{"id":3050,"date":"2008-03-10T08:43:31","date_gmt":"2008-03-10T07:43:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3050"},"modified":"2015-11-26T16:41:35","modified_gmt":"2015-11-26T15:41:35","slug":"zum-polit-debakel-in-hessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3050","title":{"rendered":"Zum Polit-Debakel in Hessen:"},"content":{"rendered":"<p><strong>&bdquo;Die Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes&ldquo; &ndash; aber Parteispezies und Interessenkl&uuml;ngeler schaden der Demokratie<\/strong><br>\nW&auml;hrend das erb&auml;rmliche Get&ouml;se &uuml;ber das chaotisch wirkende hessische Polit-Geschachere im deutschen Bl&auml;tterwald schon wochenlang hysterische Formen aufweist und die elektronischen Medien ebenso verr&uuml;ckt zu spielen scheinen, hilft der Blick in die Verfassung dieses Bundeslandes weiter. &bdquo;Die Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes&ldquo; ist in Paragraf 77  zu lesen. Und wenn man die hessische Verfassung durchsucht  nach Koalitionsvoraussetzungen oder &auml;hnlichen Bedingungen f&uuml;r die Wahl des Regierungschefs durch einen neugew&auml;hlten Landtag, findet man nichts. Also kann es doch im Sinne dieser Verfassung und der dadurch fundierten Demokratie &ndash; nach dem bisherigen Scheitern der Vorweg-Koalitionsbem&uuml;hungen &ndash; nur eine einzige Konsequenz geben: Roland Koch und Andrea Ypsilanti sind praktisch qua Verfassung verpflichtet, bei der konstituierenden Sitzung des Landtages am 5. April in Wiesbaden zur Wahl des Regierungschefs anzutreten. Und wer dabei in der obligaten geheimen Wahl der 110 Abgeordneten mindestens 56 Stimmen erh&auml;lt, ist ordentlich gew&auml;hlter Ministerpr&auml;sident. Alles &uuml;brige? Offen. Von unserem Leser Klaus Manthey, Berlin<br>\n<!--more--><br>\nSo einfach stellt sich eigentlich die Lage dar &ndash; sofern insbesondere die tonangebenden Parteispezies die hessische Verfassung ernst n&auml;hmen, sofern die sogenannten Partei-Granden dem Geist der Demokratie wirklich durch Worte und Taten gen&uuml;gen wollten, sofern  vor allem die Partei-Vorderen von ihrer inneren Einstellung her bereit w&auml;ren, den W&auml;hlerwillen vom 27. Januar zu respektieren. Dieser  W&auml;hlerwillen ist n&auml;mlich &ndash; entgegen allem &ouml;ffentlichem Kampagnen-Geplappere und -Geschrei &ndash; klar und eindeutig. <\/p><p>Wer das amtliche Wahlergebnis studiert und analysiert, kann nichts anderes schlu&szlig;folgern. Die im neuen Landtag vertretenen f&uuml;nf Parteien  bekamen zusammen 2.621.968 Stimmen. Davon entfielen auf die CDU des Ministerpr&auml;sident-Kandidaten Koch 1.009.775 Stimmen und auf die FDP 258.550, also zusammen 1.268.325. Die SPD mit Ministerpr&auml;sident-Kandidatin Ypsilanti erhielt 1.006.264 Stimmen, die Gr&uuml;nen bekamen 206.610, die Linke verbuchte 140.769 Stimmen, folglich zusammen 1.353.643. <\/p><p>Die Gegen&uuml;berstellung der Stimmenbl&ouml;cke f&uuml;r die beiden sogenannten Lager ergibt eine Differenz von 85.318 Stimmen zugunsten der Anti-Koch-Seite um Andrea Ypsilanti, Tarek Al-Wazir (Gr&uuml;ne) und Willi van Ooyen (Linke).<\/p><p>Entsprechend fiel die Mandatszumessung im neuen Landtag aus. Einerseits 42 CDU-Abgeordnete und 11 FDP-Parlamentarier, macht zusammen 53 verbal festgelegte Koch-Unterst&uuml;tzer. Und andererseits 42 SPD-Abgeordnete, 9 Gr&uuml;nen-Mitglieder und 6 Linke-Vertreter, mithin zumeist lautstark hervorgetretene 57 Anti-Koch-Politiker.<\/p><p>Also rechnerisch vier Abgeordnete mehr auf der Anti-Koch-Seite &ndash; aber auch tats&auml;chlich? Und dabei zugleich auf der Pro-Ypsilanti-Seite? Niemand wei&szlig; das, niemand kann es wissen, niemand kann irgendwas beweisen &ndash; weil geheim eben geheim ist, weil allein eine geheime Wahl im Landtag Klarheit schaffen w&uuml;rde.