{"id":30582,"date":"2016-01-26T09:41:28","date_gmt":"2016-01-26T08:41:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30582"},"modified":"2024-08-22T16:16:01","modified_gmt":"2024-08-22T14:16:01","slug":"wer-vom-kapitalismus-nicht-reden-will-sollte-auch-von-fluchtursachen-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30582","title":{"rendered":"\u201eWer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch von Fluchtursachen schweigen\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160126_dahn.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Kaum einer kennt einen. Doch alle reden &uuml;ber sie. Sie sind anders. Nicht wie wir. Gef&auml;hrlich. Und auch f&uuml;r K&ouml;ln verantwortlich, wie man meint. Die Fl&uuml;chtlinge. Aber warum fl&uuml;chten Menschen &uuml;berhaupt? In welchem Kontext findet die aktuelle Debatte statt? Und was verschweigen die Leitmedien uns? Zu diesen Fragen sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit der Schriftstellerin und Publizistin <strong>Daniela Dahn<\/strong>, die meint, dass das Gegenw&auml;rtige l&auml;ngst unhaltbar sei und daher g&ouml;lte: &bdquo;Solidarisches Gemeinwesen oder Barbarei&ldquo;.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4090\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-30582-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160126_Wer_vom_Kapitalismus_nicht_reden_will_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160126_Wer_vom_Kapitalismus_nicht_reden_will_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160126_Wer_vom_Kapitalismus_nicht_reden_will_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160126_Wer_vom_Kapitalismus_nicht_reden_will_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=30582-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160126_Wer_vom_Kapitalismus_nicht_reden_will_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160126_Wer_vom_Kapitalismus_nicht_reden_will_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Frau Dahn, die im Dezember bei Rowohlt herausgegebene Anthologie &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.rowohlt.de\/paperback\/und-das-ist-erst-der-anfang.html\">Und das ist erst der Anfang. Deutschland und die Fl&uuml;chtlinge<\/a>&ldquo;, erscheint nun schon in der 5. Auflage. Auch Sie mischen sich darin mit einem Beitrag in die Debatte ein. Eine Debatte, die seit Silvester gekippt ist.<\/strong><\/p><p>Ja, die Geschichte von den potenten arabischen Sext&auml;tern und den impotenten Polizei-Nichtstuern kam m&auml;chtigen und ohnm&auml;chtigen Kreisen, die m&ouml;glichst viele Fl&uuml;chtlinge abschieben und an der Einreise hindern wollen, wie gerufen. Wie hier mit dem Leid der betroffenen Frauen Stimmung gemacht wurde, hat f&uuml;r mich eine neue Qualit&auml;t von Einflussnahme auf politische Debatten. <\/p><p>Nachdem die Polizei f&uuml;r ihre verbale und praktische Zur&uuml;ckhaltung kritisiert wurde und es zu schnellen Entlassungen kam, war nur noch satisfaktionsf&auml;hig, wer nachtr&auml;glich voll zuschlug. Die Schlagzeilen sprachen von barbarischer Silvesternacht, von Horror, Albtraum, Gewaltexzessen und b&uuml;rgerkriegs&auml;hnlichen Zust&auml;nden. Besonders in den sogenannten sozialen Medien war mehrheitlich Schluss mit Willkommenskultur. <\/p><p>Die Hassbotschaften gingen nicht nur unter die G&uuml;rtellinie, sie waren derart unterirdisch, dass viele Portale geschlossen werden mussten. Ich muss sagen, mir hat das mehr Angst gemacht als die eigentlichen Vorkommnisse. Ein paar Dutzend, vielleicht ein paar hundert ausl&auml;ndische T&auml;ter wurden instrumentalisiert, um einen Schatten des Vorurteils &uuml;ber eine Million Fl&uuml;chtende zu werfen. Vertreter ausnahmslos aller Parteien sorgten sich um ihre W&auml;hlerschaft und versprachen konsequenter zu strafen und abzuschieben. Selbst der sonst so bedachtsame Justizminister gab unbewiesene Verd&auml;chtigungen ab, was ein Jurist unterlassen sollte.<\/p><p><strong>Die Taten sind aber doch durch Anzeigen belegt. Unterstellen Sie, dass die Dynamik der Ereignisse einerseits aufgebauscht und andererseits Bedenkenswertes verschwiegen wurde?