{"id":30821,"date":"2016-02-03T09:06:28","date_gmt":"2016-02-03T08:06:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30821"},"modified":"2024-08-22T16:11:14","modified_gmt":"2024-08-22T14:11:14","slug":"sie-wollen-kapitalismus-ohne-demokratie-wir-wollen-demokratie-ohne-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30821","title":{"rendered":"\u201eSie wollen Kapitalismus ohne Demokratie \u2013 wir wollen Demokratie ohne Kapitalismus!\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160203_wilken-.jpg\" alt=\"Ulrich Wilken\" title=\"Ulrich Wilken\"><\/div><p>Die Verarmung der Bev&ouml;lkerung schreitet best&auml;ndig voran. Von wirklichem Widerstand hiergegen vernimmt man jedoch kaum irgendwas. Fast scheint es, als g&auml;be es in der Bev&ouml;lkerung weit &uuml;berwiegend Zustimmung zur neoliberalen Agenda, die sich selbst ohnehin als alternativlos geriert. Und als seien die wenigen, die sich ihr entgegensetzten, fast alles Kriminelle, Radikale, Gewaltt&auml;ter. Doch der Schein tr&uuml;gt. Denn es gibt ihn &ndash; den &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24805\">Widerstand im Herzen des europ&auml;ischen Krisenregimes<\/a>&ldquo;. Und trotz aller medial-politischen Verleumdungen, Verdrehungen und Kriminalisierungsversuche ist er so agil wie selten zuvor. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach mit <strong>Ulrich Wilken<\/strong>, Vizepr&auml;sident des Hessischen Landtages, zur Perspektive des <a href=\"https:\/\/blockupy.org\/\">Blockupy-B&uuml;ndnisses<\/a> und der Notwendigkeit linker Antworten auf die soziale Misere im sich zunehmend totalit&auml;rer geb&auml;rdenden Land.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Wilken, Sie waren Anmelder der gro&szlig;en Blockupy-Demonstration im Fr&uuml;hjahr letzten Jahres. Damals war Blockupy vor allem als Haufen Radikaler und Brandstifter in den Medien pr&auml;sent; nun hat man seit Monaten gar nichts mehr geh&ouml;rt. Was ist los, ist die Bewegung tot?<\/strong><\/p><p>Es gab am fr&uuml;hen Morgen des besagten 18. M&auml;rz Menschen, die unsere Aktionen gekapert und mit ihren Randalen unseren zivilen Ungehorsam &uuml;berschattet, teilweise sogar verunm&ouml;glicht haben. Ein Problem nach der Demonstration war dann ja gerade, r&uuml;berzubringen, dass die Gewalt und Randale am fr&uuml;hen Morgen nicht Blockupy waren, sondern im Gegenteil im krassen Widerspruch zu unserem Aktionskonsens standen. <\/p><p>Fast alle Medien haben allerdings nur &uuml;ber die Gewalt berichtet und die nachmitt&auml;gliche absolut friedliche Kundgebung auf dem R&ouml;mer und anschlie&szlig;ende Demonstration mit &uuml;ber 20.000 Menschen, die ich angemeldet hatte, totgeschwiegen. Von einer &bdquo;neuen Welle der Gewalt&ldquo; war da sofort die Rede &ndash; obwohl es diese ganz sicher <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/45\/45160\/1.html\">nie gab<\/a>. <\/p><p>Gleichzeitig hat diese gro&szlig;artige, gleicherma&szlig;en bunte wie entschlossene Demonstration am Abend allen Versuchen, Blockupy und die Bewegung zu spalten und zur gegenseitigen Distanzierung zu zwingen, umgehend eine klare Absage erteilt. Es war ein Satz von Naomi Klein auf der Abschlusskundgebung, der diese Gemeinsamkeit der Protestierenden auf den Punkt brachte, als sie der EZB <a href=\"http:\/\/blockupy.org\/5925\/fuer-den-europaeischen-fruehling-einen-neuen-schritt-gehen\/\">zurief<\/a>: &bdquo;Ihr seid die wahren Vandalen. Ihr z&uuml;ndet keine Autos an, ihr setzt die Welt in Brand!