{"id":3095,"date":"2008-03-28T09:44:07","date_gmt":"2008-03-28T08:44:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3095"},"modified":"2015-11-25T18:52:45","modified_gmt":"2015-11-25T17:52:45","slug":"paul-krugman-feiern-als-waere-es-1929","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3095","title":{"rendered":"Paul Krugman: Feiern als w\u00e4re es 1929"},"content":{"rendered":"<p>Falls Ben Bernanke es hinbekommt, das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren, so wird er, zurecht, f&uuml;r seinen heroischen Einsatz ger&uuml;hmt werden.<br>\nAber was wir uns fragen sollten ist: Wie sind wir dahin gekommen?<br>\nWarum bedarf das Finanzsystem der Rettung?<br>\nWarum m&uuml;ssen mild gestimmte &Ouml;konomen Superhelden werden?<br>\nEine &Uuml;bersetzung von Steffen Manthey.<br>\n<!--more--><br>\nDie Antwort lautet in ihrer einfachsten Form, dass wir den Preis einer willentlichen Amnesie zahlen. Wir ziehen es vor zu vergessen, was in den 1930ern geschah &ndash; und indem wir uns weigern, aus der Geschichte zu lernen, wiederholen wir sie. <\/p><p>Entgegen weit verbreitetem Glauben war der Crash des Aktienmarktes 1929  n i c h t  der entscheidende Moment der Weltwirtschaftskrise. Was eine gew&ouml;hnliche Rezession in eine zivilisationsbedrohende Wirtschaftskrise verwandelte, war eine Welle von Bankenfluchten 1930 und 1931. <\/p><p>Die Bankenkrise der 1930er zeigte, dass deregulierte, un&uuml;berwachte Finanzm&auml;rkte allzu leicht katastrophale Ausf&auml;lle hinnehmen m&uuml;ssen. Als die Jahrzehnte vergingen, wurde die Lektion, wie auch immer, vergessen &ndash; und nun m&uuml;ssen wir sie neuerlich lernen, auf die harte Tour. Um das Problem zu verstehen, muss man wissen, was Banken tun. <\/p><p>Banken sind da, um die konfligierenden Anspr&uuml;che von Sparern und Kreditnehmern miteinander zu vers&ouml;hnen. Sparer wollen Freiheit: Kurzfristige Verf&uuml;gung &uuml;ber ihr Geld. Kreditnehmer verlangen Verbindlichkeit: Sie wollen keine schlagartigen R&uuml;ckzahlungsforderungen. Normalerweise befriedigen Banken beide W&uuml;nsche: Kontoinhaber haben Zugriff auf ihr Kapital wann immer sie wollen, jedoch wird das meiste einer Bank anvertraute Geld f&uuml;r langfristige Anleihen verwendet. Der Grund, weswegen es trotzdem funktioniert, ist, dass Abhebungen f&uuml;r gew&ouml;hnlich durch neue Anzahlungen ausgeglichen werden, so dass eine Bank nur &uuml;ber eine bescheidene Bargeldreserve verf&uuml;gen muss, um seine Zahlungsverpflichtungen zu erf&uuml;llen. <\/p><p>Aber manchmal, oft auf nicht mehr als einem Ger&uuml;cht basierend, kriegen Banken es mit Geldfluchten zu tun, in denen viele Leute versuchen, ihr Geld zum gleichen Zeitpunkt abzuheben. Und eine Bank, die eine Flucht von Kontoinhabern gew&auml;rtigt &ndash; der das Bare fehlt, um ihre Anspr&uuml;che zu erf&uuml;llen &ndash; kann  Pleite gehen selbst wenn das Ger&uuml;cht falsch war. <\/p><p>Schlimmer noch, Bankfluchten k&ouml;nnen ansteckend sein. Verlieren Inhaber bei einer Bank ihr Geld, werden Kontoinhaber anderer Kreditinstitute auch gerne nerv&ouml;s, eine Kettenreaktion wird ausgel&ouml;st. Es k&ouml;nnen weitere &ouml;konomische Effekte eintreten: Wenn die &uuml;berlebenden Banken nun versuchen, Bargeld an sich zu ziehen, indem sie Anleihen einfordern, kann ein Teufelskreis entstehen, in dem Bankenfluchten eine Kreditkrise ausl&ouml;sen, was zu mehr Firmenpleiten f&uuml;hrt, was zu weiteren Finanzkrisen der Banken f&uuml;hrt usw. <\/p><p>Das ist es, in K&uuml;rze, was 1930 bis 1931 geschah und die Weltwirtschaftskrise zu der Katastrophe machte, die sie war. Also versuchte der Kongress zu gew&auml;hrleisten, dass so etwas nie wieder geschieht, indem er ein System von Regulierungen und Garantien einrichtete, das ein Sicherheitsnetz f&uuml;r das Finanzsystem darstellte. <\/p><p>Und so lebten wir alle gl&uuml;cklich f&uuml;r einige Zeit &ndash; jedoch nicht f&uuml;r immer. <\/p><p>Die Wall Street hat Regulierungen abgeschliffen, die Risiken einschr&auml;nkten, aber auch potentielle Gewinne minderten. Nach und nach wand sie sich