{"id":31432,"date":"2016-02-19T15:25:56","date_gmt":"2016-02-19T14:25:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31432"},"modified":"2022-06-21T11:00:25","modified_gmt":"2022-06-21T09:00:25","slug":"alle-rentiers-fuer-eine-andere-verteilung-des-reichtums-ein-neues-buch-des-franzoesischen-oekonomen-philippe-askenazy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31432","title":{"rendered":"\u201eAlle Rentiers. F\u00fcr eine andere Verteilung des Reichtums\u201c \u2013 ein neues Buch des franz\u00f6sischen \u00d6konomen Philippe Askenazy"},"content":{"rendered":"<p>In einem Interview mit der franz&ouml;sischen Zeitung &bdquo;Le Monde&ldquo;  spricht der franz&ouml;sische &Ouml;konom Philippe Askenazy, Forschungsdirektor am CNRS, dem nationalen wissenschaftlichen Forschungszentrum in Frankreich, und Mitglied der kritischen &Ouml;konomen-Vereinigung &bdquo;Economistes att&eacute;rr&eacute;s&ldquo; ( &bdquo;Emp&ouml;rte &Ouml;konomen&ldquo;) &uuml;ber sein neues Buch, das gerade erschienen ist und auf deutsch noch nicht vorliegt. Er kritisiert falsche &ouml;konomische Begr&uuml;ndungen f&uuml;r niedrige L&ouml;hne, spricht &uuml;ber die Gr&uuml;nde, warum die Reichen immer reicher werden und setzt sich mit der Frage auseinander, welche Folgen die  multinationalen Konzerne Google, Amazon, Facebook und Apple, auf dem Weg zu neuen Monopolen, f&uuml;r Wirtschaft und Gesellschaft haben. Askenazy pl&auml;diert daf&uuml;r, die Arbeit aufzuwerten gegen die, die sich den Reichtum aneignen, weil sie sich zu den &bdquo;produktivsten&ldquo; erkl&auml;ren. Von <strong>Christoph Habermann<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31432#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Viele meiner &ouml;konomischen Kollegen erkl&auml;ren, eine wachsende Zahl von Besch&auml;ftigten sei wegen fehlender Qualifikation nicht mehr &bdquo;wettbewerbsf&auml;hig&ldquo; in einer durch Globalisierung und st&auml;ndige Innovation gepr&auml;gten Wirtschaft. Nach ihrer Auffassung muss man deshalb die Kosten dieser Art von Arbeit verringern und zugestehen, dass diese Arbeitspl&auml;tze fr&uuml;her oder sp&auml;ter zerst&ouml;rt und durch Roboter und &bdquo;big data&ldquo; ersetzt werden.<\/p><p>Am anderen Extrem sollen &bdquo;neue Arbeitspl&auml;tze&ldquo; entstehen, qualifizierte und gut bezahlte, weil sie zur Wertsch&ouml;pfung beitragen: Unternehmer und Besch&auml;ftige in der digitalen Wirtschaft. Die unterschiedliche &bdquo;nat&uuml;rliche&ldquo; Produktivit&auml;t sei der Grund f&uuml;r die wachsenden Ungleichheiten.<\/p><p>Als Spezialist f&uuml;r Fragen der Arbeit, beobachte ich, dass die Anforderungen und die Fachkenntnisse, die an  Arbeiter gestellt werden, die als &bdquo;unqualifiziert&ldquo; bezeichnet werden, seit mehreren Jahrzehnten st&auml;ndig zunehmen. Gleichzeitig verschlechtern sich ihre Arbeitsbedingungen, die Arbeit wird immer weiter verdichtet, intensiver und unsicherer, was faktisch ihre Wertsch&ouml;pfung erh&ouml;ht. Diese F&auml;higkeiten und diese Beteiligung werden aber nicht anerkannt, weder gesellschaftlich noch was die Bezahlung angeht. H&auml;ufig wird gesagt, dass qualifizierte Besch&auml;ftigte, zum Beispiel Junge mit Diplom einen Abstieg hinnehmen m&uuml;ssen, weil sie unterhalb ihrer Qualifikation besch&auml;ftigt werden. Ich sage, dass diese &bdquo;dequalifizierten&ldquo; Arbeitspl&auml;tze heute in Wirklichkeit eine sehr viel h&ouml;here Qualifikation erfordern, die aber einfach nicht bezahlt wird. Die Arbeitspl&auml;tze heissen so wie fr&uuml;her, sind weiter am unteren Ende der Lohnskala, aber die T&auml;tigkeit ist &uuml;berhaupt nicht mehr die gleiche. Ein Kellner im touristischen Zentrum einer Stadt zum Beispiel muss mehrere Sprachen beherrschen und auch die Technik des elektronischen Bestellsystems: Das sind durchaus Qualifikationen von &bdquo;Diplomierten&ldquo;! Viele &Ouml;konomen sind versessen auf die &bdquo;verborgene&ldquo; Produktivit&auml;t der neuen Technologien, aber nur wenige interessieren sich f&uuml;r die verborgene Produktivit&auml;t angeblich &bdquo;unproduktiver&ldquo; Arbeit , oft Frauenarbeit, die ihre klassischen Instrumente nicht erfassen k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p><p>Auf die Frage nach den Gr&uuml;nden f&uuml;r die immer st&auml;rkere Ungleichverteilung der Einkommen macht Askenazy einen kurzen geschichtlichen R&uuml;ckblick:<\/p><p>&bdquo;Die politische Geschichte der vergangenen vierzig Jahre zeigt, dass bestimmte Gruppen von Besch&auml;ftigten mit Hilfe mehr rechtlicher und institutioneller als &ouml;konomischer Instrumente ihre F&auml;higkeit gest&auml;rkt haben, die &ouml;konomische Rente abzugreifen. Ich nenne das die Ausdehnung des Eigentumsbereichs.