{"id":3136,"date":"2008-04-10T10:24:51","date_gmt":"2008-04-10T08:24:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3136"},"modified":"2015-11-25T17:35:16","modified_gmt":"2015-11-25T16:35:16","slug":"verteilungsbericht-des-dgb-fuer-das-jahr-2008-das-wichtigste-in-kuerze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3136","title":{"rendered":"Verteilungsbericht des DGB f\u00fcr das Jahr 2008. Wir zitieren das Wichtigste in K\u00fcrze"},"content":{"rendered":"<p>Trotz des Konjunkturaufschwungs der Jahre 2006 und 2007 sind nicht nur nach den im vergangenen Jahr vorgelegten Zahlen aus amtlicher Statistik und Forschungsarbeiten unabh&auml;ngiger Institute, sondern auch nach dem Empfinden der breiten Mehrheit der Bundesb&uuml;rger die Unterschiede zwischen Arm und Reich eher gr&ouml;&szlig;er geworden. Nur noch 15 Prozent der Bundesb&uuml;rger sind laut einer repr&auml;sentativen Umfrage der Bertelsmann Stiftung davon &uuml;berzeugt, dass die Einkommensverteilung in Deutschland &bdquo;im Gro&szlig;en und Ganzen gerecht zugeht&ldquo;. Weit mehr als 50 Prozent halten die Einkommensverteilung dagegen f&uuml;r ungerecht. Trotz des kr&auml;ftigen Wirtschaftswachstums der vergangenen zwei Jahre haben sich die Stimmung in der Bev&ouml;lkerung und die Zufriedenheit mit der Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen in Deutschland kontinuierlich verschlechtert. Dies steht in krassem Gegensatz zu Erfahrungen in vorherigen<br>\nAufschwungsphasen, in denen die Mehrheit der Deutschen stets die Einsch&auml;tzung vertrat, die Boomzeiten w&uuml;rden zu mehr Verteilungsgerechtigkeit beitragen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nSeit Anfang der 1990er Jahre wurde der so genannte neutrale Verteilungsspielraum (Preissteigerung + Produktivit&auml;t) lediglich einmal &uuml;berschritten bzw. ausgesch&ouml;pft. <strong>Die Reallohnentwicklung stagniert deshalb seit Jahren.<\/strong> Die gesamtwirtschaftlichen Tariflohnsteigerungen sind im Jahr 2007 mit 2,2 Prozent<br>\ngenau so hoch ausgefallen wie die Inflationsrate (ebenfalls 2,2 %). Selbst im Boomjahr 2007 konnten die Besch&auml;ftigten keine Reallohnzuw&auml;chse f&uuml;r sich verbuchen.<\/p><p>Die Entwicklung der Netto-Reall&ouml;hne ist zwischen 1991 und 2007 zum Stillstand gekommen. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben in absoluten Geldbetr&auml;gen betrachtet sowie unter Ber&uuml;cksichtigung der auf den nominalen Einkommen noch entrichteten Abgaben (Lohnsteuer, Beitr&auml;ge zur Sozialversicherung) preisbereinigt leichte reale Einkommensverluste zu verzeichnen: <strong>W&auml;hrend ein Arbeitnehmer im Jahr 1991 ein durchschnittliches Monatsnettogehalt von 1.141 Euro hatte, war dieses Monatsnettogehalt im Jahr 2007 preisbereinigt nur noch 1.135 Euro wert, die Kaufkraft<br>\nist somit real zur&uuml;ckgegangen.<\/strong><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20080410_01.gif\" alt=\"Lohn- und Gehaltsentwicklung seit 2000\" title=\"\"><\/p><p><strong>Die ostdeutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hatten auch im Jahr 2007 einen nach wie vor f&uuml;r sie ung&uuml;nstigeren Lohnabstand bei den Effektivl&ouml;hnen zu den westdeutschen Arbeitnehmern.