frei. Teilweise, indem sie Politiker &uuml;berredete, die Regeln zu mildern, aber haupts&auml;chlich, indem sie ein &bdquo;Schatten-Bank-System&ldquo; entwickelte, welches auf komplexen Finanzarrangements vertraute, um Regulierungen zu umgehen, die geschaffen worden waren, um zu gew&auml;hrleisten, dass Bankgesch&auml;fte sicher sind. Zum Beispiel hatten Sparer, im alten System, versicherte Anleihen in eng regulierten Sparkassen, und Banken verwendeten dieses Geld f&uuml;r Kreditanleihen f&uuml;r den H&auml;userkauf. Mit der Zeit jedoch wurde dieses System schrittweise durch ein solches ersetzt, in dem Sparer ihr Geld in Fonds anlegten, die forderungsgedeckte Gesch&auml;ftspapiere [asset-backed commercial papers] von speziellen Anlagekonstruktionen kauften, die wiederum Wertpapiere aufgekauft haben, die durch einen Pool von Verm&ouml;gensgegenst&auml;nden besichert sind [collateralized debt obligations], der aus der Verbriefung von Hypotheken geschaffen wurde &ndash; ohne dass ein Kontrolleur in Sicht ist. Als die Jahre dahingingen, &uuml;bernahm das Schatten-Bank-System mehr und mehr des Bankgesch&auml;ftes, weil die unregulierten Spieler in diesem System bessere Gesch&auml;fte als konventionelle Banken zu versprechen schienen. Indessen wurden diejenigen, die sich um die Tatsache des Fehlens eines Sicherheitsnetzes in dieser Sch&ouml;nen Neuen Welt der Finanzen sorgten, als hoffnungslos altmodisch abgetan.<br>\nTats&auml;chlich aber feiern wir als w&auml;re es 1929 &ndash; und jetzt ist es 1930. <\/p><p>Die gegenw&auml;rtige Finanzkrise ist im Grunde eine Neuausgabe der Welle von Bankfluchten, die vor drei Generationen &uuml;ber das Land fegte. Die Leute sind nicht dabei, das Bare von der Bank zu holen, um es unter ihre Matratzen zu stopfen &ndash; allerdings verrichten sie die moderne Entsprechung, insofern sie es aus dem Schatten-Bank-System abziehen und in Schatzwechseln des Staates [Treasury Bills; ein kurzfristiges Geldmarktpapier mit einer kurzen Laufzeit von durchschnittlich 90 Tagen; Anm. d. &Uuml;bers.] anlegen. Das Resultat, damals wie heute, ist ein Teufelskreis der Finanzknappheit [financial contraction; mit der m&ouml;glichen Folge einer Deflation; Anm.d. &Uuml;bers.]. <\/p><p>Mr. Bernanke und seine Kollegen bei der Fed tun alles, um diesen Teufelskreis zu unterbrechen. Wir k&ouml;nnen nur hoffen, dass sie Erfolg haben. Andernfalls werden die n&auml;chsten Jahre sehr ungem&uuml;tlich &ndash; nicht eine weitere Weltwirtschaftskrise, hoffentlich, aber sicher die schlimmste Wirtschaftskrise, die wir seit Jahrzehnten gesehen haben, wird eintreten. Selbst wenn Mr. Bernanke sie behebt, auf welche Weise auch immer, ist dies nicht der Weg, eine Wirtschaft zu f&uuml;hren. Es ist Zeit, die Lektionen der 1930er wieder wahrzunehmen und das Finanzsystem wieder unter Kontrolle zu bekommen. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2008\/03\/21\/opinion\/21krugman.html?scp=4&amp;sq=krugman&amp;st=nyt\">New York Times vom 21.3.08<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falls Ben Bernanke es hinbekommt, das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren, so wird er, zurecht, f&uuml;r seinen heroischen Einsatz ger&uuml;hmt werden.<br \/> Aber was wir uns fragen sollten ist: Wie sind wir dahin gekommen?<br \/> Warum bedarf das Finanzsystem der Rettung?<br \/> Warum m&uuml;ssen mild gestimmte &Ouml;konomen Superhelden werden?<br \/> Eine &Uuml;bersetzung von Steffen Manthey.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50],"tags":[284,533,283,474,476],"class_list":["post-3095","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","tag-deregulierung","tag-fed","tag-finanzmaerkte","tag-krugman-paul","tag-weltwirtschaftskrise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3095","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3095"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3095\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29060,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3095\/revisions\/29060"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}