{"id":31,"date":"2003-12-01T16:50:27","date_gmt":"2003-12-01T14:50:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=31"},"modified":"2024-10-13T01:13:58","modified_gmt":"2024-10-12T23:13:58","slug":"saen-und-ackern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31","title":{"rendered":"S\u00e4en und Ackern"},"content":{"rendered":"<p>Erntehelfer &ndash; Das Versagen der Intellektuellen in der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatte. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, <em>Freitag<\/em> Nr. 6.<br>\n<!--more--><\/p><p>Wirtschaftspolitische und damit eng verkn&uuml;pfte gesellschaftspolitische Fragen beherrschen heute auch die allgemeinpolitische Debatte: Ob und wie Arbeitslosigkeit reduziert werden kann, welche Rolle k&uuml;nftig die Erwerbsarbeit spielen wird, wie die Altersvorsorge und das Steuersystem reformiert werden m&uuml;ssten, was und wie privatisiert und dereguliert werden sollte, ob und wie der Staat sparen k&ouml;nnte &ndash; diese Fragen beherrschen die Debatte in den Medien, in den Parlamenten, auf Tagungen und Symposien weit mehr als beispielsweise die Sorge um die Erziehung unserer Kinder, um Strafvollzug und St&auml;dtebau, Waldsch&auml;den und Ozonbelastung, Gewalt und Rechtsradikalismus, Macht- und Medienkonzentration oder das Elend hungernder und verfolgter V&ouml;lker.<\/p><p>Diese Vorherrschaft der &Ouml;konomie zwingt auch solche Zeitbeobachter, die fachlich nicht darauf vorbereitet sind, zum Urteil &uuml;ber wirtschaftliche Zusammenh&auml;nge. Soziologen, Juristen und Politologen, Historiker und Germanisten, Feuilletonisten und politische Journalisten, das Volk und die Intellektuellen sind, wollen sie weiter mitreden, gezwungen, &uuml;ber wirtschaftliche Vorg&auml;nge zu urteilen. Viele Intellektuelle tun das &ndash; und zieren sich auch nicht. Jedenfalls sind die politischen Essays, Kommentare und politischen Entw&uuml;rfe voll davon.<\/p><p>Sie nehmen Teil an einer wichtigen Auseinandersetzung, deren Zeugen wir gerade sind. Zur Zeit tobt ein Entscheidungskampf um die Philosophie unseres Zusammenlebens und das Gesicht unseres Landes. Die konservativen und wirtschaftsliberalen Kr&auml;fte haben Schritt f&uuml;r Schritt an Boden gewonnen. Sie bestimmen mehr und mehr das Denken und die &ouml;ffentliche Meinung. Ihre wichtigste Botschaft ist: Deutschland ist krank; unsere wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind die Folge unseres Sozialstaates und unserer Unf&auml;higkeit zur Reform; nur wenn wir diese Reformblockade l&ouml;sen, wenn wir den Arbeitsmarkt deregulieren, die sozialen Sicherungssysteme grundlegend reformieren und privatisieren, und den Staat zur&uuml;ckdr&auml;ngen, wird es wirtschaftlich wieder aufw&auml;rts gehen.<\/p><p>F&uuml;r die Richtigkeit dieser Behauptungen gibt es wenig triftige Belege. Sp&auml;testens seit Beginn der Kanzlerschaft Kohls werden soziale Leistungen abgebaut und die Steuern f&uuml;r Unternehmen massiv gesenkt, der Ladenschluss wurde liberalisiert und die Riesterrente eingef&uuml;hrt &ndash; alles ohne die versprochene Wirkung. Jetzt wird das &uuml;bliche verlangt: die Erh&ouml;hung der Dosis. Nach der Hessen- und Niedersachsenwahl k&ouml;nnten die Wirtschaftsliberalen &ndash; so wird vieler Orten diagnostiziert &ndash; ihrem gro&szlig;en Ziel einen gro&szlig;en Schritt n&auml;her kommen: dem Systemwechsel, dem radikalen Neuentwurf, wie der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, k&uuml;rzlich verlangte; weg vom Sozialstaatsmodell Deutschland.