{"id":3054,"date":"2008-03-11T08:52:24","date_gmt":"2008-03-11T07:52:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3054"},"modified":"2015-11-26T16:19:32","modified_gmt":"2015-11-26T15:19:32","slug":"spd-und-partei-die-linke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3054","title":{"rendered":"SPD und Partei \u201eDie Linke\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Nach den Wahlen in Bremen, Hessen, Niedersachsen und Hamburg samt Einzug der Linken in vier von elf westlichen Landesparlamenten muss die SPD m&ouml;glichst schnell und eindeutig ihr Verh&auml;ltnis zur Partei &bdquo;Die Linke&ldquo; kl&auml;ren. Von Rudolf Sch&ouml;fberger.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>A) Gesinnungsethik<\/strong><\/p><ol>\n<li>Die Partei &bdquo;Die Linke&ldquo; entstand aus der &ouml;stlichen Nachfolgepartei der SED, 1990 in PDS umbenannt, vereinigt mit der WASG, einer SPD-Abspaltung. <\/li>\n<li>Geschichtsbewusste Sozialdemokraten brauchen die SED, die Zwangsvereinigung mit der SPD samt deren Unterdr&uuml;ckung, die 44-j&auml;hrige DDR-Diktatur, Mauerbau, Schie&szlig;befehl, Stasi und die Ermordung von 2 220 Sozialdemokraten in Bautzen nicht zu vergessen. Sich an die deutsche Geschichte nachhaltig zu erinnern, ist und bleibt eine Frage der Gesinnungsethik.<\/li>\n<li>Gr&uuml;ndung, Existenz, Westausdehnung und Zuwachs der Linken schaden der SPD heute und auf l&auml;ngere Sicht. Denn eine erstarkende Linke ist f&uuml;r die SPD auch im Westen eine Konkurrenzpartei wie CDU, CSU, FDP und Gr&uuml;ne. Mehr noch, sie zieht auch zahlreiche SPD-Mitglieder ab. <\/li>\n<li>F&uuml;r Liebe, Zuneigung und Sympathie von Sozialdemokraten zur linken Konkurrenz gibt es nach wie vor keinen vern&uuml;nftigen Grund. Daran &auml;ndern verf&uuml;hrerische Rhetorik und noch so popul&auml;re Reden von Lafontaine, Gysi und Bisky nichts. <\/li>\n<li>Koalitionen sind keine Liebesheiraten sondern Zweckb&uuml;ndnisse auf Zeit.<\/li>\n<li>Wir bayerischen Sozialdemokraten\/innen lieben gesinnungsethisch die CSU schon wegen ihrer &Uuml;bermacht in Bayern nicht &ndash; und m&uuml;ssen im Bund verantwortungsethisch eine Koalition mit ihr ertragen. Wir lieben auch die neoliberale FDP nicht &ndash; und trachten nach Koalitionen mit ihr. Warum sollte das mit der Linken anders sein?<\/li>\n<li>Gesinnungsethiker sollten zumindest auch w&uuml;rdigen, welche SPD mit welcher Politik seit 1998 der linken Konkurrenz T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet hat.<\/li>\n<li>Wer mit neoliberaler Politik seit 2002 vier Millionen SPD-W&auml;hler und 400 000 SPD-Mitglieder abgetrieben, sechs Bundesl&auml;nder, den Bundespr&auml;sidenten und den Bundeskanzler vergeigt hat, ist &uuml;brigens auch ein schlechter gesinnungsethischer Ratgeber.<\/li>\n<li>Individuelle Gesinnungsethik kann bei Abgeordneten auch zu Gewissensentscheidungen f&uuml;hren (z. B. bei MdL Metzer in Hessen). Dieses Gewissen ist nach Art. 38 GG hoch gesch&uuml;tzt. Auftr&auml;ge und Weisungen von Parteigremien oder gar ein Parteiausschluss (wie der MdL Metzger angedroht) sind grob verfassungswidrig.<\/li>\n<\/ol><p><strong>B) Verantwortungsethik<\/strong><\/p><ol>\n<li>Mit Gesinnungsethik allein l&auml;&szlig;t sich 19 Jahre nach der Wiedervereinigung die Machtfrage in Deutschland nicht mehr kl&auml;ren. Sie ist eine Frage der Verantwortungsethik.