{"id":31407,"date":"2016-02-19T08:58:46","date_gmt":"2016-02-19T07:58:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31407"},"modified":"2019-07-09T11:19:15","modified_gmt":"2019-07-09T09:19:15","slug":"aufruf-zur-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31407","title":{"rendered":"Aufruf zur Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem j&uuml;ngst erschienenen <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/wer-fluechtet-schon-freiwillig-katja-kipping.html\">Buch<\/a> pl&auml;diert LINKE-Politikerin Katja Kipping f&uuml;r eine offenere Gesellschaft, die vor allem in Zeiten wie diesen, sprich, Zeiten, in denen Hunderttausende von Menschen im Nahen Osten vor Krieg und Zerst&ouml;rung fliehen, zusammenhalten muss. Dabei zeigt sie nicht nur Alternativen zum gegenw&auml;rtigen Status Quo auf, sondern erinnert auch an Fluchtursachen, die so manch ein Regierender schon l&auml;ngst verdr&auml;ngt hat. Von <strong>Emran Feroz<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31407#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160219_kipping200.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>&bdquo;Wer fl&uuml;chtet schon freiwillig?&ldquo;, lautet der simple Titel von Kippings Buch, welches vor Kurzem erschienen ist. Es ist diese Frage, die nicht nur kurz und pr&auml;gnant, sondern auch berechtigt ist &ndash; und die in diesen Tagen zu selten gestellt wird. Dabei trifft sie den Kern der gegenw&auml;rtigen Diskussion, ja der sogenannten &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo;, wie das Szenario von hiesigen Medien und Politikern genannt wird. Denn egal aus welchem Erdteil ein Mensch kommt, irgendwo liegt seine Heimat. Und diese verl&auml;sst nun mal niemand freiwillig, es sei denn man wird von den jeweiligen Umst&auml;nden gezwungen. <\/p><p>Genau diese Umst&auml;nde sind gegenw&auml;rtig in vielen L&auml;ndern der Welt der Fall. Sei es in Syrien, wo sich mittlerweile &ndash; salopp ausgedr&uuml;ckt &ndash; die halbe Welt auf Kosten der Syrer bekriegt und tagt&auml;glich nicht davor zur&uuml;ckschreckt, Zivilisten, Krankenh&auml;user und Schulen zu bombardieren oder in Afghanistan, wo nicht nur seit 2001 Krieg herrscht, sondern schon in den zwei Jahrzehnten zuvor. Laut dem j&uuml;ngsten Bericht der Vereinten Nationen wurden allein im Jahr 2015 mindestens 11.000 Zivilisten am Hindukusch get&ouml;tet oder verletzt. <\/p><p>&Auml;hnliche Zust&auml;nde sind auch im Jemen anzutreffen, wo nun seit fast einem Jahr ein weiterer Krieg herrscht, der vor allem seitens Saudi-Arabiens angezettelt wurde und mittlerweile Tausenden von Menschen das Leben gekostet hat. Dass die Saudis dort unter anderem auch mit deutschen Waffen morden und somit neue Fluchtwellen produzieren, ist bekannt. Nur gesprochen wird dar&uuml;ber nicht. Katja Kipping tut es, indem sie auf diese imperiale und militaristische Au&szlig;enpolitik, die zum Dauerzustand geworden ist, aufmerksam macht. Wer Waffen s&auml;t, erntet Fl&uuml;chtlinge, hei&szlig;t es immer wieder. Der Satz k&ouml;nnte bei der Bundesrepublik, einem der gr&ouml;&szlig;ten Waffenexporteuren der Welt, gar nicht treffender sein. <\/p><p><strong>Konstrukt des Wirtschaftsfl&uuml;chtlings<\/strong><\/p><p>Ein weiterer Punkt, der von der Autorin ausf&uuml;hrlich beleuchtet wird, ist jener des sogenannten Wirtschaftsfl&uuml;chtlings. Obwohl der Begriff mittlerweile nicht nur zum Stammjargon rechtskonservativer Politiker geh&ouml;rt, scheint nie klar zu sein, was ein Wirtschaftsfl&uuml;chtling ist &ndash; und inwiefern er anderen Gefl&uuml;chteten nachsteht. Oft wird n&auml;mlich der Eindruck erweckt, dass Menschen, die aufgrund finanzieller Probleme ihre Heimat verlassen haben, gar keine richtigen Fl&uuml;chtlinge sind. Sie kommen nur, so scheint es, um von den sozialen Systemen westlicher Staaten zu profitieren &ndash; und geh&ouml;ren deshalb nicht hierher. Es ist zur Praxis geworden, zwischen &bdquo;guten&ldquo; und &bdquo;falschen&ldquo; Fl&uuml;chtlingen zu unterscheiden, wie Kipping erl&auml;utert. <\/p><p>&#8232;Einerseits muss klargestellt werden, dass wirtschaftspolitische Entscheidungen ein bedeutender Teil des gesamten politischen Systems eines Staates sind. Wenn eine Regierung in dieser Hinsicht versagt &ndash; aus was f&uuml;r Gr&uuml;nden auch immer &ndash; und B&uuml;rger sich gezwungen sehen aufgrund ihrer finanziellen Not das Land zu verlassen, dann haben die Gr&uuml;nde einen politischen Ursprung. Auch Wirtschaftsfl&uuml;chtlinge sind politische Fl&uuml;chtlinge. Andererseits sind f&uuml;r die wirtschaftliche Lage ebenjener L&auml;nder, zum Beispiel vieler afrikanischer Staaten, in erster Linie die reichen, westlichen Industrienationen, die in ihrem Ausbeutungswahn seit Jahrzehnten vor nichts und niemandem halt machen, verantwortlich. Das beste Beispiel hierf&uuml;r ist die t&auml;gliche &Uuml;berfischung vor den K&uuml;sten Afrikas, die seitens der EU nicht nur geduldet, sondern auch gef&ouml;rdert wird. Dass durch eine solche Politik einem somalischen Fischer jegliche Lebensgrundlagen genommen werden, ger&auml;t in den Hintergrund. Doch wehe, er schafft es