<\/p><p>Wenn es noch genug unabh&auml;ngige, rege K&ouml;pfe g&auml;be, dann m&uuml;sste in diesen Wochen ein Feuerwerk an Protest und kritischer Debatte losbrechen. Aber es l&auml;uft ganz anders: die wirtschaftliberalen Kr&auml;fte bringen die Ernte von gut 20 Jahren unerm&uuml;dlichen S&auml;ens und Ackerns ein und ein bemerkenswert gro&szlig;er Teil jener, die man Intellektuelle nennen kann, verdingt sich als Erntehelfer.<\/p><p>Auch jene, die man gemeinhin der kritischen Wissenschaft und den eher kritischen Medien &ndash; soweit noch vorhanden &ndash; zuordnet, orientieren sich mehrheitlich am gro&szlig;en Strom der Meinungen, der heute wesentlich von der Wirtschaft und einer am Mainstream orientierten, wenig kritischen Wirtschaftswissenschaft beherrscht wird. Es gibt Ausnahmen von dieser Regel. Vermutlich mehr als offenbar wird. Denn viele der kritischen Stimmen werden nicht mehr gedruckt oder gesendet. Sie sind jedenfalls ohne gro&szlig;e Bedeutung f&uuml;r die &ouml;ffentliche Meinung und damit auch ohne Relevanz f&uuml;r politische Entscheidungen.<\/p><p>Zur Jahreswende kam es zu einem richtigen Gedr&auml;nge unter intellektuellen Zeitgenossen, von denen ich solches nicht erwartet h&auml;tte: Christian N&uuml;rnberger, ein Kopf unter den Publizisten und seit Jahren im Kreis von Klaus Staeck engagiert, ver&ouml;ffentlichte am 13.12.02 im Magazin der S&uuml;ddeutschen Zeitung einen offenen Brief an Gerhard Schr&ouml;der mit einer seltsamen Mischung von Forderungen, teils eher linken, im Kern aber gepr&auml;gt von Horrorgem&auml;lden der Wirtschaftsliberalen &uuml;ber den Staat und angef&uuml;llt von ihren Reformpl&auml;doyers. &ndash; Am 30.12. folgte der ehemalige Feuilletonchef der SZ, Johannes Willms, mit einem geharrnischten Protest gegen die politische L&auml;hmung durch organisierte Interessen, namentlich durch die Gewerkschaften. &ndash; Am gleichen Tag erschien im SPIEGEL ein Essay des Schriftstellers und Jura-Professors Bernhard Schlink mit einer &auml;hnlichen Klage &uuml;ber die Reformblockade durch organisierte Interessen; er beklagt, dass die regierende Generation nicht gelernt hat, Verzicht zu verlangen und H&auml;rte zu zeigen &ndash; ein Motiv, das auch in vielen andren der &uuml;blich gewordenen Pl&auml;doyers f&uuml;r Blut-Schwei&szlig;-und-Tr&auml;nen-Reden auftaucht). &ndash; Am 10.1.03 schlie&szlig;lich schl&auml;gt der als verl&auml;sslicher liberaler Fachmann des Rechts bekannte Innenpolitik-Chef der SZ eine Art Deal zwischen SPD und Union vor &ndash; &ldquo;Tausche Soziales gegen Zuwanderung&rdquo;&ndash; so k&ouml;nnte man seinen Vorschlag zugespitzt formulieren. Im Klartext: die SPD soll sich von sozialstaatlichen Vorstellungen verabschieden, daf&uuml;r stimmt die Union der Zuwanderung zu. Das w&auml;re eine Zangenbewegung gegen die &ldquo;kleinen Leute&rdquo;&ndash; man reduziert ihre soziale Sicherheit und erh&ouml;ht den Wettbewerbsdruck durch zuwandernde Arbeitskr&auml;fte.