&ldquo; Blockupy stand und steht auch weiter als B&uuml;ndnis daf&uuml;r, Massenprotest und ungehorsame Aktionen, an denen jeder und jede teilnehmen kann, ins Herz des europ&auml;ischen Krisenregimes zu tragen. Blockupy hat sich zu einem der transnationalen und europaweiten R&auml;ume entwickelt, in dem wir eine gemeinsame Praxis gegen die Krisenpolitik und ein solidarisches Miteinander f&uuml;r ein Europa von unten entwickeln und reflektieren k&ouml;nnen. <\/p><p>In Auswertungstreffen haben wir beschlossen, den Fokus der Blockupy-Aktivit&auml;ten nun nach Berlin zu legen, weil dort ma&szlig;geblich die europ&auml;ische Austerit&auml;tspolitik bestimmt wird. In Konsequenz hat es bereits mehrere Demonstrationen und Aktionen in Berlin &ndash; aber auch in Br&uuml;ssel &ndash; gegeben. &Uuml;ber diese ist medial aber jeweils nicht berichtet worden. Ob das daran liegt, dass den Medienvertretern die Randale fehlten, kann man nur mutma&szlig;en.<\/p><p>Am ersten Februarwochenende treffen wir uns nun aber in Berlin zu einem <a href=\"http:\/\/blockupy.org\/6276\/einladung-zum-blockupy-ratschlag-6-7-2-2016-in-berlin-den-nachsten-schritt-gemeinsam-gehen-gegen-austeritat-und-autoritare-krisenlosungen\/\">Ratschlag<\/a>, bei dem wir &uuml;ber den Fahrplan der n&auml;chsten Aktionen und Aktivit&auml;ten beraten und entscheiden werden.<\/p><p>Wir werden mit allen bisher an Blockupy Beteiligten und mit allen k&uuml;nftigen B&uuml;ndnispartnern im Kampf gegen die Austerita&#776;tspolitik und f&uuml;r ein anderes Europa der Demokratie, der Solidarit&auml;t und der sozialen Rechte &uuml;ber zuk&uuml;nftige Strategien und Eingriffsm&ouml;glichkeiten beraten. Also: <em>Nein<\/em>, die Bewegung ist <em>nicht<\/em> tot, sie lebt &ndash; wird medial jedoch ausgegrenzt und ignoriert!<\/p><p><strong>Die Linkspartei will im Rahmen dieses Ratschlages ja vorschlagen, sich der Fl&uuml;chtlingskrise als Thema anzunehmen. Warum und inwiefern denn das?<\/strong><\/p><p>Das ist falsch. Richtig ist, dass in der zweiten Jahresh&auml;lfte 2015 auch viele Aktive aus unserer Partei geholfen haben, Fl&uuml;chtlingen einen Neustart in Deutschland zu erm&ouml;glichen oder hier &uuml;berhaupt einigerma&szlig;en heil anzukommen. Aber das macht Blockupy ja nicht &uuml;berfl&uuml;ssig! Im Gegenteil: Wer von der &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo; spricht, unterschl&auml;gt die Krise der sozialen Gerechtigkeit. Das Versagen der neoliberalen Politik wird ob der Fl&uuml;chtenden gerade einfach noch deutlicher: Es fehlen mindestens 4 Millionen Sozialwohnungen, es mangelt an Infrastruktur, an Kita-Pl&auml;tzen. Mit Sch&auml;ubles Ideologie der &bdquo;Schwarzen Null&ldquo; sind die gesellschaftlichen Herausforderungen nicht zu bew&auml;ltigen. Der Kapitalismus <em>ist<\/em> die Krise, jeden Tag, &uuml;berall auf der Welt. Notwendig sind also Bewegungen, die in fiskal- und sozialpolitische Offensiven m&uuml;nden.<\/p><p><strong>Moment! Noch einmal zum Verst&auml;ndnis: Die nach Deutschland Gefl&uuml;chteten sind kein Problem, sondern offenbaren dasselbe, das eigentliche und systemische vielmehr, das sich Kapitalismus nennt? Verstehe ich recht? <\/strong><\/p><p>Genau. Das will die herrschende Politik uns aber gern vergessen lassen, und erkl&auml;rt daher das Elend von Millionen Fl&uuml;chtenden zur &bdquo;Krise&ldquo; in diesem Land. <\/p><p>Unver&auml;ndert bleiben soll dabei der Umgang mit den sogenannten Krisenl&auml;ndern wie unter anderem Griechenland, Portugal und Spanien, der vor allem durch massive K&uuml;rzungspolitik bestimmt ist. Die Linksregierung in Athen k&auml;mpft nach dem Staatstreich der EU gegen sie beispielsweise nach wie vor gegen die weitere Schrumpfung der der Wirtschaftskraft, welche wiederum Elend und