<\/strong> W&auml;hrend die Tarifl&ouml;hne in Ostdeutschland mit 95,2 Prozent im Jahr 2007 immer noch nicht das Niveau Westdeutschlands erreicht haben, sieht es bei der Angleichung der ostdeutschen Effektivl&ouml;hne noch unausgeglichener aus. Das ostdeutsche Effektivlohnniveau variiert zwischen ca. 70 % des Westniveaus im produzierenden Gewerbe und knapp 87 % des Westniveaus in der Branche Bergbau. und Gewinnung von Steinen und Erden.<\/p><p>Es sei zudem eine wachsende L&uuml;cke zwischen den Effektivl&ouml;hnen und den Tarifl&ouml;hnen zu verzeichnen: Die Entwicklung der Tarifl&ouml;hne verlief mit 21,8 % zu 11,3 % doppelt so stark wie die Zunahme der<br>\nEffektivl&ouml;hne. Die wichtigsten Ursachen hier f&uuml;r seien: <\/p><ul>\n<li>Tariflose Zust&auml;nde in etlichen Wirtschaftsbereichen<\/li>\n<li>Tarifliche &Ouml;ffnungsklauseln und der wachsende Druck auf Arbeitslose auch niedrig entlohnte T&auml;tigkeiten anzunehmen.<\/li>\n<li>Die Hartz-Gesetze h&auml;tten ma&szlig;geblich zum Auseinanderklaffen beigetragen<\/li>\n<li>Der zunehmende Abbau &uuml;bertariflicher Leistungen senke das Lohnniveau<\/li>\n<li>Die weiter nachlassende Tarifbindung der Unternehmen z.T. durch Austritte aus den Arbeitgeberverb&auml;nden.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Deutsche Manager haben in den letzten 11 Jahren ihren Verdienst im Verh&auml;ltnis zu einem Facharbeiter im selben Betrieb vom urspr&uuml;nglichen 19-fachen Verdienst 1996 auf den 44-fachen Verdienst im Jahr 2006 gesteigert.<\/strong><\/p><p>Auch die Studie des DIW zur Geld- und Realverm&ouml;gensverteilung in Deutschland weist erhebliche Ungleichheiten nach: W&auml;hrend etwa zwei Drittel aller erwachsenen Deutschen nur &uuml;ber ein geringes oder &uuml;berhaupt kein Verm&ouml;gen verf&uuml;gen, konzentriert sich der gr&ouml;&szlig;te Teil des Verm&ouml;gens auf reiche Bev&ouml;lkerungsschichten:<br>\n<strong>Die reichsten 10 % der &uuml;ber 17j&auml;hrigen Personen in Deutschland besitzen fast 60 % des gesamten Verm&ouml;gens. Auf das oberste Prozent allein entfallen sogar mehr als 20 % des gesamten Verm&ouml;gens.<\/strong><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20080410_02.gif\" alt=\"Individuelles Netto-Verm&ouml;gen nach Dezilen in Deutschland 2002\" title=\"\"><\/p><p>Das Nettogesamtverm&ouml;gen (ohne Sachverm&ouml;gen) der Deutschen &uuml;ber 17 Jahre betr&auml;gt auf Basis der Daten aus dem SOEP f&uuml;r 2002 4,5 Billionen Euro. Dem Brutto-Verm&ouml;gen von 6,5 Millionen Euro stehen Verbindlichkeiten, d. h. Schulden der privaten Haushalte, in H&ouml;he von 1,1 Billionen Euro, gegen&uuml;ber. Den gr&ouml;&szlig;ten Bestandteil machen der Grund- und Immobilienbesitz mit 4,5 Billionen Euro aus (vgl. DIW Berlin Wochenbericht Nr. 45\/2007, Seite 667).<br>\nSomit verf&uuml;gt jeder Bundesb&uuml;rger &uuml;ber 17 Jahre &uuml;ber ein Nettogesamtverm&ouml;gen im Durchschnitt (arithmetisches Mittel) in H&ouml;he von knapp 81.000 Euro). Der Median oder der Zentralwert des Verm&ouml;gens, der eine Grenze zwischen zwei H&auml;lften bezeichnet, liegt hingegen &uuml;ber 15.000 Euro. Das hei&szlig;t, die &auml;rmere H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung verf&uuml;gt &uuml;ber weniger als 15.000 Euro Verm&ouml;gen.