{"id":315,"date":"2005-07-30T17:31:09","date_gmt":"2005-07-30T16:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=315"},"modified":"2016-03-06T15:05:35","modified_gmt":"2016-03-06T14:05:35","slug":"der-einfluss-der-pr-auf-journalistische-medien-und-die-beeinflussung-der-berichterstattung-durch-wirtschaftliche-interessengruppen-nimmt-massiv-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=315","title":{"rendered":"Der Einfluss der PR auf journalistische Medien und die Beeinflussung der Berichterstattung durch wirtschaftliche Interessengruppen nimmt massiv zu"},"content":{"rendered":"<p>Unter Bezugnahme auf eine empirische Studie von Prof. Michael Haller von der Universit&auml;t Leipzig berichtet der Verein &bdquo;Netzwerk Recherche&ldquo; &uuml;ber zunehmende Ver&ouml;ffentlichungen von PR-Texten als redaktionelle Beitr&auml;ge. Neben der direkten Einflussnahme berichtet Haller von einer verst&auml;rkten Ausrichtung der Zeitungsberichterstattung auf den &bdquo;Mainstream politischer Mehrheitsmeinungen im Publikum&ldquo;. Ausdr&uuml;cklich erw&auml;hnt wird die arbeitgeberfinanzierte&bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;, die direkt und indirekt auf das Agenda-Setting der Redaktionen Einfluss nehme.<br>\n<!--more--><br>\nDer <a href=\"http:\/\/www.netzwerkrecherche.de\/verein\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.netzwerkrecherche.de\/verein\/\">Verein Netzwerk Recherche<\/a> will eine Lobby f&uuml;r den in Deutschland vernachl&auml;ssigten investigativen Journalismus sein.<br>\nEr hat nachfolgendes Positionspapier zum Verh&auml;ltnis von PR und Journalismus ver&ouml;ffentlicht, das unseren Beobachtungen und Berichten auf den NachDenkSeiten &uuml;ber allt&auml;gliche Manipulationen der ver&ouml;ffentlichten Meinung best&auml;tigt und dringenden Handlungsbedarf sieht.<\/p><p><strong>Positionspapier zum Verh&auml;ltnis PR und Journalismus: <\/strong><\/p><p><em>&bdquo;PR-Einfluss auf Journalismus muss drastisch zur&uuml;ckgedr&auml;ngt werden&ldquo; <\/em><\/p><p>Der Einfluss der PR auf journalistische Medien nimmt massiv zu. Die im Dezember 2004 ver&ouml;ffentlichten Zwischenergebnisse der Benchmarking-Studie der Universit&auml;t Leipzig (Leitung: Prof. Michael Haller) belegen dies f&uuml;r den Bereich der Tageszeitungen auch empirisch. Die zunehmenden Ver&ouml;ffentlichungen von PR-Texten als redaktionelle Beitr&auml;ge vor allem in Tageszeitungen sind f&uuml;r die Leser meist nicht erkennbar. Hinzu kommt die Gefahr der zunehmenden Schleichwerbung, die im Mai 2005 sogar die Verleger offiziell beklagt haben.<br>\nF&uuml;r die Marketing- und Werbeabteilungen der Industrie bedeutet PR, als seri&ouml;ser Journalismus verpackt, die effizienteste Form der Image- und Produktwerbung. Diese Tendenz wird verst&auml;rkt durch Austauschbeziehungen nach dem Muster &bdquo;Anzeige gegen Text&ldquo;. Dadurch wird die Pressefreiheit zus&auml;tzlich aush&ouml;hlt, weil die Mediennutzer diese Kopplungsgesch&auml;fte nicht durchschauen k&ouml;nnen. <\/p><p>Neben der direkten Einflussnahme auf die Berichterstattung treten zwei weitere Ph&auml;nomene im Zusammenhang mit PR immer h&auml;ufiger auf:<br>\nZum einen berichtet Haller in seiner Studie von einer verst&auml;rkten Ausrichtung der Zeitungsberichterstattung auf den &bdquo;Mainstream politischer Mehrheitsmeinungen im Publikum&ldquo;. Deren Beeinflussung steht zunehmend im Fokus politischer und wirtschaftlicher Interessengruppen. Die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; mit ihrem Jahresetat von mindestens 10 Millionen Euro zur Vermarktung neoliberaler Reformideen ist hierf&uuml;r ein prominentes Beispiel. Sie will &uuml;ber Media-Kampagnen allgemein wahrnehmbare und durch &bdquo;repr&auml;sentative&ldquo; Umfragen belegte Stimmungen erzeugen. So wird direkt und indirekt auf das Agenda-Setting der Redaktionen Einfluss genommen. Der zweite Trend betrifft die Verschmelzung von journalistischer und PR-T&auml;tigkeit.