{"id":3097,"date":"2008-03-28T09:45:57","date_gmt":"2008-03-28T08:45:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3097"},"modified":"2015-11-25T18:48:48","modified_gmt":"2015-11-25T17:48:48","slug":"was-steckt-eigentlich-hinter-der-posse-um-einen-spd-kanzlerkandidaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3097","title":{"rendered":"Was steckt eigentlich hinter der Posse um einen SPD-Kanzlerkandidaten?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man bei Google-News das Suchwort &bdquo;SPD-Kanzlerkandidat&ldquo; eingibt, werden heute fast hundert Zeitungsartikel zu diesem Thema von nahezu allen einschl&auml;gigen Medien angeboten. Das Thema scheint die politischen Redaktionen ziemlich zu besch&auml;ftigen und der rechte Fl&uuml;gel der SPD liefert dazu ausreichend Stoff. Jeder, der die aktuelle Situation einigerma&szlig;en n&uuml;chtern beurteilt und etwa auf die Umfragewerte f&uuml;r die SPD schaut, kann sich &uuml;ber diese Debatte nur die Augen reiben. Wen auch immer die SPD als Kanzlerkandidaten k&uuml;ren wird, er bliebe Kandidat und w&uuml;rde niemals Kanzler. Die Diskussion um einen SPD-Kanzlerkandidaten hat kaum einen realen Hintergrund und deshalb stellt sich die Frage, was hinter dieser Posse steckt. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Wer ist als Kanzlerkandidat gef&auml;hrlicher f&uuml;r Merkel? Steinmeier oder Beck?&ldquo;, titelte Bild. &bdquo;Sp&auml;te Rache an Beck&ldquo; hei&szlig;t es in einem Beitrag, in dem sich der Hamburger Wahlverlierer Michael Naumann f&uuml;r eine Mitgliederbefragung f&uuml;r die K&uuml;r des Kanzlerkandidaten ausspricht. &bdquo;Daf&uuml;r muss er b&uuml;&szlig;en&ldquo; sagte laut Flensburger Tagblatt der Sprecher der &bdquo;Seeheimer&ldquo;, Johannes Kahrs &uuml;ber Kurt Becks (gescheiterte) &Ouml;ffnung zur Linken. Der Linke Fl&uuml;gel der Partei, wenn er &uuml;berhaupt noch schl&auml;gt, kann bei diesem Rechtsschwenk nur noch &auml;ngstlich abwiegeln und vor einer Debatte zur Unzeit warnen. Und die Presse, besonders die konservative, suhlt sich in dem Kandidaten-Thema. <\/p><p>Leiden SPDler, die sich &uuml;ber eine Kanzlerkandidatur ihren Kopf zerbrechen, eigentlich unter Realit&auml;tsverlust? Geifern die Medien mal wieder nur &uuml;ber eine ach so beliebte, weil so herrlich spekulative Personalfrage?<\/p><p>Nein, ich f&uuml;rchte dahinter stecken ganz konkrete politische Absichten und Strategien. Man muss sich dazu nur einmal in den Kopf der Konservativen und des rechten Fl&uuml;gels der SPD hineindenken:<\/p><p>Mit aller demagogischen Macht (&bdquo;Wortbruch&ldquo;, &bdquo;L&uuml;gilanti&ldquo;, die hessische SPD-Abweichlerin  wurde zu &bdquo;Deutschland ehrlichster Politikerin&ldquo; geadelt) wurde in Hessen ein Wechsel zu einer halbwegs sozialeren Politik verhindert. Mit einer bewusst von allen politischen Inhalten abhebenden Ausgrenzungskampagne gegen die Linkspartei opferten Steinbr&uuml;ck, Steinmeier und die &bdquo;Seeheimer&ldquo; sogar das &ouml;ffentliche Ansehen ihres eigenen Parteivorsitzenden. Ihre Motive haben sie offen bekannt: Es darf nicht zu einer Aufweichung ihres Hardliner-Kurses in Sachen Agendas 2010 kommen. Ein Absacken der SPD im politischen Ansehen, nahmen sie daf&uuml;r ebenso in Kauf, wie den dauerhaften Akzeptanzverlust von Kurt Beck (sogar als rheinland-pf&auml;lzischer Ministerpr&auml;sident). <\/p><p>Man braucht den gezinkten Forsa-Umfragen des Schr&ouml;der-Intimus G&uuml;llner nicht &uuml;ber den Weg zu trauen, aber die SPD liegt darnieder wie seit Jahrzehnten nicht und sie ist weit entfernt davon,  in den n&auml;chsten Jahren im Bund oder in den L&auml;ndern einen Regierungschef oder eine Regierungschefin zu stellen.