{"id":305,"date":"2006-01-19T18:28:28","date_gmt":"2006-01-19T17:28:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=305"},"modified":"2016-02-19T11:11:12","modified_gmt":"2016-02-19T10:11:12","slug":"schrumpfrente-eine-gezielte-verunsicherungskampagne-von-bild-gegenuber-den-burgern-und-gegen-die-gesetzliche-rentenversicherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=305","title":{"rendered":"\u201eSchrumpfrente\u201c. Eine gezielte Verunsicherungskampagne von BILD gegen\u00fcber den B\u00fcrgern und gegen die gesetzliche Rentenversicherung"},"content":{"rendered":"<p>Dreiviertel aller Deutschen rechnen auf Dauer mit weiter sinkenden Renten, das meldete <a href=\"?p=1013\">BILD am 27.12.05<\/a>.<br>\nDie Versicherungswirtschaft hat also ihr erstes Teilziel erreicht: Das Vertrauen in die Rente ist gr&uuml;ndlich zerst&ouml;rt. Die Anzeigekampagne von Allianz &amp; Co &bdquo;Rente sich wer kann&ldquo; ist offenbar bei der Bev&ouml;lkerung angekommen. Jetzt muss es die Versicherungslobby, um ihr Endziel zu erreichen, nur noch schaffen, dass die verunsicherten Menschen auch private Altersversicherungsvertr&auml;ge abschlie&szlig;en.<br>\nNicht mehr als Anzeige, sondern im redaktionellen Teil mit unverantwortlichen Horror-Balken&uuml;berschriften auf den ersten Seiten, jagt nun BILD nun schon den dritten Tag hintereinander Jung und Alt einen Schrecken ein und treibt sie in die F&auml;nge der Versicherungswirtschaft.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;So wenig ist die Schrumpfrente k&uuml;nftig nur noch wert&ldquo; titelt BILD am 17.1.06 und druckt auf ihrer Aufmacherseite eine Tabelle ab mit &bdquo;Schockprognosen&ldquo; im Vergleich zwischen heute und 2035. Eine heutige Durchschnittsrente von rund 800 Euro h&auml;tte demnach in 30 Jahren nur noch eine Kaufkraft von 454 Euro und l&auml;ge gerade ein paar Euro &uuml;ber dem heutigen Alg II-Satz. Einen Tag sp&auml;ter lautet die Balken&uuml;berschrift &bdquo;Wovon sollen wir im Alter leben&ldquo;. In typischer BILD-Manier kommen dann mit Foto Menschen aus dem Leben zu Wort, die sich bitter beklagen und etliche sehen ihr Heil nur noch in der privaten Vorsorge. Am 19.1.06 &ndash; pikanterweise unter einem Interview des Deutsche-Bank-Chefs Ackermann, in dem dieser seine Millionenbez&uuml;ge rechtfertigen darf &ndash; kommt BILD dann darauf, woraus die ganze Kampagne hinausl&auml;uft: &bdquo;Wieviel kostet mich eine Zusatz-Rente?&ldquo;. <\/p><p>&Uuml;ber 12 Millionen BILD-Leser sollen also mit dieser Angstmacherei (&bdquo;JEDER Beitragszahler ist betroffen&ldquo;), als letztem Ausweg vor Altersarmut in die private Altersvorsorge, n&auml;mlich in Kapital-Lebensversicherungen, in Investmentfonds oder in Bank-Sparpl&auml;ne getrieben werden.<\/p><p>Als Quelle f&uuml;r diese Horrordarstellung wird das &bdquo;Deutsche Institut f&uuml;r Altersvorsorge&ldquo; (DIA) genannt. Verschwiegen wird, dass dahinter kein neutrales wissenschaftliches Institut, sondern eine von der Deutschen Bank und Investmentt&ouml;chtern der Bank getragener &bdquo;Think-Tank&ldquo; steht, der kaum je eine Aussage &uuml;ber die Rentenfinanzierung getroffen hat, die nicht im Interesse der Banker ist.<br>\nNat&uuml;rlich treffen wir in den Beitr&auml;gen auch auf den &bdquo;angesehenen&ldquo; (BILD) wissenschaftlichen Versicherungsvertreter Professor Bernd Raffelh&uuml;schen von der Uni Freiburg, der seinerseits wiederum im Aufsichtsrat der &bdquo;ERGO-Versicherungsgruppe&ldquo; sitzt und als &bdquo;wissenschaftlicher Berater&ldquo; f&uuml;r den Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) e.V., Berlin, und f&uuml;r die Victoria Versicherung AG, D&uuml;sseldorf, t&auml;tig ist und gern gefragter Interviewpartner in den Rentenkatastrophenmeldungen der PR-Agentur f&uuml;r den Abbau des Sozialstaates, der &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; ist.<br>\nNat&uuml;rlich kommt auch das Aush&auml;ngeschild der neoliberalen au&szlig;erparlamentarischen Opposition unter dem Namen &bdquo;B&uuml;rgerKonvent&ldquo;, Reinhard Miegel, der den Sozialstaat insgesamt als Irrtum der Geschichte gei&szlig;elt, zu Wort.<br>\nBernd Katzenstein vom DIA r&auml;t &bdquo;nach M&ouml;glichkeit mindestens 5% vom Bruttoeinkommen zus&auml;tzlich zur Rentenversicherung in die Privatvorsorge zu stecken&ldquo;.