<\/p><p>Das Entstehen der Wissens-&Ouml;konomie auf Grundlage der Entwicklungen der Informationstechnologie war eine wirkliche Bedrohung f&uuml;r den traditionellen Kapitalismus, weil ihr Rohstoff &ndash; Wissen, Wissenschaft, Information &ndash; aus Gemeing&uuml;tern besteht, deren Rente an alle verteilt werden kann. Der Kapitalismus hat sich gerettet, indem er die Eigentumsrechte auf immaterielle G&uuml;ter ausgedehnt hat. Ein Beispiel: Die Molek&uuml;le f&uuml;r Arzneimittel waren in Frankreich bis Ende der sechziger Jahre nicht patentierbar. Erst 1996 hat eine europ&auml;ische Richtlinie Eigentumsrechte f&uuml;r Datenbanken begr&uuml;ndet. Zur gleichen Zeit hat man auch Erbgut patentiert.<\/p><p>Dazu kommt die Besonderheit der Wissens&ouml;konomie, die Quellen der Intelligenz und der Wertsch&ouml;pfung in abgegrenzten Gebieten zusammenzuf&uuml;hren wie dem Silicon Valley oder Weltst&auml;dten wie New York, London oder Paris. Rar ist nicht mehr das Geld, das Wissen oder die Computer, sondern&hellip; Grund und Boden. Das Anwachsen der Ertr&auml;ge stammt zum einen Teil aus der Wissensrente, zum anderen Teil aus der Bodenrente, der &auml;ltesten der Welt.&ldquo;<\/p><p>Askenazy widerspricht der verbreiteten Vorstellung, die Selbstst&auml;ndigkeit nehme in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu Lasten abh&auml;ngiger Besch&auml;ftigung zu. Mit Ausnahme der L&auml;nder, in denen es besondere Anreize gibt, gehe die selbstst&auml;ndige Arbeit zur&uuml;ck:<\/p><p>&bdquo;Hinter dem verherrlichenden Reden von den Start up-Unternehmern erleben wir in Wirklichkeit, neben den traditionellen multinationalen Unternehmen, das Entstehen neuer gigantischer Unternehmen, wie der GAFA (Google, Amazon, Facebook, Apple). In Frankreich konzentriert sich ein Drittel aller Arbeitspl&auml;tze im privaten Sektor auf 250 Unternehmen; in den USA sind 40 % der Arbeitspl&auml;tze des privaten Sektors in Unternehmen mit mehr als 1000 Besch&auml;ftigten. <\/p><p>Man spricht von der &bdquo;Uberisierung&ldquo; der Besch&auml;ftigung, aber Uber ist dabei, eines dieser Riesen-Unternehmen zu werden, und die H&auml;lfte seiner franz&ouml;sischen Fahrer sind Angestellte von Transportunternehmen, die Uber als Plattform nutzen, um Kunden zu gewinnen. Auf Airbnb stammt das wachsende Angebot an Zimmern von Vermietungsunternehmen und Dienstleistern im Wohnungsbereich (Wartung und Instandsetzung, Reinigung, Pf&ouml;rtnerdienste).<\/p><p>Es gibt keinen Boom der &bdquo;sharing economy&ldquo;, sondern die Bildung neuer Monopole. Man hat den Eindruck st&auml;ndiger Innovation, aber die Mehrzahl der Neuheiten kommt von den Monopolen, die jede Innovation von anderen auf der wachsenden Zahl von Feldern blockieren, auf denen sie t&auml;tig werden.<\/p><p>Unter diesen Bedingungen geht es, entgegen modischer Illusionen, nicht um die Frage, dass Besch&auml;ftigte ihren &bdquo;eigenen Arbeitsplatz schaffen&ldquo;, sondern darum, wer ihr Arbeitgeber ist. Die traditionellen Gewerkschaften scheinen angesichts dieser neuen Lage paralysiert. Dabei sind die Voraussetzungen f&uuml;r das Aufleben kollektiver Bewegungen gegeben: Da alle Arbeiter sich in abgegrenzten Bereichen konzentrieren, werden die &bdquo;Wertsch&ouml;pfer&ldquo; sehr abh&auml;ngig von all diesen angeblich &bdquo;gering qualifizierten&ldquo; Dienstleistungen.Es ist kein Zufall, dass zwei dieser Bewegungen an typischen Stellen der beiden Renten aufgetreten sind, die ich erw&auml;hnt hatte: der Bodenrente mit den wiederholten Streiks der Zimmerm&auml;dchen des &bdquo;goldenes Dreiecks&ldquo; der grossen Pariser Hotels zwischen 2013 und 2015, und der Wissensrente mit dem Streik der Busfahrer von Google im Silicon Valley 2013. Sie waren unmittelbar erfolgreich und im Anschluss daran viele andere vergleichbare Berufsgruppen (Wartung und Instandsetzung, Reinigung, Gastronomie).