<\/li>\n<li>PDS und heutige Linke haben sich erkennbar zu einer demokratischen, wenn auch eindeutig antikapitalistischen Partei gemausert, einzelne R&uuml;ckf&auml;lle eingeschlossen, deren Verursacher aber auch prompt ausgeschlossen werden. Eine blanke Verfassungsfeindlichkeit der Linken &ndash; wie die der NPD &ndash; l&auml;&szlig;t sich trotz Bem&uuml;hens des Verfassungsschutzes nicht feststellen. Der Umgang mit der Linken ist mit dem Umgang mit den Neonazis nicht zu vergleichen. <\/li>\n<li>Entscheidend ist schlie&szlig;lich der W&auml;hlerwille, dem auch in der SPD k&uuml;nftig mehr Respekt zu zollen ist. Allein der W&auml;hlerwille und nicht das Bedenken sozialdemokratischer Neoliberaler an der Spitze der SPD pr&auml;gen die Verantwortungsethik.<\/li>\n<li>Der W&auml;hlerwillen hat unbestreitbar f&uuml;r folgende Fakten gesorgt:\n<p>Die PDS, jetzt die Linke, ist im Osten eine starke und einflussreiche Volkspartei, da und dort st&auml;rker als die SPD.<\/p>\n<p>Die Linke ist in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern zusammen mit der SPD Regierungspartei, verl&auml;sslich, aber auch ziemlich entzaubert.<\/p>\n<p>Die PDS, jetzt die Linke, geh&ouml;rt dem Bundestag seit 2005 in Fraktionsst&auml;rke an.<\/p>\n<p>Die Linke hat im Westen neuerdings den Einzug in vier Landesparlamente (Bremen, Hessen, Niedersachsen,  Hamburg) geschafft. K&uuml;nftige Erfolge in westlichen Landtagswahlen sind nicht mehr auszuschlie&szlig;en, im Saarland sogar schon garantiert (Lafontaine: 19%).\n<\/p><\/li>\n<li>Verantwortungsethische Erkenntnisse aus den j&uuml;ngsten Landtagswahlen:\n<p>Aus dem bisherigen Vier-Parteien-System wird zunehmend ein F&uuml;nf-Parteien-System, weil die Linke nach vier Einz&uuml;gen mittelfristig in weitere Landesparlamente einziehen wird.<\/p>\n<p>Dieser Einzug erzwingt zun&auml;chst Gro&szlig;e Koalitionen mit der SPD als Juniorpartner oder Jamaika-Koalitionen aus CDU, Gr&uuml;ne und FDP.<\/p>\n<p>Gr&uuml;ne (in Hamburg + Bayern) und die FDP (Westerwelle am Wochenende) haben die neue Lage schon begriffen und er&ouml;ffnen neue Koalitionsperspektiven. Die SPD eiert schwer herum und leistet sich sogar eine gef&auml;hrliche Zerrei&szlig;probe.<\/p><\/li>\n<li>Unsere SPD braucht dringend eine neue Machtperspektive:\n<p>Im Bund und in mehreren L&auml;ndern gibt es jetzt schon arithmetisch &bdquo;linke&ldquo; Mehrheiten aus SPD, Gr&uuml;ne und Linke &ndash; aber gleichzeitig rechtsgestrickte Regierungen &ndash; das ist geradezu tragisch:<\/p>\n<p>Im Bundestag sind es fast 51% der Sitze. Kanzlerin Merkel verdankt ihr Amt nur der gutwilligen SPD. Sie k&ouml;nnte morgen durch einen sozialdemokratischen Bundeskanzler ersetzt werden.<\/p>\n<p>Die SPD stellte einschlie&szlig;lich im Saarland, NRW, Schleswig-Holstein, Hessen, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt schon einmal zw&ouml;lf von 16 Regierungschefs (fr&uuml;her ohne Berlin 11 von 16).<\/p>\n<p>Derzeit stellt die SPD nur in f&uuml;nf von 16 Bundesl&auml;ndern (Bremen, Rheinland-Pfalz, Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) den Regierungschef und in weiteren drei (Schleswig-Holstein, Sachsen und Th&uuml;ringen) den Juniorpartner in einer Gr0&szlig;en Koalition.<\/p>\n<p>In Hessen, Hamburg, Sachsen-Anhalt und Th&uuml;ringen k&ouml;nnte die SPD mit Gr&uuml;nen und Linken regieren. Das Saarland kommt ziemlich sicher bald hinzu. Auch neue SPD-Regierungen in NRW und Schleswig-Holstein sind nach den n&auml;chsten Wahlen mittelfristig nicht mehr ausgeschlossen.