{"id":3056,"date":"2008-03-11T09:08:20","date_gmt":"2008-03-11T08:08:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3056"},"modified":"2015-11-26T16:15:34","modified_gmt":"2015-11-26T15:15:34","slug":"die-maeuse-spielen-mit-der-katze-kurt-becks-aengstliche-rueckkehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3056","title":{"rendered":"Die M\u00e4use spielen mit der Katze \u2013 Kurt Becks \u00e4ngstliche R\u00fcckkehr"},"content":{"rendered":"<p>Ein gesundheitlich noch sichtlich angeschlagener Kurt Beck stellte sich der voll besetzten Bundespressekonferenz. Er tat das tapfer, denn ich kann mich hineindenken in die Zumutung, geduldig auf die Fragen von Journalisten zu antworten, die w&auml;hrend seiner Krankheit regelrechte Hetzkampagnen gerade auch gegen ihn und die SPD inszeniert haben. Er hat zwar in den eineinviertel Stunden mit noch schwacher Stimme viel geredet, aber doch nur wenig gesagt. Es sei denn man sieht es als einen Fortschritt an, dass Kurt Beck zur Kenntnis nimmt, dass die &bdquo;herausfordernde Lage&ldquo; f&uuml;r die SPD der politischen Entwicklung in der Republik zu einem F&uuml;nfparteiensystem geschuldet ist und dass die von Beck &bdquo;so genannte Linkspartei&ldquo; die Sozialdemokraten in besonderer Weise betrifft. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nBeck hat eingestanden, dass seine Hoffnung, die Linke im Westen aus den L&auml;nderparlamenten herauszuhalten, nicht aufgegangen ist und dass deshalb die Strategie der SPD weiterentwickelt werden m&uuml;sse. Die alte Strategie, die Linke durch Ausgrenzung aus den (West-) Parlamenten herauszuhalten, trage nicht mehr, der W&auml;hler habe anders entschieden, deshalb k&ouml;nne er in Hessen einen &bdquo;Wortbruch&ldquo; nicht erkennen. Die SPD h&auml;tte sich auf die neue Lage einstellen m&uuml;ssen, wenn sie sich nicht einmauern wollte.<br>\nSoweit h&auml;tte man ja Kurt Beck noch folgen k&ouml;nnen, es war zwar eine sp&auml;te Einsicht, aber immerhin.<\/p><p>Die Linke &bdquo;ist und bleibt&ldquo; f&uuml;r Beck eine &bdquo;gegnerische Partei&ldquo;.<br>\nSo weit, so gut, aber was folgt f&uuml;r ihn daraus: Eine andere &bdquo;strategische Auseinandersetzung&ldquo;, wie er sie vorgeschlagen habe, sei &bdquo;keine Hinwendung&ldquo; zur Linken. &bdquo;Die Reise nach links&ldquo; habe nie stattgefunden, &bdquo;wir spielen auf der ganzen Breite des Spielfelds&ldquo;. Die Probleme der Mittelschicht m&uuml;sse die SPD genauso umtreiben wie die Probleme am &bdquo;Rande der Armut&ldquo;, insbesondere der Kinderarmut.<br>\nAber was hat Kurt Beck der immer mehr nach unten durchgereichten Mittelschicht zu bieten und was denjenigen am Rande der Armut? Er hat keine einzige Andeutung dar&uuml;ber gemacht, welche Initiativen die SPD &uuml;ber den bisherigen Kurs hinaus anzusto&szlig;en gedenkt.<\/p><p>Zum wiederholten Male hatte Beck nichts anderes zu bieten, als dass man k&uuml;nftig &bdquo;die inhaltliche Auseinandersetzung&ldquo; mit der Linken suchen werde. Die Basis der Auseinandersetzung seien die Beschl&uuml;sse des Hamburger Parteitages. Alles Weitere werde auf eine Funktion&auml;rskonferenz am 31. Mai in N&uuml;rnberg diskutiert.