{"id":3070,"date":"2008-03-17T09:45:21","date_gmt":"2008-03-17T08:45:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3070"},"modified":"2015-11-26T15:57:34","modified_gmt":"2015-11-26T14:57:34","slug":"steuerhinterziehung-ein-spiegelbild-gesellschaftlicher-verhaeltnisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3070","title":{"rendered":"Steuerhinterziehung &#8211; ein Spiegelbild gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse"},"content":{"rendered":"<p>Steuerbetrug und obskure Konten in Liechtenstein oder anderen &bdquo;Steueroasen&ldquo; sind kein neues Ph&auml;nomen. Schon Anfang der 80er Jahren wurden z.B. &uuml;ber 20 Millionen Mark von der Hessen-CDU als &bdquo;j&uuml;disches Verm&auml;chtnis&ldquo; auf ein Geheimkonto des Schweizer Bankenvereins transferiert. Die Rechnungsh&ouml;fe beklagen seit Jahren: &bdquo;Dem Fiskus entgehen durch nationale und internationale Betrugsdelikte im Bereich der Umsatzsteuer j&auml;hrlich zweistellige Milliardenbetr&auml;ge&ldquo;, so etwa in der Unterrichtung des Bundestags durch den Pr&auml;sidenten des Bundesrechnungshofes (<a href=\"http:\/\/dip.bundestag.de\/btd\/15\/014\/1501495.pdf\">Drucksache 15\/1495 [PDF &ndash; 268 KB]<\/a>) vom September 2003. Auf 30 Milliarden Euro veranschlagt der Vorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, das Volumen der j&auml;hrlichen Steuerhinterziehung in Deutschland (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/artikel\/150\/158722\/\">S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 18.02.08<\/a>). Gar auf 70 bis 100 Milliarden werden die Einnahmeverluste durch Steuerhinterziehung in einer Ver&ouml;ffentlichung der <a href=\"http:\/\/www.memo.uni-bremen.de\/docs\/m2905.pdf\">Memo-Gruppe gesch&auml;tzt [PDF &ndash; 172 KB]<\/a>. Selbst Bundesfinanzminister Steinbr&uuml;ck gesteht ein: &ldquo;Wenn es nicht ein solches Ausma&szlig; an Steuerhinterziehung in Deutschland g&auml;be, k&ouml;nnte ich die Steuers&auml;tze senken&rdquo; (<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/zukunft\/wirtschaft\/artikel\/1\/finanzaemter-verschenken-milliarden\/?src=TE&amp;cHash=9e9b8d2450\">taz v. 5.3.08<\/a>). Warum wurde aus einem angeblichen &bdquo;Volkssport&ldquo; pl&ouml;tzlich ein Skandal? Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nEtwa nur weil ein Vorzeigeunternehmer, ausgestattet mit allen Orden und Ehrenzeichen, mit Geldanlagen als Stiftungen in Liechtenstein rund eine Million Euro an Steuern hinterzogen haben soll? Oder weil dank einer vom Geheimdienst f&uuml;r angeblich 5 Millionen von einem Datendieb abgekauften CD mit Kundendaten der Liechtensteiner LTG-Bank einige hundert sog. &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; (so ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums) in Verdacht stehen, Steuern in H&ouml;he von mehreren hundert Millionen Euro hinterzogen zu haben? <\/p><p>Dass in Deutschland massenhaft Steuerbetrug begangen wird und Schwarzgeld in Milliardenh&ouml;he in &bdquo;Steueroasen&ldquo; verschoben wird, ahnte oder wusste jeder, der das nicht verdr&auml;ngt oder bewusst geleugnet hat, doch schon seit langem. Und jeder, der schon sich bei seiner Bank &uuml;ber eine g&uuml;nstige Geldanlagem&ouml;glichkeit beraten lie&szlig;, ist doch schon mehr oder weniger direkt auf &bdquo;steuermindernde&ldquo; M&ouml;glichkeiten im Ausland hingewiesen worden.<\/p><p>Nicht die Finanzverwaltungen und auch nicht die Steuerfahndung sind dem umfangreichsten Steuerbetrugsskandal auf die Spur gekommen, sondern die Hinweise entstammen der kriminellen Tat eines offensichtlichen Insiders, der Daten von Hunderten von Steuerhinterziehern auf eine CD gebrannt hat, um damit viel Geld zu erpressen. <\/p><p>Obwohl man vom Steuerbetrug in Milliardenh&ouml;he wusste, hatten die Steuerhinterzieher von den Finanzbeh&ouml;rden nicht viel zu bef&uuml;rchten. Den Finanzbeamten ist anscheinend ja nicht einmal aufgefallen, dass Klaus Zumwinkel trotz seines gro&szlig;en Verm&ouml;gens aus dem REWE-Verkauf und trotz eines Jahreseinkommens von 3 Millionen Euro bei seinen erkl&auml;rten Zinseinnahmen zeitweise unter dem Sparerfreibetrag gelegen haben soll. <\/p><p>Seit Jahren wurde zwar gefordert, die Finanz&auml;mter besser auszustatten und die Steuerfahndung personell zu verst&auml;rken. Die bundeseinheitlichen Vorgaben f&uuml;r die Steuerverwaltungen, um einen gleichm&auml;&szlig;igen und geordneten Steuervollzug zu gew&auml;hrleisten, wurden jedoch in kaum einem Land erf&uuml;llt &ndash; in Bayer etwa wurden diese Vorgaben nur zu 70 Prozent umgesetzt (<a href=\"?p=3018\">siehe die Presseerkl&auml;rung des bayerischen SPD-Finanzpolitikers Werner Schieder vom 26.02.08<\/a>). Dabei kassierten die derzeit eingesetzten 13.500 Betriebspr&uuml;fer 2006 zus&auml;tzliche Steuern in H&ouml;he von 14 Milliarden Euro ein. Jede Pr&uuml;ferin oder Pr&uuml;fer brachte dem Fiskus also eine Zusatzeinnahme von einer satten Million Euro ein (<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/zukunft\/wirtschaft\/artikel\/1\/finanzaemter-verschenken-milliarden\/?src=TE&amp;cHash=9e9b8d2450\">taz vom 05.03.08<\/a>).