<\/strong><\/p><p>Wer &Uuml;berlegungen dar&uuml;ber anstellt, mit welchen Mitteln in Geschichte und Gegenwart Interessen durchgesetzt werden, bekommt seit einiger Zeit sofort die Totschlagskeule <a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2016\/01\/09\/vorsicht-verschwoerungstheorie\/\">Verschw&ouml;rungstheoretiker<\/a> &uuml;bergezogen &ndash; ein selten d&auml;mlicher Vorwurf. Dar&uuml;ber war ja auf den Nachdenkseiten immer wieder Erhellendes zu lesen. <\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es Verschw&ouml;rungen auf dieser Welt. Die Anschl&auml;ge vom 11. September waren auf jeden Fall eine weit verzweigte Verschw&ouml;rung. Fragt sich nur, von wem genau. Theorien dar&uuml;ber k&ouml;nnen gut oder schlecht sein, sie sind aber keinesfalls unn&ouml;tig und von vornherein verdammenswert. <\/p><p>Was nun Anzeigen betrifft so sind sie, auch das wei&szlig; jeder Jurist, zun&auml;chst Schuldzuweisungen, keine Beweise. Die H&auml;ufigkeit der Anzeigen erh&ouml;ht nat&uuml;rlich ihre Glaubw&uuml;rdigkeit und damit ihre Beweiskraft. Die entw&uuml;rdigenden &Uuml;bergriffe sind &uuml;berhaupt nicht zu bezweifeln oder in ihrer Erb&auml;rmlichkeit zu verharmlosen. Dennoch f&auml;llt auf, dass naheliegende Fragen, deren Beantwortung von dem abweichen k&ouml;nnte, was zur Zeit geh&ouml;rt werden will, nicht verfolgt werden. <\/p><p><strong>Zum Beispiel?<\/strong><\/p><p>Es &auml;rgert mich, wenn nur im Netz fundierte Analysen dar&uuml;ber zu finden sind, woher auf Twitter Hashtags wie <em>Arrest Merkel<\/em> oder <em>Merkel Has To Go<\/em> kommen, wer sie wom&ouml;glich aufgreift und weiterverbreitet und welche nachvollziehbaren politischen Gro&szlig;ziele dahinter stehen k&ouml;nnten, die bis zu Merkels in letzter Zeit reservierten Haltung gegen&uuml;ber den privaten Schiedsgerichten bei TTIP reichen. Es ist offenbar leicht, den Volkszorn aufs Grapschen &bdquo;maghrebinischer W&uuml;stlinge&ldquo; zu lenken, um das ganz gro&szlig;e Grapschen der Wirtschaftseliten politisch zu erm&ouml;glichen. Abstrakt &uuml;ber Cyber-War zu schreiben, gilt als Beleg f&uuml;r Durchblick, konkreten Beispielen nachzugehen und Interessen offen zu legen, ist zu hei&szlig;. Wer meint, der Tatort spiele nur am K&ouml;lner Hauptbahnhof, ist wohl dem B&ouml;ller-Nebel erlegen. <\/p><p><strong>Aber auch in K&ouml;ln ist noch viel Widerspr&uuml;chliches unaufgekl&auml;rt &hellip;<\/strong><\/p><p>Richtig. Peter Pauls vom K&ouml;lner Stadtanzeiger sprach von &bdquo;Bildern, die die Welt ersch&uuml;ttern&ldquo;. Da ist einem wohl was entgangen, wenn man den K&ouml;lner Stadtanzeiger nicht liest. In den &uuml;berregionalen Medien habe ich bisher kein einziges Bild gesehen, das mich ersch&uuml;ttert hat. Ich sehe auf dem Bahnhofsvorplatz dunkle Gestalten im sp&auml;rlichen Licht von Laternen stehen, die B&ouml;ller werfen. Ganz normale Silvester-Bilder. Ich sehe sie weder rennen, noch raufen noch saufen. Die zwei Videos, die widerliche &Uuml;bergriffe auf blonde Frauen zeigten, stammten vom &auml;gyptischen <a href=\"http:\/\/dradiowissen.de\/beitrag\/fake-videos-erst-checken-dann-teilen\">Tahrir-Platz<\/a> und aus <a href=\"http:\/\/www.mimikama.at\/allgemein\/bilder-aus-ungarn\">Budapest<\/a>. Dabei ist doch vollkommen unumstritten, dass die sexuellen &Uuml;bergriffe und Taschendiebst&auml;hle stattgefunden haben, dass es unmittelbar vor dem Bahnhof, da wo die meisten Kameras installiert sind und es am hellsten ist, die reisenden Frauen dem Spie&szlig;rutenlauf hilflos ausgesetzt waren. Warum dauert das Auswerten der &Uuml;berwachungsbilder derart lange? Warum ist eine Hundertschaft bewaffneter Polizisten nicht mit Gruppen unbewaffneter M&auml;nner fertig geworden?<\/p><p><strong>Glauben Sie, dass Informationen bewusst zur&uuml;ck gehalten werden oder darauf verzichtet wird, sie &uuml;berhaupt zu recherchieren?<\/strong><\/p><p>Die Kollegen von Hintergrund.de <a href=\"http:\/\/www.hintergrund.de\/201601143817\/politik\/inland\/silvesternacht-in-koeln-das-versagen-der-staatsorgane.html\">schreiben<\/a> auf ihrer Seite, es dr&auml;nge sich der Eindruck auf, dass die Polizei nicht hilflos war, sondern hilflos gemacht wurde. Es sei um eine mutwillige Demonstration staatlicher Machtlosigkeit gegangen, um die Asylgesetze und die &Uuml;berwachung zu versch&auml;rfen, und die Stimmung gegen Merkel zu wenden. Die Redaktion zitiert hierzu den einstigen CDU-Staatssekret&auml;r im Verteidigungsministerium Willy Wimmer mit der Bemerkung, man m&uuml;sse stets an die nachrichtendienstliche Komponente bei der Vorbereitung und Durchf&uuml;hrung derartiger Abl&auml;ufe denken. Was immer das hei&szlig;en mag. Bei solchen Erw&auml;gungen bewegt man sich nat&uuml;rlich immer am Rande der L&auml;cherlichkeit, weil man gegen&uuml;ber Geheimdiensten nie oder erst Jahre sp&auml;ter etwas beweisen kann. Und es ist journalistischer Grundsatz, &uuml;ber Unbeweisbares nicht zu schreiben. Die Alternative ist, sich alles bieten zu lassen.