<\/p><p>Die in dem Beschluss des Parteirats niedergelegten Eckpunkte im Hinblick auf den Umgang mit der Linken auf L&auml;nderebene &bdquo;gelten nach wie vor&ldquo;. Gleichzeitig begr&uuml;&szlig;te er, dass sich Andrea Ypsilanti in Hessen als Ministerpr&auml;sidentin nicht zur Wahl stelle. Er lehne eine pers&ouml;nliche Mitverantwortung f&uuml;r die Situation in Hessen ab, er habe aber auch keinen Grund, auf die hessische SPD mit Kritik zu reagieren. Man k&ouml;nne nicht zweimal mit dem gleichen Kopf gegen die gleiche Wand laufen. Die Aus&uuml;bung von Druck auf einzelne Parlamentarier durch die Fraktion halte er nicht f&uuml;r akzeptabel. (Das wird man sich f&uuml;r Abstimmungen im Bundestag merken m&uuml;ssen.) Die hessische SPD werde ihre Positionen im hessischen Landtag einbringen und sehen, wie die gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Regierung damit umgehen werde.<\/p><p>Auf Bundesebene sieht Beck nach wie vor &bdquo;un&uuml;berbr&uuml;ckbare Gegens&auml;tze&ldquo; zur Linken in der Au&szlig;en-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik, aber auch bei sozialen Themen. Das Nein der Linken zum EU-Reformvertrag und die &bdquo;&Uuml;berwindung der NATO&ldquo; beispielsweise seien &bdquo;unverantwortlich&ldquo; und &bdquo;v&ouml;llig unakzeptabel&ldquo;. Spekulationen &uuml;ber eine m&ouml;gliche Zusammenarbeit auf Bundesebene entbehrten jede Grundlage. Die Frage, ob man auf sein Wort bauen k&ouml;nnte, konterte er mit dem Hinweis, dass die SPD ja auch jetzt schon mit der Linken zusammenarbeiten k&ouml;nnte (er wollte damit wohl ausdr&uuml;cken, dass Angela Merkel dann keine Mehrheit mehr h&auml;tte.)<\/p><p>Die Linke sei eine Partei ohne einheitliches Programm, deshalb m&uuml;sse man auf L&auml;nderebene entscheiden, ob und wie eine Zusammenarbeit an Hand der konkreten Positionen m&ouml;glich sei.<\/p><p>Beck betonte, dass er schon immer gegen &bdquo;eine Lagerbildung&ldquo; eingetreten sei, deshalb best&uuml;nden auch gegen schwarz-gr&uuml;n keine grunds&auml;tzlichen Einwendungen, er begr&uuml;&szlig;e vielmehr, dass die Lagerbildungen &bdquo;aufzubrechen beginnen&ldquo;. Da d&uuml;rfe sich die SPD aber auch nicht einmauern lassen. Auf Bundesebene setze er allerdings auf Rot-Gr&uuml;n, er sei auch bereit Rot-Gr&uuml;n-Gelb zu akzeptieren, aber auch eine Gro&szlig;e Koalition sei nicht ausgeschlossen.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich stehe er zur derzeitigen Gro&szlig;en Koalition in Berlin.<\/p><p>Er kritisierte die &bdquo;Art der Diskussionen&ldquo; und bedauerte mehrfach, dass er zu Irritationen beigetragen habe, und f&uuml;hrte dies auf den &bdquo;Galopp in den Abl&auml;ufen&ldquo; zur&uuml;ck.<\/p><p>Zum mehrfachen Nachtreten etwa seines Stellvertreters Steinbr&uuml;ck hatte er nicht mehr zu sagen, als dass er den Finanzminister zu einem &bdquo;Eckpfeiler unserer Politik&ldquo; erkl&auml;rte, den er &bdquo;in h&ouml;chstem Ma&szlig;e&ldquo; sch&auml;tze. Er habe hohes Vertrauen in seine Stellvertreter.<\/p><p>Inhaltlich konnte Kurt Beck wirklich nichts Neues anbieten, die Agendapolitik sei notwendig, aber es gebe auch notwendige Weiterentwicklungen. Hartn&auml;ckig verteidigte er die Rentenpolitik der Bundesregierung, eine Erh&ouml;hung der Rentenbeitr&auml;ge auf 28 Prozent, wie er der Linken vorschwebe, halte er f&uuml;r nicht verantwortbar (wieviel Prozent die gesetzliche zusammen mit der Riesterrente schon jetzt ausmachten, danach wurde er von diesen Pressevertretern nicht gefragt, und auch Beck selbst umging diese Frage.)