<\/p><p><strong>In Deutschland hat es nie ernsthafte Versuche gegeben, Steuerhinterziehung massiver zu bek&auml;mpfen<\/strong>. Diese Bek&auml;mpfung ist zwar eine Angelegenheit von Bund und L&auml;ndern, doch (anders als etwa in Frankreich) sind die L&auml;nder allein verantwortlich f&uuml;r den Vollzug. Als in Nordrhein-Westfalen ein Zentralfinanzamt zur Steuerbetrugsbek&auml;mpfung eingerichtet werden sollte (<a href=\"http:\/\/www.ppp-nrw.de\/allgemein_fa\/presse\/pressearchiv\/archiv_2005\/28012005.php\">Finanzministerium NRW<\/a>), gab es einen Aufschrei. Die meisten L&auml;nder haben eine zentrale Steuerfahndung vehement abgelehnt, weil sie in einer intensiveren Nachpr&uuml;fung einen Standortnachteil gesehen haben, durch den m&ouml;glicherweise Investoren und Unternehmen h&auml;tten abgeschreckt werden k&ouml;nnen. <strong>Der Wettbewerbsf&ouml;deralismus hat eine lasche Steuererhebung geradezu zu einem Vorteil im Standortwettbewerb erhoben<\/strong>.<br>\nF&uuml;r Einkommensmillion&auml;re am Starnberger See liegt das Risiko einer Steuerpr&uuml;fung bei 10 Prozent. <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/0,2828,537181-3,00.html\">Dieses Risiko gehen viele einfach ein<\/a>.<\/p><p>In kaum einem anderen Land konnten so hohe Milliardenverm&ouml;gen (<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/zukunft\/wirtschaft\/artikel\/1\/1000-nicht-ganz-legale-steuertricks\/?src=TE&amp;cHash=9edf58fc5a\">gesch&auml;tzte 300 Milliarden<\/a> meist sogar v&ouml;llig legal durch Wohnsitzverlagerungen) ins Ausland abwandern. Bezeichnenderweise gibt es dar&uuml;ber keinerlei Statistik. &bdquo;Die gegenw&auml;rtigen Regeln sind nur begrenzt geeignet, den deutschen Steuerzugriff beim Wegzug verm&ouml;gender Steuerpflichtiger in Steueroasen sicherzustellen&ldquo;, schreibt der Bundesfinanzhof in einer am 5. M&auml;rz 2008 ver&ouml;ffentlichten Entscheidung (Az.: I R 19\/06) dem Bundesfinanzminister ins Stammbuch (<a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/News\/Recht-Steuern\/Meldungen\/_pv\/_p\/204872\/_t\/ft\/_b\/1400440\/default.aspx\/bundesfinanzhof-hebelt-steuerflucht-paragraf-aus.html\">Vgl. Handelsblatt v. 6.3.08<\/a>).<br>\nDas Stiftungsrecht bei uns, vor allem aber in den &bdquo;Steueroasen&ldquo;, er&ouml;ffnet zahllose Gestaltungsm&ouml;glichkeiten, die die Grenzen zwischen Legalit&auml;t und einer kriminellen Steuerhinterziehung verwischen. Anonyme Nummernkonten oder Briefkastenfirmen oder verschlungene und nicht mehr nachvollziehbare Transaktionen &uuml;ber diverse Konnten erleichtern Geldw&auml;sche und Steuerbetrug.<\/p><p><strong>Kein vergleichbares Land in der Welt bietet so viele M&ouml;glichkeiten einer legalen Steuerflucht wie Deutschland<\/strong>. Warum wurde daraus pl&ouml;tzlich ein Skandal?<\/p><p><strong>Alles nur eine Inszenierung?<\/strong><\/p><p>Die gesamte Aff&auml;re legt den Verdacht einer Inszenierung nahe.<br>\nWarum wurde gerade &bdquo;ein lupenreiner Profiteur des bundesrepublikanischen Systems, ein <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/meinung\/kommentare\/317290.html?mode=print\">G&uuml;nstling&ldquo; der Politik<\/a> rechtsstaatswidrig an den &ouml;ffentlichen Pranger gestellt, der Chef eines Unternehmens, dessen gr&ouml;&szlig;ter Aktion&auml;r mit 30,5% der Bund ist? War es etwa ein Racheakt an Zumwinkel f&uuml;r dessen Abschluss eines Tarifvertrags mit einem Mindestlohn f&uuml;r Briefzusteller und der allgemeinverbindlichen Aufnahme in das Entsendegesetz?<\/p><p>Nein, das w&auml;re wohl zu verschw&ouml;rungstheoretisch gesponnen. Wenn man allerdings &uuml;ber den Zorn liest, den der Springer-Chef D&ouml;pfner &ouml;ffentlich abgelassen hat, so liegt der Gedanke an solche Rank&uuml;nen ziemlich nahe: &bdquo;Die Figuren und Unternehmen, die hier moralisch gescheitert sind, repr&auml;sentieren das alte deutsche Modell des sozialen Konsenses, das in Wahrheit asozial ist. &hellip;W&auml;re die Steueraff&auml;re vier Monate fr&uuml;her passiert, w&auml;re es zu einem Mindestlohn auf &uuml;berh&ouml;htem Niveau nicht gekommen,&ldquo; macht D&ouml;pfner in der ZEIT (<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/10\/Interview-Doepfner\">vom 28.02.08<\/a>) seinem &Auml;rger dar&uuml;ber Luft, dass er durch den Mindestlohn bei den Briefzustellern mit seiner auf Billigl&ouml;hne spekulierenden PIN AG ein Investition von 600 Millionen (<a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/it\/artikel\/0,2828,523533-2,00.html\">manager-magazin vom 15.12.07<\/a>) in den Teich gesetzt und dem Springer-Konzern in der Bilanz einen Fehlbetrag von 288 Millionen eingebracht hat (<a href=\"http:\/\/www.netzeitung.de\/wirtschaft\/unternehmen\/921577.html\">Netzeitung vom 03.0308<\/a>).<\/p><p>Jedenfalls w&uuml;rde es einen nicht wundern, wenn der Fall des Post-Chefs Zumwinkel jetzt dazu benutzt w&uuml;rde um Druck zu machen, dass die Bundesanteile an der Post AG oder wenigstens Teile davon, wie etwa die Postbank, m&ouml;glichst rasch an private Investoren verscherbelt werden.