{"id":30610,"date":"2016-01-27T10:05:43","date_gmt":"2016-01-27T09:05:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30610"},"modified":"2016-01-27T12:23:36","modified_gmt":"2016-01-27T11:23:36","slug":"zwischen-debatten-allergie-und-argumentations-phobie-ohne-ergebnisoffene-diskurse-wird-das-oeffentliche-gespraech-auch-im-neuen-jahr-verkuemmern-und-den-dauer-krisen-modus-noch-verschaerfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30610","title":{"rendered":"Zwischen Debatten-Allergie und Argumentations-Phobie &#8211; Ohne ergebnisoffene Diskurse  wird das \u00f6ffentliche Gespr\u00e4ch auch im neuen Jahr verk\u00fcmmern und den Dauer-Krisen-Modus noch versch\u00e4rfen"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160127_leif-1.jpg\" alt=\"Thomas Leif\" title=\"Thomas Leif\"><\/div><p>&bdquo;Debatte ist gut, Verrohung der Debatte nicht&ldquo; &ndash; mit dieser Formel versuchte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere Mitte Januar im ZDF-Interview die teilweise hysterische Debatte rund um die `Fl&uuml;chtlingskrise` wieder einzuhegen. Indirekt r&auml;umte er ein, dass der Alarmismus nach den K&ouml;lner Sylvester-Ereignissen* derzeit nicht mehr beherrschbar sei. &bdquo;Es darf keine Schweigespirale geben. Alle Fakten m&uuml;ssen auf den Tisch &ndash; nur dann wird die Debatte auch beherrschbar bleiben,&ldquo; mahnte der Innenminister. Offenbar sah sich der entmachtete Fluchtminister im aufgehetzten Klima gezwungen, eine &bdquo;beherrschbare Debatte&ldquo; herbei zu w&uuml;nschen. Nur: nicht einmal die beiden Grundbedingungen seiner Botschaft &uuml;berzeugen. Weder gibt es derzeit in Deutschland eine Schweigespirale, schon eher eine weitgehend faktenbefreite Angstdiarrh&ouml;. Noch kann nur ansatzweise die Rede davon sein, dass die politische und mediale Klasse bereit w&auml;re,  der Parole &bdquo;Alle Fakten m&uuml;ssen auf den Tisch&ldquo;, zu folgen. Von <strong>Thomas Leif<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30610#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160127_02-1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Wochen nach den Gewalt-Exzessen in K&ouml;ln (und in einem Dutzend anderen Gro&szlig;st&auml;dten) gibt es immer noch kein ann&auml;hernd klares Lagebild. Kernfragen, warum die Polizei offenbar in einer Feiertags-Beobachter-Position verharrte und von einer denkbaren Gegenwehr der anwesenden Zivilgesellschaft bislang nichts zu vernehmen war, werden nicht einmal aufgerufen. Die neue Erkenntnis des BKA, dass die Vorg&auml;nge von K&ouml;ln kein regionales Ph&auml;nomen waren, m&uuml;sste zumindest Fragen aufwerfen. Stattdessen &uuml;berbieten sich Politiker auf d&uuml;nner Faktenbasis und derzeit kaum belastbaren Beweisen mit haltlosen Vorschl&auml;gen zur Versch&auml;rfung des Asylrechts, beschleunigten Ausweisungen und allerhand obskuren Ferndiagnosen. Offenbar wollen die Fachpolitiker mit Symbolpolitik von leichter Hand die diffuse Lage wieder &bdquo;beherrschbar&ldquo; machen. Mit diesem Set an haltlosen und praxisfernen Schnellsch&uuml;ssen setzen sie auf das Prinzip der Eindruckserweckung (&bdquo;Wir handeln entschlossen.&ldquo;) und betreiben gleichzeitig die Verrohung der Debatte, die sie  -wie im Fall des Innenministers- eigentlich eind&auml;mmen wollen. &Uuml;berrissene Forderungen ersetzen n&uuml;chterne Analysen und m&uuml;nden in die Parole &bdquo;Einfach mal die Klappe halten.&ldquo; Einen h&auml;rteren Beleg daf&uuml;r, dass dringende Diskussionen  unerw&uuml;nscht sind, k&ouml;nnte man nicht einmal erfinden.<\/p><p>De Maiziere und die halbe Ministerriege haben mit ihren Einw&uuml;rfen nach K&ouml;ln nur <em>das<\/em> Muster geliefert, wie ernsthafte, zielf&uuml;hrende Diskurse &ndash;auf der Basis gesicherter Fakten-  fr&uuml;hzeitig erstickt und verhindert werden sollen. Ein &uuml;bert&uuml;nchen soll und das die Steuerung politischer Prozesse noch unbeherrschbarer macht.<\/p><p><strong>Diffuser Konsens, Eindruckserweckung und Diskursverhinderung<\/strong><\/p><p>In einer unver&ouml;ffentlichten Studie der Forschungsgruppe Wahlen zum Thema &bdquo;Mehrheitsoptionen f&uuml;r linke Politik&ldquo; pr&auml;sentierte die Demoskopin Ende Oktober 2015 heikle Ergebnisse. Mehr als dreiviertel  der Befragten (77%) sehen zwischen CDU und SPD &bdquo;geringe oder keine&ldquo; inhaltlichen Unterschiede.&ldquo; Nur 16% der Befragten sehen &bdquo;(sehr) starke&ldquo; Unterschiede. Das Besondere: der Befund der wahrgenommenen Verschmelzung der beiden Volksparteien erstreckt sich auffallend gleichm&auml;&szlig;ig quer &uuml;ber alle Altersgruppen, weitgehend unabh&auml;ngig von Bildungsstand und Parteipr&auml;ferenz. Bereits vor sechs Jahren bahnte sich diese kontrastarme Programm-Melange an. 72 % erkannten im Juli 2009 &bdquo;geringe oder keine&ldquo; Unterschiede zwischen Sozial- und Christdemokraten. (21% &bdquo;(sehr) starke&ldquo; Unterschiede.) Wo der Positions- und Meinungsstreit im diffusen Konsens versiegt, wo der Diskurs eingeschl&auml;fert wird und Programm-Alternativen verdunsten, stehen demokratische Grundprinzipien zur Dispositionen. Was sind die Motive der politischen und medialen Klasse auf Eindruckserweckung und die Simulation von Streit zu setzen und echte Diskurse zu vermeiden?<\/p><p>Die Chorges&auml;nge der &bdquo;vitalen, argumentierenden Zivilgesellschaft&ldquo; mit dem Dauer-Refrain der &bdquo;Kraft der Argumente&ldquo; bilden den Klangteppich f&uuml;r eine sedierte Gesellschaft, die unter Debatten-Allergie leidet. Carsten Linnemann und Jens Spahn gelten in der CDU als Hoffnungstr&auml;ger, als Politiker der j&uuml;ngeren Abgeordneten-Generation, die sich jenseits der entkernten Union noch eine &bdquo;zukunftsgerichtete&ldquo; Politik vorstellen k&ouml;nnen. Die (interne) Besch&auml;ftigung mit Alternativen zur vor gut einem Jahr beschlossenen Rentenpolitik macht die leisen Opponenten in der gesamten Union bereits zu Ausnahme-Erscheinungen. Bereits Mitte 2014 hatten der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung (MIT) und der zu dieser Zeit ambitionierte Gesundheitspolitiker wachsweiche Thesen als Gegenentwurf zur Politik der Gro&szlig;en Koalition ver&ouml;ffentlicht. Mit der vorsichtigen Pr&auml;sentation einiger Argumente f&uuml;r eine ausbalancierte Politik der Generationen-Gerechtigkeit war jedoch ihre Konfliktbereitschaft zur scheinbar allm&auml;chtigen Kanzlerin bereits ausgereizt. <\/p><p>Nicht nur die beiden Nachwuchspolitiker empfinden Merkels kalkulierte Klientelpolitik f&uuml;r die &auml;lteren W&auml;hler als eine Art Hypothek, die sie als politische Erben sp&auml;ter teuer bezahlen m&uuml;ssen. Aber: Sie wollen nur &bdquo;kontrolliert anecken, ohne sich in einer rituellen Fundamentalopposition zu vern&ouml;rgeln.