, was als relativer Anteil von 35,2% in das Wahlergebnis einging, und dennoch bekam Tony Blair im Unterhaus eine komfortable Mehrheit von 356 der 646 d.h. 55 Prozent der Sitze.<br>\nAuch im abgemilderten franz&ouml;sischen Mehrheitswahlrecht (mit einer Stichwahl im zweiten Wahlgang, falls die absolute Mehrheit im ersten nicht erreicht wurde) sind deutliche Disproportionalit&auml;ten zwischen Stimmenanteil und dem Anteil der Parlamentssitze m&ouml;glich. So erhielt Sarkozys Regierungspartei UMP bei dem Urnengang im letzten Jahr 39,54 Prozent der Stimmen, sein Regierungsb&uuml;ndnis verfehlte aber nur ganz knapp eine Zweidrittelmehrheit.<\/p><p>Beim Verh&auml;ltniswahlrecht gilt das Repr&auml;sentationsprinzip, d.h. die Stimmenanteile der einzelnen Parteien schlagen sich proportional in der Zahl der Parlamentssitze nieder. D.h. der politische Willen der W&auml;hler, ausgedr&uuml;ckt im Stimmenanteil f&uuml;r die zur Wahl stehenden Parteien, bildet sich in der Zahl der Parlamentssitze erheblich genauer ab als beim Mehrheitswahlrecht.<br>\nDer Anteil der Mandate entspricht etwa dem Anteil der Stimmen, d.h. das Wahlverhalten der W&auml;hler kommt weitgehend exakt im Parlament zum Ausdruck.<\/p><p>Das bisherige Verh&auml;ltniswahlrecht war f&uuml;r Herzog solange tauglich, als sich bei den Bundestagswahlen zwei Lager (schwarz-gelb und rot-gr&uuml;n) gegen&uuml;ber standen, die damit rechnen konnten, &bdquo;dass sie in der Wahl die absolute Mehrheit der W&auml;hler hinter sich vereinigen konnten&ldquo;. Als Volksparteien h&auml;tten CDU und SPD die &bdquo;widerspr&uuml;chlichen Interessen der B&uuml;rger in ihren Programmen&hellip;ausgleichen&ldquo; m&uuml;ssen, dadurch r&uuml;ckten &bdquo;die Programme &hellip; enger zusammen&ldquo; und &bdquo;Regierungswechsel (wurden) auf diese Weise nie zu totalen Kurswechseln&ldquo;.<br>\nHerzog nennt dies selbst &bdquo;fast idyllische Verh&auml;ltnisse&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Diesen Effekt&ldquo; wird &bdquo;die Ausf&auml;cherung des Parteiensystems&hellip;so gut wie sicher beseitigen&ldquo;, meint Herzog besorgt. Es werde immer schwieriger, &bdquo;stabile absolute Mehrheiten zu bilden und zusammenzuhalten. Im Klartext: die Gefahr von Minderheitsregierungen wird wachsen.&ldquo;<\/p><p>Wir h&auml;tten &bdquo;mit einer fundamentalen Ver&auml;nderung unseres Regierungssystems zu rechnen&ldquo;, und dem m&uuml;ssten eben das Grundgesetz und das Bundeswahlgesetz Rechnung tragen. Da der &bdquo;naheliegende Gedanke an ein Notverordnungsrecht&ldquo; (!) sich angesichts des st&auml;ndigen Missbrauchs in der Zeit der Weimarer Republik und des NS-Regimes disqualifiziert habe und auch ein &bdquo;Pr&auml;sidialsystem &agrave; la USA&ldquo; nicht in Frage k&auml;me, m&uuml;sse man eine &bdquo;breite und ernsthafte Debatte&ldquo; &uuml;ber die &Auml;nderung des Wahlrechts und &uuml;ber das Abstimmungsverfahren im Bundesrat f&uuml;hren.<\/p><p>Die V&auml;ter und M&uuml;tter des Grundgesetzes h&auml;tten schlie&szlig;lich stabile Regierungen und die dazu notwendigen, stabilen Mehrheitsverh&auml;ltnisse im Parlament gewollt.