<\/p><p><strong>Merkw&uuml;rdig an dieser Aff&auml;re ist auch, dass von den Hunderten von &bdquo;Leistungstr&auml;gern&ldquo; (so ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums) bis auf Bayerns obersten Datensch&uuml;tzer keiner mehr ins Licht der &Ouml;ffentlichkeit gezerrt wurde<\/strong>. Folgte da etwa die Steuerfahndung dem Motto &bdquo;Verhafte einen und warne hundert?&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/27\/27316\/1.html\">Telepolis vom 19.02.08<\/a>). Sollten also durch die Medieninszenierung der Verhaftung des Post-Chefs nur weitere Verd&auml;chtige gewarnt und zur Selbstanzeige veranlasst werden, damit ihre Identit&auml;t unter der Decke des Steuergeheimnisses bleibt?<\/p><p><strong>Niemand hat etwas geahnt<\/strong><\/p><p>Nach der spektakul&auml;ren Verhaftung des Post-Chefs konnte man den Eindruck gewinnen, als h&auml;tte niemand dieses Ausma&szlig; an Steuerbetrug geahnt. Kaum jemand will von den intensiven Werbeaktionen der Banken aus Liechtenstein und anderswo f&uuml;r M&ouml;glichkeiten zur Steuerflucht geh&ouml;rt haben. Bezeichnend ist die Aussage von Kanzlerin Angela Merkel: &ldquo;Ich glaube, es geht mir wie vielen Menschen in Deutschland: Das ist jenseits dessen, was ich mir habe vorstellen k&ouml;nnen, und was viele sich haben vorstellen k&ouml;nnen&rdquo; (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/artikel\/738\/158314\/\">S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 15.2.08<\/a>). <\/p><p>Ein massenhaft begangenes Delikt wurde offenbar verdr&auml;ngt oder gar geleugnet.<br>\nF&uuml;r die Beschreibung des allgemeinen Umgangs mit Steuerstraftaten ist deshalb die Art und Weise der bisherigen Skandalbew&auml;ltigung fast interessanter und kennzeichnender als der Steuerbetrugsskandal selbst.<\/p><p><strong>Die Steuerfahndung wird attackiert<\/strong><\/p><p>Das F&uuml;rstentum Liechtenstein, die Anw&auml;lte Zumwinkels, ja sogar deutsche Parlamentarier wie etwa Max Stadler von der FDP emp&ouml;rten sich vor allem &uuml;ber den rechtsstaatswidrigen &bdquo;Datenklau&ldquo;: &bdquo;Eine Regierung, die keine Hemmungen hat, ihre B&uuml;rger auszuforschen, indem sie Millionenbetr&auml;ge f&uuml;r Informationen aus nachweislich kriminellen Quellen zur Verf&uuml;gung stellt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie sich damit noch auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit bewegt&ldquo; (<a href=\"http:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gespraechsstoff\/363832\/index.do\">Die Presse.com vom 8.3.08<\/a>).<\/p><p>Es ist schon ziemlich paradox, dass Politiker die Steuerhinterziehung seit langem tolerierten und nun die Helfershelfer beim Steuerbetrug &ndash; wie das Liechtensteiner F&uuml;rstenhaus &ndash; pl&ouml;tzlich den Rechtsstaat f&uuml;r sich reklamieren und in erster Linie nach der Rolle des BND bei der Beweisbeschaffung fragen.<br>\nMan darf gespannt darauf sein, ob die Gerichte das Beweismaterial akzeptieren.<\/p><p><strong>Steuerhinterziehung wird verharmlost<\/strong><\/p><p>Kurze Zeit nach dem Schock erschienen in vielen Medien &ndash; allen voran in der FAZ &ndash; regelrechte &bdquo;Gaunerbreviere&ldquo; mit Tipps f&uuml;r Steuerhinterzieher und f&uuml;r Selbstanzeigen (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubBD6B20C3D01A48D58DA92331B0A80BC3\/Doc~EFB24E1D25FB64EF0AFC14109899B90B3~ATpl~Ecommon~Sspezial.html\">FAZ vom 15.02.08<\/a>; siehe auch NachDenkSeiten <a href=\"?p=2986\">&bdquo;FAZ liefert ein Gaunerbrevier f&uuml;r Steuerhinterzieher&ldquo;<\/a>).<\/p><p>Die H&auml;ufung solcher &acute;Hilfestellungen` gerade im Umfeld der Aufdeckung eines der umfangreichsten Steuerhinterziehungsskandale l&auml;sst den Verdacht aufkommen, die FAZ und auch andere Medien wollten denjenigen, die nach der Durchsuchung von Zumwinkels Wohnung bef&uuml;rchten mussten, dass nun die Steuerfahnder auch an ihrer T&uuml;r klingelten, noch schnell ein paar Handlangerdienste bieten durch Hinweise, wie sie belastendes Material beseitigen k&ouml;nnen. Etwa wie sie ihre Computer und Notebooks s&auml;ubern oder ihre Handys beiseite schaffen k&ouml;nnen.<\/p><p>Schon die Sprache belegt, wie die Straftat der Steuerhinterziehung, f&uuml;r die der &sect; 370 Abgabenordnung eine H&ouml;chststrafe von immerhin 10 Jahren Gef&auml;ngnis vorsieht, bewertet wird: Da schreibt etwa die FAZ von &bdquo;Steuerschummeleien&ldquo; und von &bdquo;vergessenen Einnahmen&ldquo;, oder es wird dar&uuml;ber spekuliert, ob und wann sich eine Selbstanzeige &uuml;berhaupt &bdquo;lohnt&ldquo;. Steuerhinterziehung wird als Verlagerung von Geld ins &bdquo;steuerschonende Ausland&ldquo; verharmlost.<\/p><p>Steuerhinterziehung, ein Betrug an der Allgemeinheit, wird als Kavaliersdelikt heruntergespielt.<br>\nKein Wort &uuml;ber das unsoziale Verhalten von Steuerfl&uuml;chtlingen, die nach wie vor steuerfinanzierte, staatliche Leistungen in Anspruch nehmen, aber den ihrer Steuerpflicht entsprechenden Beitrag und somit ihre staatsb&uuml;rgerliche Mitverantwortung verweigern.