{"id":3047,"date":"2008-03-07T14:34:27","date_gmt":"2008-03-07T13:34:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3047"},"modified":"2019-07-25T11:13:28","modified_gmt":"2019-07-25T09:13:28","slug":"arm-aber-frei-zur-sozialen-situation-von-kuenstlerinnen-und-kuenstlern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3047","title":{"rendered":"Arm &#8211; aber frei? Zur sozialen Situation von K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern"},"content":{"rendered":"<p>Es bedarf immer mal wieder eines Anschubs wie zuletzt des Abschlussberichts der Enquete-Kommission &bdquo;Kultur f&uuml;r Deutschland&ldquo; des Deutschen Bundestages vom Dezember 2007, damit die soziale Situation von Kulturschaffenden in die &ouml;ffentliche Wahrnehmung r&uuml;ckt und eine Misere deutlich wird: Die hochqualifizierten, meist j&uuml;ngeren Menschen in den Kulturberufen verdienen j&auml;mmerlich wenig und geh&ouml;ren auch von ihrer sozialen Absicherung her dem sog. modernen Prekariat an. Von Petra und Joke Frerichs.<br>\n<!--more--><br>\nKulturberufe, ob in den Bereichen Musik, Literatur, bildende oder darstellende Kunst, Graphik und Design, Film\/TV\/Rundfunk oder neue Medien, gelten h&auml;ufig als Inbegriff von Kreativit&auml;t und Freiheit, zumal, wenn sie in selbst&auml;ndiger Form ausge&uuml;bt werden. So scheint die Attraktivit&auml;t dieser Studieng&auml;nge und Berufe ungebrochen. Gerade junge Leute hegen offenbar in gro&szlig;er Zahl den Traum von einem glamour&ouml;sen &bdquo;K&uuml;nstlerleben&ldquo; &ndash; dabei vergessend, dass nur die wenigsten es zu &ouml;ffentlichem Ruhm oder auch nur einer festen Anstellung bringen. Viele sehen einer ungesicherten Erwerbsperspektive entgegen, obwohl sie &uuml;ber eine qualifizierte Ausbildung verf&uuml;gen. Sie entscheiden sich f&uuml;r einen Weg, der ihren Neigungen entspricht und ihnen die Realisierung eines gewissen Ma&szlig;es an Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit erlaubt. Daf&uuml;r sind sie offenbar auch &bdquo;bereit&ldquo;, auf Dauer mit (sehr) wenig Geld auszukommen. Hier scheinen nicht nur K&uuml;nstler qua T&auml;tigkeit, sondern auch wahre Lebensk&uuml;nstlerinnen und &ndash;k&uuml;nstler heranzuwachsen. Die Monatszeitschrift &bdquo;Das Magazin&ldquo; (2\/2008) stellte unter der &Uuml;berschrift &bdquo;K&uuml;nstler zwischen Selbstausbeutung und Leidenschaft&ldquo; einige von ihnen beispielhaft vor. &bdquo;Viele von den K&uuml;nstlern (&hellip;) arbeiten nebenbei als Kellner, haben einen Nebenjob an der Uni, halten sich mit Stipendien &uuml;ber Wasser und leben ohnehin &auml;u&szlig;erst bescheiden&ldquo; (8).<\/p><p>Deutlich wird anhand der Beispiele, dass viele in das &bdquo;Freiberuflerdasein gedr&auml;ngt&ldquo; wurden, weil Unternehmen ihre Jobs &bdquo;outgesourct&ldquo; haben, um sich ihrer sozialen Verpflichtungen zu entledigen. Durch die Auslagerung ehemals angestellter T&auml;tigkeiten haben diese Unternehmen erhebliche Einsparungspotentiale erzielt. Ein Teil der &bdquo;Freiberufler&ldquo; hofft aber auch darauf, &bdquo;dem t&auml;glichen Einerlei einer Angestelltenkarriere&ldquo; zu entgehen und k&uuml;nftig einer &bdquo;kreativen, coolen&ldquo; T&auml;tigkeit nachzugehen. Ideologisch wird dies dann gern als &bdquo;Zugewinn an pers&ouml;nlicher Freiheit&ldquo; und &bdquo;Flexibilit&auml;t&ldquo; verbr&auml;mt &ndash; in krasser Verkennung der materiellen Ausstattung dieser T&auml;tigkeiten. <\/p><p>Heute sind fast 800.000 Menschen k&uuml;nstlerisch t&auml;tig. Wie die Enquete-Kommission in ihrem Schlussbericht (Drucksache 16\/7000) feststellt, ist die Gesamtzahl der Erwerbst&auml;tigen in Kulturberufen von 1995 (596.000 Personen) um 33 Prozent auf 797.000 Personen angestiegen; das macht einen j&auml;hrlichen Zuwachs von durchschnittlich 3,6 Prozent aus.