&ldquo; (Die Zeit, 18.6.2014) Diese politische Signatur einer ganzen Generation muss man noch einmal in seine Bestandteile zerlegen, um die Wirkung ihrer negativen Utopie in der ganzen Tragweite zu verstehen. &bdquo;Kontrolliert anecken&ldquo; ohne sich rituell zu &bdquo;vern&ouml;rgeln&ldquo;: Das klingt nach freiwilliger Kapitulation aus Angst vor der pers&ouml;nlichen Entsorgung. &Auml;hnlich denken die Leisetreter des konservativen &bdquo;Berliner Kreises&ldquo; in der CDU, aber auch die versprengt-verfeindeten Mitglieder sozialdemokratischer Sub-Gruppen oder selbst f&uuml;hrende Fl&uuml;gelfiguren der Gr&uuml;nen. Positionsstreit, argumentativ unterlegt, programmatisch fundiert und als Diskurs-Prozess angelegt, gilt unter ambitionierten Politikern aller Schattierungen als nutzloses Unterfangen oder gar als kalkulierte Karriere-Vernichtung. In Fall Jens Spahn ist das Gegenteil eingetreten. Seine kalkulierten &ouml;ffentlichen Interventionen und eine Kampfkandidatur haben ihn ins CDU-Pr&auml;sidium gehievt und als Staatssekret&auml;r etabliert.  Ein von ihm herausgegebener schmaler Sammelband zur Fl&uuml;chtlingspolitik fand eine ungew&ouml;hnlich starke Resonanz. Dosierte Diskurspolitik ist in diesem Fall also &ndash;jenseits des Edeka-Prinzips (Ende der Karriere)- sogar mit einer Machtpr&auml;mie verbunden. Fast niemand kannte Johanna Ueckermann, bevor sie es auf dem Dezember-Parteitag der SPD wagte, die Widerspr&uuml;che des SPD-Vorsitzenden mit Zensuren zu belegen. J&uuml;rgen Trittin, der Helmut Schmidt der Gr&uuml;nen, wirkt heute mit seinen Diskursbeitr&auml;gen  wieder interessanter als die vierk&ouml;pfige gr&uuml;ne Fraktions- und Parteispitze zusammen.<\/p><p>Der Mehrwert von Diskussionsimpulsen, argumentativ unterlegten Programmpapieren und Interventionen gegen den br&auml;sigen Mainstream  scheint aber immer noch das Werk weniger Ausnahmefiguren zu sein.  Linnemann und Spahn geh&ouml;ren  schon zu den &bdquo;mutigsten&ldquo; Nachwuchskr&auml;ften der CDU-Bundestagsfraktion. Von den 25 MdB-Aufsteigern &ndash; 21 davon sind neu im Parlament &ndash; ist sonst niemand mit Gegenentw&uuml;rfen oder gar Alternativkonzepten in den zentralen Politikfeldern aufgefallen. Und dies, obwohl nicht nur Linnemann eine gro&szlig;e Sehnsucht nach &bdquo;Debatte und nach Zukunft&ldquo; in der Merkel-CDU versp&uuml;rt. Auf jedem Kreisparteitag der CDU sind &auml;hnliche Sehnsuchts-Vokabeln, wie von Spahn und Linnemann, en vogue. Sie verpuffen aber meist im Nichts oder begn&uuml;gen sich mit ein paar Korrekturen im Kleingedruckten. <\/p><p>Auch von der j&uuml;ngeren Generation aus anderen Parteien sind ebenfalls kaum Aufbruchsignale oder Gegenentw&uuml;rfe zur &bdquo;Rentenpolitik f&uuml;r die &auml;ltere Generation&ldquo; oder anderen wesentlichen Zukunftsfragen zu vernehmen. Die j&uuml;ngsten, ernstzunehmenden Proteste richteten sich gegen Studiengeb&uuml;hren, nicht etwa gegen die &bdquo;Bildung Bolognese&ldquo;, die nach zwei Jahrzehnten die Universit&auml;ten zu einem b&uuml;rokratischen &bdquo;Punkte-Sammlungs-System&ldquo; degradiert hat. Die zunehmende Vergreisung des Parlamentsbetriebs mag diesen Trend noch forcieren. Der Anteil der Parlamentarier unter 40 Jahren ist noch einmal geschrumpft &ndash; auf heute 17,91 Prozent. In der Periode zuvor waren es knapp 21 Prozent. In den L&auml;nderparlamenten ist die repr&auml;sentative Schieflage noch markanter. Wenn man die erfahrenen Parlamentarier nach jungen Talenten fragt, folgt qu&auml;lendes Schweigen. &Uuml;berall. All diese Trends folgen einer unaufhaltsamen demographischen Logik: Bei der Bundestagswahl 2017 wird die Generation 55 plus die Mehrzahl der W&auml;hler stellen. Schon heute gibt die Generation 55 plus nicht nur in SPD und der Union den Ton an. Weil die J&uuml;ngeren tendenziell wahlm&uuml;der und gleichg&uuml;ltiger sind, wird sich dieser &bdquo;Rentnereffekt&ldquo; noch versch&auml;rfen. <\/p><p><strong>Debatten: l&auml;stig und st&ouml;rend<\/strong><\/p><p>Absehbar wird die Generation 55 plus die Agenda der Wahlversprechen bestimmen. Der strittige Austausch von Argumenten zu den vordringlichen Konfliktthemen nicht nur zu `Flucht und Asyl` soll explizit ausgeklammert werden; solche Debatten hemmen die Entscheidungsfreude und gelten im nerv&ouml;sen Tagesbetrieb als l&auml;stig und st&ouml;rend. Streit in der Sache, also der Sauerstoff der Demokratie, schade dem eigenen Lager und nutze nur der Konkurrenz. Mit diesem unverr&uuml;ckbaren Glaubenssatz, der wie Mehltau den politischen Prozess belegt hat, amputiert sich eine argumentierende Politik selbst. Sigmar Gabriel begr&uuml;ndete seine Abwesenheit auf dem j&uuml;ngsten Juso-Kongress ernsthaft damit, dass er ARD und ZDF keine Vorlage f&uuml;r Berichte zu Streit in der SPD habe liefern wollen. Gleichzeitig entschuldigte er sich f&uuml;r seine robusten, diskursf&ouml;rdernden Interviews mit zwei ZDF-Spitzen-Moderatorinnen und bat devot um Nachsicht. Wahrscheinlich war das nicht mehr als eine opportunistische Geste, die seine merkw&uuml;rdigen Medienberater ins Manuskript des SPD-Parteitags diktiert hatten. <\/p><p>Von der gebetsm&uuml;hlenartig zitierten &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo; war in der Debatte um die k&uuml;nftige Rentenpolitik ebenfalls wenig zu h&ouml;ren. Auch in weiteren politischen Konfliktthemen &ndash;von der Pflegereform &uuml;ber den angefeindeten Mindestlohn bis zum Bologna-Flop- ist die Stimme der &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo; leise, kaum vernehmbar. Luise Frank, die Pressereferentin des BUND Bayern, hat stellvertretend f&uuml;r die meisten &bdquo;Nichtregierungs-Organisationen&ldquo; ihr Verst&auml;ndnis von &ouml;ffentlichen Debatten und  &bdquo;Lobbyismus&ldquo; in den sozialen Medien formuliert: &bdquo;So k&ouml;nnen wir f&uuml;r den Verband und unsere Interessen ein permanentes Grundrauschen erzeugen.&ldquo; Grundrauschen &ndash; statt strategisch angelegten Diskurs. Das kennzeichnet die Lage ganz treffend.<\/p><p>Debatten leben aber von dem vernehmbaren Widerspruch im Wechselspiel von parlamentarischen und au&szlig;erparlamentarischen Akteuren. Dieser &bdquo;Austausch-Prozess&ldquo; ist jenseits von kurz auflodernder Emp&ouml;rung ermattet. Au&szlig;erparlamentarische Akteure haben keinen Resonanzboden mehr in Parteien und Parlament. Die TTIP-Demonstration in Berlin Ende vergangenen Jahres hatte weniger Resonanz als der wiederholte Montags-Aufmarsch von Pegida in Dresden.<\/p><p><strong>&bdquo;Die verratene Generation&ldquo; arrangiert sich mit dem Verrat<\/strong><\/p><p>Am Fallbeispiel der in &bdquo;diskussionsloser Geschlossenheit&ldquo; administrierten Rentenpolitik wird die Kluft zwischen eigentlich notwendiger vorausschauender Politik-Planung und kurzsichtiger Politik-Realisierung deutlich. Dabei sind die Kennziffern der strapazierten Haushalte allen bekannt: Ein Schuldenberg von zwei Billionen Euro, jeder 4. Steuer-Euro wird von Zinsen verschlungen. Die Tragweite der beschlossenen Schuldenbremse ist nicht einmal in Ans&auml;tzen verstanden. In diesem fiskalpolitischen Set, das der &Ouml;ffentlichkeit als Konsolidierung verkauft wird,  schl&auml;gt die M&uuml;tterrente allein mit 6,6 Milliarden Euro j&auml;hrlich zu Buche.