<\/p><p><strong>Die Schuld wird abgeschoben<\/strong><\/p><p>Steuerhinterziehung sei ein &bdquo;Volkssport&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C\/Doc~E0EF2DFA2524A4AE991154FF61841A553~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ vom 7. M&auml;rz 2008<\/a>). Der FDP-Vorsitzende Westerwelle sieht darin den politischen Ausdruck eines allgemein verbreiteten, &bdquo;steuerrebellischen Bewusstseins&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.super-illu.de\/aktuell\/Guido_Westerwelle_585807.html\">zitiert nach Super-Illu<\/a>). Und Steuersenkungsapologeten wie der Linzer Wirtschaftsprofessor Friedrich Schneider rechneten rasch vor, dass Normalverdiener in Deutschland mehr Steuern als Reiche hinterziehen (<a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/steuern\/steuerfahndung\/steuerbetrug_aid_261976.html\">Focus v. 19.02.08<\/a>).<\/p><p>Um den Verfall der Sitten nicht etwa bei den Geldeliten, sondern bei den unteren Schichten zu verorten, berichet die wirtschaftsliberale FAZ, dass &bdquo;das Wachstum des Wohlfahrtsstaats in den vergangenen Jahrzehnten &hellip; zu einem <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubB8DFB31915A443D98590B0D538FC0BEC\/Doc~EF502C997DB854F8CBBE87F7E90430991~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">geringeren Niveau an gesellschaftlicher Moral gef&uuml;hrt&ldquo; habe<\/a>.<br>\nSo schlecht kann aber offenbar die Steuermoral der Deutschen gar nicht sein, denn 86 Prozent denken, dass Steuerhinterziehung auch bei normalen B&uuml;rgern kein Kavaliersdelikt ist, sondern <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,536989,00.html\">ein kriminelles Vergehen<\/a>.<\/p><p>Nach dem Motto &bdquo;wir sind alle kleine S&uuml;nderlein&ldquo; werden von vielen Kommentatoren alle Steuers&uuml;nder &uuml;ber einen Leisten geschlagen. Die Unselbst&auml;ndigen, die ihre Steuer schon vom Lohn abgezogen bekommen und um jeden Euro R&uuml;ckerstattung k&auml;mpfen m&uuml;ssen, werden munter mit den gro&szlig;en Steuerhinterziehern und Bunkerern von Schwarzgeld in Millionenh&ouml;he verglichen.<\/p><p>Der Chef der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit, Frank-J&uuml;rgen Weise, verweist auf einen angeblich viel gr&ouml;&szlig;eren Betrugsskandal. Er h&auml;lt die Schwarzarbeit in Deutschland f&uuml;r ein viel schlimmeres &Uuml;bel als den Transfer von Schwarzgeld ins Ausland. Vor lauter Abwiegelungseifer vergisst er sogar das kleine Einmaleins, wenn er in Bild am Sonntag (vom 24.2.08) vorrechnet, dass durch Schwarzarbeit 300 bis 350 Milliarden verloren gingen und dies der Arbeitsleistung von 2 bis 3 Millionen regul&auml;ren Arbeitspl&auml;tzen entspr&auml;che. Wenn Weise nachgerechnet h&auml;tte, w&auml;re ihm aufgefallen, dass er auf phantastische 100.000 bis 150.000 Euro pro regul&auml;rem Arbeitsplatz kommt (<a href=\"http:\/\/www.egon-w-kreutzer.de\/Newsletter%20extra\/WeiseSchwarzarbeit.html\">Egon W. Kreutzer, Newsletter vom 25.2.08<\/a>). Als Chef der Arbeitsagentur h&auml;tte er besser wissen m&uuml;ssen, wie hoch die Durchschnittsl&ouml;hne f&uuml;r regul&auml;re Arbeitspl&auml;tze liegen. Doch um mit dem Finger auf andere zeigen zu k&ouml;nnen, scheint jedes Argument recht zu sein.<\/p><p><strong>Es wird abgewiegelt<\/strong><\/p><p>Die besorgte sog. Wirtschaftselite wiegelte ab und machte den Steuerskandal zu einer Angelegenheit von einigen wenigen &bdquo;schwarzen Schafen&ldquo;. Gleichzeitig gingen viele Manager in die Offensive und sahen wie &uuml;blich die Ursache in zu hohen Steuern und in einem zu komplizierten Steuersystem in Deutschland (<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article1711734\/Ja_wir_zahlen_gerne_Steuern.html\">vgl. Die Welt vom 23.2.08<\/a>). Erst die &bdquo;Steuerw&uuml;ste&ldquo; Deutschland mache &bdquo;Steueroasen&ldquo; m&ouml;glich. Randolf Rodenstock (seines Zeichens Vizepr&auml;sident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Mitglied des Pr&auml;sidiums des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Mitglied des Pr&auml;sidiums der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverb&auml;nde (BDA)) meint z.B.: &ldquo;Unser Steuersystem ist ein ma&szlig;geblicher Grund daf&uuml;r, wenn den Menschen zu wenig netto vom brutto verbleibt. Das alles entfremdet den Menschen vom Gesetz und l&auml;sst ihn es als ungerecht erscheinen. Daf&uuml;r ist ohne Frage die Politik verantwortlich.&rdquo; Prompt griff auch die Politik einmal mehr das Thema Steuersenkung auf &ndash; f&uuml;r Marktradikale ohnehin das Allheilmittel: Der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs (CDU), forderte mal wieder niedrigere Steuers&auml;tze: &bdquo;Je mehr der Staat zulangt, desto gr&ouml;&szlig;er ist die Neigung der B&uuml;rger, Steuern zu hinterziehen&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/themen\/panorama\/25\/zumwinkel_ermittlungen\/080215.jhtml\">zitiert nach wdr.de<\/a>). Es wird so getan, als ob gerade diejenigen, die Millionen am Fiskus vorbei schieben, Schwierigkeiten mit dem Steuerrecht h&auml;tten. Als ob nicht gerade sie gen&uuml;gend Geld haben, um sich von Finanzberatern die besten Wege aufzeigen zu lassen, wie man die Steuern ins Ausland schafft. <\/p><p><strong>Steuersenkungen kein Mittel gegen Steuerflucht<\/strong><\/p><p>Und war die Politik in den letzten Jahren nicht gerade den Weg der Steuersenkungen gegangen? Die effektive Steuerbelastung der Spitzenverdiener ist laut <a href=\"http:\/\/www.ngo-online.de\/ganze_nachricht.php?H=N&amp;Nr=17351\">DIW in den Jahren 1992 bis 2002 um 10 Prozentpunkte auf 34 % gesunken<\/a>.