<\/p><p>Haben Sie damit aber auch kein Mehrparteien-Parlament gewollt?<\/p><p>Fangen wir mit dieser Legende der historischen Interpretation des Grundgesetzes durch Herzog an:<br>\nVon absoluten Mehrheiten konnte der Parlamentarische Rat nun wirklich nicht ausgehen:<br>\nBei den Wahlen 1949 erhielten die CDU 31,0, die SPD 29,2, die FDP 11,9 Prozent, die anderen Parteien 27,9 Prozent. Im ersten Bundestag waren insgesamt 10 Parteien in Fraktionsst&auml;rke vertreten (neben den genannten die Deutsche Partei, die Bayernpartei, das Zentrum, die Wiederaufbauvereinigung, die Deutsche Reichspartei, der S&uuml;dschleswigsche W&auml;hlerverband, die Kommunistische Partei Deutschlands).<br>\nAuch die erste Bundesregierung unter Konrad Adenauer wurde von drei (vier) Parteien gew&auml;hlt: CDU, CSU, FDP und DP.<\/p><p>Im &uuml;brigen gab es auch die von Herzog als &bdquo;Gefahr&ldquo; betrachteten Minderheitenregierungen, sogar schon auf Bundesebene, wenn auch nur f&uuml;r kurze Zeit, so 1966 unter Ludwig Ehrhard und 1982 unter Helmut Schmidt. Auf L&auml;nderebene gab es zahlreiche Minderheitenregierungen, so mehrfach in Berlin, in Brandenburg, in Schleswig-Holstein und 8 Jahre in Sachsen-Anhalt.<\/p><p>Auch in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern wie z.B. in D&auml;nemark mit seinem Vielparteiensystem sind Minderheitenregierungen eher die Regel als die Ausnahme, ohne dass man behaupten k&ouml;nnte, dass dort &bdquo;keine l&auml;ngerfristigen Projekte auf Kiel&ldquo; (Herzog) gelegt worden w&auml;ren und dass es der Bev&ouml;lkerung dort schlechter ginge als bei uns. Das Parlament hat dort eine starke Macht; man spricht deshalb auch von der skandinavischen &bdquo;Verhandlungsdemokratie&ldquo;. <\/p><p>In vielen europ&auml;ischen L&auml;ndern gibt es Vielparteiensysteme: etwa in Belgien, in den Niederlanden, in D&auml;nemark, gar nicht erst zu reden von Italien.<br>\nDort hat das Parlament stets eine gr&ouml;&szlig;ere Macht gegen&uuml;ber der Exekutive als in Systemen mit weniger Parteien wie in England oder Frankreich.<\/p><p>Es herrsche bei uns ein &bdquo;mystischer Glaube an die Gef&auml;hrlichkeit der Exekutive und die Weisheit der Legislative&ldquo;, meint Herzog. Wenn es denn einen solchen Glauben g&auml;be, dann entspr&auml;che er nur dem Grundgesetz, das eben von einer parlamentarischen und nicht von einer exekutivischen Demokratie ausgeht. F&uuml;r eine weitere St&auml;rkung der Exekutive besteht wenig Anlass, vielmehr gibt es ein ziemlich einhelliges Urteil, dass die Exekutive in den letzten Jahrzehnten gegen&uuml;ber dem Parlament an &Uuml;bergewicht, ja sogar an Dominanz gewonnen hat. <\/p><p>Die Etablierung der Linken als f&uuml;nfte Partei (und dunkel orakelt Herzog noch von einer sechsten Partei) zusammen mit einer &bdquo;Schrumpfung der Volksparteien&ldquo; ver&auml;ndere diese &bdquo;fast idyllischen Verh&auml;ltnisse&ldquo; und f&uuml;hre zu einer &bdquo;fundamentalen Ver&auml;nderung unseres Regierungssystems&ldquo;.<br>\nUnd das nur weil die eingefahrenen Rituale durcheinander geraten.