\n<\/p><\/li>\n<li>Antikommunismus war bis 1989 nicht unbegr&uuml;ndet und diskutabel, hat aber auch Adenauer und die Reaktion (mit Globke, Oberl&auml;nder, Kiesinger, Filbinger, Mende, Zogelmann u. a.) beg&uuml;nstigt. Seit dem Zusammenbruch des Weltkommunismus und der DDR ist Antikommunismus nur noch nostalgisch, nicht mehr zukunftstr&auml;chtig.<\/li>\n<li>Wenn die SPD gesinnungsethisch eine Koalition mit der Linken in Bund und L&auml;ndern f&uuml;r heute und dummerweise gleich f&uuml;r die ferne oder f&uuml;r alle Zukunft rigoros ausschlie&szlig;t, kostet das der SPD einen unertr&auml;glich hohen Preis. Denn diese Haltung f&uuml;hrt in Bund und L&auml;ndern zu dramatische Machteinbu&szlig;en:\n<p>Im Bund und in elf Bundesl&auml;ndern bleibt der SPD dann zwangsl&auml;ufig nur noch die Wahl zwischen folgenden Macht- oder Ohnmachtperspektiven:<\/p>\n<p>Juniorpartner in einer Gro&szlig;en Koalition mit stetig sinkendem W&auml;hleranteil (derzeit noch 28%) und weiterem W&auml;hlerdrift von der SPD zur Protest-Linken.<\/p>\n<p>In 11 von 16 Bundesl&auml;ndern regieren auf lange Sicht die Schwarzen.<\/p>\n<p>Nach einer m&ouml;glichen Jamaika-Koalition in Bund und L&auml;ndern droht der SPD die Opposition.<\/p>\n<p>In Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg droht ihr die ewige Opposition.<\/p><\/li>\n<li>Die verantwortungsethische Zukunftsalternative f&uuml;r die SPD lautet:\n<ul>\n<li>In Wahlk&auml;mpfen wirbt die SPD selbstbewusst f&uuml;r sich und nur f&uuml;r sich.<br>\nGewissensethische, zumal von politischen Gegnern erzwungene Koalitionsausschl&uuml;sse (wie in Hessen und Hamburg) f&uuml;hren nach der Wahl und manifestem W&auml;hlerwillen nur zu Widerrufen mit Verlust an Glaubw&uuml;rdigkeit oder zum Machtverzicht  und schlie&szlig;lich zur Verl&auml;ngerung der abgew&auml;hlten Regierungsmacht (wie in Hessen).  Sie sind k&uuml;nftig zu unterlassen.  <\/li>\n<li>Im Bund entscheiden ein Bundesparteitag, Parteivorstand und Bundestagsfraktion &uuml;ber m&ouml;gliche und zweckm&auml;&szlig;ige Koalitionen.<\/li>\n<li>In den L&auml;ndern entscheiden die zust&auml;ndigen Landesverb&auml;nde, Landesparteitage und Landtagsfraktionen &uuml;ber Koalitionen. Das haben Parteivorstand und Parteirat gegen eine Stimme beschlossen. Das entspricht dem Prinzip der Demokratie mit Willensbildung von unten nach oben und nicht umgekehrt. Was gibt es daran zu r&uuml;tteln?<\/li>\n<\/ul>\n<p>F&uuml;r konkrete Koalitionsentscheidungen nach einer Wahl kommt es an auf<\/p>\n<ul>\n<li>W&auml;hlerwillen und arithmetisch m&ouml;gliche Koalitionen<\/li>\n<li>Machterhalt oder Machterwerb der SPD (ein verl&auml;ngerter Koch ist keine Alternative)<\/li>\n<li>Solidarischer verantwortungsethischer Zusammenhalt der SPD-Abgeordneten   <\/li>\n<li>Gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Schnittmengen politischer Ziele zwischen SPD und einem Koalitionspartner<\/li>\n<li>Politische und personelle Zuverl&auml;ssigkeit von Koalitionspartnern<\/li>\n<li>Einen schriftlichen und verbindlichen Koalitionsvertrag. <\/li>\n<\/ul>\n<p>In diesem Sinne sind f&uuml;r die SPD k&uuml;nftig auch die vom W&auml;hlerwillen er&ouml;ffneten Koalitionen mit der Partei der Linken verantwortungsethisch denkbar und m&ouml;glich. <\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach den Wahlen in Bremen, Hessen, Niedersachsen und Hamburg samt Einzug der Linken in vier von elf westlichen Landesparlamenten muss die SPD m&ouml;glichst schnell und eindeutig ihr Verh&auml;ltnis zur Partei &bdquo;Die Linke&ldquo; kl&auml;ren. 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