<\/p><p>Und wollte man nicht den &bdquo;Steueroasen&ldquo; durch Steuersenkungen das Wasser abgraben?<br>\nDie Methode Steinbr&uuml;ck &bdquo;Lieber 25 Prozent auf x statt 42 Prozent auf Garnix&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/DE\/Presse\/Reden_20und_20Interviews\/060.html\">Rede auf der 12. Handelsblatt Jahrestagung &bdquo;Banken im Umbruch&rdquo; am 4.9.2007<\/a>) war ein Schlag ins Wasser. Die unter Rot-Gr&uuml;n im Jahr 2004 erlassene Steueramnestie &ndash; das &ldquo;Gesetz zur F&ouml;rderung der Steuerehrlichkeit&rdquo; (!) &ndash; war offenbar f&uuml;r kaum einen Steuerhinterzieher ein &bdquo;Anreiz&ldquo;, nicht versteuerte Verm&ouml;genswerte oder Ertr&auml;ge gegen&uuml;ber der zust&auml;ndigen Steuerbeh&ouml;rde nachtr&auml;glich zu deklarieren und pauschal abzugelten. Statt der erhofften 5 Milliarden Euro gingen gerade mal 900 Millionen ins Staatss&auml;ckel (<a href=\"http:\/\/www.presseportal.de\/pm\/7846\/634127\/cdu_csu_bundestagsfraktion\/\">so der finanzpolitische Sprecher der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, MdB Heinz Seiffert<\/a>).<br>\nTrotz der f&uuml;r 2009 angek&uuml;ndigten Steuersenkung auf Kapitalertr&auml;ge von 42 auf 25 Prozent (Abgeltungssteuer) nimmt die Kapitalflucht st&auml;ndig zu (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,535839,00.html\">Spiegel Online vom 17.02.08<\/a>). &ldquo;Wir stellen fest, dass wegen der Abgeltungssteuer mehr Geld ins Ausland flie&szlig;t&rdquo;, sagt Dieter Ondracek, Chef der Steuergewerkschaft (<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/zukunft\/wirtschaft\/artikel\/1\/abgeltungssteuer-geschenkt\/?src=MT&amp;cHash=903108280e\">taz vom 25.02.08<\/a>).<\/p><p>Die am 1. Juli 2005 in Kraft getretene Europ&auml;ische Richtlinie zur Zinsbesteuerung mit einem anf&auml;nglichen Satz von nur 15 % (<a href=\"http:\/\/www.dbresearch.com\/PROD\/DBR_INTERNET_EN-PROD\/PROD0000000000188059.pdf\">Deutsche Bank Research EU Monitor Nr. 25 vom 6. Juni 2005 [PDF &ndash; 292]<\/a>) ist verpufft. Drittstaaten wie die Schweiz, Andorra, Liechtenstein, Monaco, San Marino oder die assoziierten Gebiete von Mitgliedstaaten, wie z.B. Guernsey und Jersey, entziehen sich ihr schlicht, und das sogar sanktionsfrei. Und auch im angeblich so kooperativen Luxemburg r&uuml;hmt sich die HVB Luxembourg bis heute: &bdquo;So haben Luxemburg und &Ouml;sterreich nach wie vor ein Bankgeheimnis, das in gewissen Aspekten &uuml;ber das schweizerische Bankgeheimnis hinausgeht. Daran wird auch die geplante Harmonisierung der EU-Zinsbesteuerung nichts &auml;ndern&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.hvb.lu\/internetge\/nav\/31c\/broker.jsp?uMen=e3a70071-2abf-0cf0-e23a-91dccc581515\">so nachzulesen auf der offiziellen Homepage dieser Bank<\/a>).<\/p><p><em>Steuerhinterzieher und Steuerfl&uuml;chtlinge k&ouml;nnen sich bei ihren gemeinschaftssch&auml;dlichen Transaktionen offenbar weiter sicher f&uuml;hlen. Der Staat hat mit den Steuersenkungen eher ein Signal gesetzt, dass er es mit der Steuerehrlichkeit nicht so ernst meint.<\/em><\/p><p><strong>Es wird moralisiert<\/strong><\/p><p>Es gibt selbstverst&auml;ndlich auch viele Kritiker des kriminellen Verhaltens unserer &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo;. Von Heiner Gei&szlig;ler bis zum ehemaligen Daimler-Chef Edzard Reuter wird die &bdquo;Gier&ldquo; der Eliten in Wirtschaft und Politik angeprangert (<a href=\"?p=2989\">vgl. Albrecht M&uuml;ller in den NachDenkSeiten<\/a>). <\/p><p>An dieser moralischen Beurteilung mag so viel richtig sein, dass in Deutschland in den letzten Jahrzehnten ein Mentalit&auml;tswandel stattgefunden hat. In den 60er Jahren war auch in der Bundesrepublik die Einstellung noch relativ weit verbreitet, dass alle in der Gesellschaft ihren Teil am Wohlstand haben sollen und jeder seinen Beitrag daf&uuml;r auch in Form von Steuern leisten muss.<\/p><p><strong>Der Verweis auf die &bdquo;Gier&ldquo; soll eine Vertrauenskrise verdecken<\/strong><\/p><p>Mit der Verlagerung der durch den Steuerskandal zu Tage getretenen kriminellen Energie auf die Ebene der pers&ouml;nlichen Moral wird allerdings mehr verdeckt als erkl&auml;rt. Es wird abgelenkt von der &bdquo;Vertrauenskrise&ldquo;, die die gesamte gesellschaftliche Elite erfasst hat (<a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/public\/article\/aktuelles\/politik\/deutschland\/533680\">Erwin Huber, CSU in der Rheinischen Post vom 16.2.08<\/a>).