{"id":30606,"date":"2016-01-27T09:25:29","date_gmt":"2016-01-27T08:25:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30606"},"modified":"2019-07-09T11:49:24","modified_gmt":"2019-07-09T09:49:24","slug":"wer-hat-angst-vorm-orientalen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30606","title":{"rendered":"Wer hat Angst vorm Orientalen?"},"content":{"rendered":"<p>Seit den sogenannten &bdquo;Sex-Attacken&ldquo; von K&ouml;ln hat nicht nur Deutschland sondern fast schon die gesamte westliche Hemisph&auml;re ein Gespr&auml;chsthema gefunden: Den orientalischen Mann. Mal wird er als Araber betitelt, mal als Nordafrikaner. Mittlerweile meinen wahrscheinlich nicht wenige, dass tats&auml;chlich L&auml;nder namens Arabien oder Nordafrika existieren. Im Grund genommen &ndash; so die weitere Schlussfolgerung &ndash; sind sie doch alle ein und dasselbe. L&auml;nder, in denen &bdquo;Moslems&ldquo; oder &bdquo;Mohammedaner&ldquo; leben. Das sind  die, die ein ach so schlimmes Frauenbild haben und nun in Scharen nach Deutschland reisen oder wie manche andere Gem&uuml;ter es ausdr&uuml;cken w&uuml;rden: Es invadieren. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30606#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_110\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-30606-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160127_Angst_vorm_Orientalen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160127_Angst_vorm_Orientalen_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160127_Angst_vorm_Orientalen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160127_Angst_vorm_Orientalen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=30606-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160127_Angst_vorm_Orientalen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160127_Angst_vorm_Orientalen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Was in K&ouml;ln passiert ist, war widerlich und schrecklich. Als jemand, der im &ouml;sterreichischen Innsbruck geboren und aufgewachsen wurde, hat mich das Ganze jedoch schnell an Ereignisse erinnert, die mir nur allzu gut bekannt sind. Seit Jahren gibt es n&auml;mlich am Innsbrucker Hauptbahnhof eine Ansammlung von Menschen, die mittlerweile als &bdquo;Nordafrikaner-Szene&ldquo; bekannt ist &ndash; junge M&auml;nner, oftmals Minderj&auml;hrige, aus Staaten wie Marokko und Algerien, die ohne Besch&auml;ftigung vor sich hin vegetieren. Sie trinken Alkohol, sie konsumieren Drogen, sie pr&uuml;geln sich und sie bel&auml;stigen auch Frauen. Auch andere Menschen, ja, &Ouml;sterreicher mit Migrationshintergrund, haben oftmals Probleme mit dieser Szene. Pr&auml;gend hierf&uuml;r sind vor allem die Szenen aus dem Supermarkt im Hauptbahnhof, wo t&uuml;rkisch- oder tschetschenischst&auml;mmige Mitarbeiter regelm&auml;&szlig;ig mit den &bdquo;Nordafrikanern&ldquo; aneinandergeraten. <\/p><p>Zum gleichen Zeitpunkt war die Stadtverwaltung jahrelang nicht in der Lage, das Problem in den Griff zu bekommen. Immer mehr B&uuml;rger beschwerten sich, f&uuml;hlten sich unsicher. Amateuraufnahmen von pr&uuml;gelnden Dealern machten in Sozialen Netzwerken oftmals die Runde. In den Kommentaren darunter fand man kaum Kritik an die Szene an sich, sondern blanken Ausl&auml;nderhass und Nazi-Parolen. Rechtsextreme Parteien wie die &ouml;sterreichische FP&Ouml; versuchten regelm&auml;&szlig;ig von den &bdquo;Nordafrikanern&ldquo; zu profitieren, teils etwa mit d&uuml;mmlichen Slogans wie &bdquo;Heimatliebe statt Marokkanerdiebe&ldquo;, weshalb die Partei selbst im K&ouml;nigreich Marokko Ber&uuml;hmtheit erlangte. <\/p><p>Mittlerweile hat sich die Lage am Innsbrucker Hauptbahnhof ein wenig ver&auml;ndert &ndash; durch eine massiven Aufstockung der Polizeipr&auml;senz. Das Problem an sich wurde dadurch jedoch nicht gel&ouml;st. Die Szene wurde nicht aufgel&ouml;st, sondern nur verdr&auml;ngt. Man findet sie jetzt an anderen Orten. Der Grund hierf&uuml;r wird nach Gespr&auml;chen mit Sozialarbeitern offensichtlich. Diese machen n&auml;mlich immer wieder deutlich, dass die jungen M&auml;nner einerseits aus sehr problematischen und &auml;rmlichen