<\/p><p>Statt sich aber zu fragen, wie und warum es zu diesem &bdquo;Vertrauensverlust&ldquo; von CDU und vor allem der SPD gekommen ist, der einhergeht mit immer geringer werdenden Wahlbeteiligungen, statt &uuml;ber die Ursachen f&uuml;r das Aufkommen der Linken nachzudenken, packt der erzkonservative Jurist den Instrumentenkasten aus, mit dem man kleine Parteien vom Parlament fernhalten kann bzw. deren politischen Einfluss schon im Wahlverfahren m&ouml;glichst kleinhalten kann. Und dazu bietet sich das Mehrheitswahlrecht als taugliches Instrument an.<\/p><p>Die britische Variante, wonach zur Wahl des einzelnen Abgeordneten die <em>einfache<\/em> Mehrheit im Wahlkreis ausreicht, sieht er nicht als erfolgversprechend an, weil der W&auml;hler die &bdquo;&acute;administrative` und endg&uuml;ltige Verdr&auml;ngung der kleineren Parteien&ldquo; die gro&szlig;en Parteien empfindlich f&uuml;hlen lassen w&uuml;rde. Ihm schwebt wohl eher die franz&ouml;sische Variante vor, wonach der Abgeordnete eine absolute Mehrheit in seinem Wahlkreis und damit h&auml;ufig eine Stichwahl braucht.<\/p><p>Herzog geht es um das &bdquo;Regierungssystem&ldquo;, sein wichtigstes Ziel ist es, &bdquo;stabile absolute Mehrheiten&ldquo; bilden zu k&ouml;nnen. Seine gr&ouml;&szlig;te Sorge ist die &bdquo;Gefahr von Minderheitsregierungen&ldquo;.<br>\nEin Minderheitskanzler d&uuml;rfte &bdquo;ein sehr schweres Leben haben&ldquo;, er w&uuml;rde im Ausland besonders in Br&uuml;ssel als &bdquo;lahme Ente&ldquo; gelten.<\/p><p>Warum es bei f&uuml;nf Parteien nicht mehr zu stabilen Mehrheiten kommt, sondern vielmehr die Gefahr von Minderheitsregierungen w&auml;chst, dieser Frage weicht Herzog konsequent aus. <\/p><p>Der Grund kann ja nur darin liegen, dass sich die Parteien (wie in Hessen) Koalitionsbildungen untereinander verweigern bzw. weil die &acute;geschrumpften` &bdquo;zwei Lager&ldquo; die neu hinzugekommene Partei aus den Koalitions- oder Kooperationsm&ouml;glichkeiten ausgrenzen. <\/p><p>Es handelt sich also keineswegs um eine &bdquo;fundamentale Ver&auml;nderung unseres Regierungssystems&ldquo;, sondern um eine fundamentale Ver&auml;nderung im politischen Verh&auml;ltnis zwischen den in den Parlamenten vertretenen Parteien.<br>\nEs hat sich nichts anderes ver&auml;ndert, als dass die fr&uuml;here &bdquo;Umfallerpartei&ldquo; FDP sich im sog. &bdquo;b&uuml;rgerlichen Lager&ldquo; ohne eigene Mehrheit eingegraben hat und die f&uuml;nfte Partei vom &bdquo;linken&ldquo; Lager politisch ausgegrenzt wird. Das hat alles nichts mit dem Regierungssystem und schon gar nichts mit dem Grundgesetz zu tun. <\/p><p>Es hat viel mehr mit den von Herzog so gelobten &acute;zusammenger&uuml;ckten` Programmen der beiden Lager zu tun. Dieses Zusammenr&uuml;cken hat doch erst den politischen Raum f&uuml;r die f&uuml;nfte Partei er&ouml;ffnet. Und gerade diesen von Herzog konstatierten &bdquo;Konturverlust&ldquo; der gro&szlig;en Parteien stellt die neue f&uuml;nfte Partei offenbar in Frage. <\/p><p>Es d&uuml;rfe &bdquo;nie zu totalen Kurswechseln&ldquo; (Herzog) kommen, und deswegen ert&ouml;nt &ndash; wie der Altbundespr&auml;sident selber