<\/p><p>Ziemlich hilflos versuchte Kurt Beck die Diskussion von der SPD weg auf Sachthemen zu lenken, auf denen er F&uuml;hrungsst&auml;rke beweisen werde.<\/p><p>Er wolle die Diskussion in der AG Bahnreform entlang der Kriterien des Hamburger Parteitags und der dort erarbeiteten Positionen begleiten. Wichtig sei, dass es keine Zerschlagung der Bahn geben d&uuml;rfe und der konzerninterne Arbeitsmarkt erhalten bleibe. Privatanleger d&uuml;rften keinen Zugriff auf das Netzeigentum bekommen. Ob das Hamburger Modell der Volksaktie durchgehalten wird, blieb eher im Nebulosen, schlie&szlig;lich gebe es ja die AG, die einen Vorschlag erarbeiten werde, &bdquo;der auch in der Koalition vertr&auml;glich ist&ldquo;.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus h&auml;tten sich die F&uuml;hrungsgremien der Partei im Rahmen der F&ouml;deralismusreform II auf die Festschreibung einer &bdquo;Schuldenbegrenzung&ldquo; verst&auml;ndigt. <\/p><p>Kurt Beck hat den gro&szlig;en Fehler gemacht, weiterhin fast ausschlie&szlig;lich &uuml;ber Koalitionsoptionen und &uuml;ber &bdquo;Strategien&ldquo; im Umgang mit den Linken zu reden. Das ist genau das Feld, auf dem ihn die Medien und die CDU weiter jagen werden. Er kann tausend Mal erz&auml;hlen, dass im Bund keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit der Linken m&ouml;glich ist, die CDU und die FDP werden ihn mit diesem Thema weiter vor sich her treiben. Pofalla hat das schon kurze Zeit nach Becks Pressekonferenz vorgef&uuml;hrt. Statt immer neue Treueschw&uuml;re zu leisten, dass man mit der Linken nicht k&ouml;nne, m&uuml;sste er deutlich machen, wof&uuml;r die SPD inhaltlich steht. Statt sich immer wieder von der Linken abzugrenzen und von einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu schwafeln, sollten er und die SPD sich mit der Frage besch&auml;ftigen, warum die Linke Zulauf von den W&auml;hlern erh&auml;lt. Warum die SPD in ausreichendem Ma&szlig;e weder die Mittelschicht erreicht noch gar diejenigen, die &bdquo;am Rande der Armut&ldquo; stehen. &Uuml;ber diese politischen Fragen gibt es in der SPD nicht nur inhaltliche Streitigkeiten, sondern da tut sich ein lange verdeckter Spalt auf.<\/p><p>Beck hat entweder nicht begriffen oder er will es &uuml;berdecken, dass in der SPD derzeit die unter Schr&ouml;der unterdr&uuml;ckte und unter M&uuml;ntefering durch sozialdemokratische Rhetorik &uuml;bert&uuml;nchte Spaltung der SPD offen zu Tage tritt; eine Spaltung zwischen einerseits den rechten Funktion&auml;ren in Regierungs&auml;mtern und Fraktion sowie den Karrieristen im Seeheimer Kreis und andererseits einem betr&auml;chtlichen Teil (ob es eine Mehrheit ist, da w&auml;re ich mir nicht mehr so sicher) der Parteibasis. <\/p><p>Diese Spaltung zu &uuml;berdecken konnte dank der Disziplin des linken Fl&uuml;gels so lange gelingen, wie die SPD den Kanzler stellte, und sie hat sich auch unter dem Parteivorsitzenden M&uuml;ntefering noch eine Weile zudecken lassen, weil es diesem gelungen ist, der Partei nach dem Munde zu reden und gleichzeitig, etwa mit der Rente mit 67, das Gegenteil zu tun. Mit Kurt Beck, der kein Regierungsamt hat, auf das die Genossen R&uuml;cksicht nehmen m&uuml;ssten, tut sich dieser Spalt nun auf.