<\/p><p>Wie sich zus&auml;tzlich die Rente mit 63 Jahren und die Angleichung der Ost-Renten am Ende auf die ramponierten Haushalte auswirken werden, ist noch nicht genau zu beziffern. Klar ist aber schon heute, dass die J&uuml;ngeren mehr in die Rentenkassen zahlen m&uuml;ssen, um am Ende (jenseits von 63 Jahren) weniger zu bekommen. Die Autorinnen Christina Bylow und Kristina Vaillant haben in ihrem Buch &bdquo;Die verratene Generation&ldquo; (2014) k&uuml;hl nachgerechnet und f&uuml;r die Generation der Baby-Boomer (Frauen der Jahrg&auml;nge 58 -68) eine schockierende Prognose pr&auml;sentiert. Diese Generation &ndash; Erziehungszeiten, Ausbildung und Berufswechsel einbezogen &ndash; kann nach Berechnung der Autorinnen mit einer Rente von 600 Euro rechnen. W&auml;ren dies nicht Kennziffern f&uuml;r eine argumentierende Politik, die zudem die verschobene demografische Frage interessant aktualisieren k&ouml;nnte?<\/p><p>Wie in anderen Politikfeldern &ndash;etwa dem verschleppten Einwanderungsgesetz oder der bigotten Fl&uuml;chtlingspolitik &ndash; wird aber jeder kritische, realistische Zukunftsdiskurs sorgf&auml;ltig eingehegt. Die vers&auml;umte Einwanderungs-Politik   ist absehbar ein langsam wirkendes Vertrauens-Vernichtungsprogramm. Nicht nur mit Blick auf Tauglichkeit und &bdquo;Fairness&ldquo;. Sie treibt auch einen Keil zwischen die schon heute &bdquo;Abgeh&auml;ngten&ldquo; und dem neuen Prekariat von dem viele Unternehmer hoffen, die Lohngrenzen nach unten zu dr&uuml;cken. Die paradoxe Fl&uuml;chtlingspolitik zwischen sonnt&auml;glichen Willkommen und werkt&auml;glicher Repression steht nur als &bdquo;Platzhalter&ldquo; f&uuml;r weitere ungel&ouml;ste Gro&szlig;themen &ndash; von der notleidenden Bildung bis zur Chancengleichheit, von Verteilungsgerechtigkeit bis zur Mobilit&auml;t.<\/p><p><strong>Die Diskurs-Armut leidet unter dem Erm&uuml;dungs-Bruch nicht nur der j&uuml;ngeren Generation<\/strong><\/p><p>Aber die &bdquo;Generation Y&ldquo; (Y=Why), das Fundament einer vitalen Zivilgesellschaft, die angeblich alles hinterfragt und nicht nur die digitale Welt f&uuml;r sich erobert hat, scheinen diese Erosionen nicht zu interessieren. Sie favorisiert eine harmonische Work-Life-Balance, in der Freunde, Freizeit und &bdquo;Ich-Zeit&ldquo; Vorrang haben. Untersuchungsergebnisse der Personalberatung Kienbaum, die auch als eine leise Auswanderung aus der Leistungsgesellschaft gelesen werden k&ouml;nnen, haben viele &bdquo;Personaler&ldquo; irritiert. Eine versch&auml;rfte Krisenlage und eine zukunftsvergessene Politik werden also mit einer zunehmenden Gleichg&uuml;ltigkeit der Betroffenen und ihrer politischen Repr&auml;sentanten beantwortet.<\/p><p>Heiner Gei&szlig;lers Credo, dass man stets Streit in einer wichtigen Sache anfangen m&uuml;sse, hat nicht nur im konservativen Milieu seine G&uuml;ltigkeit verloren. Der Verzicht auf Streit in der Sache gilt mittlerweile als h&ouml;chste politische Tugend der politischen Klasse. Gefragt ist der kieselsteinglatte Politiker-Typ, der Konflikt-Kanten fr&uuml;hzeitig wegschmirgelt, Streitthemen ausklammert und im pr&auml;sidialen Habitus mit wolkigen Versprechungen Br&uuml;cken zwischen den Lagern baut. Streit in der Sache setzt eine Haltung voraus und erfordert Fachkenntnisse. Zudem ist Streit immer risikoreich, weil die Folgen der Auseinandersetzungen innerparteilich und im Konkurrenzkampf der anderen Parteien nicht kalkulierbar sind. <\/p><p>Die belgische Philosophin Chantal Mouffe (2014) fordert in ihrem aktuellen Titel &bdquo;Agonistik&ldquo; (Suhrkamp) dagegen einen Wettstreit der politischen Akteure um Positionen und Argumente; sie pl&auml;diert f&uuml;r weniger Konsens, weil dieser die Nivellierung politischer Unterschiede f&ouml;rdere und schlie&szlig;lich zu Apathie und Entfremdung der B&uuml;rger f&uuml;hre. Studien des K&ouml;lner Rheingold-Instituts und des Berliner Wissenschaftlers Byung-Chul Han (2010) belegen eindr&uuml;cklich, dass die &bdquo;erm&uuml;dete Gesellschaft&ldquo; den Zustand der sogenannten &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo; beschreibt. Nils Minkmar (2013) hat diesen l&auml;hmenden Gem&uuml;tszustand der Deutschen wiederholt in der FAS diagnostiziert und in seinen Beobachtungen rund um den Wahlkampf Peer Steinbr&uuml;cks 2013 in dem Buch &bdquo;Der Zirkus&ldquo; als Milieu-Studie unterlegt. Die Passivit&auml;t der politisch sedierten Gesellschaft gilt nicht nur im Feld der Fl&uuml;chtlingspolitik, sondern pr&auml;gt fast alle Politikfelder. Mustert man diese, muss man bilanzieren, dass Absichtserkl&auml;rungen, Ank&uuml;ndigungen und der Verweis auf &bdquo;leere Kassen&ldquo; und der Mythos der &bdquo;Schwarzen Null&ldquo;  den Kommunikationsbetrieb kennzeichnen. Garniert mit einer Vertr&ouml;stungs-Wortwolke, die die strategisch ausgerichtete Politik des Nichts-Tuns oder z&ouml;gerlichen Abwartens kaschieren und dekorieren soll. <\/p><p>Risikovermeidung und Konfliktausklammerung  als professionelles Prinzip f&uuml;hrt noch zu einer weiteren Konsequenz, die aus Sicht vieler B&uuml;rger pr&auml;gend ist: die Nutzung gezielt unverbindlicher, mehrdeutiger Positionen und Formulierungen. Alle Positionen m&uuml;ssen vermeintlich klar klingen, aber stets die eine Exit-Chance bereithalten. Fl&uuml;chtlings-&bdquo;Obergrenzen&ldquo; verdunsten auf Parteitagen in interpretationsf&auml;hige Nebens&auml;tze. Auch diese Grammatik der Politik kontaminiert einen argumentierenden Diskurs-Stil und beg&uuml;nstigt die pegidiale Sehnsucht nach einfachen Parolen.