{"id":3084,"date":"2008-03-20T16:12:18","date_gmt":"2008-03-20T15:12:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3084"},"modified":"2019-03-02T13:10:08","modified_gmt":"2019-03-02T12:10:08","slug":"heiner-flassbeck-die-wollen-nur-spielen-banker-verzocken-milliarden-und-rufen-dann-nach-dem-staat-als-retter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3084","title":{"rendered":"Heiner Flassbeck: Die wollen nur spielen &#8211; Banker verzocken Milliarden und rufen dann nach dem Staat als Retter"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon toll: Banker, die vor ein paar Jahren noch im Brustton der &Uuml;berzeugung davon sprachen, dass sie diejenigen sind, die Werte schaffen, rufen jetzt, nachdem sich ein Gro&szlig;teil dieser Werte in Luft aufgel&ouml;st hat, nach dem Staat als Retter in der Not. Was l&auml;uft so fundamental schief im Finanzsystem, dass alle paar Jahre das gro&szlig;e Heulen und Z&auml;hneklappern ausbricht und die gr&ouml;&szlig;ten Marktwirtschaftler &uuml;ber Nacht gewisserma&szlig;en zu den gr&ouml;&szlig;ten Fans staatlicher Nothilfe mutieren?<br>\n<!--more--><br>\nEs ist gewiss keine &Uuml;bertreibung, zu sagen, es l&auml;uft fast alles schief. Das beginnt schon damit, dass die Unsitte um sich gegriffen hat, das, was Banken ihren Kunden so anbieten, als &bdquo;Produkte&ldquo; zu bezeichnen. Das klingt gut und seri&ouml;s und vor allem klingt es so, als seien Banken ebenso innovativ wie Produktionsunternehmen und w&uuml;rden alle paar Wochen ein &bdquo;neues Produkt&ldquo; auf den Markt werfen. Banken produzieren aber nichts und Banken sind auch nicht innovativ in ein einem ernsthaften Sinne. Banken machen immer das Gleiche: Sie leihen Geld &uuml;ber relativ kurze Fristen und verleihen es &uuml;ber l&auml;ngere Fristen. Dabei ist Geld zu verdienen, weil die Zinsen f&uuml;r lange Fristen h&ouml;her sind als die f&uuml;r die kurzen. Dabei geht man aber auch ein Risiko ein, weil die p&uuml;nktliche R&uuml;ckzahlung von Krediten an die Banken &uuml;ber lange Fristen nie so sicher ist wie die kurzfristige Verpflichtung der Banken gegen&uuml;ber den Einlegern. Insgesamt ist es ein Gesch&auml;ft, aber sicher kein Bombengesch&auml;ft, bei dem sich systematisch und auf l&auml;ngere Zeit gewaltige Renditen von 25 Prozent, wie einst von einer gro&szlig;en deutschen Bank angek&uuml;ndigt, erzielen lie&szlig;en.<\/p><p>Weil das so ist, kommen die Banker alle paar Jahre auf die grandiose Idee, sie k&ouml;nnten ja mit dem vielen Geld, das sie in H&auml;nden halten, ihren Gewinn mal so richtig in die H&ouml;he jubeln. Bei der Frage, wie man das macht, sind sie allerdings &uuml;berhaupt nicht innovativ, sondern sie machen es immer auf die gleiche Weise. Sie leihen sich n&auml;mlich zu dem Geld, das sie ohnehin schon haben, noch viel mehr Geld von anderen Banken und investieren es in Anlagen, die einen etwas h&ouml;heren Zins erbringen, als der Zins, den man den anderen Banken zahlt. Das ist der gro&szlig;e Hebel (lever in englisch), mit dem Banken, Hedge-Fonds oder die sog. Private-Equity Fonds die Rendite auf das Eigenkapital in ungeahnte H&ouml;hen treiben k&ouml;nnen, wenn sie nur gen&uuml;gend Kredit bekommen.<\/p><p>W&uuml;rden alle Spekulanten mit dem geliehenen Geld lediglich ins Spielkasino gehen, w&auml;re der Spuk schnell zu Ende, weil man innerhalb weniger Stunden feststellen w&uuml;rde, dass dort systematisch mit noch so viel Geld keine gewaltige Rendite zu erzielen ist. Die extrem einfallslose Methode die Renditen zu hebeln funktioniert f&uuml;r das gesamte globale Finanzsystem nur, wenn alle Spieler bestimmte Objekte finden, bei denen sie sich mit einer gewissen Plausibilit&auml;t f&uuml;r eine Weile einreden k&ouml;nnen, sie w&uuml;rden hohe Renditen bei geringem Risiko bieten. So ein Objekt war z. B. der amerikanische H&auml;usermarkt in den letzten zehn Jahren. