{"id":310,"date":"2004-11-07T08:01:18","date_gmt":"2004-11-07T07:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=310"},"modified":"2016-03-23T11:38:38","modified_gmt":"2016-03-23T10:38:38","slug":"der-streit-um-den-3oktober-eine-nebelkerze-von-eichels-kommunikationsstrategen-mit-schlimmen-nebenwirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=310","title":{"rendered":"Der Streit um den 3.Oktober, eine Nebelkerze von Eichels Kommunikationsstrategen mit schlimmen Nebenwirkungen"},"content":{"rendered":"<p>Was macht ein gewiefter Kommunikationsstratege, wenn die Politik, die er &bdquo;verkaufen&ldquo; muss, auf Kritik oder gar Widerstand st&ouml;&szlig;t?<br>\n<!--more--><br>\nEr packt &ndash; erstens &ndash; mindestens einen Vorschlag in sein zu vermittelndes Gesamtpaket, bei dem er mit absoluter Sicherheit davon ausgehen kann, dass dieser Einzelaspekt zu einer aufgeregten &ouml;ffentlichen Kontroverse f&uuml;hrt, die die eigentlichen Themen v&ouml;llig in den Hintergrund geraten lassen. Er schie&szlig;t &ndash; zweitens &ndash; mit seinem Vorschlag weit &uuml;ber ein durchsetzbares Ziel hinaus, und das aber nur, um den gleichen Effekt mit einer &ndash; gemessen am urspr&uuml;nglichen Vorschlag &ndash; akzeptabler erscheinenden Alternative zu erreichen; wenn eben nicht die Verlegung des &bdquo;Tages der Einheit&ldquo; auf einen Sonntag dann eben die Streichung etwa von Fronleichnam oder am besten gleich eine weitere Verl&auml;ngerung der Wochenarbeitszeit.<\/p><p>Wir haben auf den NachDenkSeiten immer wieder dargestellt, warum &ndash; wenn man volkswirtschaftlich denkt &ndash; Hans Eichels hauswirtschaftliche Sparabsicht nicht zu einem Sparerfolg im Bundeshaushalt f&uuml;hren kann (Vgl. auch Albrecht M&uuml;ller, Die Reforml&uuml;ge, M&uuml;nchen 2004, S. 305ff.). Einmal mehr f&uuml;hrt die &bdquo;Sparpolitik&ldquo; des Finanzministers zu einem noch gr&ouml;&szlig;eren Kassenloch. Nachdem er im September die h&ouml;chste Neuverschuldung von knapp 44 Mrd. Euro hinnehmen musste, weist die neue Steuersch&auml;tzung eine weitere L&uuml;cke von 4,8 Milliarden Euro aus. <\/p><p>Niemand, aber auch wirklich niemand in der Allparteienkoalition und im Medien-Mainstream kommt auf die Idee, einmal &uuml;ber den Zusammenhang von Steuersenkungen und den r&uuml;ckl&auml;ufigen Steuern nachzudenken. Es findet schon gar nicht eine &ouml;ffentliche Debatte dar&uuml;ber statt, ob es bei anhaltend geringer Binnennachfrage und daraus folgend schwacher Konjunktur und deshalb wiederum zur&uuml;ckgehender Steuereinnahmen bei gleichzeitig erh&ouml;hten Kosten f&uuml;r Arbeitslosigkeit volkswirtschaftlich einen Sinn macht, dass der Staat seine &bdquo;Nachfragemacht&ldquo; weiter schw&auml;cht und durch Sparen die Konjunktur zus&auml;tzlich d&auml;mpft. <\/p><p>Schon um ein solches Nachdenken &uuml;ber den Irrweg der bisherigen &bdquo;Sparpolitik&ldquo; zu verhindern, muss man sich als cleverer Kommunikationsstratege, f&uuml;r die &bdquo;Vermittlung&ldquo; eines weiteres &bdquo;Sparpaket&ldquo; von immerhin 10 Milliarden Euro eine wirkliche Provokation ausdenken, auf die alle, vom Bundespr&auml;sidenten angefangen, &uuml;ber die Ministerpr&auml;sidenten, die Arbeitgeberverb&auml;nde, die Gewerkschaften oder die Kirchen heftig reagieren. Was eignete sich dazu besser, als der emotionsbeladene Vorschlag einer Abschaffung unseres Nationalfeiertages in Form seiner dauerhaften Verlegung auf einen Sonntag. Dieser kommunikative Schachzug hat &ndash; wie man an der aufgeregten Debatte sieht &ndash; gl&auml;nzend funktioniert. <\/p><p>Nicht nur die katastrophale Finanzsituation oder die Frage nach der Richtigkeit der derzeitigen Finanzpolitik gerieten in den Hintergrund, nein, auch noch die Kritik an den einzelnen Elementen des &bdquo;Sparpakets&ldquo; findet allenfalls am Rande statt. Was h&auml;tte sonst allein der Vorschlag einer weiteren Nullrunde im &Ouml;ffentlichen Dienst mit einer Einkommenseinbu&szlig;e von 2 Milliarden Euro f&uuml;r einen Aufschrei bei den Bediensteten, bei ver.di oder beim Beamtenbund ausgel&ouml;st?