<\/p><p><strong>Diskurs-Verweigerung und Argumentationsverachtung zehren die Demokratie aus &ndash; Grund&uuml;bel: das Konzept der asymetrischen Demobilisierung<\/strong><\/p><p>So schlicht es auf den ersten Blick klingen mag: In der Nach-Merkel-&Auml;ra wird man sich in den Au&szlig;enseiter-Medien, einigen Qualit&auml;ts-blogs und den H&ouml;rfunk Kulturwellen um Mitternacht mit diesem Befund auseinandersetzen. Angela Merkel personifiziert mit ihrem Stil, Konfliktthemen zu entsaften, einzuhegen, zu verlagern oder auszuklammern, eine diskursfreie Politik. Nach au&szlig;en regelt sie Sachzw&auml;nge, verschont die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger vom Zwang, einfache Fakten zur Kenntnis zu nehmen, Haltung zu zeigen oder sich zu Positionen zu bekennen. Ihre Inszenierung von Politik besteht in der (kalkulierten) Nicht-Inszenierung im administrativen Sachwalter-Stil. Damit produziert sie ein Grundgef&uuml;hl der sorgenvollen Zufriedenheit, in dem Argumente und Debatten als St&ouml;rfaktoren gelten. Sie ist Meisterin der kontrollierten Kommunikation, nicht nur in vermeintlich offenen B&uuml;rgerdialogen oder vor der staunenden Bundespressekonferenz. Nach innen erstickt sie in &auml;hnlicher Konsequenz jeden Meinungsstreit. Selbst arglose Kritiker, die in hom&ouml;opathischen Dosen Widerspruch anmelden oder andere Sichtweisen einbringen, werden kaltgestellt, zumindest eindeutig gewarnt. <\/p><p>&Uuml;berlagert wird dieses F&uuml;hrungskonzept von der Idee der asymmetrischen Demobilisierung. Konfliktthemen, mit denen die politische Konkurrenz sich abzugrenzen sucht, werden &ndash;m&ouml;glichst bereits im Vorfeld &ndash; durch vorsichtige Zustimmung, Ann&auml;herung oder &auml;hnlich klingende Programm-Ideen &bdquo;abger&auml;umt&ldquo; oder aufgesogen. Durch diese gezielte Eindruckserweckung sollen die letzten Kontraste zwischen den politischen Lagern (zumindest semantisch) verschwimmen. Das politische Ziel: Bestimmten W&auml;hlergruppen soll der Ansporn genommen werden, sich an Debatten zu beteiligen und oder gar einen Sinn in Wahlen zu sehen. All zu viele Pr&auml;zisierungen werden vermieden, Programm-Debatten immer wieder verschoben und Parteitage auf das demokratische Minimum reduziert. Dies sind die Zutaten f&uuml;r eine Debatten-Allergie, die die Kanzlerin wie ein s&uuml;&szlig;es Gift in die Gesellschaft tr&auml;ufelt. Wenn diese Medizin lange genug verabreicht wird, gew&ouml;hnt sich der Patient an die Dosis Demokratie-Entzug. Denn der demokratische Prozess lebt vom stetigen Austausch von Argumenten und Positionen. Sie sind wesentlich, wichtiger demokratischer Kernbestand &ndash; nicht nur eine zuf&auml;llige Randgr&ouml;&szlig;e.<\/p><p>Das besonders Fatale an dem &bdquo;Anti-Diskurs-Virus&ldquo;, den die Kanzlerin personifiziert, ist die Ausstrahlung ihres Erfolgs-Modells besonders auf die politische Konkurrenz. Merkel gilt mit ihrem puristischen Stil unter Spitzenpolitikern au&szlig;erhalb der CDU als &bdquo;Lichtgestalt&ldquo;. Nicht nur Spitzenpolitiker &bdquo;bewundern&ldquo; die Methode-Merkel. Mit der von ihr forcierten Debatten-Allergie verschont sie ihre W&auml;hler von der Last der Mitwirkung am Gemeinwesen und  steigert so ihre Popularit&auml;t. Diese Grunderkenntnis treibt die Spirale der &bdquo;diskussionslosen Geschlossenheit&ldquo; in allen Parteien weiter an.<\/p><p><strong>Argumentierende B&uuml;rger st&ouml;ren den etablierten Politikbetrieb und werden zunehmend als Konkurrenten und St&ouml;renfriede empfunden<\/strong><\/p><p>Christian Wulff wollte seine Amtszeit als Bundespr&auml;sident dem Thema &bdquo;Zukunft der Demokratie&ldquo; widmen. Er sorgte sich vor allem um das &bdquo;mangelnde Interesse vieler B&uuml;rger, sich in den Kommunen zu engagieren.&ldquo; In vielen Gemeinden finden sich nicht mehr ausreichend viele Pers&ouml;nlichkeiten, die das Amt des B&uuml;rgermeisters oder der B&uuml;rgermeisterin wahrnehmen m&ouml;chten. In zahlreichen St&auml;dten haben die Parteien M&uuml;he, die geforderten Kandidatinnen und Kandidaten f&uuml;r Wahllisten zu &uuml;berzeugen. Auch das schlechte Image der Politiker motivierte ihn (vor seinem Sturz) zu seiner ungew&ouml;hnlichen programmatischen Schwerpunktsetzung. &bdquo;Heute begleitet die Politiker viel H&auml;me, viel Spott und viel Misstrauen &ndash; mehr als fr&uuml;her.&ldquo; Ungew&ouml;hnlich klar analysierte er schon vor seinem Fall: &bdquo;Der Graben zwischen W&auml;hlern und Gew&auml;hlten wird gr&ouml;&szlig;er.&ldquo; Vertrauensverlust und Wahlverweigerung gegen&uuml;ber Politik und Parlament einerseits, Passivit&auml;t, Beteiligungs-Abstinenz und Desinteresse der B&uuml;rger andererseits. Die Kerze der Demokratie brennt also von zwei Seiten und niemand kann &ndash;jenseits wohlmeinender Appelle- eine &uuml;berzeugende Perspektive zur Vitalisierung demokratischer Austauschprozesse bieten. Wenn heute &ndash;etwa in regionalen Konflikten-&bdquo;Dialoge&ldquo; angeboten werden, ist dies meist aus Sicht der Betroffenen ein untr&uuml;gliches Zeichen, &bdquo;das Thema tot zu machen&ldquo;, wie es im Jargon hei&szlig;t.<\/p><p>Zum Lagebild geh&ouml;rt auch, dass Wulffs Entscheidung, die Bedrohung der Demokratie in Deutschland zu &bdquo;seinem&ldquo; Thema zu machen, kaum &ouml;ffentliche Resonanz fand, unabh&auml;ngig von seiner kurzen Amtszeit bis Ende 2012. Die Idee f&uuml;r dieses Demokratie-Projekt stammte von der Bertelsmann-Stiftung, die mit vergleichsweise gigantischem Aufwand engagierte B&uuml;rger zu Demokratieforen im Bonner Wasserwerk versammelte. Tausende B&uuml;rger wurden eingeladen, ihre politischen Zielvorstellungen in Gro&szlig;-Kongressen zu debattieren und schlie&szlig;lich zu b&uuml;ndeln. <\/p><p>Doch auch dieses Gro&szlig;projekt versandete. Ein wesentlicher Grund: Man wurde die Geister nicht los, die man zuvor gerufen hatte. Je intensiver die ausgesuchten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sich mit &bdquo;ihrem&ldquo; Thema besch&auml;ftigten und die Argumente pr&uuml;ften, umso pr&auml;ziser formulierten sie ihre Gegenentw&uuml;rfe und traten zunehmend ungeduldiger mit klaren, argumentativ unterlegten Forderungen auf. &Auml;hnliche Grunderfahrungen lassen sich aus anderen &bdquo;Demokratie- und Beteiligungsprojekten&ldquo; ablesen. Mit zunehmender Themen-Sicherheit wachsen engagierte B&uuml;rger zu Konkurrenten der im Konsens eingespielten &bdquo;Parlaments-Politik&ldquo; heran. Eine Einladung auf die Trib&uuml;ne eines Landtags mit anschlie&szlig;endem B&uuml;rgerdialog verliert seine Anziehungskraft. <\/p><p>Die etablierte Politik sp&uuml;rt offenbar, dass die Abkopplung von B&uuml;rgern und Regierenden eine gef&auml;hrliche Intensit&auml;t erreicht hat. Mit der Diagnose dieses heiklen Zustands hat sich fl&auml;chendeckend Ratlosigkeit in der politischen Klasse ausgebreitet. Therapie-Ans&auml;tze, wie der Demokratie-Sklerose begegnet werden k&ouml;nnte, zeichnen sich jedoch nicht ab. Die CDU sucht Antworten in einer von vornherein sehr kleinm&uuml;tig konzipierten Parteireform. Dabei m&uuml;ssten die Sekret&auml;re nur einen Blick ins Archiv werfen. Vor 20 Jahren hatte eine CDU-Kommission bereits ein exzellentes Papier zur Parteireform vorgelegt. Resonanz: Null.<\/p><p>&bdquo;Gelesen. Gelacht. Gelocht&ldquo; &ndash; nach diesem Prinzip selbst fruchtbarer Programm-Debatten wurde auch hier verfahren. Die SPD flieht &ndash;wie so oft in der Not &ndash; in die Abgr&uuml;nde der Demoskopie. &bdquo;Schwierige Zielgruppen&ldquo; (u.a. der Jungw&auml;hler) sollen demn&auml;chst genau nach ihren Motiven ihrer Politikverachtung befragt werden. Die Organisationen und Parteivertreter, die sich zivilgesellschaftlichem Engagement verschrieben haben, m&uuml;ssten hier ansetzen. Ohne die Bereitschaft zum begrenzten Konflikt und argumentativen Austausch reagieren Ministerial-Beamte, Abgeordnete und Funktion&auml;re nicht. Die grassierende &bdquo;Debatten-Allergie&ldquo; ist aus einem anderen Krankheits-Bild hervorgegangen: aus der Immunisierung gegen alle wesentlichen  gesellschaftspolitischen Konfliktthemen und dem Verzicht auf eine damit verbundene aufrichtige, sorgf&auml;ltige, vor allem offene Programm-Debatte.