{"id":3133,"date":"2008-04-08T15:26:47","date_gmt":"2008-04-08T13:26:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3133"},"modified":"2015-11-25T17:38:20","modified_gmt":"2015-11-25T16:38:20","slug":"vorschlaege-und-fragen-peter-conradis-an-die-ag-bahnreform-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3133","title":{"rendered":"Vorschl\u00e4ge und Fragen Peter Conradis an die AG Bahnreform der SPD"},"content":{"rendered":"<p>Der ehemalige SPD-Abgeordnete und Privatisierungsgegner mit einem Beinaherfolg beim Hamburger SPD-Parteitag hat einen Brief mit Vorschl&auml;gen und Fragen an die AG der SPD geschrieben. Antwort hat er bisher noch nicht erhalten. Er stellt uns die Texte zur Verf&uuml;gung. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Brief:<\/strong><\/p><p>Peter Conradi<br>\n27.03.2008\t<\/p><p>An die Mitglieder der AG &ldquo;Bahnreform&rdquo;<\/p><p>Lieber Kurt Beck,<br>\nliebe Genossinnen und Genossen &ndash;<\/p><p>es ist gut, dass das SPD-Pr&auml;sidium die Arbeitsgruppe &ldquo;Bahnreform&rdquo; aufgefordert hat, ihre Arbeit fortzusetzen. Ich w&uuml;nsche Euch eine gutes Ergebnis im Sinne unseres Parteitagsbeschlusses zur &ldquo;Bahnreform&rdquo; am 27.10.2007 in Hamburg. Dabei geht es nicht nur um die Modelle zum Teilverkauf der DB AG: Die Partei und die &Ouml;ffentlichkeit erwarten von Euch konkrete Aussagen zu den Zielen der dringend notwendigen Reform der Deutschen Bahn und zu den Organisations- und Finanzierungsformen, die diesen Zielen gerecht werden. Einige Vorschl&auml;ge und Fragen habe ich im beiliegenden Papier formuliert.<\/p><p>Kurt Beck hat recht: Die Partei muss &uuml;ber Sachthemen aus dem gegenw&auml;rtigen Stimmungstief herauskommen und dabei ihre Glaubw&uuml;rdigkeit deutlich machen. F&uuml;r das Thema &ldquo;Bahnprivatisierung&rdquo; heisst das: Wir m&uuml;ssen die Sorgen unserer Mitglieder und der SPD-W&auml;hlerschaft ernst nehmen und zu dem stehen, was wir in Hamburg beschlossen haben. Die Bahnprivatisierung ist in der &Ouml;ffentlichkeit kein Thema, mit dem die SPD gewinnen kann, im Gegenteil. <\/p><p>W&uuml;rden wir eine Teilprivatisierung nach dem Holdingsmodell beschliessen, bei dem Privatinvestoren volles Stimmrecht und damit massgeblichen Einfluss auf den Personen- und G&uuml;terverkehr bek&auml;men, w&auml;ren wir weder &ldquo;nah bei den Menschen&rdquo; noch w&uuml;rden wir unseren Parteitagsbeschluss ernst nehmen. Das w&auml;re wirklich ein Wortbruch, zumal die Union beim Holding-Modell darauf spekuliert, bei einer anderen Regierungskonstellation den DB-Konzern vollends zu zerschlagen und verkaufen. Dem d&uuml;rfen wir nicht Vorschub leisten.<\/p><p>Von Eurer Arbeit, liebe Genossinnen und Genossen, h&auml;ngen die Glaubw&uuml;rdigkeit der SPD und unseres Vorsitzenden Kurt Beck und unsere Zukunftsf&auml;higkeit ab. Die SPD sollte mit einem klaren Konzept in den Bundestagswahlkampf 2009 gehen:<br>\n&ldquo;Wir wollen eine reformierte bundeseigene Deutsche Bahn!&rdquo;<br>\nIch freue mich &uuml;ber Ermunterung und Kritik, und ich erwarte Eure Antworten, insbesondere auf meine Fragen zur Finanzierung. Ich w&uuml;nsche Euch gute Arbeit!