<\/p><p><strong>Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?<\/strong><\/p><p>Gern. Eine K&ouml;lner Kollegin erz&auml;hlte mir von einem Gespr&auml;ch mit einem Polizisten, der sich ihr gegen&uuml;ber beklagte, dass unter den Anzeigenden viele Trittbrettfahrerinnen aus dem rechten Milieu und sich in lauter Widerspr&uuml;che verwickelnde Wichtigtuerinnen seien. Ein Interview oder auch nur eine Namensnennung lehnte er vehement ab, die Polizisten sind nach all der Kritik extrem verunsichert. Lieber lassen sie sich Unf&auml;higkeit nachsagen als anzuecken. Gab es Interviews mit den normalen Streifenpolizisten der Silvesternacht? Die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit ist auf zwei, drei Chefs reduziert. Nachdem in den rechten Seiten im Netz geradezu angestachelt wurde, jetzt nicht feige zu sein, sondern die Gunst der Stunde zu nutzen, um den &bdquo;arabischen Sex-Mob&ldquo; kaltzustellen, w&auml;re doch aber naheliegend gewesen, dass Journalisten zum Thema Anzeigen und Stimmungsmache recherchieren. <\/p><p>Auf YouTube findet man das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4Vj1ybWJUM0\">Video<\/a> eines jungen t&uuml;rkischen Bloggers, der zeigt, was f&uuml;r Leute auf Facebook mit ihren Videos und Gepostetem zu den ersten Stimmungsmachern geh&ouml;rten. So Ivan Jurevic, Anh&auml;nger der Tea-Party, Schauspieler bei Privatsendern wie RTL, Sat.1 oder ProSieben, K&ouml;lner T&uuml;rsteher, der sich im Video damit br&uuml;stet, schutzbed&uuml;rftige M&auml;dchen in seiner Kneipe aufgenommen und &bdquo;Fl&uuml;chtlinge weggeklatscht&ldquo; zu haben. Ich kann das nicht &uuml;berpr&uuml;fen, ich stelle nur fest, dass sich die gro&szlig;en Medien um solche vermeintlichen Nebens&auml;chlichkeiten nicht k&uuml;mmern. Wichtige Fragen werden nicht gestellt.<\/p><p><strong>K&uuml;mmern sie sich denn noch um die Haupts&auml;chlichkeiten? Im Herbst hatten wir eine nicht unwichtige Debatte &uuml;ber die Beseitigung von Fluchtursachen. Droht die nicht nun, im Gerangel um Obergrenzen, Quoten, Abschiebungen und Merkel-R&uuml;cktrittsforderungen unterzugehen?<\/strong><\/p><p>Damit kommen wir zum eigentlichen Thema meines eingangs erw&auml;hnten Essays, ein Thema, zu dem ich mehr beitragen kann, als nur Fragen zu stellen. <\/p><p>Merkels humane Haltung gegen&uuml;ber Fl&uuml;chtlingen gilt als unklug und naiv. Ich halte dagegen alle f&uuml;r naiv, die sich weigern zu begreifen, dass wir einen <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Point_of_no_Return\">Point of no Return<\/a><\/em> erreicht haben. Es gibt kein Zur&uuml;ck mehr. Es ist ignorant, nicht wahrhaben zu wollen, dass die Fl&uuml;chtlinge uns eine Lektion erteilen: Es war eine Lebensl&uuml;ge zu glauben, ein kleiner Teil der Welt k&ouml;nne auf Dauer in Frieden und Wohlstand leben, w&auml;hrend der Gro&szlig;teil in von den westlichen Eliten mitverschuldeten Kriegen, Chaos und Armut versinkt. Dass sich eine V&ouml;lkerwanderung fr&uuml;her oder sp&auml;ter in Bewegung setzen w&uuml;rde, haben wir geahnt. Eigens&uuml;chtig haben wir gehofft, es w&uuml;rde sp&auml;ter losgehen.<\/p><p>Wie sehr der Wohlstand im wohlhabenden Westen, gerade auch in Deutschland, auf Kosten anderer geht, wollten wir so genau nicht wissen. Die Unertr&auml;glichkeit auf der anderen Seite hat inzwischen ein Ma&szlig; erreicht, an dem kurzfristig nichts zu &auml;ndern ist. Die meisten Fluchtursachen sind so gravierend, dass sie f&uuml;r Generationen irreparabel sein werden. Selbst dann, wenn man sich in der EU oder der UNO wider Erwarten sofort auf einen Plan zu ihrer Beseitigung einigen k&ouml;nnte. Das ist nicht fatalistisch, sondern realistisch. <\/p><p>Wenn wir nicht ein eingemauertes Land in einem Europa sein wollen, dessen Str&auml;nde eingez&auml;unt sind, an dessen Grenzen geschossen wird und in dem Orwell&acute;sche &Uuml;berwachung herrscht, dann m&uuml;ssen wir uns damit abfinden, dass die Wanderungsbewegung nicht aufzuhalten ist.