<\/p><p><strong>&bdquo;Argumentationsarmut&ldquo; oder Diskurs-Verweigerung?<\/strong><\/p><p>J&uuml;rgen Habermas lebendiges Verm&auml;chtnis, &bdquo;der zwanglose Zwang des besseren Arguments&ldquo;, hat schon lange keine Konjunktur mehr. Vordergr&uuml;ndig sehen alle Akteure, die einen &ouml;ffentlichen Diskurs zu wichtigen Fragen pflegen k&ouml;nnten, keinen Nutzen f&uuml;r den Streit um die besseren Argumente: <\/p><ul>\n<li>Wer argumentiert, muss Priorit&auml;ten setzen, Wertefragen f&uuml;r und gegen eine inhaltliche Entscheidung kl&auml;ren und f&uuml;r seine Position streiten. Daraus erw&auml;chst Polarisierung. Das Gros der amtierenden politischen Klasse will aber beruhigenden Konsens und die &bdquo;sorgenvolle Zufriedenheit&ldquo; der B&uuml;rger nicht st&ouml;ren, sich nicht angreifbar machen.<\/li>\n<li>Die Medien bevorzugen den rasch wechselnden Emp&ouml;rungsrausch in Echtzeit, der angezettelt und bald wieder von einer neuen Welle abgel&ouml;st werden soll. Schon Luhmann analysierte, dass die Medien an Neuigkeiten, nicht aber an Wichtigkeiten interessiert sind. &bdquo;Interessant geht vor relevant&ldquo; &ndash; hei&szlig;t es heute folgerichtig in den journalistischen Handreichungen.<\/li>\n<li>Die B&uuml;rger vermuten im Streit um Argumente zu oft folgenlose Kulissenschieberei und mangelnden Ernst. Das Credo: &bdquo;Wer seine Meinung sagt, kann etwas &auml;ndern&ldquo; (Memo auf dem Schreibtisch des VW-Konzernbetriebsratsvorsitzenden) taugt nur noch f&uuml;r Poesiealben. Das Gef&uuml;hl, dass sich die Richtung in einzelnen Politikfeldern grunds&auml;tzlich &auml;ndern k&ouml;nnte, ist verk&uuml;mmert. Besonders in Zeiten Gro&szlig;er Koalitionen d&auml;mpft dies die Bereitschaft, sich einzumischen.<\/li>\n<li>Die Eindruckserweckung gilt unter Politikern als die hohe Kunst der Profession, nicht die &Uuml;berzeugungskraft von gekl&auml;rten Argumenten und begr&uuml;ndeten Haltungen.<\/li>\n<li>Bestimmte Positionen werden systematisch als &bdquo;Test-Ballon&ldquo; in speziell passenden Medien &bdquo;platziert&ldquo;, um zun&auml;chst die Reaktion der Medien zu testen und dann die Positionen zu forcieren oder wieder einzufangen.<\/li>\n<li>Kontrollierte Kommunikation ist zum Prinzip geworden. Abgestimmte &bdquo;wordings&ldquo; werden an die zitierf&auml;hige Parteispitze per SMS versendet und als verpflichtend eingestuft. Wenn es heikel wird, greift eine andere, sich ausbreitende Methode: einfach schweigen und nichts sagen.<\/li>\n<li>Besonders in Konfliktsituationen werden wachsweiche Formulierungen gew&auml;hlt, die jederzeit &bdquo;dementif&auml;hig&ldquo; sind. Gezielte Unklarheit ist kein Nebenprodukt von Unf&auml;higkeit, sondern gezielte Kommunikations-Strategie.<\/li>\n<li>Auch f&uuml;r gewiefte Politiker ist die Resonanz ihrer &Auml;u&szlig;erungen schwer kalkulierbar. Eine &bdquo;Nicht-Aussage&ldquo; kann &bdquo;explodieren&ldquo;, ein wirklich neuer Gedanke kann in der Flut der Meldungen einfach untergehen. Wenn man den Output an &bdquo;exklusiven&ldquo; Wochenend-Meldungen studiert, wird man kaum ein belastbares Relevanz-Muster entziffern k&ouml;nnen. Die Wirkung der semantisch harmlosen Aussage: &bdquo;Nichts ist gut in Afghanistan&ldquo; mag diese neue Un&uuml;bersichtlichkeit anschaulich illustrieren. Offenbar hatte die fr&uuml;here EKD-Ratspr&auml;sidentin K&auml;&szlig;mann damit ein Tabu angesprochen.<\/li>\n<\/ul><p>Frank Schirrmacher, der nach seinem pl&ouml;tzlichen Tod als argumentierende Lichtgestalt und Kontrast zum Defizit diskursiver Politik gefeiert wurde, hat mit seinen Impulsen und Anst&ouml;&szlig;en eine Blaupause f&uuml;r mehr Argumente im &ouml;ffentlichen Raum hinterlassen. Schirrmacher wollte den Streit und den Bruch mit Denkmustern. Konfliktbereitschaft und (gelegentlich hemmungslose) Zuspitzung waren f&uuml;r ihn Katalysator f&uuml;r die herausfordernde Beachtung von verborgenen Themen und die Argumentations-Animation f&uuml;r relevante Streitthemen. Nat&uuml;rlich beherrschte er mit seiner Themensetzung auch die Gesetze moderner Kampagnen-F&uuml;hrung und die Vorz&uuml;ge des genre-&uuml;bergreifenden Medien-Mix, die er perfekt nutzte.<\/p><p>Er war ein risikobereiter Musterbrecher. In diesem Sinne k&ouml;nnte er als Ausnahmefigur auch ein Leitbild f&uuml;r Akteure der sogenannten Zivilgesellschaft sein, die &ndash; jenseits ihres Grundrauschens &ndash; mehr wollen, als den Zeitpunkt abzuwarten, wann ihre Zeit gekommen ist. Selbst VW-Manager bekennen im laufenden Abgas-Skandal, dass sie sich nicht mehr mit &bdquo;Ja-Sagern&ldquo; in ihrer (bislang) geschlossenen Welt umgeben wollen. <\/p><p><strong>Person als Narrativ &ndash; die einfache Lebensstory ersetzt den in der Sache argumentierenden Politiker<\/strong><\/p><p>&bdquo;Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg&ldquo; &ndash; besonders im politischen Betrieb gilt dieser Leitsatz. Wer hat demoskopisch ablesbaren Erfolg, wer steht auf den Spitzenpl&auml;tzen der Sympathie-Fieberkurve? In der politischen Szene Deutschlands ist keine Spitzenfigur erkennbar, die stetig auf Diskurspolitik setzt, dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments vertraut. Ein gegenl&auml;ufiger Trend ist erkennbar. Ein Spitzenpolitiker, der im Kampf um mediale Aufmerksamkeit bestehen will, muss &ndash; jenseits von Positionen, Programmen und Argumenten &ndash; ein besonderes Narrativ in sich tragen, das die Auseinandersetzung um Sachfragen &uuml;berlagert. <\/p><p>Jochen Buchsteiner (FAZ 8.8.2014) hat diese Entwicklung am Beispiel des konservativen Londoner B&uuml;rgermeisters Boris Johnson nachgezeichnet. Johnson hat zwar noch keinen Wahlkreis, aber er gilt bereits als der Herausforderer des britischen Regierungschefs Cameron. Ihm wird zugetraut, Partei und Politik &bdquo;popularisieren zu k&ouml;nnen.&ldquo; Sein Fazit: &bdquo;Fast scheint es, als transformiere sich Politik &uuml;ber ihn zu etwas Un- oder &Uuml;berparteilichen.&ldquo; Ein Bezug zur Kanzlerin dr&auml;ngt sich hier auf. Auch weitere Charakteristika illustrieren den k&uuml;nftigen Erfolgs-Typus auf der politischen B&uuml;hne. &bdquo;Sein Witz, seine Schlagfertigkeit, sein beinahe kom&ouml;diantisches Talent haben ihn zu einem Superstar der Politik gemacht, dem auch nicht-konservative W&auml;hler erliegen.&ldquo; Und: &bdquo;Johnson inszeniert sich als spontan, manchmal fahrig, fast chaotisch, aber meistens steckt Kalk&uuml;l dahinter.