<br>\nMit freundlichen Gr&uuml;ssen<br>\nPeter Conradi<\/p><p>Anlage: Vorschl&auml;ge und Fragen<\/p><p>PS: Ich bitte Euch daf&uuml;r zu sorgen, dass die Unterlagen zum Holding-Modell der &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich gemacht werden, insbesondere die Langfassung des Gutachtens von H&ouml;lters &amp; Eising.<\/p><div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Vorschl&auml;ge und Fragen:<\/strong><\/p><p>Peter Conradi<br>\nE-Mail: <a href=\"mailto:PeterConradi@t-online.de\">PeterConradi@t-online.de<\/a><\/p><p>Anlage zum Schreiben vom 27.03.2008 an die Mitglieder der AG Bahnreform&rdquo;<\/p><p><strong>Vorschl&auml;ge und Fragen zur Bahnreform und zur Bewertung des Holdingmodells<\/strong>\t<\/p><p><strong>1. Ziele der Bahnreform<\/strong><\/p><ul>\n<li>Aus  &ouml;kologischen (Umwelt, Klimaschutz und L&auml;rmverminderung), aus &ouml;konomischen (steigende Energiepreise) und aus sozialen Gr&uuml;nden (Mobilit&auml;t f&uuml;r alle; Sicherung der Arbeitspl&auml;tze) muss der Anteil der Deutschen Bahn am Personen- und G&uuml;terverkehr in den Ballungsr&auml;umen und in der Fl&auml;che deutlich erh&ouml;ht werden. Die Deutsche Bahn muss ein wichtiges Instrument der Klima-, Umwelt- und Energiepolitik des Bundes bleiben.<\/li>\n<li>Die Deutschen Bahn soll alle Mittelst&auml;dte st&uuml;ndlich\/alle Grosst&auml;dte halbst&uuml;ndlich mit IC\/ICE-Z&uuml;gen bedienen und die Reisezeiten durch integrierte Taktfahrpl&auml;ne verk&uuml;rzen.<\/li>\n<li>Die Deutsche Bahn braucht ein transparentes, attraktives Preissystem, das die Bahnpreise mit der Benutzung anderer Verkehrsangebote verbindet (Mobility Card).<\/li>\n<li>Die Deutsche Bahn muss ihren Anteil am G&uuml;terverkehr durch eine Wiederbelebung des regionalen G&uuml;terverkehrs (Gleisanschl&uuml;sse) und durch kombinierte Systemangebote und grenz&uuml;berschreitende Angebote in Zusammenarbeit mit anderen europ&auml;ischen Bahnen verst&auml;rken.<\/li>\n<li>Die Deutsche Bahn muss ihre Politik der Streckenstilllegungen, Bahnhofsschliessungen und des Abbaus von Industrieanschl&uuml;ssen beenden. Die Ausd&uuml;nnung des Bahnverkehrs in der Fl&auml;che und die Konzentration auf die schnellen Fernverkehrsstrecken widersprechen unseren Zielen der Bahnreform.<\/li>\n<\/ul><p><strong>2. Organisationsform<\/strong><\/p><ul>\n<li>Die Organisationsform der Deutschen Bahn muss sicherstellen, dass der Bund (Bundestag und Bundesregierung) seine verfassungsrechtliche Verantwortung (Daseinsvorsorge) wahrnehmen kann: &ldquo;Der Bund gew&auml;hrleistet, da&szlig; dem Wohl der Allgemeinheit, insbesondere den Verkehrsbed&uuml;rfnissen, beim Ausbau und Erhalt des Schienennetzes der Eisenbahnen des Bundes sowie bei deren Verkehrsangeboten (1) &hellip; Rechnung getragen wird&rdquo; (Art 87e Abs 4 GG).<\/li>\n<li>Die Vorst&auml;nde und Aufsichtsr&auml;te der DB AG und ihrer Tochterunternehmen m&uuml;ssen personell und institutionell so besetzt werden, dass die Interessen der Fahrg&auml;ste, des G&uuml;terverkehrs und der Umwelt Massstab f&uuml;r die Unternehmensf&uuml;hrung der Deutschen Bahn sind, nicht die Renditeinteressen privater Investoren.