<\/p><p><strong>Das Verhalten der &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; ist Ausdruck der herrschenden Ideologie<\/strong><\/p><p>In einem Land, in dem sich Markt- und Wettbewerbsdenken in alle gesellschaftlichen Bereiche bis hin zu Bildung und Kultur ausgebreitet hat, bestimmt die herrschende Ideologie eben auch das Verhalten derjenigen, die diese Glaubenslehre propagieren. In einer Gesellschaft, in der als gesellschaftliche Norm verk&uuml;ndet wird, dass jeder seines Gl&uuml;ckes Schmied sei, und in der Konkurrenz und Wettbewerb zum allgemein g&uuml;ltigen Steuerungsprinzip erhoben wird, gilt der Staat als St&ouml;rfaktor. <strong>Unter dem Kampfruf der Reaganomics &bdquo;starve the beast&ldquo; wird der Staat zum Raubtier, und deshalb geraten Abgaben an die Gemeinschaft zum Diebstahl am pers&ouml;nlichen Verm&ouml;gen<\/strong>. &bdquo;Das fehlende Schuldbewusstsein bei der Steuerhinterziehung ist ein Symptom daf&uuml;r, dass immer mehr B&uuml;rger ein gest&ouml;rtes Verh&auml;ltnis zu unserem Staat aufweisen. Er wird nicht als Interessengemeinschaft gesehen, die uns jene Ziele erm&ouml;glicht, die wir &uuml;ber den Markt nicht erreichen k&ouml;nnten &ndash; sondern als feindlich gesinnte Organisation, die die ihr zur Verf&uuml;gung gestellten Mittel verprasst, ohne einen Nutzen zu entfalten&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/artikel\/334\/158905\/\">Peter Bofinger<\/a>).<\/p><p>Wenn zur herrschenden Lehre wird, dass Egoismus und der ungehemmte Einsatz des Ellbogens &uuml;ber die &bdquo;invisible hand&ldquo; des Marktes das allgemeine Wohl am besten f&ouml;rdern, braucht man sich nicht zu wundern, wenn jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, auch und gerade gegen&uuml;ber der Gesellschaft. <strong>Der St&auml;rkere bestimmt die Regeln selbst und braucht sich an die Gesetze der anderen nicht mehr zu halten<\/strong>. In den Chefetagen der Wirtschaft, gerade auch im Mittelstand, herrscht die Meinung vor, dass der Staat Unternehmertum systematisch behindert und hart erarbeitetes Eigentum durch seine Steuern raubt &ndash; das k&ouml;nne man sich nicht einfach gefallen lassen. Ganz selbstverst&auml;ndlich wird deshalb gegen gesetzliche Regeln versto&szlig;en. &ldquo;Es gibt uns, und es gibt die Gesellschaft&rdquo; (<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/Elite;art772,2481835\">Michael Hartmann im Tagesspiegel vom 23.2.08<\/a>).<br>\n&bdquo;Der Zwang zur Selbstoptimierung hat l&auml;ngst das Leben auch niedrigstufiger Kader erfasst. Zu sehen, wo man bleibt, ist nicht l&auml;nger die Verhaltensweise charakterloser Egoisten, sondern praktisches Gebot&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/kultur_und_medien\/feuilleton\/?em_cnt=1290233\">Hary Nutt<\/a>).<\/p><p><strong>Das Verhalten der &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; ist eben nicht nur ein moralisches Versagen, sondern eine Begleiterscheinung ihrer Ideologie, f&uuml;r die sie auch politisch eintreten<\/strong>. Es hat sich die Sicht durchgesetzt, dass prinzipiell alles schiefgeht, wo der Staat seine Finger drin hat &ndash; <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/0,2828,537181,00.html\">privatwirtschaftliche L&ouml;sungen werden als ausschlie&szlig;liches Ideal dargestellt<\/a>. Und wenn der Staat die von den Geldeliten geforderten &bdquo;Reformen&ldquo; zum &bdquo;schlanken Staat&ldquo; nicht durchsetzt, dann ist das ein politisches Versagen und nicht das eigene. Und deshalb gilt dann Steuerhinterziehung als &bdquo;eine Art private Rache gegen&uuml;ber dem Staat&ldquo;(<a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/nachrichten\/waz\/2008\/2\/19\/news-24735481\/detail.html\">Julia Friedrichs<\/a>)<\/p><p><strong>Neo-feudale Strukturen<\/strong><\/p><p>Wir befinden uns auf einer Entwicklung zu neo-feudalen Strukturen, wo die Oberschicht sich kaum noch einer Kontrolle unterworfen sieht, wo sich die &bdquo;Eliten&ldquo; frei bedienen k&ouml;nnen und ihre Netzwerke der Macht stricken, die selbst von der Rechtsprechung (vgl. etwa den Mannesmann-Prozess) nicht mehr ernsthaft bedroht werden k&ouml;nnen, und die dazu auch noch die ver&ouml;ffentlichte Meinung bestimmen. Diese Entwicklung wurde von der Politik massiv gef&ouml;rdert.<br>\n<strong><br>\nDie Politik hat die &bdquo;Gier&ldquo; gef&ouml;rdert<\/strong><\/p><p>Unter der Kampfparole &bdquo;Leistung muss sich lohnen&ldquo; wurde das Eintreten f&uuml;r soziale Gerechtigkeit als &bdquo;Sozialneid&ldquo; denunziert. Die &bdquo;Gier&ldquo; der &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; wurde von den politisch Entscheidenden mannigfach belohnt und verziert. Nach dem herrschenden, angebotsorientierten Wirtschaftsdogma muss der Staat alles f&uuml;r die Unternehmen tun, die Unternehmen erledigen den Rest. Teilhabegerechtigkeit wurde als &bdquo;Umverteilung&ldquo; verunglimpft, und gleichzeitig wurde die massivste Umverteilung in der Nachkriegsgeschichte von unten und von der Mitte nach oben durchgesetzt. Die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,474210,00.html%20\">explodierenden Spitzeneinkommen<\/a> wurden etwa durch die Senkung des Spitzensteuersatzes auf 42%, durch die Streichung der Verm&ouml;gensteuer oder durch die Befreiung von Steuern auf Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne beim Verkauf von Aktienpaketen von Unternehmen und Unternehmensteilen mit einer Steuerreform nach der anderen entlastet. <\/p><p>Es hat sich auch in der Politik die Sicht durchgesetzt, dass