<\/p><p>Eine derartige Konzentration von Verm&ouml;gen ist f&uuml;r Gewerkschaften aus verschiedenen Gr&uuml;nden nicht akzeptabel. Die Konzentration von Verm&ouml;gen auf Wenige beinhaltet immer auch die Gefahr des Missbrauches der daraus erwachsenen Macht. Sie ist damit auch eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie. Gro&szlig;e Unterschiede in der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung bedeuten ferner weniger Chancengleichheit auf vielen Feldern der Politik, angefangen von der Ausstattung mit Bildung und Wissen bis hin zu lebensstandarderhaltenden Alterseinkommen.<\/p><p>Die beschriebene Verm&ouml;gensverteilung ist auch vor dem Hintergrund zunehmend wichtiger werdender privater Altersvorsorge ein verteilungspolitischer Skandal. Wer keine Spielr&auml;ume zur privaten Altersvorsorge hat, wer kein Verm&ouml;gen w&auml;hrend seiner Lebens-Erwerbsarbeitszeit aufbauen kann, ger&auml;t im Alter schneller in die Gefahr, unter Altersarmut leiden zu m&uuml;ssen. Wenn zwei Drittel der Deutschen &uuml;ber 17 Jahren &uuml;ber kein bzw. kaum Verm&ouml;gen verf&uuml;gen, ist jeder Aufruf zur privaten Altersvorsorge ein sozialpolitischer Drahtseilakt.<\/p><p>Im Gegensatz zu den sinkenden Reall&ouml;hnen, der ungerechten Verteilung von Verm&ouml;gen und dem nach wie vor unterschiedlichen Tarifniveaus zwischen Ost und Westdeutschland sind die Gewinne der Unternehmen und die privaten Verm&ouml;genseinkommen in rasantem Tempo gestiegen.<\/p><p><strong>Gesamtwirtschaftlich betrachtet sind die Brutto-Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen<br>\nseit Anfang dieses Jahrzehnts (2000-2007) um 42,7 Prozent gestiegen, w&auml;hrend die Brutto-Arbeitnehmerentgelte nur um 10,8 Prozent angewachsen sind.<\/strong><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20080410_03.gif\" alt=\"Arbeitnehmerentgelt, Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen in Deutschland\" title=\"\"><\/p><p>Die Brutto-Unternehmensgewinne der Kapitalgesellschaften sind zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2006 mit durchschnittlich 7,5 % pro Jahr gewachsen. Auch die Nettogewinne der Kapitalgesellschaften sind bedingt auch durch die einseitige Steuerentlastung der Unternehmen weiter gestiegen.<\/p><p><strong>Die OECD hat f&uuml;r Deutschland die niedrigste effektive Steuerbelastung f&uuml;r Kapitalgesellschaften in allen OECD-L&auml;ndern nachgewiesen.<\/strong><\/p><p>Auch in ihrem j&uuml;ngsten Steuervergleich sieht die OECD die effektive Steuerbelastung deutscher Kapitalgesellschaften im internen Ranking unter den OECD-L&auml;ndern auf dem letzten Platz.<br>\nDie OECD ermittelt hierbei die Steuerbelastung der Kapitalgesellschaften anhand ihres prozentualen Bestandteils des Steueraufkommens am Bruttoinlandsprodukt.<br>\nHier kommt Deutschland f&uuml;r das Jahr 2005 mit 1,7 Prozent auf den niedrigsten Wert aller OECD-L&auml;nder. Der Schnitt der europ&auml;ischen OECD-L&auml;nder liegt bei 3,5 Prozent.<\/p><p>Mit Einschr&auml;nkung derjenigen Klein- und Einzelunternehmern, die stark unter der chronischen Nachfrageschw&auml;che im Inland leiden, geht es den deutschen Unternehmen, auch denen des Mittelstandes, seit vielen Jahren in Folge ausgezeichnet. <\/p><p><strong>Gewerkschaftliche Forderungen:<\/strong><\/p><p><strong>Aus all den aufgef&uuml;hrten verteilungspolitischen Ungleichgewichten leiten sich folgende gewerkschaftliche Forderungen f&uuml;r eine wirtschaftspolitisch vern&uuml;nftige und gerechtere Verteilungspolitik in Deutschland ab:<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Die Umverteilung der gesamtwirtschaftlich erzielten Einkommen zu Lasten der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten, aber auch der Arbeitslosen und Sozialleistungsempf&auml;nger muss beendet werden.