<br>\nWirtschaftliche Zw&auml;nge wie auch monet&auml;re Verlockungen lassen Journalisten immer h&auml;ufiger zu Dienern zweier Herren werden. Der Lokalredakteur, der auch f&uuml;r die Mitarbeiterzeitung eines Autokonzerns schreibt, f&uuml;hlt sich dadurch zwar nicht korrumpiert; dennoch geht er bestimmten Konfliktthemen pl&ouml;tzlich aus dem Weg oder zeigt sich beeinflussbar f&uuml;r eine bestimmte Tendenz seiner Geschichten.<br>\nDurch die kargen Honorare in den meisten Printmedien und deren weitere K&uuml;rzung sind viele freie Journalisten auf zus&auml;tzliche Einnahmen aus PR-T&auml;tigkeiten allerdings inzwischen angewiesen. Solche Doppelbindungen f&uuml;hren jedoch oft zu R&uuml;cksichtnahmen, die Schreib- und Recherchehemmungen oder Auslassungen und Zuspitzungen im Dienste des zweiten, heimlichen Auftraggebers, zur Folge haben. <\/p><p>All das gef&auml;hrdet die journalistische Unabh&auml;ngigkeit und gibt die &ouml;ffentliche Meinung zunehmend der Einflussnahme meist kommerzieller Interessengruppen preis. <\/p><p>Das Netzwerk Recherche hat sich die F&ouml;rderung des Recherche-Journalismus und der Sicherung freier und unabh&auml;ngiger Berichterstattung zum Ziel gesetzt. Dazu geh&ouml;rt, die Unterwanderung des Journalismus durch versteckte PR zur&uuml;ckzudr&auml;ngen und ein striktes Transparenzgebot in Bezug auf die Verwertung von PR, im &Uuml;brigen ein Trennungsgebot zwischen versteckter PR und Schleichwerbung als &bdquo;manipulative Kommunikation&ldquo; und Journalismus als &bdquo;unabh&auml;ngiger Berichterstattung&ldquo; durchzusetzen. Dazu will das Netzwerk Recherche durch Initiativen und Kooperationen mit Verlagen und Sendern auf verschiedenen Ebenen folgende Korrekturen durchsetzen und ein Umdenken anregen: <\/p><p><strong>1. Kennzeichnungspflicht f&uuml;r PR-T&auml;tigkeiten<\/strong><\/p><p>Eine Kennzeichnung von Urhebern, die f&uuml;r Unternehmen oder PR-Agenturen arbeiten, ist notwendig. Analog zu &bdquo;Anzeige&ldquo; m&uuml;sste es bei entsprechenden Ver&ouml;ffentlichungen hei&szlig;en: &bdquo;Der Autor ist auch f&uuml;r die Unternehmenskommunikation von XYZ t&auml;tig.&ldquo; Des Weiteren m&uuml;ssten die kommerziellen Quellen bzw. Urheber angegeben werden, beispielsweise &bdquo;so eine Studie, die vom Pharma-Unternehmen XYZ finanziert wurde.&ldquo; Au&szlig;erdem sollte jede Redaktion die Ausstandsregel in Kraft setzen, derzufolge Mitarbeiter, die nebenbei im PR-Bereich t&auml;tig sind, Themen aus dem fraglichen Bereich als Journalist nicht bearbeiten d&uuml;rfen. <\/p><p><strong>2. Versch&auml;rfung des Pressekodexes\/Aufbau einer Watchdog-Einrichtung<\/strong><\/p><p>Der Deutsche Presserat muss seine R&uuml;cksichtnahme im Themenfeld &bdquo;Vermischung von PR und Journalismus&ldquo; aufgeben. Das in Ziffer 7 des Pressekodexes formulierte Trennungsgebot zwischen redaktionellem Text und Anzeigen muss sinngem&auml;&szlig; auch f&uuml;r PR gelten. Versch&auml;rft werden muss auch die weiche Richtlinie 7.2 in Bezug auf Schleichwerbung.