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/fp8rOPPELJQ\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Daniela Dahn: &ldquo;Wir sind der Staat&rdquo;<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Im Gegensatz zu weit verbreiteten Meinungen, &bdquo;die Globalisierung&ldquo; oder &bdquo;Diktatoren vor Ort&ldquo; seien an den aktuellen Fluchtbewegungen schuld, argumentieren Sie, der Westen trage einen Gutteil der Verantwortung selbst&hellip;<\/strong><\/p><p>Die Globalisierung ist ja keine Naturgewalt, sondern Menschenwerk. Ein Prozent der Weltbev&ouml;lkerung hat heute mehr Verm&ouml;gen als der &bdquo;Rest&ldquo; von 99 Prozent. Die Globalisierung begann bereits mit Kolonialismus und Sklavenhandel, in dem f&uuml;nfzig Millionen Afrikaner verschleppt oder get&ouml;tet wurden und mit ihrer nie entsch&auml;digten Schinderei den Reichtum des Westens mitbegr&uuml;ndet haben. Und sie reicht bis zu den imperialen Angriffskriegen der Neuzeit gegen Jugoslawien, den Irak und Afghanistan. Zu meinem Entsetzen bomben wir nun auch in Syrien und Libyen mit. Das alles hat mentale und praktische Konsequenzen bis heute. Das Vergangene ist bekanntlich nicht vergangen. Der Schnee von gestern ist die Flut von heute. <\/p><p><strong>Sie sehen den Grund f&uuml;r die Fluchtbewegung in einer Art Neokolonialismus?<\/strong><\/p><p>Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch von der Beseitigung von Fluchtursachen schweigen. Die gr&ouml;&szlig;ten Fl&uuml;chtlingslager sind heute in Afrika, von wo k&uuml;nftig die meisten Fliehenden zu erwarten sind. Die reichen G8-Staaten nutzen den Kontinent als Produktionsbasis f&uuml;r die Bed&uuml;rfnisse des westlichen Marktes. Einheimischer Bedarf ist f&uuml;r sie ohne Belang. Sie haben von korrupten afrikanischen F&uuml;hrern hunderte Millionen Hektar erworben oder langfristig gepachtet, damit multinationale Konzerne Getreide und Mais nicht etwa f&uuml;r die Hungernden verarbeiten, sondern daraus &bdquo;Biosprit&ldquo; f&uuml;r ihre westliche Kundschaft produzieren k&ouml;nnen. Deutschland ist in &Auml;thiopien dabei. <\/p><p>Der Neokolonialismus funktioniert &uuml;ber gekaufte Gesetze, die ausl&auml;ndische Investoren beg&uuml;nstigen, etwa beim <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24977\">Land Grabbing<\/a>. Oder durch Handelsschranken, die Afrikaner vom globalen Wettbewerb ausschlie&szlig;en. Sie verlieren allein durch den Agrarprotektionismus der US-Amerikaner, Europ&auml;er und Japaner j&auml;hrlich rund 20 Milliarden Dollar &ndash; das Doppelte der Entwicklungshilfe, die nach Afrika flie&szlig;t. Millionen b&auml;uerliche Existenzen werden zerst&ouml;rt. Und dann fallen die sogenannten Geierfonds &uuml;ber die Staaten her, die Kreditschulden billig aufkaufen, um die L&auml;nder &uuml;ber private Schiedsgerichte zur R&uuml;ckzahlung mit Zins, Zinseszins und Verzugszinsen zu verklagen. Sambia, eines der aller&auml;rmsten L&auml;nder, ist so vom US-Fonds Donegal gesch&auml;digt worden, der dabei eine Rendite von 700 Prozent verbuchen konnte.<\/p><p><strong>Solche Praktiken hinterlassen ja auch erhebliche immaterielle Sch&auml;den &hellip;<\/strong><\/p><p>Ja, und zwar nachhaltige. Der alte und neue Kolonialismus hat &uuml;ber vier Jahrhunderte in seinem r&uuml;cksichtslosen Missionierungs- und Auspl&uuml;nderungswahn die heimischen Traditionen und Werte der Unterworfenen ausgemerzt. So ist unter den Betroffenen ein kollektives Trauma zur&uuml;ck geblieben, das die behauptete Minderwertigkeit verinnerlicht hat. Fatalismus und mangelndes Selbstvertrauen sind weit verbreitet. Die eigene Kultur wird meist nicht gesch&auml;tzt. Was W&uuml;rde ist, hat man kaum erlebt. <\/p><p>Drei Viertel der Afrikaner leben in Armut, obwohl der Kontinent reich an Rohstoffen, Energiequellen und Arbeitskr&auml;ften ist. In vielen Regionen liegt die Arbeitslosigkeit bei &uuml;ber 70 Prozent. Studien haben nachgewiesen, dass die meisten L&auml;nder, gerade Schwarzafrikas, in den n&auml;chsten 50 Jahren keine Chance haben werden, ihren Lebensstandard zu verbessern. Jeder, wirklich jeder von uns w&uuml;rde unter solchen Bedingungen fliehen. <\/p><p><strong>Aber die Menschen fliehen, wie wir aus den Medien t&auml;glich erfahren, doch vor allem vor ihren Diktatoren vor Ort &hellip;<\/strong><\/p><p>Sicher, man kann die Erkl&auml;rung f&uuml;r das ganze Elend in Afrika und anderswo nicht nur in den Kolonialscho&szlig; legen. &Uuml;berall in Afrika und dem Nahen Osten trifft man Menschen, die die eigene Elite &auml;u&szlig;erst kritisch beurteilen. Es geht mir nicht um monokausale Geschichtsschreibung, sondern um die Aspekte, die in der Debatte gern verdr&auml;ngt werden und deshalb im &ouml;ffentlichen Bewusstsein unterrepr&auml;sentiert sind. Dazu geh&ouml;rt auch, genauer zwischen Aktion und Reaktion zu unterscheiden, also was folgt woraus? <\/p><p>Afrikanische Intellektuelle werfen ihren Diktatoren zurecht vor, sie seien brainwashed vom Kolonialgebaren, wirtschafteten alles in die eigene Tasche und k&uuml;mmerten sich nicht um die N&ouml;te ihrer V&ouml;lker. Da k&ouml;nnte man sich ja getrost zur&uuml;ck lehnen: &uuml;berall dasselbe. Man kann aber auch nach der Kr&auml;nkung fragen, die die Dem&uuml;tigung jahrelangen Beherrschtwerdens nur noch durch Selberherrschen kompensierbar macht. Ganz nach Camus: &bdquo;Wer lange verfolgt wird, wird schuldig.