&ldquo;<\/p><p>Markierungen, die auch bei anderen Erfolgskarrieren zu besichtigen sind. Argumentierender Diskurs, sortierte und begr&uuml;ndete Positionen: F&uuml;r diesen Stil scheint in postdemokratischen Gesellschaften, die unter der fatalen Verbindung von Komplexit&auml;tsdruck, finanzieller Auszehrung und starken Wirtschafts-Interessen leiden, wenig Platz zu sein. Der Typ &bdquo;Johnson&ldquo; macht auch in Deutschland jenseits von Herrn zu Gutenberg Karriere.<\/p><p>Eine &auml;hnliche Bedeutung eines politischen Narrativs kann man in Hessen am Beispiel einer Landesregierung beobachten. Das Klein-Klein der schleppenden Landespolitik verschwindet hinter dem gro&szlig;en Zukunfts-Bild einer Schwarz-Gr&uuml;nen Koalition auf Bundesebene. Der hessische Finanzminister Thomas Sch&auml;fer (CDU) versteigt sich folgerichtig schon in das geeignete Superlativ: &bdquo;Schwarz-Gr&uuml;n ist ein Gesamtkunstwerk.&ldquo; (FAZ 8.8.2014) Die Rezeptur f&uuml;r dieses Narrativ liefert der Politiker gleich mit: &bdquo;Au&szlig;erdem trifft man sich jeden Montagabend &ndash;und bleibt notfalls auch bis in die Puppen, um Konflikte beizulegen oder im Keim zu ersticken.&ldquo; <\/p><p>Das Projekt &bdquo;Schwarz-Gr&uuml;n&ldquo;, &uuml;brigens die Lieblings-Konstellation der meisten Meinungsf&uuml;hrer, erreicht eine besondere Strahlkraft. Wenn bei der Konstruktion dieses Narrativs aber Konflikte systematisch vorab begradigt werden, bleibt kein Raum mehr f&uuml;r den Austausch von Argumenten in der &Ouml;ffentlichkeit oder im Parlament. &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich auch in &bdquo;kleinen Koalitionen.&ldquo; Kadavergehorsam, Konsenszwang, Konflikt-Ausblendung ersetzen die langen Linien von Programm-Ideen oder weichen einst unverwechselbare Positionen bis zur Unkenntlichkeit auf. <\/p><p>Auch in Rheinland-Pfalz &uuml;berstrahlt ein Narrativ das regionale Geschehen. Die Person der Ministerpr&auml;sidentin, die trotz schwerer Krankheit Politik leidenschaftlich betreibt, scheint wichtiger zu sein, als die klassische Landespolitik. In Talk-Shows wird sie immer wieder explizit auf Grund ihres &bdquo;Schicksals&ldquo;, nicht wegen den landespolitischen Kernthemen oder besonderer politischer Fragestellungen eingeladen. Ihr Bekanntheitsgrad und die nationale Berichterstattung &uuml;ber sie st&uuml;tzen sich dominant auf dieses Narrativ. Ihre Konkurrentin von der CDU konnte ihr Profil vor allem durch eine stringente weight-watcher-Kur und ihren modischen Auftritt aufpolieren. Hinter solchen Narrativen verschwinden Kommunal-Reform und L&auml;nderfinanzausgleich.<\/p><p>Die drei Beispiele lassen sich zu einem k&uuml;nftigen Trend b&uuml;ndeln: Spitzenpolitiker streben ein bestimmtes Narrativ an, mit dem sie &ouml;ffentlich verbunden werden. Dieses oft kontextfreie Sinnbild &uuml;berlagert dann alle Fragen nach argumentativ unterlegter Sachpolitik. Andernfalls erf&uuml;llen sie nicht die Anspr&uuml;che einer medialen Aufmerksamkeits-&Ouml;konomie, die einfache Bilder verlangt und die Lust an Differenzierungen, Nuancen und Kontexten verloren hat. Dieses Erfolgsmodell f&auml;rbt auf den Politikbetrieb ab: Im Ergebnis r&uuml;cken rationale Argumente, &uuml;berlegte Sachauseinandersetzungen und damit eine lebendige Debattenkultur in den Hintergrund. Dieser Trend wird von den Medien vorangetrieben, mitunter auch erzeugt. Die Sichtbarkeit von Personen und deren (pers&ouml;nliche) stories passen besser in die Agenda der Medien als schl&uuml;ssige Argumente und ausgereifte Konzepte und konsistente Politikentw&uuml;rfe. <\/p><p><strong>Machtkampf zwischen Medien und Politik &ndash; Medien meiden Diskurse und empfinden Argumente als &bdquo;Quotengift&ldquo;<\/strong><\/p><p>Im Kern geht es in der Aufmerksamkeits-&Ouml;konomie um einen (lautlosen) Machtkampf, wer die Interpretationshoheit um politische Vorg&auml;nge hat? Die Medien &ndash; oder die Politik? Die mediale Genese beim Sturz des fr&uuml;heren Bundespr&auml;sidenten Christian Wulff ist &ndash; jenseits der Gewichtung einzelner Ungeschicklichkeiten, Fehler und vermeintlicher Charakterschw&auml;chen &ndash; solch ein Machtkampf um die Interpretationshoheit zwischen Medien und Politik.<\/p><p>Der fr&uuml;here Chef des heute-journals (ZDF), Wolf von Lojewski, hat bereits Ende 2012 in seiner Er&ouml;ffnungsrede beim MainzerMedienDisput im ZDF auf diese Dominanzfrage hingewiesen. Nach seiner Einsch&auml;tzung geht es nicht nur in der sogenannten Skandalberichterstattung um die Machtfrage. Lojewski sieht eine zunehmende Macht der Medien im Kontrast zur Politik. Bald k&ouml;nnten Politiker froh sein, wenn sie zu wichtigen Themen noch befragt w&uuml;rden. (vgl. <a href=\"https:\/\/www.newsroom.de\/\">newsroom.de<\/a>, 16.10.2012)<\/p><p>Eine &auml;hnliche, aber noch tiefer gehende Diagnose, pr&auml;sentierte der (fr&uuml;here) gr&uuml;ne Spitzenpolitiker J&uuml;rgen Trittin. In seiner Erfahrungsbilanz setzen die Medien &bdquo;Themen, Trends und Stimmungen.&ldquo; Sie spielen einen aktiven Part in der Gestaltung oder Verhinderung von Diskursen. J&uuml;rgen Trittin verglich den Berliner Politikbetrieb mit den Machenschaften, die in der oft ger&uuml;hmten US-Serie &bdquo;House of Cards&ldquo; zu besichtigen waren. Die Verzahnung zwischen Medien und Abgeordneten und die Abh&auml;ngigkeit von Entscheidungstr&auml;gern von den M&auml;chtigen aus Industrie und Wirtschaft sind die wesentlichen Narrative von &bdquo;House of Cards&ldquo;. Die Serie, so Trittin, &bdquo;zertr&uuml;mmert r&uuml;cksichtslos das Gerede von den Medien als Kontrolleure der Macht. Medien sind selber Teil der Macht. Sie berichten nicht einfach, sie setzen Themen.&ldquo; (&hellip;) &bdquo;Der &uuml;bliche Deal (&bdquo;Ich versorge Dich mit Material und Du zitierst mich&ldquo;.) m&uuml;sse nicht zu zeitweiligen Verh&auml;ltnissen (wie bei den Protagonisten der Serie) f&uuml;hren. &bdquo;Aber es l&auml;uft genau so.&ldquo; &ndash; bilanzierte der gr&uuml;ne Spitzenkandidat 2013. &bdquo;Medien sind Teil der politischen Maschinerie, auch wenn sie das scheinheilig verleugnen, stattdessen pauschalierend &uuml;ber &bdquo;die Politik&ldquo; reden und damit das Vorhandensein realer politischer Alternativen vernebeln. Sie setzen Themen, Trends und Stimmungen&ldquo;, res&uuml;mierte Trittin in der Wochenzeitung &bdquo;Freitag&ldquo;. (9.1.2014)<\/p><p>Auff&auml;llig ist, dass Trittins vernichtende Analyse in der &Ouml;ffentlichkeit kaum aufgegriffen wurde; kein anderer aktiver Politiker hat bislang eine vergleichbare Praxis-Kritik in dieser Klarheit &ouml;ffentlich geliefert. M&ouml;glicherweise herrscht die immer wieder &ndash; hinter vorgehaltener Hand &ndash; pr&auml;sentierte Meinung vor, man solle sich nicht mit den Medien anlegen. Zudem seien die einge&uuml;bten Mechanismen des agenda settings und agenda cuttings, der Unterhaltungssucht und der Personalisierung nicht mehr umkehrbar. Ein Arrangement mit der medialen Emp&ouml;rung sei g&uuml;nstiger als eine n&uuml;chterne Kritik.