<\/p><p>Man w&uuml;rde den vier Autoren Unrecht tun, w&uuml;rde man sie als singul&auml;re Stimmen werten. Sie stehen in einer langen Kette von &ouml;ffentlichen Einlassungen gro&szlig;er K&ouml;pfe, die die geistige Hegemonie der konservativen Kr&auml;fte st&uuml;tzen und f&ouml;rdern: mit unendlichen Klagen &uuml;ber die Reformblockaden (Michael Naumann, Die Zeit und viele andere), mit einem Verdikt gegen den Keynes&rsquo;schen Ansatz des deficit spending, was die Optimierung des Kampfes gegen Arbeitslosigkeit seit Jahren behindert (Anthony Giddens), mit einem Pl&auml;doyer f&uuml;r einen Niedriglohnsektor (Wolfgang Streeck), mit der bitteren Klage &uuml;ber &ldquo;die deutsche Krankheit&rdquo;und den &ldquo;allgegenw&auml;rtigen Wohlfahrtsstaat&rdquo; (Peter Schneider), mit der Forderung nach radikalem Umdenken und dem Umbau der Arbeits- und Erwerbsgesellschaft (Oskar Negt), was ungewollt den Systemver&auml;nderern in die H&auml;nde spielt, immer wieder werden auch von Intellektuellen die &uuml;blichen und angeblich neuen Herausforderungen propagiert: die Globalisierung, das demographische Problem, das Ende des Normalarbeitsverh&auml;ltnisses, der &Uuml;bergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, oder wahlweise zur Wissensgesellschaft.<\/p><p>So verwirrend und vielf&auml;ltig die einzelnen Vorstellungen sind, im Kern laufen sie darauf hinaus, die These von der alles ver&auml;ndernden Globalisierung f&uuml;r wahr zu halten und das Heil im Neuen zu suchen. Alles Neu &ndash; das ist der Blankoscheck f&uuml;r die Systemver&auml;nderer.<\/p><p>Der Begriff Reformen wird von der kritischen Intelligenz inzwischen in der Tendenz so definiert, wie die Wirtschaft und der konservative Teil unserer Gesellschaft dies tun: Weniger sozial organisierte Sicherheit, mehr private Vorsorge; weniger &ouml;ffentliche Verantwortung, mehr Privatisierung und Deregulierung. &ldquo;Abschied von alten Rezepten&rdquo; ist angesagt. Die kritische Intelligenz, auch die Linke, passt sich zusehends der rechten Wirtschaftsphilosophie an.<\/p><p>Um das Neue in sch&ouml;nem Glanz erscheinen zu lassen, muss das Alte veraltet erscheinen und deshalb karikiert werden. Aber: die Industriegesellschaft war beispielsweise immer schon eine Mischung, Keynes&rsquo;sche Rezepte wurden in Zeiten guter Wirtschaftspolitik schon immer mit Angebotspolitik kombiniert, also mit Ma&szlig;nahmen zur F&ouml;rderung der Wettbewerbsf&auml;higkeit wie etwa der F&ouml;rderung neuer Technologien; auch fr&uuml;her gab es reihenweise gebrochene Erwerbsbiographien; schon lange gibt es den europ&auml;ischen Binnenmarkt, der Wiederaufbau nach dem Krieg gr&uuml;ndete wesentlich auf dem Waren- und Kapitalverkehr mit anderen L&auml;ndern; und die Arbeitnehmer waren nie so unflexibel, wie in Analysen und Therapievorschl&auml;gen suggeriert. Dennoch werden die Ver&auml;nderungen der letzten Jahre als qualitative Br&uuml;che dargestellt.<\/p><p>Bemerkenswert am sich abzeichnenden Hauptstrom des Denkens ist die nahezu einvernehmliche Preisgabe des Ziels, Vollbesch&auml;ftigung erreichen zu wollen. Damit l&auml;sst sich die kritische Intelligenz auf den strategischen Hebel des konservativen Lagers ein: die Hinnahme eines gro&szlig;en Bodensatzes von Arbeitslosigkeit und damit die entscheidende St&auml;rkung der Marktmacht jener, die Arbeit nachfragen, und die Schw&auml;chung jener, die Arbeit anbieten &ndash; mit gro&szlig;en Auswirkungen auf die Einkommensverteilung und die tats&auml;chliche G&uuml;ltigkeit der von der Arbeitnehmerschaft erstrittenen Rechte wie Betriebsverfassung, Mitbestimmung, K&uuml;ndigungsschutz, etc.. Alle diese Rechte sind meist nur soviel wert, wie die Arbeitsmarktlage durchzusetzen m&ouml;glich macht.