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren das Aktien neu aufgekommener Konsumg&uuml;terhersteller, in den 90er Jahren waren es Aktien aus dem Bereich der Telekommunikation, sehr oft sind es W&auml;hrungen, bei denen die Regierungen den Kurs st&uuml;tzen oder die Zinsen hochhalten. Auch Unternehmen mit hohem Eigenkapital zu kaufen, ist beliebt, weil man die Rendite allein dadurch hochjubeln kann, dass man Eigenkapital durch Schulden ersetzt. Sobald ein solches Objekt identifiziert ist, wird eine Art Kettenbrief-Mechanismus oder Schneeballsystem (im englischen nennt man es nach einem Betr&uuml;ger der 20er Jahre Ponzi-game) in Gang gesetzt, bei dem jeder versucht, nicht der letzte in der Kette zu sein. <\/p><p>Auf diese Weise redete man sich ein, die Hauspreise in den USA w&uuml;rden f&uuml;r immer weiter steigen, so dass auch amerikanische Haushalte, die nicht mal ihren normalen Lebensunterhalt von ihrem Einkommen bestreiten konnten, in der Lage w&auml;ren, wahnsinnig hohe Hypothekenzinsen zu zahlen. Da man dem in der herrschenden &ouml;konomischen Theorie verbreiteten Irrglauben folgte, f&uuml;r jedes Risiko g&auml;be es irgendwo auf der Welt jemanden, der, ohne zu wissen, um was es in der Sache geht, dieses Risiko gern &uuml;bernimmt, wenn er eine angemessene Rendite erh&auml;lt, b&uuml;ndelte man die Hypotheken in verschiedene Risikoklassen und streute sie &uuml;ber den ganzen Globus. Unter dem vermeintlichen Zwang, mit ihrem gehebelten Geld hohe Renditen erzielen zu m&uuml;ssen, st&uuml;rzten sich Heerscharen von Banken und Fonds auf diese Katze im Sack. Als die Hauspreise irgendwann nicht mehr weiter stiegen, war der Spuk zu Ende und die Pleite vieler Banken und Hedge-Fonds war eine ausgemachte Sache. <\/p><p>Nun kommt die Politik ins Spiel. Weil so viele dumme Kinder das dumme, gef&auml;hrliche Spiel gespielt haben und nun im Brunnen liegen, kann sie schlecht sagen, es geht mich nichts an, bleibt im Brunnen bis ihr schwarz werdet. Also holt man Leitern und sorgt daf&uuml;r, dass die dummen Kinder &auml;rztlich versorgt werden. Das ist als kurzfristige L&ouml;sung in Ordnung, wenn entsprechende erzieherische Ma&szlig;nahmen auf l&auml;ngere Sicht nicht nur ins Auge gefasst, sondern auch konsequent umgesetzt werden. Das hei&szlig;t, dem System via Notenbanken Liquidit&auml;t zur Verf&uuml;gung zu stellen, um einen Anstieg der kurzfristigen Zinsen zu vermeiden, ist ebenso angemessen wie massive kurzfristige Zinssenkungen, wenn die finanzielle Krise auf die reale Wirtschaft &uuml;bergreift. Sogar die direkte staatliche St&uuml;tzung oder die Verstaatlichung gro&szlig;er Banken ist angemessen, wenn die Einlagen vieler nicht an der Spekulation beteiligter B&uuml;rger gef&auml;hrdet sind und ein Sturm auf die Banken droht. Auch staatliche Programme zur Anregung der Konjunktur k&ouml;nnen sich rasch als notwendig erweisen. Die massiven Fehler der Weltwirtschaftskrise von 1929\/30, als man das Gegenteil von all dem tat, lassen sich eigentlich recht einfach vermeiden.<\/p><p>Gel&ouml;st ist damit aber nicht die Systemfrage des Finanzsektors auf lange Sicht. Strikte Regulierung und ein radikales Umdenken in Sachen Freiheit und F&ouml;rderung des Finanzsektors ist hier unvermeidlich. Nur ein Beispiel: Wenn sich in f&uuml;nf Jahren wieder der Chef einer gro&szlig;en Bank hinstellt und sagt, er wolle systematisch 25 % Rendite erwirtschaften, dann wird sich hoffentlich ein kompetenter Finanzminister finden, der ihn auffordert, ins Kasino zu gehen und sein Gl&uuml;ck zu versuchen, der aber der &Ouml;ffentlichkeit klar macht, dass dieser Mann nichts in der realen Wirtschaft verloren hat und eine Gefahr f&uuml;r Stabilit&auml;t und Wohlstand darstellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon toll: Banker, die vor ein paar Jahren noch im Brustton der &Uuml;berzeugung davon sprachen, dass sie diejenigen sind, die Werte schaffen, rufen jetzt, nachdem sich ein Gro&szlig;teil dieser Werte in Luft aufgel&ouml;st hat, nach dem Staat als Retter in der Not. 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