<\/p><p><strong>Macht ohne Verantwortung &ndash; eine reflexionsblinde Branche steuert die Publikums-Emp&ouml;rung in Echtzeit<\/strong><\/p><p>Folgende &bdquo;gelernte&ldquo; Medientrends liefern den Rahmen einer Medienanalyse, die f&uuml;r Argumente und Diskurse wenig Raum l&auml;sst:<\/p><p>Der &bdquo;Aufreger&ldquo; ist zum zentralen Genre der Nachrichtenproduktion avanciert. Die Stimulierung einer  &bdquo;Echtzeit-Emp&ouml;rung&ldquo; wird zur K&ouml;nigs-Disziplin im medialen Betrieb. Begleitet  wird dieser Trend durch einen informellen, (aber unaufhaltsamen) Wandel der Nachrichtenfaktoren. Gespr&auml;chswert steht ganz oben. Echte Relevanz wird &bdquo;unrelevant&ldquo;. &bdquo;Akzeptanz ist Relevanz&ldquo;, diese Formel hat bereits den Status eines offizielle Slogans erreicht;  die jeweils erzielte &bdquo;Reichweite, Quote, Auflage oder Klickrate wird zur  Legitimations-Instanz und zum Druckfaktor  von journalistischen Entscheidungen. Der innere Kompass im Journalismus ist verlorengegangen. &bdquo;Die Umkehr der Wichtigkeiten&ldquo; (Richard von Weizs&auml;cker) ist Programm und st&uuml;tzt sich auf interne Publikums-Akzeptanz-Ergebnisse  der Medienforschung. Ganz gleich wie windig die jeweilige Erhebungseinheit ist.<\/p><p>Die Folge ist ein ver&auml;ndertes Berufsbild: Im Kern m&uuml;sste in den Berufsberatungsbl&auml;ttern der Beruf des Journalisten mit &bdquo;Emotions-Ingenieur&ldquo; angegeben werden. Oder als &bdquo;Gespr&auml;chs-Animateur&ldquo; beziehungsweise &bdquo;Gef&uuml;hls-Simulant.&ldquo; Neben dem erw&auml;hnten &bdquo;Gespr&auml;chswert&ldquo; eines &bdquo;Aufregers&ldquo; ist vor allem &bdquo;sch&ouml;ne Information&ldquo; gefragt. (Service, Kochen, Tiere, Reisen, Adel, Landschaften, Quiz, Mundart-Theater uvm.) &bdquo;Sperrige Politik-Themen&ldquo; r&uuml;cken an den Rand und werden allenfalls als &bdquo;Hartholz&ldquo; mitgenommen. `Postkarten-Journalismus` wird zum Kerngesch&auml;ft. Eine focus-Kolumnistin nennt dies die Abkehr von den &bdquo;Politik-Politik-Themen.&ldquo;<\/p><p>Journalisten sind vor allem Produzenten von vorgefertigten Stoffen, die h&ouml;chstens noch konfektioniert, veredelt, evtl. erweitert werden. &bdquo;Branded Journalism&ldquo; oder extern zugeliefertes &bdquo;Content-Marketing&ldquo; gewinnt immer mehr an Bedeutung. Das Berichten aus eigener Anschauung, vor Ort, mit der Nutzung vielf&auml;ltiger, unabh&auml;ngiger Quellen und der Einordnung auf der Basis von (spezieller) Fachkenntnis und Erfahrungswissen ist &bdquo;old school&ldquo;. Argumentierender Journalismus, der im Ergebnis nicht vorhersehbar ist, der Nuancen wahrnimmt und Differenzierungen einbezieht, erkl&auml;rt und hinterfragt, gilt als &bdquo;&uuml;berholt.&ldquo; Ausnahmen in Nischen eingeschlossen. <\/p><p>Gnadenlos zugespitzte &Uuml;berschriften-Texte sind wichtiger als eine ausgeruhte Analyse. Suchmaschinen-Optimierung hat eine wesentlich gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung als Quellenzug&auml;nge und die Kernfunktion des Kuratierens von Informationen. Erfahrungswissen und Fachkompetenz oder Handschriften von Autoren haben offenbar keinen Mehrwert; sie gelten im tempogetriebenen news-Betrieb eher als l&auml;stig und umst&auml;ndlich. Sinnf&auml;llige Beispiele f&uuml;r diesen Trend sind die Ranking- und Check-Formate, die Objektivit&auml;t simulieren, ohne ihre Begr&uuml;ndungsmuster &ndash; jenseits von &uuml;berschaubaren votings der Nutzer &ndash; offen zu legen. Leichte Service-Kost wird in einer Flut von Sendungen rund um Essen und Nahrung serviert, ohne das &bdquo;Billig-Kaufverhalten&ldquo;, die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln oder die Konzentrations-Wirkungen der Lebensmittel-Discounter unter die Lupe zu nehmen. Ph&auml;nomene werden thematisiert, ihre strukturellen Hintergr&uuml;nde weitgehend ausgeblendet.<\/p><p>Die Voraussetzung f&uuml;r dieses (fast) durchg&auml;ngige Produktions-Modell ist die Selbstbegrenzung auf eine gnadenlose Komplexit&auml;tsreduzierung aller Stoffe und damit der Verzicht auf Differenzierung (&bdquo;RTL2 Prinzip&ldquo;). Der einfache Erz&auml;hlsatz z&auml;hlt allein beim Themen-Verkauf. (&bdquo;Alles muss man sofort in einem Satz &ndash;&bdquo;dem K&uuml;chenzuruf&ldquo; &ndash; pr&auml;sentieren k&ouml;nnen.) &bdquo;Informations-Reduzierung erh&ouml;ht den Erz&auml;hlfluss&ldquo; &ndash; lautet das erste Gebot. Die serielle Banalisierung aller Stoffe, garniert mit interessanten, visuellen Unterhaltungs-Elementen, gilt als Garant f&uuml;r Quoten, Auflagen, Klicks. Jeder Grauwert, jede Differenzierung abseits der Hauptlinie der jeweiligen story irritiert die Programm-Ansager, wie selbst ein Redakteur des Deutschlandfunks k&uuml;rzlich beklagte.<\/p><p>Es geht immer mehr um Verpackung. Die Konfektionierung (H&uuml;lle) ist wichtiger als der Inhalt. (&bdquo;10 Top-Erfolgsfaktoren f&uuml;r Politiker&ldquo;) In Boulevard-Lehrb&uuml;chern hei&szlig;t es: &bdquo;Komplexit&auml;tsreduzierung ist Quotensteigerung.&ldquo; Journalismus soll &bdquo;Aha-Erlebnisse&ldquo;, &bdquo;G&auml;nsehaut-Momente&ldquo; verschaffen. &bdquo;Aufkl&auml;rung ist retro.&ldquo; Nikolaus Brender, fr&uuml;herer ZDF-Chefredakteur, hat diese elementare Emp&ouml;rung in Echtzeit in einer Rede treffend beschrieben: &bdquo;Eines ist klar: Wir selbst saugen die Flut an, die Welle von irrelevanten Kleinigkeiten und die Riesenwellen des blo&szlig;en Scheins. Und dabei sind wir uners&auml;ttlich. (&hellip;) Echtzeitjournalismus reicht schon lange nicht mehr. Die Endzeit muss es schon sein, &uuml;ber die wir Journalismus berichten.&ldquo; (Frankfurter Rundschau, 6.11.2012, &bdquo;Den Turbo-Journalismus stoppen.&ldquo;)<\/p><p>Die Folge: &bdquo;Allein mit Qualit&auml;tsjournalismus kann heute niemand mehr &uuml;berleben.&ldquo; (Hubert Burda, Horizont, 20.1.2014 von Katrin Lang) Diese Erkenntnis f&uuml;hrt dazu, dass Journalisten die &bdquo;Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts&ldquo; sind (so ein Ex-ftd-Redakteur), die 20%-Sparregel Redaktionen unter Druck setzt, ausgebrannte und austherapierte Macher  in newsrooms als &bdquo;content&ldquo;-Produzenten agieren.<\/p><p>Journalismus wird zunehmend zur &bdquo;Kommentierung von Marketing&ldquo; (auf allen Ebenen). &ndash; Die Stofflieferanten werden jedoch tabuisiert. Dieser Trend bleibt nicht folgenlos: &bdquo;Daran sollten sich Journalisten gew&ouml;hnen, dass der Begriff &sbquo;unabh&auml;ngiger Journalismus&rsquo; l&auml;ngst ein Mythos ist.&ldquo; Mit diesem Glockenschlag in der Schweizer &bdquo;Medien Woche&ldquo; trieb die Kommunikationsberaterin Karin M&uuml;ller eine schlummernde Debatte voran. Nach 18 Jahren im Journalismus hei&szlig;t ihr Credo: &bdquo;Wir alle m&uuml;ssen uns von einem Journalismus verabschieden, der aus zwei Werten bestand: Qualit&auml;t und Unabh&auml;ngigkeit.