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Fallende Reall&ouml;hne sind kein Stimulus f&uuml;r den Konsum. Daher sind Lohnerh&ouml;hungen dringend erforderlich, um der Binnenkonjunktur eine sich selbst tragende und nachhaltige Dynamik zu verleihen. Der DGB unterst&uuml;tzt deswegen eine Tariflohnpolitik, die mindestens den Spielraum aus Produktivit&auml;tssteigerung und Preisentwicklung aussch&ouml;pfen will.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Deutschland hat kein Arbeitskostenproblem. Die preisliche Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Volkswirtschaft hat sich fortlaufend verbessert. Der von Deutschland ausgehende Lohnkostensenkungswettlauf zwischen den Euro-L&auml;ndern muss beendet werden. Er f&uuml;hrt auf Dauer zu einer deflation&auml;ren Entwicklung und gef&auml;hrdet die wirtschaftliche Stabilit&auml;t der Europ&auml;ischen Union!<\/strong><\/li>\n<\/ul><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20080410_04.gif\" alt=\"Arbeitskosten je geleistete Arbeitsstunde in der Privatwirtschaft\" title=\"\"><\/p><p>(Die Arbeitskosten je Erwerbst&auml;tigenstunde variieren in Deutschland zwischen dem Verarbeitenden Gewerbe und dem privaten Dienstleistungssektor. W&auml;hrend die Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe mit knapp 31 Euro pro Stunde im Jahr 2006 weit &uuml;ber dem Euroraum-Durchschnitt von 27 Euro je Stunde in diesem Sektor lagen, betrugen die Arbeitskosten je geleistete Arbeitsstunde im privaten Dienstleistungsbereich in Deutschland nur 24,47 Euro. Im privaten Dienstleistungssektor lag die durchschnittliche H&ouml;he der Arbeitskosten im Euroraum bei 24,07 Euro.<br>\n&bdquo;Anders als in den &uuml;brigen EU-L&auml;ndern besteht in Deutschland eine erhebliche Diskrepanz zwischen der H&ouml;he der Arbeitskosten in der Industrie und im privaten Dienstleistungssektor&ldquo; (IMK Report 2007 Nr. 22; S. 6).)<\/p><ul>\n<li><strong>Deutschland braucht dort, wo tarifliche Regelungen und Regelungen &uuml;ber die Ausweitung des Entsendegesetzes nicht greifen, den gesetzlichen Mindestlohn in H&ouml;he von mindestens 7,50 Euro pro Stunde. L&ouml;hne unterhalb von 7,50 Euro sind nicht existenzsichernd und bedeuten vorprogrammierte Altersarmut.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Das Mindestarbeitsbedingungengesetz (MiAG) sollte weitergehend ver&auml;ndert werden. Der DGB h&auml;lt es f&uuml;r nicht sachgerecht, dass nach dem Entwurf des MIAG ein Hauptausschuss &uuml;ber die Frage entscheiden soll, ob Mindestl&ouml;hne in einer Branche notwendig sind, der weder mit aktiven Arbeitgeber- noch Gewerkschaftsvertretern besetzt werden darf. Die aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Kenntnisse der Sozialpartner d&uuml;rfen hier nicht fehlen. Schlie&szlig;lich wird die Festlegung von Mindestl&ouml;hnen &uuml;ber das MiAG nur dann akzeptable Lohnh&ouml;hen aufweisen k&ouml;nnen, wenn flankierend ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn eine untere Grenze bereits festlegt, auf deren Basis L&ouml;hne nach dem MiAG aufbauen k&ouml;nnen.