zugibt &ndash; &bdquo;der Ruf nach dem Mehrheitswahlrecht&ldquo;. <\/p><p>Aber wie bei den vorausgegangenen Agenda-Reformen gibt es auch f&uuml;r eine Wahlrechtsreform ein Vermittlungsproblem:<\/p><p>Herzog hat v&ouml;llig recht in seiner Einsch&auml;tzung, dass die kleinen Parteien, also die FDP, die Gr&uuml;nen und die Linke ihrer faktischen Eliminierung wohl kaum zustimmen w&uuml;rden und eine Wahlgesetz&auml;nderung von Union und SPD allein &bdquo;durchgeboxt&ldquo; werden m&uuml;sste.<br>\nZustimmen kann man Herzog auch, dass dies f&uuml;r die W&auml;hler &bdquo;so aussehen (w&uuml;rde), als ob die beiden Gro&szlig;en sich durch einen legislativen Trick nur unliebsamer Kritiker und Konkurrenten entledigen wollten.&ldquo;<\/p><p>Und ganz und gar trifft Herzogs Urteil zu: &bdquo;Dem Vertrauen in unser Verfassungssystem w&uuml;rde das, vorsichtig formuliert, nicht gut tun.&ldquo;<\/p><p>Es zeugt schon von intellektueller Chuzpe, dass Herzog in Frage stellt, ob die Einf&uuml;hrung des Mehrheitswahlrechts &bdquo;gegenw&auml;rtig der wirkliche K&ouml;nigsweg w&auml;re&ldquo;, um dann wenige Abs&auml;tze sp&auml;ter mehr oder weniger unverbl&uuml;mt f&uuml;r die abgemilderte, franz&ouml;sische Variante dieses Wahlentscheidungsprinzips zu pl&auml;dieren.<\/p><p>Hinter seinem Vorsto&szlig; f&uuml;r einen &bdquo;&Uuml;bergang zu einem Mehrheitswahlrecht&ldquo; steht wohl die Entt&auml;uschung des Altbundespr&auml;sidenten, dass seine &bdquo;Ruck-Rede&ldquo; vom 26. April 1997 nicht die erhoffte Wirkung gehabt hat. Damals wollte er ja die die Deutschen zu einem Aufbruch ins 21. Jahrhundert aufrufen: &bdquo;Wir m&uuml;ssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzst&auml;nden. Alle sind angesprochen, alle m&uuml;ssen Opfer bringen, alle m&uuml;ssen mitmachen&ldquo;. <\/p><p>Diese Berliner Rede war sozusagen die Ouvert&uuml;re zur neoliberalen Agenda-Politik. Die Regierenden und die beiden politischen &bdquo;Lager&ldquo; sind zwar dem Aufruf willig gefolgt, doch das Volk wehrt sich gegen die ihm abverlangten Opfer. Das Resultat ist der &bdquo;Vertrauensverlust&ldquo; von CDU und SPD und das &bdquo;Zusammenschrumpfen&ldquo; der Volksparteien, die sinkende Wahlbeteiligung und als kleines Warnsignal das Aufkommen der Linken. <\/p><p>Die wichtigsten Elemente dieses &bdquo;Aufbruchs&ldquo; &ndash; von den Hartz-Reformen &uuml;ber die Ruinierung der Gesetzlichen Rente bis zur Rente mit 67 &ndash; werden, wie sich aus allen Umfragen ergibt, von der &uuml;berwiegenden Mehrheit der Bev&ouml;lkerung abgelehnt. Damit sich diese Mehrheiten nicht dereinst in parlamentarischen Mehrheiten abbilden k&ouml;nnen, muss eine erstarkende parlamentarische Opposition gegen diesen Kurs durch eine &bdquo;faktische Eliminierung&ldquo; solcher Parteien aus dem Parlament verhindert werden.