<\/p><p>Dennoch m&uuml;&szlig;te eine solche Entscheidung sich als mehr oder minder klare Angelegenheit erweisen, wenn sich die 110 Abgeordneten im Schutze der Landtags-Wahlkabine an ihre vor dem B&uuml;rgerentscheid abgegebenen &ouml;ffentlichen Erkl&auml;rungen halten w&uuml;rden. Wenn es eben nicht die Landtags-Pflicht zur geheimen Wahl des Regierungschefs, wenn es nicht die tats&auml;chlichen oder vermuteten &bdquo;U-Boot-Fahrer&ldquo; in m&ouml;glicherweise allen f&uuml;nf Parteien, die abgehoben agierenden Parteispezies mit ihren undurchsichtigen Macht-&bdquo;Spielchen&ldquo; und die versteckt oder verdeckt operierenden Hinterzimmer-Kl&uuml;ngelanten g&auml;be. Und wenn es obendrein die vern&uuml;nftige Vorschrift nicht g&auml;be, da&szlig; nur derjenige zum Ministerpr&auml;sidenten wird, der mindestens eine Stimme mehr als die der H&auml;lfte der Landtagsmitglieder, also 55 plus eine oder 56, bekommt.<\/p><p>Dennoch ist der politische Willen der Mehrheit der hessischen W&auml;hler eindeutig: Sie trafen auf der Grundlage der hessischen Verfassung gem&auml;&szlig; dem dort festgeschriebenen Repr&auml;sentationsprinzip (oder: &bdquo;Die Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes&ldquo;) am 27. Januar ihre Entscheidung &ndash; nat&uuml;rlich auch und insbesondere im Blick auf die beiden einzigen Ministerpr&auml;sident-Kandidaten Ypsilanti und Koch, auf die Koalitionsaussagen der Parteien (in positiver oder negativer Form) und manch andere Aspekte.<\/p><p>Exakt 4.370.463 Frauen und M&auml;nner h&auml;tten am 27. Januar w&auml;hlen k&ouml;nnen. Lediglich 2.811.073 W&auml;hlerinnen und W&auml;hler nutzten das ihnen bedauerlicherweise nur alle f&uuml;nf Jahre zustehende Recht, ein Kreuz f&uuml;r diese oder jene Partei zu machen. Oder das Recht, der Wahlkabine fernzubleiben, was beklagenswerterweise 1.559.390 Menschen oder 35,7 Prozent der Wahlberechtigten taten. &Uuml;berdies waren beachtliche 68.114 Stimmen oder 2,4 Prozent aller B&uuml;rgervoten ung&uuml;ltig. Zudem mu&szlig;ten rund 95.000 Stimmen f&uuml;r sonstige Parteien bei der Zuerkennung von Landtagsmandaten unber&uuml;cksichtigt bleiben &ndash; wegen der 5-Prozent-H&uuml;rde.<\/p><p>Auch alll dies mu&szlig; ein demokratisch denkender, um Fairne&szlig; bem&uuml;hter  Betrachter ber&uuml;cksichtigen und gewichten, wenn er im Geiste eines wohlverstandenen und praktizierbaren Parlamentarismus die aktuelle hessische Situation bewertet. Dazu geh&ouml;rt, da&szlig; jedes der 110 Landtagsmandate durchschnittlich 23.585 Stimmen &bdquo;abdeckt&ldquo;.  Wer der Frage nachgeht, wie viele Stimmen jede der f&uuml;nf Parteien f&uuml;r ein einzelnes Mandat ben&ouml;tigte, kommt auf Werte zwischen 24.042 (f&uuml;r einen CDU-Sitz) und 22.957 (f&uuml;r einen Gr&uuml;nen-Sitz). F&uuml;r die Linken ergeben sich 23.462, f&uuml;r die FDP 23.505, f&uuml;r die SPD 23.959. Also liegen die mit einem Landtagsmandat &ldquo;verkn&uuml;pften&ldquo; W&auml;hlerstimmen ganz nahe beieinander. Oder anders: Jedes Mandat ist gleich viel wert oder gleichwertig.<\/p><p>Um so mehr ist es angebracht, die Gesamtverantwortung des neugew&auml;hlten Landtages zu betonen und alle seine 110 Mitglieder aufzufordern, weiteren Schaden vom wertvollen demokratischen Staatskonstrukt fernzuhalten. Was eben allein hei&szlig;en kann: &bdquo;Die&ldquo; (110) &bdquo;Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes&ldquo;, wie die Verfassung ohne Wenn und Aber feststellt. Quasi als Befehl an die Abgeordneten &ndash; durch nichts einschr&auml;nkbar, erst recht nicht durch parteiische Spezl-Wirtschaft, durch Hinterzimmer-Mauscheleien, durch pl&ouml;tzlich artikulierte &bdquo;Gewissensn&ouml;te&ldquo; oder durch Interessenkl&uuml;ngel von irgendwelchen &bdquo;Au&szlig;erparlamentarischen&ldquo;.<\/p><p>In genau diesem Sinne formulierte der bekannte Publizist, ARD-Fernsehmacher und Solar-F&ouml;rderer Dr. Franz Alt dieser Tage: &bdquo;Unser Wahlsystem sieht vor, da&szlig; alle Parteien, welche die 5-Prozent-H&uuml;rde &uuml;berspringen, demokratisch gew&auml;hlt sind. Das Wahlrecht kennt kein Zwei-Klassen-Parteiensystem. Es spricht nicht f&uuml;r die demokratische Reife der etablierten Parteien, eine neue, unbequeme Partei einfach ausgrenzen zu wollen. Gew&auml;hlt ist gew&auml;hlt! Und alle demokratisch gew&auml;hlten Parteien sollten untereinander gespr&auml;chsbereit und eventuell auch koalitionsbereit sein. Alles andere ist schlicht eine Mi&szlig;achtung des W&auml;hlerwillens.