Familienverh&auml;ltnissen stammen, w&auml;hrend ihnen andererseits jeglicher Zugang zu staatlichen Institutionen und zum Arbeitsmarkt verwehrt wird. Hinzu kommt eine Form des institutionellen Rassismus, der nur allzu pr&auml;sent zu sein scheint. Und mit der Religion &ndash; dem Islam, um den es in diesen Tagen wieder einmal geht &ndash; haben sie ohnehin nichts am Hut. <\/p><p>Mit derartig realen Problemen und ihren Ursachen besch&auml;ftigt sich allerdings kaum jemand &ndash; auch nach K&ouml;ln nicht. Stattdessen herrscht in Politik und Medien purer Populismus, der sich nicht selten rassistischer Muster bedient. Besonders besorgniserregend ist in diesem Kontext die Tatsache, dass dies mittlerweile das gesamte politische Spektrum betrifft. So waren es nicht nur rechtskonservative Medien wie der &bdquo;Focus&ldquo; oder die Bl&auml;tter des Springer-Verlages, die mit hetzerischen Schlagzeilen oder Titelbildern f&uuml;r Aufsehen sorgten, sondern auch Medien wie die &bdquo;S&uuml;ddeutsche&ldquo;, der vermeintlich linksliberale &bdquo;Tagesspiegel&ldquo; oder die &ouml;sterreichische, als links geltende Wochenzeitung &bdquo;Falter&ldquo;. &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit den etablierten Parteien. Einsicht war seitens der Akteure jedoch kaum vorhanden. Nachdem sich etwa zahlreiche Menschen &uuml;ber die Titelseite des &bdquo;Falter&ldquo; &ndash; einer Illustration, die eine Ansammlung von schwarzhaarigen M&auml;nnern darstellt, die auf hellhaarige Frauen losgehen, beschwerten, zeigten die Verantwortlichen keinerlei Einsicht. Stattdessen meinten sie &ndash; b&uuml;rgerliche, wei&szlig;e M&auml;nner &ndash; bestimmen zu k&ouml;nnen, was Rassismus sei und was nicht. Eine Praktik, die in diesen Tagen besonders oft in Erscheinung tritt. <\/p><p><strong>Orientalistisches Konstrukt diente schon immer der Unterdr&uuml;ckung<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In Cromers und Balfours Darstellung erscheint der Orientale als jemand, &uuml;ber den man urteilt (als st&uuml;nde er vor Gericht), den man erforscht und beschreibt (wie in einer Fallstudie), den man diszipliniert (wie in der Schule oder im Gef&auml;ngnis) oder abbildet (wie in einem Lehrbuch f&uuml;r Zoologie). Entscheidend ist, dass der Orientale in allen F&auml;llen in vorgefertigte Kategorien gepresst und schablonenartig dargestellt wird. Woher kommt das?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Frage stellte der ehrw&uuml;rdige Literaturkritiker Edward Said schon im Jahr 1978 in seinem Werk &bdquo;Orientalismus&ldquo;. Die Personen, auf die er sich bezieht, sind Arthur James Balfour, 1. Earl von Balfour und Evelyn Baring, 1. Earl von Cromer. Bei beiden handelt es sich um Protagonisten der britischen Kolonialzeit, deren Handeln bis zum heutigen Tage das Geschehen im Nahen Osten beeinflusst. Und &ndash; wie k&ouml;nnte es auch anders sein &ndash; existieren von beiden Schriften &uuml;ber die einheimische Bev&ouml;lkerung in jenen L&auml;ndern, in denen sie regierten, etwa Indien oder &Auml;gypten. Das Muster ist dabei stets dasselbe. Die britischen Kolonialisten betrachten sich selbst, sprich, den Europ&auml;er oder den wei&szlig;en Mann aus dem Westen als aufgekl&auml;rt und fortgeschritten, w&auml;hrend der Orientale als barbarisch, irrational und hilflos dargestellt wird. Wer der Orientale ist, wird nie wirklich klar. Mal geht es um die &Auml;gypter, mal um die Inder und dann doch wieder um die Araber. Im Grunde genommen &ndash; so stellte es auch Said richtigerweise fest &ndash; ging man davon aus, dass all diese verschiedenen Menschen und V&ouml;lker sowieso &bdquo;irgendwie dasselbe&ldquo; seien. <\/p><p>Dieses Bild hat sich bis heute verfestigt und ist seit den Ereignissen von K&ouml;ln gegenw&auml;rtiger denn je. Damals wie heute hat man sich einen Orientalen geschaffen, den man beliebig charakterisiert und auf andere projiziert. Nordafrikaner, Araber, Syrer, Afghanen, Marokkaner &ndash; im Grunde genommen sind sie alle dasselbe. Und sie pflegen allesamt, so wird die Narrative fortgesetzt, ein menschenfeindliches Frauenbild, was einen absoluten Kontrast zu jenem des aufgekl&auml;rten Westens darstellt. Der Grund hierf&uuml;r ist nat&uuml;rlich ihre Herkunft, ihre Kultur sowie ihre Religion, die mit sogenannten westlichen Werten nicht in Einklang gebracht werden kann. (Auf das Ph&auml;nomen dieser plumpen Art von Kategorisierung, diesem &bdquo;wir&ldquo; und &bdquo;die&ldquo;, wies vor Kurzem auch der Politologe Imad Mustafa in <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30456\">einem lesenswerten Interview<\/a>, ebenfalls hier auf den NachDenkSeiten, hin.)