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Der Rentenversicherung wird durch niedrige L&ouml;hne Geld entzogen. Auch vor diesem Hintergrund ist ein gesetzlicher Mindestlohn sinnvoll.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Notwendig ist vor allem aber auch der Erhalt der umlagefinanzierten gesetzlichen, solidarischen Altersrente, um zu verhindern, dass im gro&szlig;en Umfang Altersarmut auftritt.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Die Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen werden nach wie vor steuerlich deutlich besser gestellt als die Eink&uuml;nfte aus abh&auml;ngiger Besch&auml;ftigung. Deswegen fordert der DGB eine Steuerpolitik, die die Spitzeneinkommensbezieher &ndash; und das sind nicht nur die Manager der gro&szlig;en Kapitalgesellschaften &ndash; st&auml;rker in Anspruch nimmt. Wie die andauernden hohen Unternehmensgewinne zeigen, war auch eine grundlegende Entlastung der Unternehmen durch Senkung der Steuers&auml;tze nicht erforderlich. Die deutschen Unternehmen sind im internationalen Vergleich auf breiter Front gut aufgestellt. Wenn Vertreter der Wirtschaft sagen, dass die derzeit<br>\nsteigenden Energiepreise oder der Anstieg des Euro von den Unternehmen gut verkraftet werden k&ouml;nnen, w&uuml;rden sie auch an einer h&ouml;heren Besteuerung nicht zugrunde gehen.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Ebenso wenig gibt es keine stichhaltigen Beweise f&uuml;r die These, dass die deutsche Wirtschaft im internationalen Wettbewerb mit sog. Niedrigsteuerl&auml;ndern nicht mithalten kann. Wie vielmehr Zahlen der OECD und der EU zeigen, f&auml;llt die effektive Steuerbelastung der deutschen Unternehmen im Vergleich zu den Wettbewerbsl&auml;ndern verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gering aus. Trotzdem haben sich die Gewerkschaften in der Vergangenheit nicht generell gegen nominelle Steuersatzsenkungen ausgesprochen. Sie haben aber stets verlangt, dass diese Entlastungen dann durch eine konsequente Verbreiterung der Bemessungsgrundlage sprich Abbau<br>\nvon Steuerverg&uuml;nstigungen jedweder Art selbst getragen werden m&uuml;ssen. Diesem vern&uuml;nftigen Grundsatz ist die Bundesregierung jedoch nicht gefolgt. Stattdessen ist sie bei der Unternehmensteuerreform bereit, dauerhaft auf einen Steuerausfall von bis zu 10 Mrd. Euro j&auml;hrlich zu verzichten.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Der DGB fordert des Weiteren die Reaktivierung der bis 1996 von allen Regierungen gleich welcher parteipolitischen Couleur erhobenen Verm&ouml;gensteuer. Es kann nicht angehen, dass die einzigen Verm&ouml;gensteuerzahler in Deutschland die Hartz IV-Empf&auml;nger sind, die erst dann staatliche Unterst&uuml;tzung bekommen, wenn sie zuvor gro&szlig;e Teile ihres privaten Verm&ouml;gens aufgebraucht haben.