<\/p><p>Ein anderes Beispiel: Die gewerkschaftliche Organisierung der Krankenschwestern in den USA in den 2000er Jahren hat zu einer deutlichen Erh&ouml;hung der L&ouml;hne gef&uuml;hrt. Eine der wichtigsten Forderungen dieser Bewegungen ist die Anerkennung einer direkten Weisungsgebundenheit gegen&uuml;ber dem Auftraggeber oder dem Franchisegeber und nicht nur gegen&uuml;ber dem vertraglichen Arbeitgeber, und damit verbunden die M&ouml;glichkeit direkt mit dem entscheidenden Unternehmen zu verhandeln. Die Frage ist derzeit beim Obersten Gericht der USA anh&auml;ngig.&ldquo;<\/p><p>Askenazy sieht die dringende Notwendigkeit die in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsenen Lohnunterschiede zu verringern, weit &uuml;ber Mindestl&ouml;hne hinaus.<\/p><p>&bdquo;Die &uuml;bliche sozialdemokratische Antwort auf die Ungleichheit der Prim&auml;reinkommen (Kapital und Arbeit) besteht darin, dieses Ph&auml;nomen durch eine Sekund&auml;rverteilung<br>\n(Unterst&uuml;tzung und Sozialversicherung) zu korrigieren. Mit einem solchen Programm werden die Sozialdemokraten bei Wahlen regelm&auml;ssig geschlagen oder sie sind zu Koalitionen gezwungen. Das kommt daher, dass sie weiter eine nat&uuml;rliche &bdquo;prim&auml;re&ldquo; Ungleichheit anerkennen; sie akzeptieren eine Form sozialer Gewalt, die ganze Teile der Bev&ouml;lkerung zu &bdquo;Unterst&uuml;tzungsbed&uuml;rftigen&ldquo; macht, und sie stossen auf das Problem der Wahlergebnisse der extremen Rechten, die leichtes Spiel hat zu behaupten, diese Umverteilung nutze nur den Einwanderern.<\/p><p>Deshalb rate ich dazu, neu &uuml;ber das sozialdemokratische Projekt nachzudenken mit klaren Zielen: die Eigentumsrechte begrenzen, die Wertsch&ouml;pfung der angeblich &bdquo;Unproduktiven&ldquo; herausstellen und gleichzeitig die &bdquo;nicht qualifizierten&ldquo; Arbeitspl&auml;tze aufwerten  zum Beispiel in den Lohntabellen der Tarifvertr&auml;ge. Es geht darum, die Arbeit aller aufzuwerten, nicht nur jener, die in der Lage sind, sich im politischen, medialen und juristischen Bereich Geh&ouml;r zu verschaffen.&ldquo;<\/p><p>Auf deutsch liegt von Philippe Askenazy das gemeinsam mit anderen  geschriebene  &bdquo;Manifest emp&ouml;rten &Ouml;konomen&ldquo;  im pad-Verlag vor (vgl. Hinweise der Nachdenkseiten vom 28. Oktober 2011). <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Christoph Habermann<\/strong> war u.a. stellvertretender Chef des Bundespr&auml;sidialamtes in der Amtszeit von Bundespr&auml;sident Johannes Rau, von Ende 2004 bis 2007 war er Staatssekret&auml;r im S&auml;chsischen Staatsministerium f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit und danach Staatssekret&auml;r im Ministerium f&uuml;r Arbeit, Soziales, Gesund, Familie und Frauen von Rheinland-Pfalz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Interview mit der franz&ouml;sischen Zeitung &bdquo;Le Monde&ldquo; spricht der franz&ouml;sische &Ouml;konom Philippe Askenazy, Forschungsdirektor am CNRS, dem nationalen wissenschaftlichen Forschungszentrum in Frankreich, und Mitglied der kritischen &Ouml;konomen-Vereinigung &bdquo;Economistes att&eacute;rr&eacute;s&ldquo; ( &bdquo;Emp&ouml;rte &Ouml;konomen&ldquo;) &uuml;ber sein neues Buch, das gerade erschienen ist und auf deutsch noch nicht vorliegt. Er kritisiert falsche &ouml;konomische Begr&uuml;ndungen f&uuml;r niedrige<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31432\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,132],"tags":[1740,319,288,487,291],"class_list":["post-31432","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-arbeitsbedingungen","tag-lohnentwicklung","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-produktivitaet","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31432"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31432\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85020,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31432\/revisions\/85020"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}