<\/p><p>Sie verteilen sich auf folgenden Branchen:<\/p><p>Design und bildende Kunst: 213 000<br>\nMusik und darstellende Kunst: 202 000<br>\nLiteratur und Publizistik: 175 000<br>\nArchitekten: 113 000<br>\nBibliothekare und Museumsfachleute: 66 000<br>\nKulturspezifische Geisteswissenschaftler: 28 000<\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;ten Wachstumssch&uuml;be erzielten die Designer und Graphiker (plus 93 Prozent), gefolgt von den Ton-\/Bildingenieuren, B&uuml;hnen-\/Filmausstattern (plus 73 Prozent), Schriftstellern und &Uuml;bersetzern (plus 53 und 55 Prozent), und auch die klassischen K&uuml;nstlerberufe verzeichneten im Vergleichszeitraum ein Wachstum von 20 bis 40 Prozent. Dem Bericht, der sich auf Daten des Mikrozensus, der Umsatzsteuerstatistik und der Statistik der K&uuml;nstlersozialkasse st&uuml;tzt, ist auch zu entnehmen, dass die Zahl der &bdquo;Selbst&auml;ndigen&ldquo; stetig steigt, w&auml;hrend die der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten ebenso stetig schrumpft.<\/p><p>Die allermeisten K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler verf&uuml;gen &uuml;ber einen Hochschulabschluss sowie spezifische F&auml;higkeiten und Fertigkeiten, wozu auch ein &bdquo;hohes Ma&szlig; an Risikobereitschaft&ldquo; sowie &bdquo;Zusatzkompetenzen wie Selbstvermarktungs- und Selbstorganisationsf&auml;higkeiten&ldquo; geh&ouml;ren. Bei der Entwicklung der Selbst&auml;ndigkeit f&auml;llt neben der Akademisierung eine zunehmende Feminisierung auf. &bdquo;Insbesondere der wachsende Zustrom hochqualifizierter K&uuml;nstlerinnen hat (&hellip;) zu den Wachstumsraten von freiberuflichen bzw. selbstst&auml;ndig arbeitenden K&uuml;nstlern beigetragen.&ldquo; (S. 290) Daraus ist zu schlie&szlig;en, dass in den &ouml;ffentlich finanzierten Kulturbetrieben kaum noch Einstellungen von Frauen vorgenommen werden. &bdquo;Das entspr&auml;che dem typischen Muster der Geschlechterverh&auml;ltnisse in den K&uuml;nsten und st&uuml;tzte die Annahme, dass Frauen insbesondere dort erwerbst&auml;tig seien, wo flexible Arbeits- und Lebensformen potenziell besser aufeinander abgestimmt werden k&ouml;nnen.&ldquo; (ebd.) <\/p><p>Von den ann&auml;hernd 800.000 Erwerbst&auml;tigen in Kulturberufen waren laut Mikrozensus von 2004 rund ein Drittel oder 337.000 als Selbst&auml;ndige t&auml;tig. In der K&uuml;nstlersozialversicherung sind davon noch einmal weniger als die H&auml;lfte, n&auml;mlich rund 153.000 Personen registriert. Seit Inkrafttreten des K&uuml;nstlersozialversicherungsgesetzes (Januar 1983) und zweimaliger Novellierung sind zwar die freischaffenden und selbst&auml;ndig t&auml;tigen K&uuml;nstler\/K&uuml;nstlerinnen und Publizistinnen\/Publizisten im Rahmen des gesetzlichen Sozialversicherungssystems kranken-, renten- und pflegeversichert &ndash; das ist immerhin ein beachtlicher Fortschritt gegen&uuml;ber ihrer sozialen Lage vorher &ndash; ; gleichwohl ist der Zugang zur K&uuml;nstlersozialkasse nicht ohne H&uuml;rden, u.a. weil die Zugangsvoraussetzungen h&auml;ufig den realen Existenzbedingungen und Erwerbsformen widersprechen und bisweilen realit&auml;tsfremd formuliert sind. Hier ist zu bedenken, dass die Charakterisierung der k&uuml;nstlerischen T&auml;tigkeiten als &bdquo;selbst&auml;ndig\/unselbst&auml;ndig&ldquo; angesichts der realen Einkommensverh&auml;ltnisse eher irref&uuml;hrend ist. In vielen F&auml;llen d&uuml;rfte es sich um nichts anderes als um Formen der &bdquo;Scheinselbst&auml;ndigkeit&ldquo; handeln, wenn z.B. Mitglieder von Orchestern von deren Auftr&auml;gen leben &ndash; gleichwohl aber den Status von &bdquo;Selbst&auml;ndigen&ldquo; haben. Auf die Notwendigkeit einer rechtlichen Kl&auml;rung derartiger Statusfragen wird denn auch in dem Enquete-Bericht selbst hingewiesen.<\/p><p>Ist somit die soziale Absicherung der Kulturschaffenden schon prek&auml;r genug, so sind die Daten &uuml;ber ihre Einkommensverh&auml;ltnisse nun wirklich erschreckend. Hierzu sagt der Enquete-Bericht: &bdquo;Die Einkommen der Mehrzahl der in der K&uuml;nstlersozialkasse Versicherten sind sehr gering. Zum 1. Januar 2007 konnte aufgrund der Voraussch&auml;tzungen der Versicherten ein Durchschnittseinkommen von 11.094 Euro im Jahr errechnet werden. Das Einkommen der K&uuml;nstlerinnen lag mit 9.483 Euro im Jahr noch unter dem der K&uuml;nstler (Jahresdurchschnittseinkommen 12.452 Euro).