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Der DGB findet es auch mehr als nur befremdlich, dass bei der Erbschaftsteuer die jahrelange Unterbewertung von Immobilien und Betriebsverm&ouml;gen, die vom Bundesverfassungsgericht wie zu erwarten als verfassungswidrig deklariert worden ist, f&uuml;r die bisher Beg&uuml;nstigten bei der Erbschaftsteuerreform die Folge haben soll, dass sie ab 2009 noch st&auml;rker beg&uuml;nstigt werden. Auch hier verzichtet der Staat, wie bei der Verm&ouml;gensteuer, auf etliche Milliarden Euro Steuereinnahmen, die den Betroffenen nicht wehtun, die aber f&uuml;r die Bestreitung wichtiger &ouml;ffentlicher Aufgaben, wie z. B. die Verbesserung der Bildungssituation und der &ouml;ffentlichen Verkehrsinfrastruktur, bitter notwendig sind.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Die Neuregelung bei der Pendlerpauschale, die Fahrten zwischen Wohn- und Arbeitsort erst ab dem 21. Kilometer als Werbungskosten abzugsf&auml;hig macht, belastet die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit j&auml;hrlich rund 3 Mrd. Euro. Die Bundesregierung sollte nicht bis zur endg&uuml;ltigen Kl&auml;rung der Verfassungskonformit&auml;t der ver&auml;nderten Pendlerpauschale vor dem Bundesverfassungsgericht in 2008 warten, sondern die unsoziale und einseitige Belastung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch die sofortige R&uuml;ckkehr zur alten Regelung bei der Pendlerpauschale beenden.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Die H&ouml;he der Vorstandsverg&uuml;tungen in den gro&szlig;en Unternehmen ist verteilungspolitisch nicht zu rechtfertigen und gef&auml;hrdet den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Die variablen Verg&uuml;tungsbestandteile sollen deshalb nicht den Gro&szlig;teil des Gesamtgehaltes ausmachen. Auch ist die Begrenzung und Kontrolle wirtschaftlicher Macht notwendiger denn je.<\/strong><\/li>\n<\/ul><p>Es ist Zeit f&uuml;r eine wirtschaftspolitische und das hei&szlig;t auch lohn- und verteilungspolitische Wende! Kr&auml;ftige Tariflohnerh&ouml;hungen k&ouml;nnen ein erster Schritt zu einer Trendumkehr zu mehr Verteilungsgerechtigkeit sein. Die ersten Ergebnisse in der Stahlindustrie (5,2 % Tariflohnsteigerungen) geben Anlass zur Hoffnung, dass die Tarifrunde 2008 ihren Beitrag zu einer Trendumkehr leisten kann.<\/p><p>Die Gewerkschaften werden auch in Zukunft weiter versuchen, mit Hilfe kr&auml;ftiger Tariflohnpolitik daf&uuml;r zu sorgen, dass der Verm&ouml;gensaufbau auch bei den Arbeitnehmern ankommt. Die Erfahrung &uuml;ber Jahrzehnte Tarifpolitik hat allerdings auch gezeigt, dass eine grunds&auml;tzlich andere Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung gegen&uuml;ber den klassisch Reichen und zu Lasten des Kapitals kaum m&ouml;glich war. <\/p><p>Dennoch: Zuk&uuml;nftige Lohnsteigerungen sollten mindestens einen Inflationsausgleich und den Produktivit&auml;tsanstieg ber&uuml;cksichtigen. Eine zus&auml;tzliche Umverteilungskomponente ist dar&uuml;ber hinaus in besonders prosperierenden Wirtschaftszweigen denkbar. Mitarbeiterbeteiligungsmodelle k&ouml;nnen eine Erg&auml;nzung sein. Sie d&uuml;rfen kr&auml;ftige Tariflohnsteigerungen jedoch nicht ersetzen, sondern sind als zus&auml;tzliche Komponente denkbar. Insgesamt bleibt es dabei, dass gro&szlig;e Verm&ouml;gen st&auml;rker zur Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben herangezogen werden m&uuml;ssen.