prinzipiell alles schlechter funktioniert, wo der Staat seine Finger drin hat &ndash; privatwirtschaftliche L&ouml;sungen, PPP oder &Ouml;PP werden als Ideal dargestellt. Dabei wurde gerade wiederum die Verschleuderung &ouml;ffentlichen Eigentums zur Quelle von Profit und Korruptionsgeldern, die ins Ausland verschoben werden mussten, um sie zu verbergen. <strong>Etliche Formen von Korruption k&ouml;nnen in den Steuerparadiesen ebenso verschleiert werden wie Insidergesch&auml;fte. Der entscheidende Vorteil f&uuml;r die Beg&uuml;nstigten ist dabei nicht nur die Tatsache, dass sie keine Steuern auf diese Gelder bezahlen m&uuml;ssen; der Vorteil besteht vor allem darin, dass solche Gelder &ndash; etwa aus einer ungesetzlichen Provision &ndash; &uuml;berhaupt auf einem Konto und noch dazu auf einem durch das Bankgeheimnis gesch&uuml;tzten Konto landen k&ouml;nnen<\/strong>. Ohne Nummernkonten und Briefkastenfirmen in &bdquo;Steueroasen&ldquo; w&auml;ren Subventionsschwindel, Schmiergeldzahlungen oder Schwarzgeldw&auml;sche viel zu riskant.<\/p><p><strong>Was tun?<\/strong><\/p><p>Am wichtigsten ist es, Normen und Institutionen wieder Geltung zu verschaffen, die die Quellen der Ungleichheit in der Gesellschaft eind&auml;mmen k&ouml;nnen.<br>\nPaul Krugman hat in seinem neuen Buch &bdquo;Nach Bush&ldquo; f&uuml;r die USA dargestellt, dass es eben nicht die Globalisierung ist, die zu Ungleichheit und zur Herrschaft der &bdquo;Plutokratie&ldquo; gef&uuml;hrt hat, sondern eine &bdquo;neue &Ouml;konomie der Ungleichheit&ldquo;. Krugmans Fazit: &bdquo;Die Indizien sprechen eindeutig f&uuml;r die Annahme, dass Institutionen und Normen und nicht die Technik oder die Globalisierung die Hauptquellen der Ungleichheit in den Vereinigten Staaten sind&ldquo; (S. 157).<\/p><p>Ohne sich in die Details des Steuerrechts oder der Steuerfahndung vertiefen zu m&uuml;ssen, ist offensichtlich, dass das geradezu zu einem Grundrecht hochstilisierte Steuer- und Bankgeheimnis der Schutzschild f&uuml;r Steuerhinterziehung und f&uuml;r die Verlagerung von Geld und Verm&ouml;gen in Steueroasen ist: <a href=\"http:\/\/www.iwe.unisg.ch\/org\/iwe\/web.nsf\/3c82a86daa507f91c1256938004deb0a\/709f4f482b336254c1256be2004a4924\/$FILE\/Moral%20des%20Bankgeheimnisses%20-%20Die%20Diskussion.pdf\">&bdquo;Das Bankgeheimnis ist letztlich ein Steuerhinterziehungsgeheimnis&ldquo; [PDF &ndash; ???]<\/a>.<\/p><p>Dabei wird unter dem Pathos des Schutzes der &bdquo;Privatsph&auml;re&ldquo; vertuscht, dass das Steuergeheimnis nur eine Einkommensform privilegiert, n&auml;mlich die aus Geld- und Kapitaleinkommen. Jeder normale Gehalts- und Lohnempf&auml;nger ist in seinen Einkommensverh&auml;ltnissen bereits heute vor den autorisierten Steuerbeh&ouml;rden &bdquo;gl&auml;sern&ldquo;. <\/p><p>Und noch einen Unterschied machen Staat und Recht im Hinblick auf die Privatsph&auml;re: So m&uuml;ssen Empf&auml;nger von staatlichen Transferleistungen wie z.B. Hartz&ndash;IV es &uuml;ber sich ergehen lassen, dass selbst unter der Bettdecke nachgeforscht wird, ob zwischen zwei Wohnungsmietern eine Bedarfsgemeinschaft besteht.<br>\nDie Steuerhinterzieher, die den Staat in viel gr&ouml;&szlig;erem Umfang sch&auml;digen, werden dagegen mit Samthandschuhen angefasst. <\/p><p>Man m&uuml;sste ja nicht so weit gehen wie in Schweden, wo es &uuml;berhaupt kein Steuergeheimnis gibt und wo die Steuererkl&auml;rungen prinzipiell &ouml;ffentlich sind. Im &bdquo;Taxeringskalender&ldquo; kann dort von jedermann nachgelesen werden, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/09\/Kasten-Schweden\">wer tats&auml;chlich wieviel Steuern zahlt<\/a>. <\/p><p>In einer Zeit, wo in Deutschland die staatliche &Uuml;berwachung bis in tief in die Privatsph&auml;re vordringt, wo es als selbstverst&auml;ndlich hingenommen wird, dass massenhaft Fluggastdaten gespeichert oderTelekommunikationsdaten vorgehalten werden m&uuml;ssen, ist es schon bemerkenswert, dass Kontenbewegungen zumal ins Ausland f&uuml;r die Steuerbeh&ouml;rden nicht ann&auml;hernd so transparent sein d&uuml;rfen wie der Gehaltszettel der gro&szlig;en Masse der Unselbst&auml;ndigen.<\/p><p>Man k&ouml;nnte eine Berichtspflicht oder Kontrollmitteilungen der Banken bei &Uuml;berweisungen zumindest in solche L&auml;nder einf&uuml;hren, die keine Doppelbesteuerungsabkommen abschlie&szlig;en wollen. Oder man k&ouml;nnte auf (nicht warengebundene) Geldtransfers vorab eine Quellensteuer erheben. Oder man k&ouml;nnte &ndash; wie das die USA mit Banken rund um die Welt durchgesetzt haben (<a href=\"http:\/\/www.irs.gov\/businesses\/international\/article\/0,,id=96618,00.html\">siehe List of Approved KYC Rules der amerikanischen Steuerbeh&ouml;rde<\/a>) &ndash; solche ausl&auml;ndischen Banken oder Off-shore-Steuerparadiese, die sich nicht an die Regeln halten, vom Banken und Zahlungsverkehr ausschlie&szlig;en (<a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/News\/Politik\/International\/_pv\/doc_page\/2\/_p\/200051\/_t\/ft\/_b\/1393515\/default.aspx\/usa-zwingen-liechtenstein-auf-steuer-linie.html\">vgl. Handelsblatt vom 20.2.08<\/a>; siehe auch schon <a href=\"?p=2986\">NachDenkSeiten vom 18.2.08<\/a>).