Armut der Menschen dort weiter forciert. Von den Kriegen all&uuml;berall auf der Welt, die f&uuml;r die meisten Fl&uuml;chtenden die Ursache daf&uuml;r sind, ihre Heimat zu verlassen, ganz zu schweigen. <\/p><p>Die viel ger&uuml;hmte &bdquo;Willkommenskultur&ldquo; darf daher nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass eine solidarisch verfasste Gesellschaftlichkeit immer weiter ausgeh&ouml;hlt und Institutionen der &ouml;ffentlichen Daseinsf&uuml;rsorge zunehmend privatisiert worden sind. <\/p><p>Blockupy steht hier daf&uuml;r, Massenprotest und ungehorsame Aktionen, an denen alle teilnehmen k&ouml;nnen, ins Herz des europ&auml;ischen Krisenregimes zu tragen. Wir setzen in Deutschland und Europa Aktionen von &bdquo;Regelbruch&ldquo;, Dissidenz und zumindest symbolhafter Gegnerschaft dagegen. Dies bedeutet einen Bruch mit den Regeln des Diskurses &ndash; n&auml;mlich der entpolitisierenden Verwaltung der Krise und deren Interpretation als &bdquo;Nationenverh&auml;ltnis&ldquo; &ndash; wie auch den Bruch mit einem korporatistischen weil auf vermeintlichen Konsens gerichteten Gesellschaftsvertrag.<\/p><p>Unser Ziel ist, da haben Sie mit Ihrer Frage ins Schwarze getroffen, eine sozialpolitische Offensive im Land. Das Ausbleiben dieser, in Verbindung mit Debatten &uuml;ber Alternativen zu Krieg, Armut, Ausbeutung, ja, Kapitalismus, das ist die Krise im Land. Das, und nicht die Fl&uuml;chtlinge. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/TyvysbPDiUU\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Dokumentation: Blockupy-Proteste vor der EZB in Frankfurt am 18. M&auml;rz 2015<\/strong><\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/eWgIFZ2NCi4\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Sahra Wagenknecht spricht bei der Blockupy-Demonstration gegen die EZB am 18. M&auml;rz 2015 in Frankfurt<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Nachdem Sie als Person nun &uuml;ber Monate angegriffen worden sind, nur, weil Sie in Frankfurt als Demonstrationsanmelder fungiert haben, also: F&uuml;rchten Sie nicht, dass die Forderung nach einer sozialpolitischen Offensive seitens all jener Parteien, die das f&uuml;r unm&ouml;glich und einen immer weiterreichenden Sozialkahlschlag als alternativlos ansehen &ndash; dass das noch radikalere Anfeindungen nicht zuletzt auch im Hessischen Landtag, dessen Vizepr&auml;sident Sie sind, nach sich ziehen wird?<\/strong><\/p><p>Ich erwarte schon, dass die Auseinandersetzungen sch&auml;rfer werden &ndash; auch im Parlament, denn wir wollen ja wirklich etwas Grundlegendes &auml;ndern und da wehren sich die, die etwas verlieren k&ouml;nnten. Allerdings ist das f&uuml;r mich ein Ansporn und nicht abschreckend. <\/p><p>Bisher werden weder Verantwortliche noch Profiteure zur Bew&auml;ltigung der vor uns liegenden Integrationsaufgaben in die Pflicht genommen. Stattdessen entsteht ein Verteilungskampf zwischen den finanziell Schw&auml;chsten der Gesellschaft. Diese Menschen konkurrieren sowohl um bezahlbaren Wohnraum als auch um Jobs und immer knapper werdende staatliche Zuwendungen.<\/p><p>Die zunehmende Entsolidarisierung, die dies zur Folge hat, st&auml;rkt dabei rassistische und teils faschistische Tendenzen. Die Umfragen der j&uuml;ngsten Zeit zeigen, dass der Aufwind des Rechtspopulismus zwar seine St&auml;rkung durch die Fl&uuml;chtlingskrise erh&auml;lt, entscheidend aber die wahrgenommenen gesellschaftlichen Zust&auml;nde wachsender sozialer Ungleichheit sind, die er als N&auml;hrboden nutzt. Dem Anwachsen der AfD auf mittlerweile zweistellige Prozentzahlen muss deshalb neben konsequenten antifaschistischen Aktionen auch mit einer fiskal- und sozialpolitischen Offensive begegnet werden.