{"id":3091,"date":"2008-03-26T17:21:39","date_gmt":"2008-03-26T16:21:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3091"},"modified":"2018-09-07T12:48:33","modified_gmt":"2018-09-07T10:48:33","slug":"bild-macht-stimmung-gegen-die-rentenerhoehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3091","title":{"rendered":"BILD macht Stimmung gegen die Rentenerh\u00f6hung"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;H&ouml;her Rente senkt den Nettolohn&ldquo; liest man heute in der ber&uuml;chtigten Balken&uuml;berschrift der <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/news\/wirtschaft\/2008\/03\/26\/hoehere_20rente\/senkt-den-netto-lohn,geo=4100688.html\">BILD-Zeitung<\/a>. Auf der Seite 2 hei&szlig;t es weiter: &bdquo;H&ouml;here Renten kosten Arbeitnehmer bis zu 21 Euro netto mehr im Monat&ldquo;. Bild lenkt so einmal mehr den Unmut der Arbeitnehmer gegen die Rentner. Die Rechnung des Propagandablattes f&uuml;r die private Vorsorge ist in mehrerlei Hinsicht irref&uuml;hrend, um nicht zu sagen verf&auml;lschend. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Bild st&uuml;tzt sich bei seinen Angaben &uuml;ber zus&auml;tzliche Kosten von 12 Milliarden Euro in den n&auml;chsten 5 Jahren auf Angaben der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverb&auml;nde (BDA), also einer Lobbyorganisation der Arbeitgeber. Ein Mitglied der Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrung der BDA, Alexander Gunkel hatte tags zuvor, am 25.03.08, in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C\/Doc~EFBF5DEEE59B444EC813B1BD17919FA09~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ behauptet<\/a>: &bdquo;Die au&szlig;erplanm&auml;&szlig;igen Rentenerh&ouml;hungen 2008 und 2009 kosten die Rentenkassen in den n&auml;chsten f&uuml;nf Jahren rund 12 Milliarden Euro zus&auml;tzlich&ldquo;.<br>\nNach Angaben der Bundesregierung kostet das Aussetzen des sog. Riester-Faktors in diesem Jahr hingegen &bdquo;nur&ldquo; 650 Millionen und 2009 1,95 Milliarden Euro. Die regierungsamtliche Berechnung liegt also weit entfernt von den vom Arbeitgeberverbandsfunktion&auml;r genannten 12 Milliarden Euro. Die Bundesregierung h&auml;lt diese Berechnung der BDA f&uuml;r nicht nachvollziehbar.\n<p>Bild stellt die Behauptung des Verbandsvertreters jedoch als eine Tatsache dar: &bdquo;H&ouml;here Renten kosten Arbeitnehmer bis zu 21 Euro netto mehr im Monat&ldquo;.<\/p><\/li>\n<li>Es ist verst&auml;ndlich, dass die Arbeitgeber f&uuml;r eine Senkung der Beitragss&auml;tze f&uuml;r die Rentenversicherung von derzeit 19,9 Prozent des Bruttolohnes k&auml;mpfen, m&uuml;ssen sie doch je zur H&auml;lfte vom Arbeitgeber und vom Arbeitnehmer aufgebracht werden. Die Beitr&auml;ge sind also ein Kostenfaktor auch f&uuml;r die Arbeitgeber. &bdquo;Solange die Pl&auml;ne der Regierung, in die Rentenformel einzugreifen und die Finanzreserve der Rentenversicherer anzuheben, nicht im Gesetzblatt stehen, werden wir dagegen angehen&ldquo;, k&uuml;ndigte Gunkel an. An dieser Aussage wird deutlich, dass der Kampf gegen eine Rentenerh&ouml;hung aus einem spezifischen politischen Interesse des Arbeitgeberverbandes motiviert ist.\n<p>Bild macht sich somit mit seiner Schlagzeile zum politischen Sprachrohr des Arbeitgeberverbandes.<\/p><\/li>\n<li>Bild behauptet, die Bundesregierung habe bereits eine Senkung der Rentenbeitr&auml;ge auf bis zu 19,1 Prozent im Jahr 2012 &bdquo;angek&uuml;ndigt&ldquo;. Richtig ist, dass nach dem &bdquo;Rentenversicherungsbericht&ldquo; der Beitragssatz <a href=\"http:\/\/www.deutsche-rentenversicherung.de\/nn_23952\/DRV\/de\/Navigation\/Deutsche__RV\/Finanzen\/Mittelfristige__Finanzentwicklung\/wesentliche__ergebnisse__node.html__nnn=true%20\">bis zum Jahr 2010 bei 19,9 Prozent<\/a> stabil bleiben soll und dass er nach den <a href=\"http:\/\/www.fmm-magazin.de\/bundesregierung-berichtet-ueber-den-rentenversicherungsbericht-2007-finanzen-mm_kat_id604.html%20\">&bdquo;derzeitigen Berechnungen&ldquo; auf 19,4 Prozent sinken k&ouml;nnte<\/a>.