<\/p><p>Die Unterauslastung des Faktors Arbeit hat wiederum gro&szlig;en Folgen f&uuml;r die Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme: Arbeiten weniger als m&ouml;glich, m&uuml;ssen die Beitr&auml;ge angehoben werden, was wiederum das System der sozialen Sicherung und die &uuml;bergeordnete Ordnung, den Sozialstaat, diskreditiert.<\/p><p>Bemerkenswert ist die pauschale Feindseligkeit mancher Intellektueller gegen&uuml;ber dem Staat und seinen Mitarbeitern\/innen. Argumente und Sprache vieler &ndash; Naumann, N&uuml;rnberger, Schneider z.B. &ndash; klingen &auml;hnlich wie ehedem Poujade und Glistrup. Damals haben sich Demokraten dieser Sprache enthalten.<\/p><p>Bemerkenswert ist, dass die intellektuellen Eliten &auml;hnlich manipulierbar sind wie die normalen Menschen. Was BILD f&uuml;r die einfachen Leute ist, sind SPIEGEL, ZEIT und eine Reihe anderer Bl&auml;tter und Talkshows f&uuml;r die Intellektuellen.<\/p><p>Wenn Michael Naumann in der ZEIT mehrmals hintereinander schreibt, Deutschlands Problem sei der Reformstau, dann glauben es auch Bildungsb&uuml;rgertum und Intellektuelle. Sie &uuml;berpr&uuml;fen die Behauptung so wenig wie die Leser von BILD: Wenn sie f&uuml;nfmal in Variation lesen, &ldquo;Keynes is out&rdquo;, dann neigen sie dazu, dies f&uuml;r richtig zu halten und sagen es auch weiter. Ihnen fehlt das Wissen und das wissenschaftliche R&uuml;stzeug zur &Uuml;berpr&uuml;fung dieser Parolen, vielleicht auch der Wille und die Lust dazu. Denn das w&uuml;rde sie in ihren Kreisen eher isolieren. Auch die heutigen Intellektuellen wollen in den Kreisen, auf die es ihnen ankommt, gut aufgehoben sein.<\/p><p>Ein besonders eindrucksvolles Beispiel f&uuml;r die Fremdbestimmtheit vieler Intellektueller ist die neu aufgelegte Anti-Gewerkschaftskampagne. Ihre Hauptbotschaften sind, Staat und Gesellschaft seien in den H&auml;nden der Gewerkschaften, die Gewerkschaften seien &uuml;berm&auml;chtig und sie blockierten die notwendigen Reformen. Der SPIEGEL pr&auml;sentierte am 18.11.02 einen Titel mit Schr&ouml;der im Blaumann, einer wehenden roten Fahne und der Headline &ldquo;Genosse Schr&ouml;der. Von der Neuen Mitte zum Kanzler der Gewerkschaften&rdquo;. Die Botschaft des Textes: Schr&ouml;der sei wegen der Feindseligkeit der Arbeitgeber im Wahlkampf nach der Wahl den Gewerkschaften in vielen Punkten entgegen gekommen und habe sich ihrer Macht gebeugt. Sechs F&auml;lle solchen Entgegenkommens werden genannt. Nur in einem Fall trifft die Wertung des SPIEGEL zu. In zwei der genannten F&auml;lle kann man nicht Entgegenkommen, sondern Zumutungen gegen&uuml;ber den Gewerkschaften ausmachen (wie &uuml;berhaupt Einfluss und Macht der Gewerkschaften hierzulande seit 20 Jahren zur&uuml;ckgehen &ndash; was man an vielen Ergebnissen festmachen kann: an der Verschiebung der Einkommensverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer und zugunsten der Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen und gleichzeitig einem extremen Auseinandertriften der Steuern auf L&ouml;hne und Gewinne\/Verm&ouml;genseinkommen &ndash; 1977 trugen beide Einkommensarten etwa 30% des Steueraufkommens. Heute liefert die Lohnsteuer ca. 35%, die Verm&ouml;gens- und Gewinnsteuern knapp &uuml;ber 15%). Und dann reden diese Medien vom Gewerkschaftsstaat und die Intellektuellen glauben und wiederholen es. Bei Schneider, Naumann, N&uuml;rnberger, Willms und Schlink taucht das Motiv auf. Der Schriftsteller Bernhard Schlink baut ein Geb&auml;ude an Erw&auml;gungen &uuml;ber Schr&ouml;ders Gekr&auml;nktsein auf dem &ldquo;Einschwenken der neuen Regierung auf viele Vorstellungen und Forderungen der Gewerkschaften&rdquo; auf.<\/p><p>Wenn die intellektuellen Beobachter ein bisschen aufkl&auml;rerische Tugend einbr&auml;chten, w&uuml;rden sie erkennen, dass sie sich zum Werkzeug bewusst geplanter und mit gro&szlig;er finanzieller und medialer Macht versehenen Kampagnen machen lassen. Beim Thema Gewerkschaftsmacht wie bei den Themen Reformblockade, b&uuml;rokratischer Staat, Demographisches Problem und vielem mehr. M&ouml;glicherweise w&uuml;rde die Mehrheit der deutschen Intellektuellen in Abrede stellen, dass es die Kampagnen gibt, deren Werkzeug sie unfreiwillig sind. Mit hoher Wahrschenlichkeit durchschauen sie die Strategien zur Manipulation, die ihnen gelten, und auch die Geflechte der Manipulatoren nicht. Z.B.: Die Erfindung und Dramatisierung des Reformstaus als einer der wesentlichen Ursachen f&uuml;r die wirtschaftliche Misere in Deutschland ist eine strategische Meisterleistung konservativer Zirkel. Die Vermutung, eine solche Kampagne sei bewusst geplant, w&uuml;rden die meisten der benutzten Intellektuellen als Verschw&ouml;rungstheorie abtun.<\/p><p>Die meisten deutschen Intellektuellen durchschauen auch nicht die evidente Kampagne zur Privatisierung der Altersvorsorge in Deutschland und in anderen Teilen der Welt. Was hier vorgeht, basiert auf einer ausget&uuml;ftelten strategischen Planung. Man h&auml;tte selbst darauf kommen k&ouml;nnen, so einleuchtend, clever und auch so evident ist sie. Weil dies ein sehr anschauliches Beispiel ist, skizziere ich einige Elemente der erkennbaren Strategie:<\/p><p>Zun&auml;chst war es wichtig, das Vertrauen in die Gesetzliche Rente zu unterminieren und sie zugleich dem Unmut der Beitragszahler preiszugeben. Das gelang in Deutschland damit, dass die sozialen Kosten der Wiedervereinigung wie auch die Renten der Aussiedler zu einem betr&auml;chtlichen Teil den Beitragszahlern aufgeb&uuml;rdet wurden. Mit diesen versicherungsfremden Leistungen kamen die Finanzen der Sozialversicherungen ins Wanken. H&ouml;here Beitr&auml;ge mussten erhoben werden. So geriet Beitragszahlung und erwarteter Ertrag immer mehr aus dem Lot. Ob die Regierung Kohl die Soziallasten der Vereinigung bewusst den Beitragszahlern aufgeb&uuml;rdet hat, darf man hierzulande nicht fragen.