<\/p><p>Ein starker Sozialstaat darf sich dabei nicht auf Armenf&uuml;rsorge beschr&auml;nken, sondern muss Umverteilung zugunsten der Schwachen durch ein gerechteres Steuersystem sowie nachhaltige und sozial verantwortliche Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik organisieren. <\/p><p>Wir haben kein Ausgaben-, sondern ein Einnahmeproblem. Der Sozialstaat der Zukunft muss vor allem der Selbsterm&auml;chtigung und demokratischen Selbstbestimmung neue Wege er&ouml;ffnen. Im Kern muss es dabei um die einklagbare staatliche Gew&auml;hrleistungsverantwortung gehen, die seitens immer &uuml;blicher werdender <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27438\">privater Hilfen und Almosen<\/a> &ndash; und seien sie kurzfristig auch noch so hilfreich &ndash; niemals gegeben sein wird.<\/p><p><strong>Wurde Blockupy und wurden auch Sie wohl ggf. vor allem deswegen so angegriffen, verleumdet, stigmatisiert, weil einfach nicht denkbar sein darf, was von Ihnen mit aller Macht als Denkbar in die &Ouml;ffentlichkeit getragen werden soll? Geht es hier um die Kriminalisierung von Kapitalismuskritik?<\/strong><\/p><p>Davon ist auszugehen. In Blockupy-Kreisen gibt es daher inzwischen ein gefl&uuml;geltes Wort, das da hei&szlig;t: &bdquo;Sie wollen Kapitalismus ohne Demokratie &ndash; wir wollen Demokratie ohne Kapitalismus&ldquo;. Und offensichtlich tut eine so klare Positionierung weh und wird daher bek&auml;mpft.<\/p><p><strong>Was geschah denn im Fr&uuml;hjahr 2015 in Frankfurt? Da brannten doch M&uuml;lltonnen und dutzende &bdquo;Randalierer&ldquo; und &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.datenschmutz.de\/moin\/Gef%C3%A4hrder\">Gef&auml;hrder<\/a>&ldquo; &ndash; letzteres &uuml;brigens ein Begriff, der den Weg gen Polizeistaat und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Feindstrafrecht\">Feindstrafrecht<\/a> widerspiegelt &ndash; waren, gesch&uuml;tzt durch das Versammlungsrecht sowie Sie als Versammlungsleiter, in Frankfurt unterwegs?<\/strong><\/p><p>Formal bin ich &bdquo;nur&ldquo; der Versammlungsleiter bei der Kundgebung und Demonstration am Nachmittag und Abend gewesen. Morgens hatten wir zwar unsere Aktionen rund um die EZB angek&uuml;ndigt, aber nicht als Veranstaltung angemeldet. Aber offensichtlich ist am Morgen der Protest &uuml;ber unertr&auml;gliche Lebensbedingungen als Folge der Verarmungspolitik im Herzen der Bestie, also auf den Stra&szlig;en Frankfurts angekommen und eskaliert.<\/p><p>Ich habe bereits anl&auml;sslich der Debatte &uuml;ber Blockupy im Hessischen Landtag am 24. M&auml;rz 2015 den Frankfurter CDU-Stadtverordneten Stephan Siegler zitiert, weil man mir ja eh nicht zuh&ouml;ren wollte: &bdquo;Wenn man sieht, wie die Menschen in Spanien und Italien leben, da haben viele die Hoffnung auf politische L&ouml;sungen verloren: 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, eine noch h&ouml;here in Griechenland, in Griechenland im Grunde genommen keiner mehr, der normal Geld verdient, eine Wirtschaft, die de facto zusammengebrochen ist. Da suchen sich gerade junge Leute dann schon diejenigen, die Verbesserungen und Ver&auml;nderungen versprechen, weil ja die etablierte Politik eben zu den Lebensverh&auml;ltnissen gef&uuml;hrt hat, in denen sie zurzeit leben.