\n<p>Von einer &bdquo;Ank&uuml;ndigung&ldquo;, die Beitr&auml;ge auf 19,1 Prozent zu senken, findet sich auf den Informationen der Bundesregierung zur Rente kein Wort. Eine solche Zusage bis 2012 w&auml;re auch &auml;u&szlig;erst unseri&ouml;s. Sie w&auml;re auch gar nicht m&ouml;glich, weil dazu die entsprechenden Rentensch&auml;tzungen vorliegen m&uuml;ssten und bekanntlich h&auml;ngen die Beitragseinnahmen unmittelbar mit der Zahl der Besch&auml;ftigten und der Lohnh&ouml;he zusammen, &uuml;ber die seri&ouml;se Prognosen f&uuml;r die n&auml;chsten 4 Jahre nicht m&ouml;glich sind.<\/p>\n<p>Die einzig bisher politisch gegebene Zusage ist, dass der Beitragssatz bis zum Jahr 2020 einen Wert von 20 Prozent und bis zum Jahr 2030 einen Wert von 22 Prozent nicht &uuml;bersteigen darf.<\/p>\n<p>Bild und die Arbeitgeber unterstellen also eine Beitragssenkung &bdquo;auf bis zu 19,1 Prozent im Jahr 2012&ldquo; als Faktum. Sie berechnen aus einer noch gar nicht vorhersehbaren Beitragssenkung in 4 Jahren einen Nettogewinn f&uuml;r die Arbeitnehmer in H&ouml;he von &bdquo;bis zu 21 Euro netto im Monat!&ldquo;<br>\nMan nimmt also eine hypothetische Annahme und stellt sie als reale &bdquo;Senkung des Nettolohns&ldquo; dar. Motto: Wenn ich 2012 weniger Rentenbeitr&auml;ge bezahlen m&uuml;sste, dann h&auml;tte ich entsprechend mehr im Geldbeutel.<\/p><\/li>\n<li>Durch die jetzige Rentenerh&ouml;hung um 1,1 Prozent m&uuml;sse  die Senkung der Rentenbeitr&auml;ge &bdquo;mangels Masse&ldquo; verschoben werden. Selbst wenn man einmal den Berechnungen der Arbeitgeberverb&auml;nde folgen w&uuml;rde und tats&auml;chlich &bdquo;in den n&auml;chsten f&uuml;nf Jahren rd. 12 Milliarden in der &acute;eisernen Reserve` der Rentenkasse&ldquo; fehlen w&uuml;rden. Wie l&auml;sst sich diese Behauptung mit der Tatsache vereinbaren, dass schon angesichts der leicht verbesserten Einnahmesituation der gesetzlichen Rentenversicherung dank einer etwas g&uuml;nstigeren Konjunktur nach telefonischer Auskunft der Deutschen Rentenversicherung die &bdquo;Nachhaltigkeitsr&uuml;cklage&ldquo; immerhin 10,875 Milliarden Euro betr&auml;gt? Warum sollten also im schlimmsten Fall aus dieser R&uuml;cklage in f&uuml;nf Jahren nicht j&auml;hrlich etwa 1,4 Milliarden an &bdquo;Masse&ldquo; sein?<\/li>\n<li>Weil die &bdquo;Senkung der Rentenbeitr&auml;ge auf bis zu 19,1 Prozent im Jahr 2012 verschoben werden&ldquo; m&uuml;sse, rechnen die Arbeitgeber und Bild schon mal vor: &bdquo;Einen Arbeitnehmer kostet das bis zu rd. 21 Euro netto im Monat!&ldquo;<br>\nRechnen wir also mal nach: Die Differenz zwischen 19,9 Prozent des Bruttolohns von heute zu 19,1 Prozent im Jahr 2012 betr&auml;gt 0,8 Prozent. Davon zahlt der Arbeitnehmer 0,4 Prozent und der Arbeitgeber nochmals den gleichen Anteil. W&uuml;rde also der Beitrag gesenkt werden, h&auml;tte der Arbeitnehmer tats&auml;chlich 0,4 Prozent &bdquo;mehr netto&ldquo;. Wenn 0,4 Prozent mehr Netto aber 21 Euro ausmachen, ergibt sich rechnerisch ein Bruttogehalt von 5.250 Euro.<br>\n&bdquo;Der&ldquo; Arbeitnehmer, den das 21 Euro netto kostet, liegt also knapp unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze von derzeit 5.300 Euro monatlich im Westen und im Osten h&auml;tte er  diese Grenz schon um 750 Euro &uuml;berschritten.