&ldquo; F&uuml;r mich ein Schl&uuml;sselsatz. <\/p><p>Danach h&auml;tten die Neokolonisatoren selbst f&uuml;r die Machtversessenheit und Korruptheit vieler afrikanischer Politiker eine Mitverantwortung. Zumal sie deutliche Zeichen gesetzt haben, dass sie gegen&uuml;ber westlichen Interessen willf&auml;hrige Diktatoren w&uuml;nschen, keine Demokraten. <\/p><p>Mit dem Sturz des iranischen Premiersministers Mohammed Mossadegh, der bestialischen Ermordung des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba nach einem Plan der CIA und der einstigen Kolonialmacht Belgien, mit der Bombardierung des chilenischen Pr&auml;sidentenpalastes beim Putsch gegen Salvadore Allende, bei der Unterjochung der Befreiungsbewegung in Nicaragua und vielem mehr, hat der Westen und haben, allen voran die USA, in den Entwicklungsl&auml;ndern schwere historische Schuld auf sich geladen. In den 27 Jahren, in denen Nelson Mandela im Kerker sa&szlig;, war S&uuml;dafrika ein enger Verb&uuml;ndeter der Bundesrepublik. <\/p><p><strong>Nun ist aber eine neue Dimension hinzugekommen, der Kampf gegen Terrorismus und Islamismus. Mit dem R&uuml;ckst&auml;ndigen an sich, wie behauptet wird.<\/strong><\/p><p>Wer definiert, was r&uuml;ckst&auml;ndig ist? Nat&uuml;rlich ist jede Art von Gewalt und Fanatismus mit Fortschritt unvereinbar. Aber war es nicht auch &uuml;beraus r&uuml;ckst&auml;ndig, auf die schrecklichen Anschl&auml;ge vom 11. September nur mit der alttestamentarischen, archaischen Blutrache zu antworten? R&uuml;ckst&auml;ndig, die Anschl&auml;ge nicht rechtsstaatlich als das zu behandeln, was sie waren, n&auml;mlich Schwerstkriminalit&auml;t, sondern von der &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo; einen &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25535\">Krieg gegen den Terror<\/a>&ldquo; auszurufen? Wenn &uuml;berhaupt, sieht das V&ouml;lkerrecht milit&auml;rische Verteidigung gegen Staaten vor, nicht gegen irgendwelche Banden, von denen man nicht mal wei&szlig;, in welcher W&uuml;ste genau sie sich eigentlich aufhalten. <\/p><p>So ist das verarmte Afghanistan, das sich kaum von der sowjetischen Invasion erholt und als Staat nichts mit den Anschl&auml;gen zu tun hatte, erneut ins Elend gest&uuml;rzt worden. Und nach ihm sind unter heftiger Desinformation von Geheimdiensten der Irak, Libyen und nun Syrien ins Chaos gebombt worden. Der Krieg gegen den Terror gebiert nur eins: Terror. Er destabilisiert eigene Entwicklungswege und wird in vielen arabischen L&auml;ndern als Instrument des Westens angesehen, anderen Kulturen eigene, gesellschaftspolitische Normen &uuml;berzust&uuml;lpen und sich die Welt untertan zu machen. Aber nun wird immer deutlicher: Wer Kriege s&auml;ht, wird Fl&uuml;chtlinge ernten. <\/p><p><strong>Kann und sollte Deutschland eine Millionen Menschen &uuml;berhaupt aufnehmen?<\/strong><\/p><p>Niemand kann eine Zahl aus dem &Auml;rmel sch&uuml;tteln, sehr viel kleinere und &auml;rmere L&auml;nder wie der Libanon oder Jordanien sollten uns besch&auml;men, mit den vielen Millionen, die sie aufgenommen haben. Das ist eine Frage des politischen Willens. Hierzulande werden zwei Begrenzungsgr&uuml;nde diskutiert &ndash; die kulturellen und die &ouml;konomischen. <\/p><p>Auch nach K&ouml;ln sind f&uuml;r mich die Pegida-&Auml;ngste vor &Uuml;berfremdung und Islamisierung irrational und fremdenfeindlich. Dass wir jetzt massiv &uuml;ber den zivilisierten Umgang mit Frauen reden, sollen nicht nur die betreffenden einreisenden M&auml;nner zur Kenntnis nehmen und sich danach benehmen, wir sollten diese Diskussion auch als Chance und Notwendigkeit f&uuml;r die Defizite in unserer Kultur anerkennen. Es werden oft die falschen Geschichten erz&auml;hlt. <\/p><p>Eine Freundin von mir hat als junges M&auml;dchen im katholischen Spanien unter der Franco-Diktatur gelebt. Das war auch eine Zeit bigotter Pr&uuml;derie, es durfte kein Aktbild gezeigt werden, wer sich &ouml;ffentlich umarmte oder k&uuml;sste konnte verhaftet werden. Eine neurotisierte Gesellschaft, die sich im Verborgenen austobte. Wenn meine Freundin ins Kino ging, so erz&auml;hlt sie, wusste ihre sie begleitende Mutter gar nicht, auf welche Seite sie sich setzen sollte, um ihre h&uuml;bsche Tochter vor Grapschereien zu bewahren. Wenn sie nach der Schule in den Bus steigen musste, hatte sie sich mit ihrer Freundin eine Strategie ausgedacht: Sie stellten sich R&uuml;cken an R&uuml;cken und hielten die B&uuml;cher vor die Brust. Nach Francos Tod normalisierte sich die Lage. Eine Erfahrung, die noch nicht so lange her ist, als dass man nicht wissen k&ouml;nnte, dass unw&uuml;rdiges Verhalten gegen&uuml;ber Frauen weder an Regionen, noch an Religionen gebunden ist. Stattdessen immer an Politik.