&ldquo; <\/p><p>&Auml;hnlich &auml;u&szlig;erte sich ein anderer Frankfurter, der Kulturschaffende Willy Praml, im Spiegel: &bdquo;Ich verstehe die Wut, die viele der Leute gerade aus s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern haben. Denen geht es dreckig. Die haben eine enorme Jugendarbeitslosigkeit. Nat&uuml;rlich ist es bl&ouml;dsinnig, Scheiben einzuschmei&szlig;en und Autos anzuz&uuml;nden. Damit haben sich die jungen Leute nur selbst geschadet. Oder vielmehr: Einige wenige haben der gro&szlig;en Mehrheit von ihnen geschadet. Die meisten waren zwar tats&auml;chlich sehr w&uuml;tend, aber sie wollten ohne Gewalt gegen die in Europa vorherrschende Politik demonstrieren und m&uuml;ssen jetzt erleben, dass fast alle Medien nur &uuml;ber brennende Stra&szlig;ensperren und Krawalle berichten. Dabei haben die junge Leute etwas zu sagen, wenn man ihnen zuh&ouml;rt.&ldquo; Dem ist nichts hinzuzuf&uuml;gen.<\/p><p><strong>Ja, und treten Sie denn nun zur&uuml;ck? Sie sind doch als Landtagsvize untragbar, wie man &uuml;berall liest. Die Autos brannten doch wegen Ihnen &hellip; oder so.<\/strong><\/p><p>Nein, selbstverst&auml;ndlich trete ich nicht zur&uuml;ck, weil ich mir nix vorzuwerfen habe. Eigentlich sollten alle dar&uuml;ber einig sein, welche Bedeutung es hat, wenn Blockupy es schafft, am Nachmittag eines Werktages &uuml;ber 20.000 Menschen zu einem friedlichen antikapitalistischen Protest zusammenzubringen &ndash; selbst unter dem Eindruck der Geschehnisse, der Straftaten, der sinnlosen Gewalt am Vormittag. Es ist einfach Fakt, dass die Politik, gegen die Blockupy demonstriert und Widerstand organisiert, Wut und Emp&ouml;rung ausl&ouml;st. Dies abzustellen kann nur durch eine Ver&auml;nderung der Politik gelingen.<\/p><p>Die meinen R&uuml;cktritt als Vizepr&auml;sident und eine Begleichung der Sch&auml;den durch mich verlangen, wie dies zum Beispiel der hessische Ministerpr&auml;sident &ouml;ffentlich getan hat, haben ein gest&ouml;rtes Verst&auml;ndnis des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit. Sie fordern, dass der Anmelder einer Demonstration &ndash; regional und zeitlich weit von Gewalttaten entfernt &ndash; f&uuml;r Sch&auml;den haftbar gemacht werden soll. Man fragt sich, wie weit die das ausdehnen wollen? Soll das auch f&uuml;r die Nachbarstadt gelten? Soll das f&uuml;r die ganze Woche gelten?  Was haben die f&uuml;r ein Verst&auml;ndnis von diesem Grundrecht, wenn die Haftbarkeit eines Demonstrationsanmelders f&uuml;r Vorg&auml;nge hergestellt werden soll, die nicht auf seiner Veranstaltung passieren, sondern zeitlich und r&auml;umlich entfernt geschehen? Das w&auml;re eine vollkommen unzul&auml;ssige Einschr&auml;nkung des Demonstrationsrechts. Wer sollte sich dann &uuml;berhaupt noch finden, als Anmelder zu fungieren?<\/p><p><strong>Wie bewerten Sie denn diese &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.fnp.de\/rhein-main\/Landtagsvizepraesident-weist-alle-Vorwuerfe-ab;art801,1380849\">Geiselnahme<\/a>&ldquo; von sich als Person f&uuml;r Dinge, mit denen Sie nachweislich nichts zu tun hatten. Ist das jetzt neuerdings der Ton und Umgang in der &bdquo;gro&szlig;en Politik&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Dieser Versuch der zuk&uuml;nftigen Abschreckung, antikapitalistische Demonstrationen und Aktionen anzumelden und sich an ihnen zu beteiligen, ist schiefgegangen. Da haben sie sich den Falschen ausgesucht, weil ich mich nicht so leicht ins Bockshorn jagen lasse und weil ich breite &ouml;ffentliche Solidarit&auml;t erfahren habe &ndash; bei weitem nicht nur aus meiner Partei. Vielen Dank daf&uuml;r. Es zeigt aber auch, dass Standfestigkeit und aufrechter Gang dringend gebraucht werden, wenn man sich mit den Herrschenden anlegt. Ich w&uuml;nsche uns allen, dass wir diese Kraft auch weiterhin haben.<\/p><p><strong>Noch ein letztes Wort?