{"id":3088,"date":"2008-03-26T08:46:24","date_gmt":"2008-03-26T07:46:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3088"},"modified":"2019-10-28T16:23:21","modified_gmt":"2019-10-28T15:23:21","slug":"buchbesprechung-die-dax-ritter-wie-manager-unser-land-ruinieren-von-thomas-wieczorek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3088","title":{"rendered":"Buchbesprechung:  \u201eDIE DAX-RITTER \u2013 Wie Manager unser Land ruinieren\u201c von Thomas Wieczorek"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 5 nach der Verk&uuml;ndung der Agenda 2010: Es wird immer dringlicher an einige Eckpunkte unseres Grundgesetzes zu erinnern: &bdquo;Die W&uuml;rde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu sch&uuml;tzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. &hellip; Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pers&ouml;nlichkeit &hellip; Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat.&ldquo; Daran misst Thomas Wieczorek den Zustand der deutschen Republik. Er kommt nach umfassender Ausleuchtung aller Ecken zu dem Schluss: &bdquo;Demnach sind die gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nde verfassungswidrig und m&uuml;ssten unverz&uuml;glich abgestellt werden.&ldquo; Was hat der Autor gefunden, um in so einer deutlichen Formulierung die Summe seiner Erfahrungen zu b&uuml;ndeln?  Eine Rezension von Hermann Zoller<br>\n<!--more--><br>\nSie ziehen nicht brandschatzend von Dorf zu Dorf, aber auch mit ihren zeitgem&auml;&szlig;en Methoden treiben Manager unser Land in den Ruin und pl&uuml;ndern die Menschen aus. Thomas Wieczorek nennt sie die &bdquo;DAX-Ritter&ldquo;.<\/p><p>Das Urteil des Journalisten und Parteienforschers ist vernichtend: &bdquo;Deutschlands Manager erweisen sich tagt&auml;glich nicht nur als Job- und Kapitalvernichter, sondern obendrein als hemmungslose und nicht selten kriminelle Selbstbereicherer. Sie bringen nicht nur unsere Unternehmen, sondern unser gesamtes Wirtschaftssystem in Verruf. &hellip; Dadurch aber gef&auml;hrden sie den sozialen Frieden und damit unser Gesellschaftssystem schlechthin.&ldquo; <\/p><p>Zur Rechenschaft gezogen werden diese modernen Raubritter nicht, sie verdienen sich &bdquo;sogar als Versager noch dumm und d&auml;mlich&ldquo;. Und w&auml;hrend sie gegen den Sozialstaat als &sbquo;soziale H&auml;ngematte&rsquo; hetzen und &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; predigen, sind sie die &bdquo;am &uuml;ppigsten abgesicherte Berufsgruppe der Republik&ldquo;, bilanziert Wieczorek. Seinem Buch stellt er ein Zitat des Kabarettisten Volker Pispers voran: &bdquo;Wir sagen nicht mehr raffgieriges asoziales Pack, wir sagen heute Spitzenmanager.&ldquo;<\/p><p>Was da so als pers&ouml;nliches Versagen, st&uuml;mperhaftes Handeln und Raffgier daherkommt wird zur realen Politik, unter der Millionen von Menschen zu leiden haben, bedroht letztlich gar das Fundament der Demokratie. Wieczorek macht sich deshalb Sorgen um unser Wirtschaftssystem. Die Instrumente f&uuml;r eine erfolgreiche Gefahrenabwehr, sind allerdings nicht nur in einer st&auml;rkeren Verankerung von moralischen und sozialen Werten in unserer Gesellschaft und ihren Gesetzen zu finden. Ausgangspunkt muss die Erkenntnis sein, dass die &sbquo;Verfehlungen&rsquo; der Manager nicht in menschlichen Schw&auml;chen ihre Ursache haben, sondern erst durch &sbquo;unser&rsquo; Wirtschaftssystem m&ouml;glich, ja von diesem gefordert werden.  <\/p><p>Wieczorek verweist darauf, dass sich die Frage nach der &bdquo;individuellen Verantwortung des Managers&ldquo; in jedem Gesellschaftssystem stellt. Er schlie&szlig;t aber zu Recht die Frage an: &bdquo;Was ist das eigentlich f&uuml;r ein System, wo man so etwas darf?