{"id":3071,"date":"2008-03-17T09:45:27","date_gmt":"2008-03-17T08:45:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3071"},"modified":"2015-11-26T15:55:02","modified_gmt":"2015-11-26T14:55:02","slug":"der-frankfurter-zukunftsrat-fordert-politische-sonderrechte-fuer-eliten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3071","title":{"rendered":"Der &#8220;Frankfurter ZukunftsRat&#8221; fordert politische Sonderrechte f\u00fcr Eliten"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine erkl&auml;rte Strategie unternehmensnaher Stiftungen und Vereine, politische Entscheidungen der &ouml;ffentlichen Debatte zu entziehen. Was in einer parlamentarischen Demokratie als Stoff gegens&auml;tzlicher Positionierungen der Parteien vorgesehen ist, wird von einer Beraterlobby zum Fachdiskurs erkl&auml;rt, der auch nur von Fachleuten verhandelt werden k&ouml;nne. Im Falle des &ldquo;Frankfurter ZukunftsRat&rdquo; wurde ein neuartiges, populistisches Organ geschaffen, das ethische und moralische &Uuml;berlegenheit f&uuml;r sich behauptet. Unter dem Deckmantel fachlicher Kompetenz wurden bereits jetzt Ziele festgelegt, die kaum &uuml;ber das Gedankengut der finanzierenden Wirtschaftslobbyisten hinausgehen.<br>\nBeitrag eines Lesers, der aus pers&ouml;nlichen Gr&uuml;nden nicht genannt werden m&ouml;chte.<br>\n<!--more--><br>\nDas Prinzip der systematischen Entpolitisierung wird seit Jahren u.a. vom Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) oder aber dem Centrum f&uuml;r angewandte Politikforschung (CAP) betrieben. Diese beiden &ldquo;think tanks&rdquo; sind Ableger der Bertelsmann-Stiftung und haben vielerorts erreicht, dass private Firmenphilosophie heute Gesetzestext ist. Eine populistisch auftretende Gesellschaft hat sich jetzt in Frankfurt zusammengefunden und geizt auf ihrer Internetseite nicht mit klaren Zielsetzungen. Der &ldquo;Frankfurter ZukunftsRat&rdquo; stellt eine neue Qualit&auml;t in Hinblick auf &Ouml;ffentlichkeitsarbeit dar.<\/p><p>Einer dpa-Meldung vom 3. M&auml;rz zur Gr&uuml;ndung des &ldquo;Frankfurter ZukunftsRats&rdquo; ist zu entnehmen: &ldquo;Das Gremium soll Spitzenforschern endlich die M&ouml;glichkeit f&uuml;r politischen Einfluss geben.&rdquo; Eliteforscher wollen ihre Erkenntnisse direkt einbringen und damit vermeiden, dass Politiker weiterhin &ldquo;jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben&rdquo;. Das Hauptargument f&uuml;r die Gr&uuml;ndung des Rates ist, dass Politiker nur in Legislaturperioden d&auml;chten und deshalb Bedarf an einem au&szlig;erparlamentarischen Gremium best&uuml;nde.<\/p><p>Doch zun&auml;chst: Wer ist der &ldquo;Frankfurter ZukunftsRat&rdquo;? Ruft man die Internetpr&auml;senz auf, erh&auml;lt man eine Liste von 30 Wissenschaftlern und &ldquo;Pers&ouml;nlichkeiten des &ouml;ffentlichen Lebens&rdquo;, die sich offensichtlich zur Elite z&auml;hlen. Man fragt sich, ob diese Definition nun exklusiven Charakter hat und wie sich diese Elite denn zusammengefunden haben mag. Gab es eine Aufnahmepr&uuml;fung? Vielleicht einen IQ-Test oder gar Meinungsumfragen? Wohl kaum. Man k&ouml;nnte vermuten, es geschah in einem Akte der Selbsterm&auml;chtigung. Doch dazu sind selbst M&auml;nnerb&uuml;nde nur selten in der Lage, und so ist die Antwort ern&uuml;chternd einfach: Die Mitglieder wurden von einem Frankfurter Kultur Komitee zur Elite erw&auml;hlt.<\/p><p>Das Frankfurter Kultur Komitee e.V. wiederum wird betrieben von der deutschen Wirtschafts-Elite, insbesondere von Frankfurter Banken. Dass hier ein besonderes Verst&auml;ndnis um alle Aspekte des Elit&auml;ren vorhanden ist, sollte ausreichend begr&uuml;nden, weshalb man sich in der Lage sah, zwischen Elitewissenschaftlern und gemeinen Wissenschaftlern zu unterscheiden, um so den &ldquo;ZukunftsRat&rdquo; zu ernennen.