<br>\nDas Durchnittsbruttoeinkommen eines Arbeitnehmers liegt heute hingegen etwa bei (positiv angenommenen) 2.250 Euro. \n<p>Bild und die Arbeitgeberverb&auml;nde unterstellen also bei ihrer Rechnung einen Spitzenverdiener, tun aber so, als w&uuml;rde sie f&uuml;r einen durchschnittlich verdienenden Arbeitnehmer zutreffen.<br>\nDas nenne ich ein bewusste Irref&uuml;hrung und eine Verf&auml;lschung der Tatsachen.<\/p><\/li>\n<li>Man fragt sich nun, warum sich die Deutsche Rentenversicherung nicht gegen diese Propaganda zur Wehr setzt.<br>\nAber auch dar&uuml;ber braucht man sich nicht zu wundern: Der in der FAZ als Mitglied der Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverb&auml;nde (BDA) mit seinen Behauptungen &uuml;ber die Kosten der Rentenerh&ouml;hung zitierte Alexander Gunkel ist zugleich Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Rentenversicherung Bund.<br>\nKein Wunder also, wenn bei der gesetzlichen Rentenversicherung solche Lobbyisten an verantwortlicher Stelle sitzen, dass von dort keinerlei Verteidigung der minimalen Erh&ouml;hung der Rente um 1,1 Prozent erfolgt.<br>\nNebenbei: Real ist das ja noch nicht einmal eine Erh&ouml;hung, da das Statistische Bundesamt von einer Preissteigerung im Jahre 2008 von &uuml;ber 2 Prozent ausgeht.<\/li>\n<li>Nach einer Langzeitstudie des Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer hat die &bdquo;gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit&ldquo; in unserer Gesellschaft deutlich zugenommen. Die &bdquo;Arbeitslosenfeindlichkeit&ldquo; hat die &bdquo;Fremdenfeindlichkeit&ldquo; &uuml;berholt, dazu hat Bild in den letzten Jahren kr&auml;ftig beigetragen. Die Kampagnen mit der die Arbeitnehmer gegen die Rentner aufgehetzt werden,  wie in der heutigen Bild-Zeitung, schaffen ein weiteres gesellschaftliches Feindbild, n&auml;mlich die &bdquo;Rentnerfeindlichkeit&ldquo;.<\/li>\n<li>Die heutige Schlagzeile der Bild-Zeitung passt in die schon jahrelang betriebene Kampagne dieses Blattes zusammen mit der Versicherungswirtschaft gegen die gesetzliche Rente und f&uuml;r die private Vorsorge. (Vgl. dazu <a href=\"?page_id=2893\">das Kritische Jahrbuch 2007 der NachDenkSeiten S. 75 ff.<\/a>)<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;H&ouml;her Rente senkt den Nettolohn&ldquo; liest man heute in der ber&uuml;chtigten Balken&uuml;berschrift der <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/news\/wirtschaft\/2008\/03\/26\/hoehere_20rente\/senkt-den-netto-lohn,geo=4100688.html\">BILD-Zeitung<\/a>. Auf der Seite 2 hei&szlig;t es weiter: &bdquo;H&ouml;here Renten kosten Arbeitnehmer bis zu 21 Euro netto mehr im Monat&ldquo;. Bild lenkt so einmal mehr den Unmut der Arbeitnehmer gegen die Rentner. Die Rechnung des Propagandablattes f&uuml;r die private Vorsorge ist<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3091\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[158,123,39],"tags":[789,459,1592,2460,634,343,273,1674],"class_list":["post-3091","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-generationenkonflikt","category-kampagnentarnworteneusprech","category-rente","tag-bda","tag-bild","tag-deutsche-rentenversicherung","tag-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit","tag-heitmeyer-wilhelm","tag-luegen-mit-zahlen","tag-privatvorsorge","tag-riesterfaktor"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3091","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3091"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3091\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29075,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3091\/revisions\/29075"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3091"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3091"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3091"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}