<\/strong><\/p><p>Wir sehen uns auf der n&auml;chsten Demo, wenn wieder Tausende skandieren: A &ndash; ANTI &ndash; ANTIKAPITALISTA!<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch und w&uuml;nsche gutes Gelingen mit Blockupy.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Ulrich Wilken<\/strong>, 57 Jahre alt, ist Arbeitswissenschaftler, Mitglied des Hessischen Landtags und seit Januar 2014 dessen Vizepr&auml;sident. Er ist Mitglied im Landesvorstand DIE LINKE. Hessen, deren Vorsitzender er bis 2014 war. <\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24805\">Blockupy: Widerstand im Herzen des europ&auml;ischen Krisenregimes<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Interview: &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/45\/45160\/1.html\">Blockupy: Eine neue Welle der Gewalt gab es bei den Protesten in Frankfurt nicht<\/a>&rdquo; <\/li>\n<li>Erlebnisbericht: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.grundrechtekomitee.de\/sites\/default\/files\/BerichtBlockupy2015.pdf\">Blockupy: Demonstrationsbeobachtung am 18. M&auml;rz 2015<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Artikel: &bdquo;<a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/07\/06\/blockupy-die-lugen-des-innenministers\/\">Blockupy: Die L&uuml;gen des Innenministers<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Erkl&auml;rung: &bdquo;<a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/06\/08\/blockupy-so-war-es-nicht-gegen-die-ausgrenzung-gesellschaftlicher-opposition-durch-polizei-und-teile-der-medien\/\">Blockupy: So war es nicht! Gegen die Ausgrenzung gesellschaftlicher Opposition durch Polizei und Teile der Medien<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Erlebnisbericht: &bdquo;<a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/06\/08\/blockupy-frankfurt-getreten-geprugelt-mit-giftgas-bekampft\/\">Blockupy: Getreten, gepr&uuml;gelt und mit Giftgas bek&auml;mpft<\/a>&ldquo;<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <strong><a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a><\/strong> &uuml;ber neue Texte bestellen.<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/da92ea62fdef4ca099b9ee1a2dfab1f6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160203_wilken-.jpg\" alt=\"Ulrich Wilken\" title=\"Ulrich Wilken\"\/><\/div>\n<p>Die Verarmung der Bev&ouml;lkerung schreitet best&auml;ndig voran. Von wirklichem Widerstand hiergegen vernimmt man jedoch kaum irgendwas. Fast scheint es, als g&auml;be es in der Bev&ouml;lkerung weit &uuml;berwiegend Zustimmung zur neoliberalen Agenda, die sich selbst ohnehin als alternativlos geriert. Und als seien die wenigen, die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30821\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,209,205,146],"tags":[423,282,1055,909,1244,291],"class_list":["post-30821","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-interviews","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-soziale-gerechtigkeit","tag-austeritaetspolitik","tag-buergerproteste","tag-fluechtlinge","tag-kapitalismus","tag-occupyblockupy","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30821","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30821"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30821\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120047,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30821\/revisions\/120047"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30821"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30821"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30821"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}