<\/p><p>Durch versch&auml;rfte Ungleichheiten steht der Zusammenhalt unserer Gesellschaft auf dem Spiel. Eine zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft in Reiche und Arme, Besch&auml;ftigte und Arbeitslose sowie Gesunde und Kranke darf sich Deutschland als sozialer Rechtstaat nicht leisten. Der soziale Zusammenhalt der Bundesrepublik muss bewahrt werden: Eine Gesellschaft, in der alle Bundesb&uuml;rger<br>\nam erwirtschafteten Erfolg partizipieren, in der alle Rechte und Pflichten haben, in der Vor- und Nachteile gemeinsam getragen werden, und eine Gesellschaft, in der Lasten und Aufgaben gerecht verteilt sind.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dgb.de\/2008\/04\/04_verteilungsbericht.htm\/?portal_skin=Printable\">DGB<\/a><br>\nHier finden Sie die Langfassung zum Herunterladen.<\/p><p><strong>Anmerkung AM\/WL:<\/strong> Wir fragen uns, warum sich der Verteilungsbericht des DGB bei zur&uuml;ckliegenden Wachstumsraten von maximal 2,9 (2006) und im letzten Jahr von 2,5 Prozent der g&auml;ngigen Euphorie anschlie&szlig;t und von einem &bdquo;kr&auml;ftigen Wachstum&ldquo; oder gar von einem &bdquo;Boom&ldquo; redet. <\/p><p>Diese Darstellung ist prototypisch f&uuml;r die Argumentation des Mainstreams. Man vergleicht das Wachstum der vergangenen 2 Jahre mit dem Wachstum seit 1992 und kann dann feststellen, dass die 2,5% oberhalb des langj&auml;hrigen Durchschnitt von 1,5% gelegen haben. Dann sieht alles ganz sch&ouml;n robust aus, vor allem wenn man verschweigt, dass die vergangenen 15 Jahre f&uuml;r Deutschland nahezu vollst&auml;ndig eine Phase der Stagnation waren. (<a href=\"?p=1940\">Vgl. Tabelle<\/a>, diese Tabelle zeigt, dass Booms, wie z.B. bei uns zwischen 1988 und 1991 und in anderen L&auml;ndern in den neunziger Jahren anders aussehen, als die leichte wirtschaftliche Erholung hierzulande in den vergangenen zwei Jahren.)<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20080410_05.gif\" alt=\"Wirtschaftswachstum\" title=\"\"><\/p><p>Wenn man jedoch beachtet, dass wir auf eine mindestens dreizehnj&auml;hrige Schw&auml;cheperiode zur&uuml;ckschauen, mit durchschnittlich nur 1,2% realem Wachstum seit 1993, dann leuchtet sofort ein, dass wir einen enormen Nachholbedarf haben, dass wir unterausgelastete Kapazit&auml;ten haben; die hohe Arbeitslosigkeit ist der beste Beleg daf&uuml;r. In anderen L&auml;ndern, die einen wirklichen Aufschwung schafften, waren mehrmals reale Wachstumsraten um die 3-4% n&ouml;tig, um den Durchbruch zu erzielen und eine positive Wirkung f&uuml;r die Besch&auml;ftigung, die Minderung der Arbeitslosigkeit und den Schuldenabbau zu erreichen.<\/p><p>Wenn man noch bedenkt, dass die Zuwachsrate der Arbeitsproduktivit&auml;t j&auml;hrlich ungef&auml;hr 1,5% ausmacht, dass also ein Wachstum in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung sich nicht in neue Arbeitspl&auml;tze umsetzt, dann erkennt man sofort, dass die jetzt avisierten Wachstumsraten f&uuml;r 2008 zwischen 1,7% (Bundesregierung) und 1,5% (IMK) alles andere als robustes Wachstum darstellen. Wir br&auml;uchten mehrmals hintereinander 3% oder mehr, um wirklich aus dem tiefen Loch herauszukommen, in dem sich unsere Volkswirtschaft seit 1993 befindet.<\/p><p>Diese  unterschiedliche Beurteilung ist keineswegs nur ein Streit um statistische Werte, sondern in der Sache. Der Verteilungsbericht des DGB kann die Entwicklung bei der Einkommensverteilung nicht richtig erkl&auml;ren, wenn er nicht in Rechnung stellt, dass der Arbeitsmarkt angesichts der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung v&ouml;llig unausgeglichen ist.