<br>\nEin solches Jahreseinkommen ist kaum geeignet, davon den Lebensunterhalt zu bestreiten.&ldquo; (S. 301) <\/p><p>Nach dem Bericht verf&uuml;gt die Gruppe der bildenden und darstellenden K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler sowie der Musikerinnen und Musiker &uuml;ber ein durchschnittliches Monatseinkommen von 800 bis knapp 900 Euro. Es geh&ouml;rt schon eine Menge Idealismus dazu, unter solchen finanziellen Bedingungen leben und arbeiten zu m&uuml;ssen. Dabei ist zu ber&uuml;cksichtigen, dass in die statistischen Durchschnittswerte auch die Einkommen der gut Verdienenden eingehen, so dass die tats&auml;chlich erzielten Einkommen h&auml;ufig noch unter den in der Statistik angegebenen liegen. <\/p><p>Die Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission an den Deutschen Bundestag erstrecken sich auf ein breit angelegtes F&ouml;rderprogramm zur sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Absicherung der Kulturschaffenden. Der Wert des Berichts liegt unseres Erachtens vor allem in der statistischen Aufarbeitung und Ver&ouml;ffentlichung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der K&uuml;nstler und K&uuml;nstlerinnen in ihrer ganzen Problematik. <\/p><p>Bedenkt man, &uuml;ber welche herausragenden Qualifikationen, Kompetenzen, F&auml;higkeiten und Fertigkeiten diese Berufsgruppen verf&uuml;gen und welchen Beitrag die meisten von ihnen in einer von der Dominanz &ouml;konomischer Imperative gepr&auml;gten Gesellschaft f&uuml;r die geistige und kulturelle Reproduktion der Menschen leistet, dann ist es ein Skandal, mit anzusehen, unter welchen materiellen Bedingungen viele von ihnen ihr Dasein fristen. Denn immerhin erreicht die Anzahl der Kulturschaffenden in etwa die Gr&ouml;&szlig;enordnung der in der Landwirtschaft t&auml;tigen Landwirte (Das Magazin 02\/2008, 8). Um deren Subventionen k&uuml;mmern sich aber gleich ganze Heerscharen von Lobbyisten und Politikern. Ein Bruchteil dieser Gelder w&uuml;rde reichen, damit diejenigen, die uns mit ihren kulturell-k&uuml;nstlerischen Leistungen das Leben versch&ouml;nern, unter w&uuml;rdigeren Existenzbedingungen ihrer f&uuml;r die Gemeinschaft unverzichtbaren T&auml;tigkeit nachgehen k&ouml;nnten. Dass dies nicht der Fall ist, ist f&uuml;r eine so reiche Gesellschaft wie der unseren eine Schande. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es bedarf immer mal wieder eines Anschubs wie zuletzt des Abschlussberichts der Enquete-Kommission &bdquo;Kultur f&uuml;r Deutschland&ldquo; des Deutschen Bundestages vom Dezember 2007, damit die soziale Situation von Kulturschaffenden in die &ouml;ffentliche Wahrnehmung r&uuml;ckt und eine Misere deutlich wird: Die hochqualifizierten, meist j&uuml;ngeren Menschen in den Kulturberufen verdienen j&auml;mmerlich wenig und geh&ouml;ren auch von ihrer sozialen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3047\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,917,132],"tags":[1678,1673],"class_list":["post-3047","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-kultur-und-kulturpolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-kuenstler","tag-outsourcing"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3047","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3047"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3047\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53665,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3047\/revisions\/53665"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3047"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3047"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3047"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}