auf irgendeine Art und Weise nach Europa und will sich hier ein neues Leben aufbauen. <\/p><p>In diesem Kontext sollten auch Klimafl&uuml;chtlinge, die im gegenw&auml;rtigen Diskurs kaum beachtet werden, erw&auml;hnt werden. Dass es diese gibt, steht zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt, sprich, in Zeiten von CO&sup2;-Emissionen und Erderw&auml;rmung, au&szlig;er Frage. Einen klaren rechtlichen Status genie&szlig;en sie allerdings bis heute nicht. Auch in diesem Punkt stehen die westlichen Industrienationen in der Verantwortung. Denn sie sind es, die rund um den Globus, ganz im Interesse der neoliberalen Doktrin, eine katastrophale Umwelt kreieren, die letztendlich nicht mehr bewohnbar sein wird &ndash; und weitere Migrationswellen erzeugen wird, die heute schon teils im Gang sind. Interessanterweise hebt Kipping hervor, dass die Folgen des Klimawandels in naher Zukunft auch die Menschen in den Industrienationen massiv betreffen und zu ungewohnten Fluchtbewegungen f&uuml;hren k&ouml;nnten, etwa wenn die Europ&auml;er pl&ouml;tzlich vor den Toren Afrikas stehen, wie es in einigen apokalyptischen Hollywood-Katastrophen-Filmen der Fall ist. <\/p><p><strong>Die Gesellschaft muss sich neu erfinden<\/strong><\/p><p>Obwohl Kipping in einigen Punkten tiefer h&auml;tte gehen k&ouml;nnen &ndash; etwa inwiefern der radikale Fanatismus in Nahost sowie der Rechtsextremismus in Europa voneinander abh&auml;ngig sind oder warum der Terror in Frankreich vor allem ein hausgemachtes Problem ist &ndash; ist ihr Grundgedanke, ja ihre Botschaft eindeutig und richtig. Der Westen, Europa, unsere Gesellschaft muss sich neu erfinden. Gegenw&auml;rtig wird dies deutlicher denn jemals zuvor.<\/p><p>Obwohl die Idee des Nationalstaates veraltet und &uuml;berholt zu sein scheint, erlebt sie heute einen neuen Aufschwung. Dieser wird vor allem von kulturk&auml;mpferischen Abendlandsverteidigern und rechten Demagogen und Hasspredigern geleitet, die sich der Sorgen und Unwissenheit vieler B&uuml;rger bewusst sind und diese skrupellos f&uuml;r ihre menschenfeindlichen Zwecke missbrauchen. <\/p><p>Doch dazu kam es nicht von heute auf morgen. Viele Dinge, die zur Zeit in Europa passieren, sind lediglich Symptome. Symptome eines kranken Systems, welches es von Grund auf zu hinterfragen gilt. Die neoliberale Doktrin hat den Menschen entmenschlicht. Sie hat ihn zu etwas gemacht, das es nur zu berechnen gilt. Aus diesem Grund herrschen in diesen Tagen vor allem Zahlen. Wie viel kosten uns die Fl&uuml;chtlinge? Wie viel werden sie uns kosten? Inwiefern wird von ihnen profitiert oder auch nicht? <\/p><p>&#8232;An die menschliche Bereicherung an sich wird dabei kaum gedacht. Dabei ist Migration etwas Menschliches. Es gibt sie seit Menschengedenken. Und da es vor allem Sicherheit und Ordnung ist, wonach der Mensch trachtet, ist sie genauso nachvollziehbar und menschlich wie Flucht. &#8232;&#8232;Doch um sich diesen Umstand klarzumachen, um sich dieser Verantwortung, zu der Katja Kipping aufruft, bewusst zu werden, bedarf es Mut. Mut, der dazu f&uuml;hrt, das bestehende System zu zerschlagen, um es von Grund auf neu aufzubauen. <\/p><p>Wom&ouml;glich bewegen wir uns schon in diese Richtung. Kippings ausf&uuml;hrliche Eindr&uuml;cke von engagierten Fl&uuml;chtlingshelfern, einer auflebenden Zivilgesellschaft und vielen, vielen Menschen, die eben nicht PEGIDA sind, lassen einen optimistischen Blick in die Zukunft wagen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Emran Feroz ist freier Journalist mit &ouml;sterreichisch-afghanischem Migrationshintergrund. Seine Themengebiete sind Naher &amp; Mittlerer Osten, Migration und Europa und die islamische Welt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem j&uuml;ngst erschienenen <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/wer-fluechtet-schon-freiwillig-katja-kipping.html\">Buch<\/a> pl&auml;diert LINKE-Politikerin Katja Kipping f&uuml;r eine offenere Gesellschaft, die vor allem in Zeiten wie diesen, sprich, Zeiten, in denen Hunderttausende von Menschen im Nahen Osten vor Krieg und Zerst&ouml;rung fliehen, zusammenhalten muss. Dabei zeigt sie nicht nur Alternativen zum gegenw&auml;rtigen Status Quo auf, sondern erinnert auch an Fluchtursachen, die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31407\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,208],"tags":[373,1055,1343,304,849,835,1122],"class_list":["post-31407","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-rezensionen","tag-oekonomisierung","tag-fluechtlinge","tag-kipping-katja","tag-kriegsverbrechen","tag-nahrungsmittel","tag-nationalismus","tag-waffenexporte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31407","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31407"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31407\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53239,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31407\/revisions\/53239"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31407"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31407"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}