<\/p><p>Zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt scheint es so, als ob dieses Schwarz-Wei&szlig;-Bild &uuml;berall Fu&szlig; fassen droht. Dabei wird vollst&auml;ndig au&szlig;er Acht gelassen, wie alt es schon ist und f&uuml;r welche Zwecke es geschaffen wurde. Auch der damit verbundene Rassismus, der nur allzu deutlich heraussticht, wird oftmals beiseite geschoben. Das Konstrukt des wilden und zur&uuml;ckgebliebenen Orientalen war n&auml;mlich schon immer eines, was die Deutungshoheit des Westens deutlich machen sollte. Es ist alles andere als ein Zufall, dass dieses Konstrukt in Zeiten des europ&auml;ischen Kolonialismus seinen H&ouml;hepunkt erreichte. So wurde es doch stets daf&uuml;r missbraucht, das Gegen&uuml;ber zu degradieren, zu unterwerfen und zu unterdr&uuml;cken. Dieser Umstand ist auch weiterhin pr&auml;sent, wenn man die gegenw&auml;rtige westliche Politik im Nahen Osten und in Zentralasien in Betracht zieht. <\/p><p>Allein im Jahr 2015 wurden &uuml;ber 23.000 US-amerikanische Bomben in f&uuml;nf islamisch gepr&auml;gten L&auml;ndern abgeworfen. Seit 2001 wurden allein durch den Irak- und Afghanistan-Krieg mehr als eine Millionen Menschen get&ouml;tet. Das Chaos in den betroffenen Regionen k&ouml;nnte gegenw&auml;rtig nicht gr&ouml;&szlig;er sein. Zum gleichen Zeitpunkt machen westliche Staaten Fl&uuml;chtlingen aus den betroffenen Kriegsregionen kindliche Vorschriften, wie sie sich hier &ndash; in der vermeintlich glorreichen und aufgekl&auml;rten westlichen Gesellschaft &ndash; zu verhalten haben.  Auch hier gewinnt man den Eindruck, dass man Menschen aus dem &bdquo;Orient&ldquo; per se als unzurechnungsf&auml;hig betrachtet. Man meint regelrecht, sie neu erziehen zu m&uuml;ssen, weil sie so zur&uuml;ckgeblieben zu sein scheinen. Der verstorbene Edward Said w&uuml;rde sich wohl im Grabe umdrehen. W&auml;hrenddessen bot der libanesischst&auml;mmige Satiriker Karl Sharro eine <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Karlremarks\/photos\/a.401607333254173.93233.395292190552354\/941808882567346\/?type=3&amp;theater\">geniale Antwort darauf<\/a>.<\/p><div style=\"text-align:center\">\n<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160127-sharro.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160127-sharro-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Emran Feroz<\/strong> ist freier Journalist mit &ouml;sterreichisch-afghanischem Migrationshintergrund. Seine Themengebiete sind Naher &amp; Mittlerer Osten, Migration und Europa und die islamische Welt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit den sogenannten &bdquo;Sex-Attacken&ldquo; von K&ouml;ln hat nicht nur Deutschland sondern fast schon die gesamte westliche Hemisph&auml;re ein Gespr&auml;chsthema gefunden: Den orientalischen Mann. Mal wird er als Araber betitelt, mal als Nordafrikaner. Mittlerweile meinen wahrscheinlich nicht wenige, dass tats&auml;chlich L&auml;nder namens Arabien oder Nordafrika existieren. Im Grund genommen &ndash; so die weitere Schlussfolgerung &ndash; sind<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30606\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,159,60,125],"tags":[1792,1760,1221],"class_list":["post-30606","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-innere-sicherheit","category-rechte-gefahr","tag-kolonialismus","tag-kriminalitaet","tag-perspektivlosigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30606"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30606\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53257,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30606\/revisions\/53257"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}