<br>\nAuf die Idee dass man diese 5% (parit&auml;tisch) finanziert auch in die gesetzliche Rentenversicherung stecken k&ouml;nnte, kommt er nat&uuml;rlich erst gar nicht.<\/p><p>Es hat bislang niemand in der Politik oder in der Regierung dieser Panikmache energisch widersprochen. Sozialminister Franz M&uuml;ntefering hat, ohne auf die BILD-Kampagne einzugehen, reagiert und wohl zur Beruhigung der Rentner angek&uuml;ndigt, dass es entgegen dem in der Koalitionsvereinbarung ins Gespr&auml;ch gebrachten &bdquo;Nachholfaktor&ldquo; bis 2010 &ndash; gesetzlich garantiert &ndash; keine Rentenk&uuml;rzungen geben solle &ndash; gleichzeitig k&uuml;ndigte er aber f&uuml;r 2006 eine weitere Nullrunde an.<\/p><p>Es hat drei Tage gedauert bis sich die ersten kritischen Stimmen ([<a href=\"http:\/\/www.netzeitung.de\/spezial\/zukunftdesalters\/378118.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.netzeitung.de\/spezial\/zukunftdesalters\/378118.html\">1<\/a>], [<a href=\"http:\/\/www.f-r.de\/_inc\/_globals\/print.php?client=fr&amp;cnt=790069&amp;ref=\/ressorts\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.f-r.de\/_inc\/_globals\/print.php?client=fr&amp;cnt=790069&amp;ref=\/ressorts\/\">2<\/a>]) zu der Panikmache des Boulevard-Blattes gemeldet haben. So sagte der &bdquo;Die Deutsche Rentenversicherung&ldquo; der gr&ouml;&szlig;te gesetzliche Rentenversicherer in Europa mit mehr als 57 Millionen Kunden, die Berechungen in BILD seien &bdquo;unseri&ouml;s und nicht nachvollziehbar&ldquo;, die unterstellten Annahmen wichen &bdquo;deutlich von allen derzeit im wissenschaftlichen Raum verwendeten Daten ab.&ldquo;<br>\nAuch der Sozialexperte und &bdquo;Wirtschaftweise&ldquo; und einer der Hauptverfechter der &bdquo;dualen Rente&ldquo; meldete sich zaghaft zu Wort und h&auml;lt die BILD-Prognosen f&uuml;r &bdquo;unangebracht&ldquo;.<\/p><p>Auf Stimmen, die die gesetzliche Rente offensiv gegen dieses &bdquo;gesch&auml;ftssch&auml;digende&ldquo; Verhalten der Versicherungskonzerne reagierten, wartet man vergebens.<br>\nEinigerma&szlig;en neutrale Rentenfachleute wie das Mitglied der von der fr&uuml;heren Bundesregierung eingesetzten &bdquo;Altenkommission&ldquo; wie etwa <a href=\"?p=1021\">Professor Winfried Schm&auml;hl<\/a>, der konkrete Vorschl&auml;ge macht, wie die gesetzliche Rente eine wirkliche Volksrente bleiben k&ouml;nnte, werden nicht geh&ouml;rt.<\/p><p>Wir haben in vielen Beitr&auml;gen auf den NachDenkSeiten zwar die Renten-&bdquo;Reformen&ldquo; kritisiert, zugleich aber auch auf die Vorteile einer Umlagefinanzierung der Rente hingewiesen. Wir haben immer wieder die Privatisierungsstrategien der Versicherungswirtschaft und ihr Zusammenspiel mit den Medien und der Politik beim inzwischen eingeleiteten Systemwechsel hin zur Privatvorsorge angeprangert.<br>\nStatt einer neuerlichen Darstellung verweisen wir auf eine <a href=\"?p=1004\">zusammenh&auml;ngende Darstellung<\/a> vom 29.12.05 mit vielen weiteren Hinweisen.<\/p><p>Wenn das Spiel mit der Angst nicht so makaber w&auml;re, k&ouml;nnten wir ja auch die BILD-Zeitung mit ihrer Kampagne f&uuml;r die Privatvorsorge mit der der <a href=\"?p=1013\">BILD-Zeitung von Anfang dieses Jahres<\/a> konterkarieren, wo dieses Blatt Krokodilstr&auml;nen &uuml;ber die sinkende Gesamtverzinsung der privaten Lebensversicherungen geweint hat.<\/p><p>Es ist nur noch ein Trauerspiel, wie in diesem Land mit allen Mitteln der Propaganda, der Manipulation und der Panikmache Kernelemente des Sozialstaats, wie die gesetzliche Rente, sturmreif geschossen werden d&uuml;rfen, ohne dass es noch eine ernsthafte Gegenwehr g&auml;be. Daraus kann man ablesen, wie weit Politik, Verb&auml;nde und Medien und letztlich wir alle in die F&auml;nge der Versicherungswirtschaft geraten sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dreiviertel aller Deutschen rechnen auf Dauer mit weiter sinkenden Renten, das meldete <a href=\"?p=1013\">BILD am 27.12.05<\/a>.<br \/> Die Versicherungswirtschaft hat also ihr erstes Teilziel erreicht: Das Vertrauen in die Rente ist gr&uuml;ndlich zerst&ouml;rt. Die Anzeigekampagne von Allianz &amp; Co &bdquo;Rente sich wer kann&ldquo; ist offenbar bei der Bev&ouml;lkerung angekommen. 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