<\/p><p>Nachdem eine linke Mehrheit in Hessen niedergek&auml;mpft und die SPD auf Bundesebene sich im Hinblick auf koalitionspolitische Optionen wieder &bdquo;eingemauert&ldquo; war, begleitet die ver&ouml;ffentliche Meinung die Bildung eines schwarz-gr&uuml;nen B&uuml;ndnisses in Hamburg &ndash; als Probelauf f&uuml;r den Bund &ndash; mit gr&ouml;&szlig;ter Sympathie &ndash; und die Gr&uuml;nen-F&uuml;hrung mit. Auch die FDP &ouml;ffnete sich B&uuml;ndnissen mit den Gr&uuml;nen und steht f&uuml;r eine &bdquo;schwarze Ampel&ldquo; oder &bdquo;Jamaika&ldquo; parat. Das hei&szlig;t selbst das rot-gr&uuml;ne Lager &ndash; wenn es denn je ein &bdquo;Lager&ldquo; gegen des &bdquo;b&uuml;rgerliche Lager&ldquo; war &ndash; ist endg&uuml;ltig gesprengt. <\/p><p>Kann es f&uuml;r die CDU, wenn sie schon keine eigene Mehrheit mehr schaffen kann, eine bessere Ausgangslage f&uuml;r die Bundestagswahl und f&uuml;r Koalitionsoptionen danach geben? <\/p><p>Aus der Sicht der konservativen Journalisten in den Bl&auml;ttern von der Welt, &uuml;ber den Spiegel bis hin zur Zeit kann es nur ein Ziel geben, den Streit innerhalb der SPD weiter anzufachen, denn dann kann Merkel nach den Bundestagswahlen &bdquo;durchregieren&ldquo; &ndash; und was eignet sich dazu derzeit besser als eine Kandidatendebatte in der SPD und die Fortsetzung der Jagd gegen deren Parteivorsitzenden.<\/p><p>Welcher Teufel reitet aber die SPD-Rechte dieses Spiel der Konservativen mitzuspielen? <\/p><p>Die Antwort ist ziemlich simpel. Steinmeier und Steinbr&uuml;ck und die &bdquo;Seeheimer&ldquo; (und M&uuml;ntefering ist nat&uuml;rlich dazu zu z&auml;hlen) sind gefangen in ihrem vorausgegangenen politischen Tun. In jeder auch noch so kleinen politischen Korrektur, des von ihnen vertretenen Agenda-Kurses, wittern sie die Gefahr eines Kurswechsels und damit den Verlust ihres politischen Prestiges. Das konnte man bei der marginalen Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes I f&uuml;r &Auml;ltere nur zu gut studieren. Ihre Obsession f&uuml;r den von ihnen mit durchgesetzten Schr&ouml;der-Kurs, also ihre aus Angst geborenen Zwangshandlungen zu dessen Verteidigung, ist soweit fortgeschritten, dass sie sogar an vorderster Front den Vorsto&szlig; des CSU-Vorsitzenden Huber nach einer Wiedereinf&uuml;hrung der Pendlerpauschale bek&auml;mpfen. Da kann sich die Vorsitzende der CDU Angela Merkel, vornehm zur&uuml;ck halten und sich feixend auf die Schenkel klopfen. Die SPD spielt den Rammbock gegen die Schwesterpartei der Union aus dem S&uuml;den und die Sozialdemokraten stellen sich gegen ihre eigene W&auml;hlerklientel der Berufspendler.<\/p><p>(Nebenbei bemerkt, bei diesem Vorsto&szlig; der CSU redet niemand von einem &bdquo;Linksrutsch&ldquo;. Aber was h&auml;tte es f&uuml;r eine Kampagne gegen die Aufweichung der Agenda gegeben, wenn die SPD das Karlsruher Urteil, das die derzeitige Regelung der Pendlerpauschale f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;rt hat, als Anlass f&uuml;r eine Revision genommen h&auml;tte?)