&ldquo; F&uuml;r Wieczorek ist der Sozialstaat des Grundgesetzes die erstrebenswerte Antwort; ein Staat mit einer Wirtschaft, die f&uuml;r die Menschen da ist und nicht die Menschen f&uuml;r einige wenige in der Wirtschaft. Und der Autor fordert: &bdquo;Ein solcher Sozialstaat muss nat&uuml;rlich auch ein konsequenter und kompromissloser Rechtsstaat sein&ldquo; &ndash; und verlangt, &bdquo;aus dem armen wieder einen reichen Staat zu machen&ldquo;, beispielsweise Unternehmen und Heuschrecken nicht l&auml;nger mit Steuergeschenken zu begl&uuml;cken: &bdquo;Immerhin lag noch w&auml;hrend der Regierungszeit von Helmut Kohl der Spitzensteuersatz bei 53 Prozent, ohne dass irgendjemand ihn als Agenten Honeckers beschimpft h&auml;tte.&ldquo; <\/p><p>Wertvoll ist, dass Wieczorek nicht nur eine lange Liste der Schandtaten der Manager, ihre Netzwerke und deren Verkn&uuml;pfungen mit Politikern sowie die Handlangerdienste der Politik anprangert, sondern auch den theoretischen &Uuml;berbau durchschaubar macht. Von Anfang an waren die Neoliberalen erkl&auml;rte Gegner des Sozialstaates. Wieczorek erinnert daran, dass die neoliberalen Vordenker im April 1947 am Genfer See die Mont P&egrave;lerin Society gr&uuml;ndeten &ndash; nicht weil sie sich mit dem Totalitarismus der NS-Zeit auseinandersetzen wollten, sondern weil sie den Kapitalismus retten und an neoliberalen Ma&szlig;st&auml;ben ausrichten wollten. Ihnen waren Formulierungen in die Knochen gefahren, wie sie beispielsweise im Ahlener Programm der CDU vom 3. Februar 1947 formuliert waren: &bdquo;Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. &hellip; Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. &hellip; Die neue Struktur der deutschen Wirtschaft muss davon ausgehen, dass die Zeit der unumschr&auml;nkten Herrschaft des privaten Kapitalismus vorbei ist.&ldquo; <\/p><p>Das bedeutete f&uuml;r die Neoliberalen Alarmstufe Rot. Und sie erreichten mehr und mehr Einfluss. Heute versuchen ihre Helfer in den Medien, gef&ouml;rdert u.a. durch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, eifrig durch Gehirnw&auml;sche dem Volk einzureden, dass die sozialen Sicherungssysteme des Teufels Werk seien. Bei der Bev&ouml;lkerung ist ihnen der Durchbruch noch nicht gelungen. Aber sie arbeiten hart daran. Wieczorek berichtet:<br>\n&bdquo;Da die INSM Medienpartnerschaften mit Financial Times Deutschland, der Wirtschaftswoche, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dem Focus und dem Handelsblatt unterh&auml;lt, kann eigentlich jeder Artikel das Werk eines Topmanagers, eines INSM-Botschafters oder der Werbeagentur Scholz &amp; Friends sein. In den USA, die uns ja bekanntlich immer nur ein paar Jahre voraus sind, stammen bereits fast die H&auml;lfte der Informationen von Tageszeitungen nicht mehr aus Eigenrecherchen, sondern aus &sbquo;Fakten&rsquo;, Erkl&auml;rungen, Pressemitteilungen und Anzeigen &sbquo;interessierter Anbieter&rsquo;.&ldquo;<\/p><p>In dem Buch werden die Geschenke, die der Wirtschaft und besonders den Heuschrecken dargeboten wurden, aufgelistet und die Folgen f&uuml;r die Arbeitnehmer und den Sozialstaat insgesamt benannt. Interessant sind des Autors Hinweise darauf, dass es eigentlich im Interesse eines jeden ehrlichen Unternehmers, zumindest des Mittelstandes liegen m&uuml;sste, sich ebenfalls gegen die Marktradikalit&auml;t der Neoliberalen und der bevorzugten F&uuml;tterung der gro&szlig;en Fische zu wehren. Ein Appell, der hoffentlich auf offene Ohren st&ouml;&szlig;t.