<\/p><p><strong>Die sexuelle Befreiung und Emanzipation werden Sie den 68ern aber nicht absprechen?<\/strong><\/p><p>Fl&auml;chendeckend funktioniert sie dennoch nicht. Nehmen sie doch nur die Meldungen der letzten vier Wochen: Sexueller Missbrauch und hunderte Misshandlungen an den katholischen Regensburger Domspatzen aufgedeckt. In Berlin werden j&auml;hrlich 76.000 Menschen auf der Stra&szlig;e Opfer von Raub, K&ouml;rperverletzung oder sexuellem Missbrauch. Wobei sich sexuelle &Uuml;bergriffe noch h&auml;ufiger zu Hause abspielen. Im Jahr 2014 waren in der Hauptstadt fast 10.000 Frauen von h&auml;uslicher Gewalt betroffen. Die Berliner Frauenh&auml;user sind wie in allen Gro&szlig;st&auml;dten und Ballungsgebieten hoffnungslos &uuml;berf&uuml;llt, betroffene Frauen werden abgewiesen und m&uuml;ssen zu ihren Peinigern zur&uuml;ck. Die Politik k&uuml;mmert sich ungen&uuml;gend darum. <\/p><p>Nach Sch&auml;tzungen des Bundeskriminalamtes sind in Deutschland j&auml;hrlich mehrere Zehntausend Frauen von Menschenhandel zum Zwecke sexuellen Missbrauchs betroffen. Die Dunkelziffer ist so hoch, weil die Frauen sich sch&auml;men oder sich nicht wagen Anzeige zu erstatten. Im Jahr 2014 konnten 557 Opfer ermittelt werden, die meisten aus Rum&auml;nien und Bulgarien, fast ein Viertel aber auch aus Deutschland, einige aus Ungarn, Polen, der Slowakei und der T&uuml;rkei. Fast die H&auml;lfte der Opfer war unter 21 Jahren, 57 minderj&auml;hrig, 5 sogar unter 14 Jahren. Einen &ouml;ffentlichen Aufschrei ist all das nicht wert. Aber &uuml;ber die &Uuml;bergriffe auf deutsche Frauen in K&ouml;ln soll <em>die Welt<\/em> ersch&uuml;ttert sein. Das ist doch bigotte Heuchelei. <\/p><p><strong>Wir sollten also das Thema Sexualit&auml;t auch selbstkritisch aufgreifen?<\/strong><\/p><p>Durchaus. Vielleicht sollten wir auch mal &uuml;ber das Gegenteil reden, n&auml;mlich welche Missverst&auml;ndnisse unsere enthemmte &ouml;ffentliche Feierkultur bei Fremden ausl&ouml;sen kann. Zwar h&ouml;re ich jetzt schon den Vorwurf des Relativierens und damit angeblich Verharmlosens. Aber diesem d&uuml;mmlichen Denkverbot habe ich mich nie gebeugt. Ich relativiere, so oft ich nur kann, weil man &uuml;berhaupt nur durch Denken in Zusammenh&auml;ngen, durch Setzen von Geschehnissen in Relation zu Vergleichbarem, der Gefahr des Verharmlosens oder D&auml;monisierens entgeht. Nur so kommt die Wissenschaft, die Justiz, die Essayistik und jeder denkende Mensch zu belastbaren Schl&uuml;ssen. <\/p><p>Also: Nach lustigen Knutschereien und Bes&auml;ufnissen beim M&uuml;nchner Oktoberfest gibt es <em>jedes Wochenende<\/em> etwa 150 sexuelle N&ouml;tigungen. Allein der kurze Weg zur Toilette sei der reinste Spie&szlig;rutenlauf, schrieb die SZ am 29.9.2011. Umarmungen von besoffenen M&auml;nnern, Klappse auf den Hintern, hochgehobener Dirndlrock und absichtlich ins Dekollet&eacute; gesch&uuml;tteter Bierschwall sei die normale Bilanz dieser 30 Meter. Am Security Point wird den Frauen geraten, das Fest keinesfalls allein oder mit Unbekannten zu verlassen. Die T&auml;ter seien nie konsequent zur Rechenschaft gezogen worden, hat Bundesrichter Thomas Fischer in seiner einzigartigen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2016-01\/sexmob-koeln-kriminalitaet-strafrecht-fischer-im-recht\">Kolumne<\/a> betont. Und er hat auch die Statistik vom K&ouml;lner Karneval 2014: Allein im Z&uuml;lpicher Viertel gab es 55 Strafverfahren wegen K&ouml;rperverletzung, die auch bei sexueller N&ouml;tigung passiert, wegen Taschendiebst&auml;hlen und Raub. Hat man vom Karneval je am laufenden Meter Interviews mit K&ouml;lner Opfern gesehen? Mit dieser Diskrepanz in der Berichterstattung bedienen unsere Medien rassistische Vorurteile.<\/p><p><strong>Sie sehen also in Verhalten, das sich auf den Islam beruft, gar keine spezifische Herausforderung?