<\/p><p>Aber haben denn die stellvertretenden Parteivorsitzenden Steinmeier und Steinbr&uuml;ck kein Interesse an einer st&auml;rkeren SPD? <\/p><p>Allenfalls ein geringes. Sie haben erstens &uuml;berhaupt kein Verh&auml;ltnis zu dieser Partei. Beide sind zweitens Leute aus dem Apparat und nur an ihren Regierungs&auml;mtern interessiert. Die SPD ist f&uuml;r sie allenfalls ein notwendiges &Uuml;bel, um mit ihrer Hilfe in ihren &Auml;mtern bleiben zu k&ouml;nnen. F&uuml;r Steinmeier und Steinbr&uuml;ck w&auml;re es ein Graus, wenn sie die Beschl&uuml;sse der SPD umsetzen m&uuml;ssten. Der Umgang mit dem Parteitagsbeschluss gegen die Privatisierung der Bahn ist daf&uuml;r nur ein Beispiel unter Vielen. Steinmeier verabschiedet sich in Bild ganz offen vom Hamburger Grundsatzprogramm und verortet die &bdquo;linke Volkspartei&ldquo; <a href=\"http:\/\/mobile-bild.de\/BILD\/news\/politik\/2008\/03\/22\/interview-steinmeier\/spd-kurs-muss-erkennbar-sein.html;jsessionid=2uz61ajYEXhNDLNsp-zqng**\">als &bdquo;Kraft der Mitte&ldquo;<\/a><\/p><p>Die Regierungsmitglieder und die SPD-Bundestagsfraktion setzen allenfalls darauf, m&ouml;glichst auch k&uuml;nftig an der Regierung beteiligt zu sein. Und daf&uuml;r (ich wage es auszusprechen) kann eine auf einen Zwanzigprozentwert zusammengeschrumpfte SPD sogar eher hilfreich sein. W&auml;re doch dann bei einer Koalition zwischen CDU\/CSU der negative Beigeschmack einer Gro&szlig;en Koalition vergangen. Auch f&uuml;r die Karrieristen bei den &bdquo;Seeheimern&ldquo; w&auml;re bei einer dann nur noch kleinen CDU\/CSU\/SPD-Koalition ja noch der eine oder andere Posten in der Regierung drin &ndash; zu mehr als zu parlamentarischen Staatssekret&auml;ren reicht es diesen aalglatten Politdarstellern, deren Profil im Wesentlichen darin besteht sich gegen ihre Partei zu profilieren, ohnehin nicht. <\/p><p>Und wenn diese Strategie nicht aufgehen sollte, dann kann man ja die Vorbilder Schr&ouml;der und Clement nachahmen: Man geht einfach durch die Dreht&uuml;r aus der Politik und verdient zum ersten Mal dann richtig Geld in der Wirtschaft &ndash; schlie&szlig;lich hat die ja allen Grund f&uuml;r ein nachtr&auml;gliches Dankesch&ouml;n.<\/p><p>Vielleicht denken Sie jetzt, ich sei zu pessimistisch oder gar, ich sei zu b&ouml;sartig. Ich lasse mich gern durch die vor uns liegenden achtzehn Monate bis zur Bundestagswahl L&uuml;gen strafen. Allzu gro&szlig;e Sorgen um meine Glaubw&uuml;rdigkeit mache ich mir dabei allerdings nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man bei Google-News das Suchwort &bdquo;SPD-Kanzlerkandidat&ldquo; eingibt, werden heute fast hundert Zeitungsartikel zu diesem Thema von nahezu allen einschl&auml;gigen Medien angeboten. Das Thema scheint die politischen Redaktionen ziemlich zu besch&auml;ftigen und der rechte Fl&uuml;gel der SPD liefert dazu ausreichend Stoff. Jeder, der die aktuelle Situation einigerma&szlig;en n&uuml;chtern beurteilt und etwa auf die Umfragewerte f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3097\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,191,190],"tags":[1011,459,1676,452,359,252,245],"class_list":["post-3097","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-spd","category-wahlen","tag-beck-kurt","tag-bild","tag-kahrs-johannes","tag-linksrutsch","tag-parteistroemungen","tag-steinmeier-frank-walter","tag-ypsilanti-andrea"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3097","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3097"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3097\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29058,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3097\/revisions\/29058"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3097"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3097"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3097"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}