<\/p><p>Das Vertrauen in die zuk&uuml;nftige Leistungsf&auml;higkeit der Sozialrente wurde weiter unterminiert durch die Erfindung und Dramatisierung des sogenannten demographischen Problems. Das Durchschnittsalter der deutschen Bev&ouml;lkerung ist im letzten Jahrhundert fast durchg&auml;ngig angestiegen. Damit wurde man fertig und man muss auch damit fertig werden, weil man &ndash; der Staat oder die &Ouml;ffentlichkeit &ndash; wenig Einfluss auf die Geb&auml;rfreudigkeit nehmen kann. Man wird damit fertig, wenn man die Produktivit&auml;tssteigerungen der Arbeit, die absehbar und m&ouml;glich sind, wirklich gewinnt und nutzt. Dennoch wurde die Erh&ouml;hung des Durchschnittsalters und die Tatsache, dass hierzulande 2030 oder 2050 mehr Alte als heute von den Arbeitsf&auml;higen ern&auml;hrt und gepflegt werden m&uuml;ssen, zu einer Art Jahrhundertkatastrophe hochstilisiert. Die Intellektuellen, die Wissenschaftler und die Essayisten haben kr&auml;ftig daran mitgewirkt. Hierzulande werden Begriffe wie &Uuml;beralterung und Vergreisung ohne An- und Abf&uuml;hrung gebraucht.<\/p><p>Das Ziel dieser Operation wurde letzthin von Meinhard Miegel freim&uuml;tig offenbart, als er in einem Interview mit BILD die K&uuml;ndigung des Generationenvertrags forderte und vorschlug, die beitragsfinanzierte gesetzliche Rentenversicherung ganz abzuschaffen und durch eine steuerlich finanzierte Grundsicherung und private Vorsorge &uuml;ber Lebensversicherungen etc. zu ersetzen.Dieser Vorschlag macht nur dann Sinn, wenn die Vorschlagenden und die sie begleitenden Multiplikatoren glauben, die &Auml;nderung der Finanzierung &auml;ndere etwas an dem demographische Problem oder l&ouml;se es gar.<br>\nWie soll das gehen? Mit der &Auml;nderung des Finanzierungssystems vom Umlageverfahren zum Kapitaldeckungsverfahren &auml;ndert sich die Relation von Jung zu Alt im Jahre 2020 oder 2050 nicht? Oder doch? Dann wie? Werden deshalb mehr Kinder geboren?<\/p><p>Hier machen auch Intellektuelle den &uuml;blichen Denkfehler. Sie &uuml;bertragen eine einzelwirtschaftliche Erfahrung &ndash; wenn der einzelne genug Geld hat, kann er sich &uuml;ber eine Lebensversicherung gegen Risiken des Alters absichern &ndash; auf die Gesamtwirtschaft. Um diesen Denkfehler zu vermeiden, muss man in real terms denken. Das tun die meisten nicht, es ist ja auch schwierig. Au&szlig;erdem predigt ein Teil der Wissenschaft und einige &ouml;ffentlich auftretende Einrichtungen den gleichen Glauben.<\/p><p>Damit sind wir bei einigen wichtigen instrumentellen Teilen der Strategie zur Privatisierung der Altersvorsorge: Die Strategen nutzen das wache Interesse der Medien an Auftr&auml;gen f&uuml;r Anzeigen und PR-Arbeit. Die vielen Anzeigen kann man sehen. Die PR-Arbeit der Strategen liegt, wie das bei diesem Gesch&auml;ft &uuml;blich ist, im Dunkeln. Aber wozu brauchen wir Intellektuelle, wenn sie das Dunkel nicht zu erhellen versuchen?<\/p><p>Die Strategen nutzen das Interesse der Wissenschaft an Drittmittelfinanzierung, die sich immer mehr als wertvoller Katalysator f&uuml;r die Korruption der Wissenschaft erweist.Sie nutzen das vorhandene Netzwerk an Organisationen und Einrichtungen. Dazu geh&ouml;ren beispielsweise die Bertelsmann Stiftung und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die im Jahr 2000 mit 100 Mio. DM, aus den Taschen der Metallarbeitgeber ausgestattet, ihre Arbeit zum &ldquo;Umbau&rdquo; des Sozialstaats Deutschland begann; die Privatisierung der Altersvorsorge ist ein Teilziel ihrer in viele gesellschaftlichen Gruppen und Parteien hineinwirkenden Arbeit.