<\/p><p>Darin zeigt sich das gleiche undemokratische Denken, das auch unsere sog. Wirtschaftsexperten beherrscht: sie wollen ihr wirtschaftspolitisches Dogma politisch durchgesetzt sehen, auch gegen die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung. So hat das beispielsweise der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft bei der Durchsetzung der Rente mit 67 schonungslos offen formuliert: <a href=\"?p=2202\">&bdquo;F&uuml;r die Investoren ist entscheidend, dass es der Regierung gelungen ist, ein Projekt gegen die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung durchzusetzen&ldquo;<\/a>. <\/p><p>Dieses Denken, wonach die Regierung in der Lage sein m&uuml;sse, gegen den sich dauerhaft manifestierenden Mehrheitswillen der Bev&ouml;lkerung &bdquo;durchzuhalten&ldquo;, hat sich in den K&ouml;pfen unserer Machteliten bis zu Herzogs Nachfolger im Amt des Bundespr&auml;sidenten, Horst K&ouml;hler, durchgesetzt: &bdquo;Wir haben ein Problem mit dem Aushaltenk&ouml;nnen, bis Reformen wirken. Da kommt es auf politisches Stehverm&ouml;gen und gute Kommunikation an. Mir ist bewusst, dass dies leichter gesagt als getan ist. Doch das Interesse des Landes steht <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~E053F20601F534085B2A5C1546BACE7B6~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">&uuml;ber partei- oder machtpolitischen Interessen<\/a>.&ldquo;.<\/p><p>F&uuml;r dieses &bdquo;Stehverm&ouml;gen&ldquo; der Regierenden ist die Abbildung des Mehrheitswillens im Parlament eine Bedrohung. Und f&uuml;r den Altbundespr&auml;sidenten ist geradezu eine Horrorvorstellung, dass sich dann ein Kanzler &bdquo;f&uuml;r jedes Gesetz, das er f&uuml;r n&ouml;tig h&auml;lt (!), die erforderliche Mehrheit im Parlament zusammenbetteln muss, weil seine eigene Fraktion ja &uuml;ber keine ausreichende Mehrheit verf&uuml;gt.&ldquo; <\/p><p>Deshalb muss &uuml;ber das Wahlrecht gesetzlich eingegriffen werden, damit der &bdquo;Vertrauensschwund&ldquo; bei CDU und SPD sich bei den Wahlen nicht mehr niederschlagen kann und das Wahlsystem wieder f&uuml;r stabile Mehrheiten der &acute;schrumpfenden` Volksparteien sorgt.<br>\nDemokratie wird so zum Spielball zur Durchsetzung einer herrschenden Ideologie. In Wahrheit f&uuml;rchten Herzog und sein Konvent f&uuml;r Deutschland etwas ganz anderes: Dass SPD und Linkspartei gemeinsam eine etwas sozialere Politik durchsetzen und so die blockierte Demokratie durch mehr Wettbewerb wieder in Bewegung bringen k&ouml;nnten.<br>\nEs ist schon komisch, wie Herzog und sein Konvent, die sich sonst als die gro&szlig;en Verfechter des Wettbewerbs verstehen, vor dem politischen Wettbewerb Angst haben.<\/p><p>Quelle: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 6. M&auml;rz 2008 S. 6. Das gesamte Interview ist leider &uuml;ber das Netz nicht zu lesen, sondern leider nur der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/deutschland\/artikel\/467\/162020\/\">Aufmacher auf S. 1<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entwicklung zu einem F&uuml;nf-Parteiensystem in den Parlamenten einhergehend mit einem &bdquo;Vertrauensschwund&ldquo; der W&auml;hler gegen&uuml;ber den Volksparteien CDU\/CSU und SPD habe zu Spekulationen &bdquo;&uuml;ber die Abl&ouml;sung der bisherigen Zweiparteien-Koalitionen durch Dreiparteien-Koalitionen gef&uuml;hrt&ldquo;. 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