<\/p><p>Was w&auml;re f&uuml;r ein Streit dar&uuml;ber ausgebrochen, ob durch die globale Minderausgabe von einer Milliarde Euro f&uuml;r alle Ressorts (und die dadurch wom&ouml;glich notwendige K&uuml;rzung von Investitionen) der gesamte Haushalt die Verfassungsgrenze rei&szlig;t? Was h&auml;tte es nicht f&uuml;r einen &Auml;rger ausgel&ouml;st, dass die Forderungen des Fiskus an Telekom und Post zur Finanzierung der Pensionslasten der ehemaligen &bdquo;Postler&ldquo; zu einem &bdquo;Schleuderpreis&ldquo; von 5,5 Milliarden Euro auf den Kapitalm&auml;rkten &bdquo;versilbert&ldquo; werden soll und der Bund damit zuk&uuml;nftige Einnahmen (&uuml;ber die Jahre addiert) in zwei- oder sogar dreistelliger Milliardenh&ouml;he &ndash; so mal gerade eben &ndash; zur Sanierung eines aktuellen Haushaltsloches &bdquo;abschreibt&ldquo;? Und was h&auml;tte es wieder f&uuml;r einen Zoff gegeben, ob die EU-Kommission dieses Bilanzman&ouml;ver zur Einhaltung der Maastricht-Verschuldensgrenze &uuml;berhaupt akzeptiert? <\/p><p>W&auml;re nicht auch danach gefragt worden, warum trotz aller Hartz-Reformen die Mehrbelastungen f&uuml;r den Arbeitsmarkt ein weiteres Loch von 3 Milliarden Euro aufrei&szlig;en? All diese Kritik ist durch die Debatte &uuml;ber den 3. Oktober an den Rand gedr&auml;ngt und findet allenfalls noch zwischen den Zeilen statt. <\/p><p>Selbst die Tatsache, dass die Bundesregierung (m&ouml;glicherweise auf Druck der Koalitionsfraktionen) jetzt den &bdquo;Tag der Einheit&ldquo; doch nicht &bdquo;opfern&ldquo; will, ist letztlich ein taktischer Erfolg. H&auml;tte n&auml;mlich der Finanzminister einfach nur die Streichung eines beliebigen Feiertages gefordert, h&auml;tte es das gewohnte Hick-Hack gegeben, welcher Feiertag es denn nun sein sollte, der &bdquo;1.Mai&ldquo; oder &bdquo;Himmelfahrt&ldquo; oder Fronleichnam oder&hellip; <\/p><p>So kann sich jetzt die SPD-Regierung sogar noch von den Gewerkschaften loben lassen, dass sie keinesfalls, wie die Wirtschaftsverb&auml;nde das fordern, den &bdquo;Tag der Arbeit&ldquo; abschaffen will und der Bundeskanzler kann den &bdquo;schwarzen Peter&ldquo; an die ihn beschimpfenden L&auml;nderministerpr&auml;sidenten weiterschieben, die &ndash; wenn sie denn schon wie Stoiber die Abschaffung des Tags der Einheit f&uuml;r &bdquo;hirnrissig&ldquo; erkl&auml;ren &ndash; dann eben einen &bdquo;ihrer&ldquo; L&auml;nder-Feiertage anbieten m&uuml;ssen. Weil ja alle daf&uuml;r sind, dass &bdquo;wir&ldquo; l&auml;nger arbeiten m&uuml;ssen, kann die Bundesregierung denjenigen, die ihren Vorschlag ablehnen, jetzt locker eine &bdquo;Bringschuld&ldquo; zuschieben. <\/p><p>Ob es eine solche &bdquo;Schuld&ldquo; &uuml;berhaupt gibt oder ob die Streichung eines freien Tages &uuml;berhaupt zu mehr Wachstum und damit mehr Steuereinnahmen f&uuml;hren kann oder ob das schlicht eine Ma&szlig;nahme zur Verl&auml;ngerung der Arbeitszeit mit entsprechender Senkung der L&ouml;hne ist, um diese politische Grundsatzfrage hat man sich mit der Provokation der &bdquo;Streichung des Nationalfeiertages&ldquo; gleich mit herumgemogelt. Oder anders: Man hat mit diesem Vorschlag auch nochmals bekr&auml;ftigt, dass man die Forderung der Wirtschaftsverb&auml;nde nach Verl&auml;ngerung der Arbeitszeit und nach gleichzeitiger Senkung der L&ouml;hne seitens der Bundesregierung im Prinzip f&uuml;r richtig h&auml;lt und aktiv unterst&uuml;tzt. <\/p><p>Etwas ganz Entscheidendes haben die Kommunikationsstrategen der Bundesregierung beim Werfen ihrer Nebelkerze &ndash; wie &uuml;brigens schon h&auml;ufig bei der &bdquo;Vermittlung&ldquo; ihrer &bdquo;Reformpolitik&ldquo; &ndash; nicht bedacht: Die Deutschen sind kein Volk von ausgemachten Masochisten, das daran Lustgef&uuml;hle empf&auml;nde, wenn man ihm mit politischen Vor-&bdquo;Schl&auml;gen&ldquo; erst einmal massive Schmerz zuf&uuml;gt, und das anschlie&szlig;end seinem Qu&auml;lgeist f&uuml;r das vage Versprechen dankbar w&auml;re, dass das zugef&uuml;gte Leiden vielleicht irgendwann ein wenig nachlassen k&ouml;nnte. <\/p><p>Der Verlust an Vertrauen in die Glaubw&uuml;rdigkeit von Politik ist die schlimme Nebenwirkung von solchen Nebelkerzen, wie dem Vorschlag einer Abschaffung des Nationalfeiertages.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht ein gewiefter Kommunikationsstratege, wenn die Politik, die er &bdquo;verkaufen&ldquo; muss, auf Kritik oder gar Widerstand st&ouml;&szlig;t?<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[156,137,11,30],"tags":[290,272,278],"class_list":["post-310","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schulden-sparen","category-steuern-und-abgaben","category-strategien-der-meinungsmache","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-eichel-hans","tag-steuersenkungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=310"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/310\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32436,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/310\/revisions\/32436"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}