<\/strong><\/p><p>Doch, in manchen Punkten bin ich auch unvers&ouml;hnlich. Ich bin f&uuml;r ein Verbot von Burka und Nikab, weil es eine spezifische Form der Gewalt gegen Frauen ist. F&uuml;r mich erf&uuml;llt diese Sitte den Straftatbestand der K&ouml;rperverletzung, wenn nicht der Folter. Widersprechen sollte mir keine und keiner, die und der nicht selbst unter gl&uuml;hender Sonne einen Vollschleier aus dem &uuml;blichen Kunststoff getragen hat. Ich habe das im Jemen versucht. Bei jedem Atemzug legt sich der luftundurchl&auml;ssige Stoff vor Mund und Nase und l&ouml;st Atemnot aus. Unter den Schwei&szlig;ausbr&uuml;chen glaubte ich zusammen zu brechen. <\/p><p>Viele Tr&auml;gerinnen leiden unter Ekzemen, wie mir &Auml;rztinnen sagten. Es ist ein Eingriff in die k&ouml;rperliche Unversehrtheit, mit schweren gesundheitlichen Folgen. 90 Prozent unseres lebensnotwenigen Vitamin D wird &uuml;ber die UV-Strahlung in der Haut gebildet. Das verhindert der Stoff &auml;hnlich wie Fensterglas. Ohne direktes Sonnenlicht auf der Haut wird das Immunsystem geschw&auml;cht, die betroffenen Frauen werden anf&auml;lliger f&uuml;r Grippe, Osteoporose, Krebs, Herzinfarkt, selbst f&uuml;r Depressionen und Demenz. Insofern ist diese Kleiderordnung keine Privatsache, mit ihrem frauen- und m&auml;nnerfeindlichen Menschenbild hat sie eine <a href=\"http:\/\/wp2015c.daniela-dahn.de\/die-burka-ist-gotteslaesterung-der-freitag-vom-11-7-2014-2\/\">gesellschaftliche Dimension<\/a>, die mit Religionsfreiheit nichts zu tun hat.<\/p><p>Und es gibt noch etwas, was mich nervt. Die Mehrheit der Deutschen sind Atheisten oder Agnostiker. Uns wird die Besch&auml;ftigung mit Religion im &ouml;ffentlichen Diskurs zunehmend aufgedr&auml;ngt. Ich w&uuml;nschte mir, wie etwa auch Salman Rushdie, dass Religionen nach den Ma&szlig;gaben der Aufkl&auml;rung wieder st&auml;rker zur Privatsache werden. An Universit&auml;ten soll nun Islam-Wissenschaft gef&ouml;rdert werden. Na bitte sch&ouml;n. Die gleichen Finanzmittel sollte dann aber auch eine zu gr&uuml;ndende Fakult&auml;t f&uuml;r Atheismus bekommen. <\/p><p>Die Religionen haben keinen Alleinvertretungsanspruch in Sachen Humanismus und Moralit&auml;t. Natur- und geisteswissenschaftlich orientierte Freidenker m&uuml;ssen h&ouml;rbar mitreden. Eine solche Fakult&auml;t sollte sich auch wissenschaftlich mit Religionskritik befassen. Dort k&ouml;nnten erstmalig repr&auml;sentative Studien &uuml;ber die Motive von Terroristen und Selbstmordattent&auml;tern gemacht und so andere Strategien der &Uuml;berwindung als Bomben angeboten werden.<\/p><p><strong>Womit wir abschlie&szlig;end zu den wirtschaftlichen Vorbehalten gegen Fl&uuml;chtlinge kommen. In Ihrem j&uuml;ngsten Buch &bdquo;Wir sind der Staat. Warum Volk sein nicht gen&uuml;gt&ldquo;, beschreiben Sie nicht nur die inhumane Funktionslogik des Kapitalismus, sondern auch die Gebrechen des Rechtsstaates und der parlamentarischen Demokratie. Verteidigen Sie trotz dieser Gebrechen Merkels &bdquo;Wir schaffen das&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Ich hatte bisher wenig Grund, die Harte-Harke-Politik der Kanzlerin zu loben. Jetzt aber zeigt sie zu meiner &Uuml;berraschung protestantische N&auml;chstenliebe, gepaart mit mutigem Beharrungsverm&ouml;gen und pragmatischer Klugheit. Sie hat verstanden, dass wir gar keine andere Wahl haben, als das zu schaffen. Die Wirtschaftsverb&auml;nde schlagen die H&auml;nde &uuml;ber dem Kopf zusammen, bei der Vorstellung von Grenzkontrollen, die das kapitalistische Herzst&uuml;ck, den Warenverkehr, erheblich behindern w&uuml;rden. Sie wissen, dass junge, dynamische Zuwanderer den Mangel an Fachkr&auml;ften und die Probleme einer altersdominanten Gesellschaft mildern k&ouml;nnen, dass sie Nachfrage und Wachstum schaffen. Noch sind l&auml;ngst nicht alle leerstehenden Kasernen, Plattenbauten und Fabrikgeb&auml;ude erfasst. Sicher, sie wohnlich zu machen, kostet Geld, genauso wie die Ausbildung und Versorgung der Gefl&uuml;chteten. Die Frage, woher wir dieses Geld nehmen, wird entscheiden, ob wir das schaffen. <\/p><p>Der Vorschlag des Finanzministers, europaweit die Benzinsteuer zu erh&ouml;hen, gie&szlig;t &Ouml;l ins Feuer. Das trifft nicht nur die Autofahrer, sondern wieder mal alle kleinen Leute, die den unvermeidlich steigenden Preisen f&uuml;r Waren und Dienstleistungen nicht ausweichen k&ouml;nnen. <\/p><p>In einem sind die Pegida-&Auml;ngste ja berechtigt: Kapitalismus kann nichts anderes, als Umverteilung von unten nach oben. Privatleute besitzen in Deutschland ein Gesamtverm&ouml;gen von mehr als 11 Billionen Euro. Das ist etwa so viel wie die j&auml;hrliche Wirtschaftsleistung der gesamten EU. Da w&auml;re doch eine gesetzliche Solidarit&auml;tsabgabe von Milliard&auml;ren f&uuml;r ausl&auml;ndische Neub&uuml;rger recht und billig. Das gebieten die westlichen Bereicherungsmechanismen. Aber