<br>\nDie Gewerkschaften und die Arbeitnehmer sind, wie die Vermehrung der Niedrigl&ouml;hne und der prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnisse zeigt, immer noch in einer vergleichsweise schlechten Verhandlungsposition. Das ist eine der Hauptursachen f&uuml;r die in dem Bericht diagnostizierten Reallohnverluste und die zunehmend ungleiche Verteilung. Deshalb konnte die Lohnquote von 72,2 im Jahre 2000 auf 64,6 Prozent im Jahre 2007 (trotz eines angeblichen &bdquo;Booms&ldquo;) absinken.<\/p><p>Deshalb bleiben auch die Forderungen des DGB nach Lohnerh&ouml;hungen oder nach einem Mindestlohn auf halbem Wege stehen. Sie k&ouml;nnen von der Unternehmerseite unter Hinweis auf die Abschw&auml;chung des Wachstums schon in diesem Jahr gekontert werden. <\/p><p>Was fehlt sind Forderungen nach einer wachstumsf&ouml;rdernden Wirtschschaftspolitik, also  etwa nach einem Investitionsprogramm, wie es etwa ver.di fordert. Gerade in der derzeitigen labilen wirtschaftlichen Situation w&auml;ren (binnen-)konjunkturstabilisierende Ma&szlig;nahmen ausgesprochen wichtig und schon deshalb f&uuml;hrt die Behauptung von einem &bdquo;kr&auml;ftigen Wachstum&ldquo; in die falsche Richtung. <\/p><p>Weil die Wirtschafts- und Finanzpolitik au&szlig;en vor bleibt, fehlt auch ein kritisches Wort zu den rigorosen Sparversuchen des Finanzministers, auch die Geldpolitik der Zentralbanken kommt im Bericht nicht vor. So fehlt auch eine Aussage zu den Warnungen des EZB-Chefs Trichet zu den angeblich zu hohen Lohnabschl&uuml;ssen in Deutschland. <\/p><p>Die u.E. zumindest unzureichende Beurteil der wirtschaftlichen Situation ist somit kein nebens&auml;chlicher Aspekt, die nach wie vor schwache Konjunktur ist im Gegenteil eine der Hauptursachen der zunehmenden Ungleichverteilung und vor allem auch der Finanzierungsprobleme der sozialen Sicherungssysteme. &Uuml;ber die Tarifpolitik und &uuml;ber steuerpolitische Forderungen alleine kann eine &bdquo;verteilungspolitische Wende&ldquo; nicht erreicht werden. Der DGB sollte sich zumindest zus&auml;tzlich f&uuml;r eine Wende in der Wirtschafts- und Geldpolitik einsetzen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz des Konjunkturaufschwungs der Jahre 2006 und 2007 sind nicht nur nach den im vergangenen Jahr vorgelegten Zahlen aus amtlicher Statistik und Forschungsarbeiten unabh&auml;ngiger Institute, sondern auch nach dem Empfinden der breiten Mehrheit der Bundesb&uuml;rger die Unterschiede zwischen Arm und Reich eher gr&ouml;&szlig;er geworden. Nur noch 15 Prozent der Bundesb&uuml;rger sind laut einer repr&auml;sentativen Umfrage<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3136\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,132,157],"tags":[290,517,319,317,575,324,291],"class_list":["post-3136","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-binnennachfrage","tag-dgb","tag-lohnentwicklung","tag-mindestlohn","tag-ostdeutschland","tag-tarifvertraege","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3136"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29031,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3136\/revisions\/29031"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}