<\/p><p>Zu dem ideologischen &Uuml;berbau des Neoliberalismus bzw. zur Stabilisierung des marktradikalen Wirtschaftens leisten Wohlt&auml;tigkeitsvereinigungen und auch die Kirchen ihren Beitrag. Wie geschickt dies gemacht wird, das zeigt Wieczorek auf. Auf der einen Seite werden mit Wohlt&auml;tigkeitsb&auml;llen und der W&uuml;rdigung des Ehrenamtes viele Menschen von den Ursachen f&uuml;r Missst&auml;nde abgelenkt. Auf der anderen Seite erheben Kirchenm&auml;nner ihre mahnende Stimme, wenn die Ausw&uuml;chse des Systems die Gefahr heraufbeschw&ouml;ren, dass sich aus einem gro&szlig;en Unmut eine Bewegung zur grunds&auml;tzlichen Abl&ouml;sung des Systems entwickeln k&ouml;nnte. Wieczorek wirft den Kirchen vor, vielfach f&uuml;r die neoliberale Gewinnmaximierung eine moralische Rechtfertigung zu liefern, Solidarit&auml;t als den Verzicht der Armen zugunsten der Reichen zu interpretieren. Der Autor weist aber darauf hin, dass f&uuml;r die Reichen diese Rechnung m&ouml;glicherweise nicht aufgeht, indem er Jesus zitiert: &bdquo;Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadel&ouml;hr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. &hellip; Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Wehe euch, die ihr voll seid, denn ihr werdet hungern. Wehe euch, die ihr jetzt lachet, denn ihr werdet trauern und weinen.&ldquo; Wieczorek wertet dagegen das Verhalten der Kirchen als ein &bdquo;Umfrisieren des Christentums zur Lehre der schamlosen Habsucht&ldquo;.<\/p><p>Das Verhalten der Kirchen kommt nicht von ungef&auml;hr. Wieczorek macht darauf aufmerksam, dass an dem Impulspapier &bdquo;Das Soziale neu denken&ldquo; der Deutschen Bischofskonferenz vom 12. Dezember 2003 wichtige Vertreter der INSM mitgeschrieben haben: Hans Tietmeyer und Paul Kirchhof. Kein Wunder also, wenn Josef Hengsbach dieses Papier so bewertet: &bdquo;Statt das &sbquo;Leitbild der solidarischen und gerechten Gesellschaft&rsquo; fortzuschreiben, entsteht der Eindruck, dass nun auch die Bisch&ouml;fe in den breiten Strom der aktuellen Sozialstaatskritik einstimmen, das Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit aufgeben und die sozialkatholischen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit und solidarischer Verantwortung zugunsten der liberalen Prinzipien von privater Vorsorge und Eigenverantwortung abschw&auml;chen.&ldquo;<\/p><p>F&uuml;r Wieczorek spitzt sich die Entwicklung der letzten Jahrzehnte gef&auml;hrlich zu. Er h&auml;lt es deshalb f&uuml;r notwendig, an die Ma&szlig;st&auml;be des Grundgesetzes zu erinnern und kommt nach seiner umfassenden Analyse der Lage zu der bitteren Erkenntnis: &bdquo;Demnach sind die gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nde verfassungswidrig&ldquo; und fordert, sie &bdquo;m&uuml;ssten unverz&uuml;glich abgestellt werden&ldquo;.<\/p><p>Das Buch &bdquo;Die DAX-Ritter&ldquo; macht mit seinen eindringlichen, spannend zu lesenden Schilderungen &uuml;ber das neoliberale Treiben vieler Manager und das Eindringen der neoliberalen Ideologie in die Politik deutlich: Es gibt viel zu tun, wenn unsere Republik als sozialer Rechtsstaat gerettet werden soll. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.droemer-knaur.de\/autoren\/Thomas+Wieczorek.165014.html\">Thomas Wieczorek<\/a><br>\nDIE DAX-RITTER &ndash; Wie Manager unser Land ruinieren<br>\nKnaur TB, 320 Seiten, 8,95 Euro<br>\nISBN 978-3-426-78027-5<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 5 nach der Verk&uuml;ndung der Agenda 2010: Es wird immer dringlicher an einige Eckpunkte unseres Grundgesetzes zu erinnern: &bdquo;Die W&uuml;rde des Menschen ist unantastbar. 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