<\/p><p>Die Flucht von Steuerbetr&uuml;gern in &bdquo;Steueroasen&ldquo; ist ja nicht nur ein deutsches Ph&auml;nomen. Nur wenige Tage nach der Verhaftung Zumwinkels ist bekannt geworden, dass 200<br>\nfranz&ouml;sische Steuerpflichtige das gleiche Spiel getrieben haben. Im Zusammenhang mit dem aktuellen Skandal ist von mindestens zehn L&auml;ndern die Rede, die von Steuerflucht nach Liechtenstein und andere Steueroasen, darunter die Schweiz, massiv betroffen sind. Es w&auml;re also im Interesse jedenfalls der wirtschaftsst&auml;rksten L&auml;nder der EU, sich zusammenzutun und sowohl innerhalb Europas als auch weltweit &bdquo;Steueroasen&ldquo; dadurch auszutrocknen, dass man den Zahlungsverkehr mit solchen L&auml;ndern kontrolliert und jede Bank, die diese Regelungen auch nur als &bdquo;Zwischenh&auml;ndler&ldquo; missachtet, <a href=\"http:\/\/www.attac.de\/aktuell\/presse\/presse_ausgabe.php?id=851\">massiv sanktioniert<\/a>; z.B indem nur noch solche Banken eine Lizenz erhalten, die Kontrollmitteilungen &uuml;ber Einnahmen der Kunden machen oder <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/nc\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2008%2F02%2F20%2Fa0039&amp;src=GI&amp;cHash=bca8183df7&amp;type=98\">eine Pauschalsteuer abf&uuml;hren<\/a>.<\/p><p>Neben dem Bank- und dem Steuergeheimnis erleichtert vor allem das &bdquo;Steuerdumping&ldquo; gerade auch innerhalb der Europ&auml;ischen Gemeinschaft die Steuerflucht. Um Steuern zu sparen, werden Gewinne aus in Deutschland ans&auml;ssigen Unternehmen auf Tochterniederlassungen etwa nach Irland transferiert und dem deutschen Fiskus systematisch entzogen. Durch Werkvertragsunternehmen mit tats&auml;chlichem oder vorgeblichem Auslandssitz sowie durch unseri&ouml;s arbeitende Subunternehmen und Scheinfirmen gehen nach Einsch&auml;tzung des Bundesministeriums der Finanzen (Bundesministerium) j&auml;hrlich etwa 64 Mrd. Euro Steuereinnahmen verloren. <\/p><p><strong>&Uuml;ber eine gemeinsame Milit&auml;rpolitik, &uuml;ber eine einheitliche &Uuml;berwachung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, &uuml;ber eine einheitliche, ideologisch ausgerichtete Lissabon-Strategie in der Wirtschaftspolitik, &uuml;ber den europ&auml;ischen &bdquo;Hochschulraum&ldquo;, &uuml;ber alles und jedes finden in Europa Anpassungen und Angleichungen statt, nur &uuml;ber ein zentrales Feld, bei dem langfristig alle verlieren, n&auml;mlich in der Steuerpolitik, gibt es keinerlei Anstrengungen f&uuml;r eine Harmonisierung<\/strong>. Warum wird in Europa nicht wenigstens ein Bruchteil des Aufwandes, der f&uuml;r &Uuml;berwachungsma&szlig;nehmen gegen&uuml;ber Fu&szlig;ballfans oder Imigranten aufgewandt wird, zur Verfolgung von gemeinschaftssch&auml;dlichen Steuerstraftaten betrieben?<\/p><p>M&ouml;glichkeiten, den Steuerbetrug und die Steuerverlagerung einzud&auml;mmen, g&auml;be es jedenfalls genug. Man m&uuml;sste die Bek&auml;mpfung nur wollen.<br>\nDie &bdquo;Bew&auml;ltigung&ldquo; des j&uuml;ngsten Steuerbetrugsskandals l&auml;sst aber wenig Hoffnung aufkommen, dass ein solcher Wille in der Politik vorhanden ist und von der ver&ouml;ffentlichten Meinung als dringlich behandelt wird. Man h&ouml;rt und liest schon nach wenigen Tagen kaum noch etwas &uuml;ber den umfangreichsten Steuerskandal der Nachkriegsgeschichte. Stattdessen besch&auml;ftigt sich die politische und mediale &Ouml;ffentlichkeit seit Wochen nur noch damit, ob und wie die SPD mit der Linken kooperieren darf &ndash; vielleicht damit nicht wirklich ernsthaft etwas gegen den Steuerbetrug unternommen werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steuerbetrug und obskure Konten in Liechtenstein oder anderen &bdquo;Steueroasen&ldquo; sind kein neues Ph&auml;nomen. Schon Anfang der 80er Jahren wurden z.B. &uuml;ber 20 Millionen Mark von der Hessen-CDU als &bdquo;j&uuml;disches Verm&auml;chtnis&ldquo; auf ein Geheimkonto des Schweizer Bankenvereins transferiert. Die Rechnungsh&ouml;fe beklagen seit Jahren: &bdquo;Dem Fiskus entgehen durch nationale und internationale Betrugsdelikte im Bereich der Umsatzsteuer j&auml;hrlich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3070\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[138,132,161],"tags":[943,253,997,449,807],"class_list":["post-3070","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-steuerhinterziehungsteueroasensteuerflucht","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-doepfner-mathias","tag-steinbrueck-peer","tag-steuer-cd","tag-umsatzsteuer","tag-zumwinkel-klaus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3070","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3070"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3070\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29089,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3070\/revisions\/29089"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3070"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3070"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3070"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}