<\/p><p>Um zu durchschauen, was und wie gespielt wird, m&uuml;sste man einige B&uuml;cher und Studien lesen, f&uuml;r Intellektuelle eigentlich ein gewohnter Akt: Der US-Sozialwissenschaftler McChesney hat schon 1999 in seinem Buch &ldquo;Rich Media, Poor Democracy&rdquo; beschrieben, wie die Finanzindustrie, zu der die Versicherungswirtschaft z&auml;hlt, mit den Medien- und Werbeunternehmen zusammenspielt: bei der Agitation f&uuml;r die New Economy, f&uuml;r die Aktienkultur und eben f&uuml;r die Privatisierung der Altersvorsorge. Bei Joseph Stiglitz und noch mehr in den Studien der deutschen Sozialwissenschaftlerin Katherina M&uuml;ller kann man studieren, wie internationale Finanzorganisationen in diese Strategie eingebettet sind und in welcher Breite &ndash; von Chile &uuml;ber Argentinien und andere lateinamerikanischen Staaten nach Osteuropa und nach Deutschland &ndash; sie angelegt ist.<\/p><p>Das Fazit: Die Systemreform in der Altersvorsorge ist beispielhaft und typisch daf&uuml;r, wie jene Intellektuellen, die sich noch Geh&ouml;r verschaffen k&ouml;nnen, in der &ouml;konomischen Debatte versagen. Sie haben nichts gemerkt. Ja, sie haben nicht einmal gelacht und gespottet, als die Versicherungswirtschaft, die von der hohen Rentabilit&auml;t der Privatvorsorge schw&auml;rmte, dann pl&ouml;tzlich massive staatliche F&ouml;rderung verlangte und bekommt. Die erw&auml;hnten Intellektuellen verlangen ansonsten lautstark den R&uuml;ckzug des Staats. Dass hier sein zus&auml;tzliches Engagement f&uuml;r private Interessen verlangt wird, st&ouml;rt sie so wenig wie die Selbstverst&auml;ndlichkeit, mit der private Universit&auml;ten in die Taschen der Steuerzahler greifen.<\/p><p>Im gegenw&auml;rtig tobenden Entscheidungskampf &uuml;ber die Philosophie unseres Zusammenlebens ist auf viele Intellektuelle kein Verlass. Sie schwenken auf das konservative Credo ein. Das ist schon deshalb besonders seltsam, weil das Versagen der angepeilten Philosophie des &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo; an vielen Stellen aufbricht und sichtbar wird: Nicht nur soziales Unrecht, nicht nur das Auseinandertriften der Verm&ouml;gen und Einkommen, auch Ineffizienz und Betrug, Ressourcenvergeudung und ein Verlottern der Infrastruktur, Bilanzf&auml;lschung und Kapitalvernichtung markieren den Weg der Wirtschaftsliberalen in ihren Heimatl&auml;ndern. Es sieht nicht so aus, als w&uuml;rden die medial wirksamen Intellektuellen Deutschlands dies wahrnehmen.<\/p><p>So kommt es wohl, dass der Filmemacher Michael Moore zu Unrecht Nettes &uuml;ber uns Deutsche und Europ&auml;er sagt, wenn er meint, unsere Gesellschaft h&auml;tte sich &bdquo;daf&uuml;r entschieden, aufeinander aufzupassen und sich umeinander zu k&uuml;mmern.&ldquo; Das ist sehr, das ist zu freundlich. Bei t&auml;tiger Mithilfe seiner Kollegen Intellektuellen wird das solidarische Denken gerade auch offiziell abgeschafft und Stupid White Man zieht ein im &ldquo;Alten Europa&rdquo;.<\/p><p><em>&copy; Freitag \/  31. Januar 2003<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erntehelfer &ndash; Das Versagen der Intellektuellen in der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatte. 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