<\/p><p>Nun, da die Wissenschaftselite einmal zusammengetan war, galt es, Ziele f&uuml;r den Rat zu formulieren. Und diese entsprechen nun wirklich nicht dem, was von Spitzenwissenschaftlern zu erwarten gewesen w&auml;re: &ldquo;Nicht die Erfindung, eine wissenschaftliche Erkenntnis oder eine Innovation sind entscheidend, sondern wie schnell sie im Markt umgesetzt werden&rdquo;, hei&szlig;t es auf der Webseite, und: &ldquo;Politik und Wirtschaft entwickeln sich in Deutschland immer weiter auseinander. So entstehen zurzeit zwei Systeme, die gegeneinander und nicht miteinander arbeiten und gemeinsam Schwierigkeiten bew&auml;ltigen.&rdquo; <\/p><p>Was angeblich das Ergebnis einer Zusammenkunft der herausragendsten deutschen Wissenschaftler ist, klingt eher nach den W&uuml;nschen und Binsenweisheiten der Wirtschaftselite. Betrachtet man die angedachten Themen, so werden diese aufgeschl&uuml;sselt in dreizehn &ldquo;Aspekte&rdquo;, die hier vollst&auml;ndig aufgef&uuml;hrt werden sollen, damit das Bild des interdisziplin&auml;ren Anspruchs verifizierbar wird:<\/p><ul>\n<li>Geografische Aspekte<\/li>\n<li>Demografische Aspekte<\/li>\n<li>Sozial&ouml;konomische Aspekte<\/li>\n<li>Kommunikationspsychologische Aspekte<\/li>\n<li>Verhaltenstheoretische Aspekte<\/li>\n<li>Neurologische Aspekte<\/li>\n<li>P&auml;dagogische Aspekte<\/li>\n<li>Politische Aspekte<\/li>\n<li>Betriebswirtschaftliche Aspekte<\/li>\n<li>Volkswirtschaftliche Aspekte<\/li>\n<li>Marktwirtschaftliche Aspekte<\/li>\n<li>Philosophische Aspekte<\/li>\n<li>Nutzen-Aspekte<\/li>\n<\/ul><p>Was auff&auml;llt, ist der Vorrang positivistischer oder zumindest &ldquo;empirischer&rdquo; Humanwissenschaften. Geisteswissenschaften im engeren Sinne, Linguistik oder Sozialwissenschaften bleiben au&szlig;en vor. Das von den genannten Disziplinen vertretene Menschenbild ist in dieser Zusammenstellung als ein funktionalistisches zu charakterisieren. <\/p><p>Als am&uuml;sant kann angesehen werden, dass auf die &ldquo;philosophischen Aspekte&rdquo;, die aus dem Rahmen fallen, neutralisierend und umgehend &ldquo;Nutzen-Aspekte&rdquo; folgen: Die Wissenschaft des Nutzens freilich w&auml;re noch zu erfinden. (Wissenschaften wie Eugenik oder angewandte Technokratie k&ouml;nnten hierbei wom&ouml;glich Pate stehen.)<\/p><p>Nimmt man die ausformulierten Ziele zur Hilfe, erkl&auml;rt sich die Auswahl der Disziplinen: Diese m&uuml;ssen geeignet sein, den geforderten Anschluss der Politik an die Wirtschaft begr&uuml;nden zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Wie will der &ldquo;Frankfurter ZukunftsRat&rdquo; seine ehrgeizigen Ziele erreichen? Die Antwort findet sich in jener dpa-Meldung: &ldquo;Pohl sagt: &lsquo;Mich st&ouml;rt, dass die geistige Elite in Deutschland keinen Einfluss auf die Politik hat.&rsquo; Das wolle der Frankfurter ZukunftsRat &auml;ndern, und zwar so hartn&auml;ckig wie grunds&auml;tzlich. (&hellip;) (I)n den schon jetzt beileibe vielstimmigen Chor der Meinungen, Ansichten und Gutachten im politischen Prozess will der Frankfurter Zukunftsrat nicht einfach einstimmen &ndash; eigentlich will er eine ganz neue Partitur schreiben.&rdquo;<\/p><p>Verstehen wir dies nicht als Affengebr&uuml;ll, sondern nehmen wir die Aussage ernst, ist es ein Angriff auf die parlamentarische Demokratie. Diese bedeute, &ldquo;jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben&rdquo;. Dass man f&uuml;r unser Staatssystem nur Hohn &uuml;brig hat &ndash; Frankfurt sei &ldquo;verm&ouml;gend und sachlich&rdquo; und nicht wie Berlin &ldquo;arm aber sexy&rdquo; &ndash; zeugt von einem Selbstverst&auml;ndnis, nach welchem die Zugeh&ouml;rigkeit zu einer Elite besondere Rechte verleihe. Das Recht, &ldquo;eine ganz neue Partitur&rdquo; zu schreiben, ist indes ein phantasiertes. Es hat keine Legitimation und darf diese auch nicht bekommen.