<br>\nDa er in dieser Auseinandersetzung nicht eindeutig Stellung beziehen will, bleibt ihm nur, auf den parteiinternen Diskussionsbedarf und auf eine Funktion&auml;rskonferenz Ende Mai zu verweisen.<br>\nWollte Beck der Rechten in der SPD ihre Grenzen aufzeigen, h&auml;tte er aber nur eine letzte Chance, n&auml;mlich auf einem Parteitag &ndash; das hat Hamburg angedeutet.<\/p><p>Doch seine Unterwerfungsgesten an Steinbr&uuml;ck und die anderen Stellvertreter und die Tatsache, dass er keinerlei neuen, inhaltlichen Akzent gesetzt hat, wie er die an die Linke verloren gegangenen W&auml;hler wieder zur&uuml;ckholen m&ouml;chte, machen deutlich, dass er, wenn er nicht selbst im rechten Lager steht, so doch von diesem beherrscht wird. <\/p><p>Das belegen auch die einzigen &ndash; mit l&auml;chelnder Ironie aufgenommenen &ndash; inhaltlichen Aussagen, die Beck auf der Pressekonferenz gemacht hat: zur Bahn- und zur F&ouml;deralismusreform.<\/p><p>Doch so verschwurbelt sich Beck dazu auch ge&auml;u&szlig;ert hat, so wurde doch erkennbar, dass die von ihm begleitete Arbeitsgruppe zur Bahnreform allenfalls die Aufgabe haben d&uuml;rfte, eine Privatisierungsl&ouml;sung f&uuml;r die Bahn zu finden, mit der der Hamburger Beschluss ausgehebelt wird. <\/p><p>Und bei der Festsetzung einer &bdquo;Verschuldensgrenze&ldquo;, also sozusagen einem Maastricht f&uuml;r die Haushalte von Bund und L&auml;ndern, hat sich sein Stellvertreter Steinbr&uuml;ck schon auf ganzer Linie durchgesetzt. Dem Staat w&uuml;rde damit seine letztverbliebene, aktive konjunkturpolitische Steuerungsm&ouml;glichkeit &ndash; die Fiskalpolitik &ndash; genommen, ihm bliebe unter dem (politischen) Druck des internationalen Steuersenkungswettlaufs fast ausschlie&szlig;lich noch eine Sparpolitik zu Lasten des Sozialstaats. Das Ziel der Marktradikalen, &bdquo;starve the beast !&ldquo; (&bdquo;Hungert den Staat aus!&ldquo;), erhielte damit Verfassungsrang.<\/p><p>Die Parteirechte f&uuml;hlt sich offenbar stark genug und ist vor allem r&uuml;cksichtslos genug, ohne R&uuml;cksicht auf den Parteivorsitzenden und &ndash; was noch schlimmer ist &ndash; ohne R&uuml;cksicht auf die SPD als Partei diese Auseinandersetzung f&uuml;r sich zu entscheiden.<br>\nDas von Kurt Beck gew&auml;hlte Bild von den M&auml;usen, die auf dem Tisch tanzten, weil die Katze aus dem Haus ist, trifft die Wirklichkeit nicht. Die M&auml;use, die auf dem &ouml;ffentlichen Pr&auml;sentiertisch tanzen, sind so fett, so aggressiv und so zahlreich geworden, dass die Katze nach deren Takt tanzen muss.<\/p><p>Um im Bild zu bleiben: Kurt Beck muss den Kammerj&auml;ger Parteitag holen, wenn er der M&auml;useplage noch Herr werden will.<br>\nWenn er das &uuml;berhaupt will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gesundheitlich noch sichtlich angeschlagener Kurt Beck stellte sich der voll besetzten Bundespressekonferenz. Er tat das tapfer, denn ich kann mich hineindenken in die Zumutung, geduldig auf die Fragen von Journalisten zu antworten, die w&auml;hrend seiner Krankheit regelrechte Hetzkampagnen gerade auch gegen ihn und die SPD inszeniert haben. 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