&ldquo; <\/p><p>Exakt diese Mi&szlig;achtung des W&auml;hlerwillens besteht schon lange Zeit, nunmehr forciert in der aktuellen Zuspitzung des hessischen Polit-Debakels, weil die Gesamtverantwortung der 110 Landtagsmitglieder vors&auml;tzlich mi&szlig;achtet oder absichtsvoll kaputtgemacht oder politgewollt beseitigt wird. Zum Beispiel dadurch, da&szlig; nicht nur die Koalitionsbereitschaft, sondern sogar die Gespr&auml;chsbereitschaft verweigert wird. Oder dadurch, da&szlig; alle f&uuml;nf Parteien vor der B&uuml;rgerentscheidung des 27. Januar mehr oder minder unsinnige, ja weithin verantwortungslose Koalitionsversprechen oder -absichten formulierten und gebetsm&uuml;hlenhaft wiederholten. Auch dies war bzw. ist eine Mi&szlig;achtung des W&auml;hlerwillens, sogar ein krasses Mit-den-F&uuml;&szlig;en-Treten des W&auml;hlerwillens, den keiner der Partei-Oberen vor dem 27. Januar kennen konnte. Auch wenn schon im Januar zu &bdquo;erf&uuml;hlen&ldquo; war, da&szlig; es zu einem 5-Fraktionen-Parlament kommen k&ouml;nnte.<\/p><p>Um so entschiedener ist jetzt zumindest die umfassende Gespr&auml;chsf&auml;higkeit der f&uuml;nf Fraktionsf&uuml;hrungen zu verlangen, damit die verworrene Lage schnellstens &uuml;berwunden werden kann. Zumal es an der Koalitionsf&auml;higkeit f&uuml;r Koch oder Ypsilanti, die allein in Frage kommenden Ministerpr&auml;sident-Kandidaten, fehlt. Auch diese Forderung ergibt sich als Konsequenz aus der unbestreitbaren Gesamtverantwortung aller 110 Landtagsmitglieder, die nicht in Gruppen oder als (Partei-) Fraktionen, sondern als Ganzes, eben als Hessischer Landtag f&uuml;r f&uuml;nf Jahre, von der B&uuml;rgerschaft gew&auml;hlt wurden. Also mu&szlig; es die erste gro&szlig;e Aufgabe dieses Landtags sein, am 5. April den hessischen Regierungschef neu zu w&auml;hlen &ndash; und damit  alle den W&auml;hlerwillen verf&auml;lschenden Tricks zu unterlassen. Nein zu dem demokratiegef&auml;hrdenden Hirngespinst einer &bdquo;gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Regierung Koch f&uuml;r ein Jahr bis zur Europawahl 2009&ldquo;! Nein zur sich abzeichnenden Variante &bdquo;B&uuml;rgerbeschimpfung &ndash; mit sp&auml;teren Neuwahlen als B&uuml;rgerbestrafung&ldquo;!  Nein zu der Spinner-Idee &bdquo;gro&szlig;e Koalition CDU\/SPD unter Petra Roth (CDU) und J&uuml;rgen Walter (SPD) &ndash; statt Koch und Ypsilanti&ldquo;!<\/p><p>Also, Roland Koch und Andrea Ypsilanti: Am 5. April im neuen Hessischen Landtag  in der nunmehr b&uuml;rgerbestimmten Zusammensetzung Antreten zur geheimen Wahl &ndash; gem&auml;&szlig; dem B&uuml;rgerwillen vom 27. Januar. Der Siegreiche f&uuml;hrt die Regierung an, der Unterlegene die Opposition. Und dann wird man weitersehen &hellip;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>&bdquo;Die Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes&ldquo; &ndash; aber Parteispezies und Interessenkl&uuml;ngeler schaden der Demokratie<\/strong><br \/> W&auml;hrend das erb&auml;rmliche Get&ouml;se &uuml;ber das chaotisch wirkende hessische Polit-Geschachere im deutschen Bl&auml;tterwald schon wochenlang hysterische Formen aufweist und die elektronischen Medien ebenso verr&uuml;ckt zu spielen scheinen, hilft der Blick in die Verfassung dieses Bundeslandes weiter. &bdquo;Die Abgeordneten sind Vertreter<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3050\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,190],"tags":[250,257,246,708,255,245],"class_list":["post-3050","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wahlen","tag-hessen","tag-koch-roland","tag-linke-mehrheit","tag-nichtwaehler","tag-wahlanalyse","tag-ypsilanti-andrea"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3050"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29108,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3050\/revisions\/29108"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}