das einzugestehen, widerspricht kapitalistischer Funktionslogik. <\/p><p>Unser Recht ist die Scharia der Konzerne. Im Grunde haben wir keine Fl&uuml;chtlingskrise, sondern eine Besitzstandswahrungskrise. Wir haben noch nicht begriffen, dass nicht nur die Ausl&auml;nder sich bei uns integrieren m&uuml;ssen, sondern auf vertr&auml;gliche Weise auch die Reichen in eine Welt der Armut und des Elends. <\/p><p>Bischoff Tutu hat schon vor Jahren eine neue Weltordnung verlangt. Der Papst ist auch so zu verstehen. Es gibt keine systemimmanente L&ouml;sung mehr. Die Krise w&auml;re zu schaffen, aber nicht mit dieser CDU\/CSU und Europas Konservativen. Die Alternative liegt links von der Mitte, das ist Chance und Herausforderung. Aber ich bef&uuml;rchte, die Linken, die sozialen Bewegungen und die Aktivb&uuml;rger werden die Chance sorgenvoll verschlafen.<\/p><p><strong>Entweder gibt es jetzt sehr rasch linke Antworten auf die Krise &ndash; oder der Weg in den totalit&auml;ren Staat wird kaum mehr aufzuhalten sein. Stimmen Sie dem zu, mit Rosa Luxemburg: Sozialismus oder Barbarei?<\/strong><\/p><p>Ich zitiere Ihnen den Schluss meines Essays, das Anlass dieses Gespr&auml;ches war: &bdquo;Weltweit sollen die Superreichen &uuml;ber 100 Billionen Euro verf&uuml;gen. Wenn sie f&uuml;r die Stabilit&auml;t des Weltgef&uuml;ges 10 Prozent abgeben, k&ouml;nnen sie 90 Prozent behalten. Sonst vielleicht nichts. Eben weil das Vergangene nicht vergangen ist. Das Gegenw&auml;rtige nicht haltbar. Und das K&uuml;nftige nicht gesichert. Solidarisches Gemeinwesen oder Barbarei.&ldquo;<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Daniela Dahn<\/strong> ist Schriftstellerin und Publizistin. Sie war Gr&uuml;ndungsmitglied des &bdquo;Demokratischen Aufbruchs&ldquo; und hatte mehrere Gastdozenturen in den USA und Gro&szlig;britannien. Bei Rowohlt sind bislang zehn Essay-B&uuml;cher erschienen, zuletzt &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.rowohlt.de\/taschenbuch\/daniela-dahn-wehe-dem-sieger.html\">Wehe dem Sieger!<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.rowohlt.de\/hardcover\/daniela-dahn-wir-sind-der-staat.html\">Wir sind der Staat!<\/a>&ldquo;. Mehr von ihr unter <a href=\"http:\/\/www.danieladahn.de\">danieladahn.de<\/a>.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30456\">Der n&uuml;tzliche Feind<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27340\">Die Perfidie ist, dass diese Fluchtbewegungen politisch instrumentalisiert werden<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27768\">Die L&uuml;ge von der Zivilisiertheit der &sbquo;westlichen Welt&lsquo;<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30031\">Kapitalismus im Kopf<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26237\">Pegida ist ein Spiegel deutscher Verh&auml;ltnisse<\/a>&ldquo;<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\"><strong>eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/strong><\/a> &uuml;ber neue Texte bestellen.<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/d98bef7adecf4b9ebacf25e67d4d6926\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160126_dahn.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Kaum einer kennt einen. Doch alle reden &uuml;ber sie. Sie sind anders. Nicht wie wir. Gef&auml;hrlich. Und auch f&uuml;r K&ouml;ln verantwortlich, wie man meint. Die Fl&uuml;chtlinge. Aber warum fl&uuml;chten Menschen &uuml;berhaupt? In welchem Kontext findet die aktuelle Debatte statt? Und was verschweigen die Leitmedien uns? Zu<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30582\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,201,60,209,11],"tags":[1585,1055,909,1792,1564,1760,1311,315,421,1418,291],"class_list":["post-30582","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-ideologiekritik","category-innere-sicherheit","category-interviews","category-strategien-der-meinungsmache","tag-dahn-daniela","tag-fluechtlinge","tag-kapitalismus","tag-kolonialismus","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-kriminalitaet","tag-landgrabbing","tag-merkel-angela","tag-polizei","tag-regime-change","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30582","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30582"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30582\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120048,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30582\/revisions\/120048"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30582"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}