&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.medienwoche.ch\">www.medienwoche.ch<\/a>, 19.6.2014)<\/p><p>Gleichzeitig verlangen Markt und Publikum zunehmend nach Angeboten zwischen Werbung und Content. Native advertising, Content Marketing, storytelling, Corporate Publishing wachsen rasant. Die Macher des &bdquo;King Content Day&ldquo; bilanzieren in ihrer Konferenz-Einladung: Auf der digitalen Ebene verschmelzen die &bdquo;Grenzen zwischen Content-Produzenten, Distributeuren und Usern. Zudem werden die Grenzen zwischen werblichen und Entertainment-Inhalten immer durchl&auml;ssiger.&ldquo; Die Wertsch&ouml;pfungsketten verteilen sich neu, auch weil frische Studien &bdquo;einen dramatischen Bedeutungsverlust f&uuml;r die traditionelle Pressearbeit&ldquo; (Anm. klassische PR) ausgemacht haben. PR-Experten setzen nun auf mobile online-Kommunikation und die Vermittlung ihrer Botschaften direkt an einzelne Zielgruppen. (vgl. Rene Seidenglanz, PR und Journalismus, Quadriga-pdf o.D., mit interessanten Befunden aus der Sicht von PR-Akteuren)<\/p><p>Auf diese Weise wird Journalismus in den Zw&auml;ngen von min&uuml;tlicher Messbarkeit, von Echtzeit, wahnwitziger Komplexit&auml;tsreduzierung, Unterhaltungs-Sucht und &ouml;konomischen Zw&auml;ngen zu einer unberechenbaren Gr&ouml;&szlig;e. Unreflektiert, unbek&uuml;mmert, unkontrolliert.<\/p><p>In diesem Sinne sind die Medien Spiegelbild einer Politik, die nicht mehr auf Diskurse und Argumente vertraut; sie setzt auf Aufmerksamkeits-Management, Eindruckserweckung sowie die Entwertung oder Verdr&auml;ngung von Themen und Argumenten.  Sie verst&auml;rken die Trends nach Personalisierung, nach Vereinfachung, nach kontext-freien Betrachtungen, die einem &bdquo;inneren Narrativ&ldquo; folgen. &bdquo;Daumen hoch &ndash; oder Daumen runter.&ldquo; Gef&auml;llt mir oder Gef&auml;llt mir nicht. Hauptsache, der Aufregungspegel stimmt und die Emp&ouml;rungswut findet ein Ventil. <\/p><p>Vor dieser Kulisse eines permanenten Stichflammen-Journalismus arbeiten sogar NGO`s. Zum Teil nutzen sie auch die Schw&auml;chen des medialen Systems, indem sie auch den Instrumentenkasten der PR nutzen, um ihre Inhalte zu transportieren und ihre &bdquo;Experten&ldquo; zu platzieren. Kurzfristig mag dies als Erfolg der Marketingabteilungen gewertet werden. L&auml;ngerfristig f&uuml;hrt dieses Kommunikationskonzept jedoch in eine Sackgasse. Gr&uuml;ndliche Analysen, klare Wert-Haltungen, schl&uuml;ssige Argumente aus vielf&auml;ltigen Perspektiven sind die Rohstoffe, die den &ouml;ffentlichen Diskurs beleben k&ouml;nnten. Politik und Medien k&ouml;nnen auf diese Art des Diskurses verzichten. Eine lebendige, funktionierende Demokratie als Lebensform jedoch nicht.<\/p><p><strong>Konstruktiver Ausblick<\/strong><\/p><p>Doch der eingerostete und blockierte Diskurs k&ouml;nnte mit einem einfachen Modell wiederbelebt werden. Ganz im Sinne des Modetrends der konstruktiven Nachrichten &ndash;vom Spiegel bis zu dem neuen Web-Projekt k&ouml;nnte das gesellschaftliche Gespr&auml;ch zu einem bislang destruktiv verhandelten Thema &ndash;der Einwanderungs-Krise- &ouml;ffentlich und im gro&szlig;en Stil verhandelt werden. Eine gut sortierte Debatte k&ouml;nnte &ndash;nach dem Diskurs-Modell-Stuttgart 21- die zehn wichtigsten Fragen rund um `Flucht, Asyl und Einwanderung&acute; aufwerfen und mit echten Experten verhandelt werden. Alle N&ouml;te, Sorgen und Herausforderungen k&auml;men auf den Tisch. Am Ende st&uuml;nde kein f&ouml;rmlicher Beschlu&szlig;, wohl aber eine Verst&auml;ndigung auf zehn priorit&auml;re L&ouml;sungsschritte sowie die Formulierung von Konsens- und Dissenspositionen. Falls die politische Klasse dazu nicht in der Lage sein sollte, k&ouml;nnte die viel zitierte Zivilgesellschaft sich dieses Projekt im derzeitigen Klima des von der AfD forcierten &bdquo;geistigen B&uuml;rgerkriegs&ldquo;  zu Eigen machen. Es g&auml;be dann auch noch einen Kollateralnutzen: Ph&ouml;nix h&auml;tte wieder Traumquoten.<\/p><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li>Bylow, Christina\/ Vaillant, Kristina 2014: Die verratene Generation, M&uuml;nchen.<\/li>\n<li>Denkwerk Demokratie (Hrsg.) 2014: Sprache. Macht. Denken. Politische Diskurse verstehen und f&uuml;hren, Frankfurt\/M.<\/li>\n<li><em>Gradinger, Frank u.a.<\/em> (Hrsg.): 2014 Politische Narrative, Wiesbaden.<\/li>\n<li><em>Gr&uuml;newald, Stephan<\/em> 2013: Die ersch&ouml;pfte Gesellschaft, Frankfurt\/M.<\/li>\n<li><em>Han, Byung-Chul<\/em> 2010: M&uuml;digkeitsgesellschaft, Berlin 2010.Hofmann, Wilhelm u.a. (Hrsg.) 2014: Narrative Formen der Politik, Wiesbaden.Kurbjuweit, Dirk 2014: Angela Merkel: Die Kanzlerin f&uuml;r alle?, M&uuml;nchen.<\/li>\n<li><em>Minkmar, Nils<\/em> 2014: Der Zirkus, Ein Jahr im innersten der Politik, Frankfurt\/M. <\/li>\n<li><em>Mouffe, Chantal<\/em> 2014: Agonistik. Die Welt politisch denken, Frankfurt\/M.<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.talk-republik.de\"><strong>Prof. Dr. Thomas Leif<\/strong><\/a> ist Publizist, Journalist, Film- und Sachbuchautor und Politologe.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160127_leif-1.jpg\" alt=\"Thomas Leif\" title=\"Thomas Leif\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;Debatte ist gut, Verrohung der Debatte nicht&ldquo; &ndash; mit dieser Formel versuchte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere Mitte Januar im ZDF-Interview die teilweise hysterische Debatte rund um die `Fl&uuml;chtlingskrise` wieder einzuhegen. Indirekt r&auml;umte er ein, dass der Alarmismus nach den K&ouml;lner Sylvester-Ereignissen* derzeit nicht mehr<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30610\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,165,182,189,11],"tags":[1171,1040,1760,1682,315,359,633,786,392,1798,624,244,752],"class_list":["post-30610","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-parteien-und-verbaende","category-strategien-der-meinungsmache","tag-asyl","tag-de-maiziere-thomas","tag-kriminalitaet","tag-leif-thomas","tag-merkel-angela","tag-parteistroemungen","tag-politikerverdrossenheit","tag-schirrmacher-frank","tag-schuldenbremse","tag-spahn-jens","tag-trittin-juergen","tag-vierte-gewalt","tag-wulff-christian"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30610","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30610"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30610\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30620,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30610\/revisions\/30620"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30610"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}