<\/li>\n<\/ul><p><strong>3. Finanzierung<\/strong><\/p><ul>\n<li>F&uuml;r welche Investitionen (Erwerbungen) braucht die DB AG &ldquo;Mittel, (um) sich europ&auml;isch aufzustellen, damit sie nicht dauernd Marktanteile verliert&rdquo; (2) ?<\/li>\n<li>Wie hoch ist die derzeitige Verschuldung der bei ihrer Gr&uuml;ndung 1994 durch den Bund schuldenfrei gestellten DB AG? Bei welchen Tochtergesellschaften sind die Schulden der DB AG angelaufen? Welche Schulden muss der Bund gegebenenfalls bei einem Teilverkauf der DB AG  &uuml;bernehmen?<\/li>\n<li>Welche in- und ausl&auml;ndischen Verkehrs- und Logistikunternehmen hat die DB AG in den vergangenen f&uuml;nf Jahren (ganz oder teilweise) erworben und wie hoch waren die Aufwendungen f&uuml;r diese Erwerbungen?<\/li>\n<li>Die Verschuldung der DB AG muss durch den Verkauf von bahnfremden Tochterunternehmen und ausl&auml;ndischen Bahnunternehmen abgebaut werden. Die Deutsche Bahn soll nicht ausl&auml;ndische Verkehrsunternehmen erwerben und beherrschen, sondern mit anderen Verkehrsunternehmen gemeinsame Verkehrsangebote (3) machen.<\/li>\n<li>Welche Gr&uuml;nde sprechen gegen die Mittelbeschaffung durch festverzinsliche Anleihen der DB AG, die weniger Zinsen kosten als die Renditeforderungen privater Investoren?<\/li>\n<li>Welche Finanzierungsreserven gibt es durch Einsparungen bei &uuml;berteuerten Grossprojekten?<\/li>\n<\/ul><p><strong>4. Holding-Modell<\/strong><\/p><ul>\n<li>In Hamburg hat die SPD beschlossen, dass die Deutsche Bahn ein Instrument der Daseinsvorsorge bleibt; private Investoren k&ouml;nnen sich zwar &uuml;ber stimmrechtslose Vorzugsaktien beteiligen, d&uuml;rfen jedoch keinen Einfluss auf die Gesch&auml;ftspolitik bekommen; der Bahnkonzern wird nicht zerschlagen und die Besch&auml;ftigung wird gesichert.<\/li>\n<li>Das entspricht unserem neuen Grundsatzprogramm: &ldquo;Kernbereiche &ouml;ffentlicher Daseinsvorsorge wollen wir nicht den Renditeerw&auml;gungen globaler Kapitalm&auml;rkte aussetzen.&rdquo;(4)<\/li>\n<li>Das Holding-Modell entspricht nicht den von Kurt Beck pr&auml;zisierten Forderungen unseres Hamburger Parteitags: &ldquo;Private Investoren d&uuml;rfen keinen Einfluss auf die Unternehmensf&uuml;hrung aus&uuml;ben. Zur Erreichung dieses Ziels stellt die stimmrechtslose Vorzugsaktie die geeignete Form dar &hellip;eine andere Beteiligung privater Investoren lehnen wir ab.&rdquo;(5) Das Holding-Modell sieht demgegen&uuml;ber die Ausgabe stimmberechtigter Aktien vor und &ouml;ffnet damit privaten Investoren entscheidenden Einfluss auf die Bereiche Nah-, Fern- und G&uuml;terverkehr. Der Bund als Mehrheitsgesellschafter k&ouml;nnte sich angesichts des Risikos von Gewinnwarnungen und Kursverlusten nicht erlauben, kapitalmarktwidrige Gemeinwohlerw&auml;gungen  zur Grundlage von Unternehmensentscheidungen (Hauptversammlung und Aufsichtsrat) zu machen.<\/li>\n<li>Die Privatinvestoren wollen mit ihrer Beteiligung nicht dem Gemeinwohl dienen, sondern Gewinne erwirtschaften, indem sie die Kosten senken, zum Beispiel durch die Streichung unrentabler Verkehrsangebote.