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist dieses Problem den Mitgliedern des Spektakels bewusst. Und so versichern sie, dass sie ihr Denken und Handeln &ldquo;strengen moralischen und ethischen Ma&szlig;st&auml;ben&rdquo; unterw&uuml;rfen. Dies allein ist jedoch weder eine Legitimation zu irgendetwas, noch hat es in der Geschichte verhindert, dass es zu allen Formen des Verbrechens durch herrschende Eliten kam. <\/p><p>Eine Demokratie indes gr&uuml;ndet im Prinzip der Gleichheit. Hierbei spielt es keine Rolle, ob man verm&ouml;gend oder schlau ist. Jeder B&uuml;rger hat die gleichen Rechte und Pflichten der Allgemeinheit gegen&uuml;ber. Auch wer &uuml;berm&auml;&szlig;ig viel Geld hat oder aber einen Namen als Wissenschaftspublizist, muss sich damit abfinden. Und das scheint manchmal schwer zu fallen. <\/p><p>&ldquo;Wir leben in Deutschland im Schlaraffenland und merken nicht, dass der s&uuml;&szlig;e Brei naht. Die geistige Elite muss mehr politische Verantwortung &uuml;bernehmen und ihre Ergebnisse interdisziplin&auml;r zu kurzen, ganzheitlichen Konzepten zusammenf&uuml;hren, um Deutschland vor dem s&uuml;&szlig;en Brei zu sch&uuml;tzen&rdquo;, sagte Ratsgr&uuml;nder Manfred Pohl auf der ersten Pressekonferenz des &ldquo;Frankfurter ZukunftsRats&rdquo;. Weiterhin konstatierte er, dass derzeitige politische Arbeit nicht im Sinne der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger wirke, sondern dem Eigennutz der Politiker diene. Eine gewagte Behauptung, die unseren verfassungsm&auml;&szlig;igen Volksvertretern das Recht abspricht, nach bestem Wissen und Gewissen die Politik des Landes zu bestimmen, ge&auml;u&szlig;ert von jemanden, der ohne demokratische Legitimation Herrschaft beansprucht. <\/p><p>Das Problem des Lobbyismus wird uns weiter besch&auml;ftigen m&uuml;ssen. Im Falle des &ldquo;Frankfurter ZukunftsRat&rdquo; wurde ein neuartiges populistisches Organ erschaffen, das ethische und moralische &Uuml;berlegenheit f&uuml;r sich behauptet. Unter dem Deckmantel fachlicher Kompetenz wurden bereits jetzt Ziele festgelegt, die kaum &uuml;ber das Gedankengut der finanzierenden Wirtschaftslobbyisten hinausgehen. <\/p><p>Dies ist traurig, denn intelligente Entw&uuml;rfe f&uuml;r die Zukunft &ndash; Utopien im besten Sinne &ndash; m&uuml;ssten formuliert werden. Interdisziplin&auml;re wissenschaftliche Diskurse k&ouml;nnen dazu beitragen. Wer allerdings von Beginn an &ndash; in populistischer Manier &ndash; besondere Rechte f&uuml;r Eliten fordert, ist heute schon zur&uuml;ck in der Steinzeit. <\/p><p>Links:<br>\n<a href=\"http:\/\/www.frankfurter-zukunftsrat.de\">www.frankfurter-zukunftsrat.de<\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/www.frakk.de%20\">www.frakk.de <\/a><\/p><p><a href=\"http:\/\/newsticker.welt.de\/index.php?channel=wis&amp;module=dpa&amp;id=17101580%20%20\">die dpa-Meldung vom 03.03.08 u.a. bei Welt-Online<\/a><br>\noder per Suchmaschine &ldquo;Frankfurter Zukunftsrat dpa&rdquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine erkl&auml;rte Strategie unternehmensnaher Stiftungen und Vereine, politische Entscheidungen der &ouml;ffentlichen Debatte zu entziehen. Was in einer parlamentarischen Demokratie als Stoff gegens&auml;tzlicher Positionierungen der Parteien vorgesehen ist, wird von einer Beraterlobby zum Fachdiskurs erkl&auml;rt, der auch nur von Fachleuten verhandelt werden k&ouml;nne. Im Falle des &ldquo;Frankfurter ZukunftsRat&rdquo; wurde ein neuartiges, populistisches Organ geschaffen,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3071\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,129,161],"tags":[232,573,231,374],"class_list":["post-3071","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-wertedebatte","tag-bertelsmann","tag-cap","tag-che","tag-eliten"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3071","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3071"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3071\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29088,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3071\/revisions\/29088"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}