<\/li>\n<li>Beim Holding-Modell erhalten die privaten Investoren auch Einfluss auf das bundeseigene Netz, weil die Vorst&auml;nde der Holding und der privatisierten Verkehrssparten personenidentisch besetzt werden und daf&uuml;r sorgen werden, dass die privatisierten Verkehrssparten das staatlich finanzierte Netzm&ouml;glichst billig nutzen k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>Die Zusage des Parteitags &ldquo;&hellip; die 230.000 bei der Bahn besch&auml;ftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer k&ouml;nnen sich auf die SPD verlassen.&rdquo;(6) Bereits im Januar hat Hartmut Mehdorn drastische Sparmassnahmen durch Rationalisierung und Arbeitsverlagerung in Billiglohngebiete angek&uuml;ndigt. Beim Holding-Modell werden die Privatinvestoren ihre Interessen zur Steigerung ihrer Gewinne noch st&auml;rker gegen die Interessen der Besch&auml;ftigten durchsetzen.<\/li>\n<li>Entgegen unserem Parteitagsbeschluss &ldquo;Keine Zerschlagung &ndash; Erhalt des integrierten Konzerns&rdquo; (6) w&uuml;rde das Holding-Modell den Weg in eine schrittweise Voll-Privatisierung der Verkehrssparten Bahn &ouml;ffnen und damit den Konzern zerschlagen. Vermeintliche &ldquo;Garantien&rdquo; vertraglicher oder gesetzlicher Art k&ouml;nnen das nicht verhindern, weil zuk&uuml;nftige Regierungsmehrheiten diese &auml;ndern k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>Im Koalitionsvertrag hat sich die SPD zu keinem bestimmten Privatisierungsmodell verpflichtet. Im Gegenteil heisst es dort ausdr&uuml;cklich, dass &uuml;ber die Gestaltung nach Pr&uuml;fung entschieden wird. (7)<\/li>\n<li>Eine breite Mehrheit der Bev&ouml;lkerung und eine noch gr&ouml;ssere Mehrheit der SPD-Mitglieder will jedoch keine DB AG, in der private Investoren das Sagen haben, sondern eine reformierte bundeseigene Deutsche Bahn. Sollte die AG Bahnreform dem Holding-Modell oder einem &auml;hnlichen Modell zustimmen, wird der vom Parteitag auf Vorschlag von Kurt Beck beschlossene Sonderparteitag (8) unumg&auml;nglich, und es ist zu erwarten, dass der Sonderparteitag wie der Hamburger Parteitag votiert.<\/li>\n<\/ul><div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p><p>(1) Die im Art 87e Abs 4 GG angesprochenen Verkehrsangebote umfassen den Personen- u n d  den G&uuml;terverkehr<br>\n(2) Hubertus Heil, zitiert nach der Einladung der AG Bahnreform vom 14.03.2008<br>\n(3) Wie die Lufthansa im Rahmen der Star Alliance<br>\n(4) Hamburger Grundsatzprogramm der SPD, S. 32<br>\n(5) SPD-Parteitag 2007 in Hamburg, Beschluss&uuml;bersicht Nr.45 &ldquo;F&uuml;r eine Bahn mit Zukunft&rdquo; Ziff. 3<br>\n(6) wie vor, Ziff. 2<br>\n(7) Koalitionsvertrag CDU, CSU und SPD vom 11.11.2005 S. 58, Ziff. 6.3<br>\n(8) wie (5)  Ziff. 3 letzter Absatz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ehemalige SPD-Abgeordnete und Privatisierungsgegner mit einem Beinaherfolg beim Hamburger SPD-Parteitag hat einen Brief mit Vorschl&auml;gen und Fragen an die AG der SPD geschrieben. 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