<br>\nEin reformierter Presserat muss &uuml;ber die Einhaltung des &uuml;berarbeiteten Pressekodex wachen und &ouml;ffentlich tagen. Zudem sollte eine unabh&auml;ngige Watchdog-Einrichtung vor allem die in den Landespressegesetzen verf&uuml;gte Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten &uuml;berwachen und Verst&ouml;&szlig;e gegebenenfalls zur Anzeige bringen. <\/p><p><strong>3. Aufkl&auml;rung &uuml;ber den Unterschied zwischen PR und Journalismus<\/strong><\/p><p>Die Immunisierung gegen Manipulationsversuche durch PR und Marketing muss von den Journalisten in den Redaktionen ausgehen. In der t&auml;glichen Praxis muss das Transparenzgebot in Bezug auf PR von den Redaktionsleitungen verbindlich eingefordert und gelebt werden. Die dazu n&ouml;tige Sensibilit&auml;t muss gepflegt, gef&ouml;rdert und in Konfliktf&auml;llen gest&uuml;tzt werden.<br>\nVor zehn Jahren gab es eine viel versprechende Initiative hierzu. Der &bdquo;Arbeitskreis Chefredakteure&ldquo; hatte kritische Aufmerksamkeit im Umgang mit PR, Beeinflussung und Schleichwerbung eingefordert. In der so genannten &bdquo;Reise-Initiative&ldquo; hatten sich die Chefredakteure an die PR-Abteilungen gewandt und Korrekturen bei den aufw&auml;ndigen Einladungen zu Auto-Pr&auml;sentationen und Reiseterminen gefordert. Diese Initiative ist heute brandaktuell und sollte neu belebt werden.<br>\nDie Grundlage f&uuml;r die redaktionelle Arbeit wird in der Ausbildung gelegt. Daher muss den Auszubildenden das Transparenzgebot gegen&uuml;ber PR und die Trennung zwischen schleichwerbender PR und Journalismus mit Nachdruck vermittelt werden. Studieng&auml;nge, in denen der Nachwuchs unterschiedslos zum PR-Agenten und zum Journalisten ausgebildet wird, bef&ouml;rdern den Gef&auml;lligkeitsjournalismus. Sie etablieren PR-Journalisten (&bdquo;bestellte Wahrheiten&ldquo;) und unterh&ouml;hlen auf diese Weise journalistische Grunds&auml;tze.<br>\nRecherche als Gegenpol zur PR muss zudem tragender Bestandteil jeder journalistischen Ausbildung sein. Noch immer gibt es Ausbildungspl&auml;ne f&uuml;r Volont&auml;re, Journalistensch&uuml;ler und Journalistik-Studenten, die zwar das Wort Recherche kennen, es aber nicht mit Bedeutung f&uuml;llen. <\/p><p><strong>4. Verzicht der Unternehmen auf nicht legitime, kommerzielle Beeinflussung<\/strong><\/p><p>Auch auf Unternehmensseite sollte ein Umdenken erreicht werden. Im Sinne der laufenden Diskussion &uuml;ber den Werte- und Verhaltenskodex zur Unternehmensf&uuml;hrung (Corporate Governance Kodex) muss der Verzicht der Unternehmen auf nicht legitime Beeinflussung von Journalisten (wie: Bestechung, Beg&uuml;nstigungen, N&ouml;tigung) festgeschrieben werden. Dies w&auml;re ein wichtiger Schritt zu wirksamer Transparenz und Abgrenzung von PR und Journalismus. <\/p><p><strong>5. Angemessene Verg&uuml;tung und Infrastrukturen<\/strong><\/p><p>Wirtschaftliche Zw&auml;nge sollten nicht als Rechtfertigung f&uuml;r die Verkn&uuml;pfung oder gar Verschmelzung von journalistischer und PR-T&auml;tigkeit herhalten d&uuml;rfen. Daher ist es unabdingbar, die aktuellen Honorars&auml;tze vor allem bei Tageszeitungen zu erh&ouml;hen und auch &ndash; was einmal selbstverst&auml;ndlich war &ndash; die Recherche in die Verg&uuml;tung mit einzubeziehen.<br>\nPersonalabbau in den Redaktionen bewirkt in der Regel den R&uuml;ckgang der Recherche und Vormarsch unkritischer Berichterstattung. Um die redaktionelle Unabh&auml;ngigkeit zu st&auml;rken, bedarf es besserer journalistischer Infrastrukturen. <\/p><p>Das Netzwerk Recherche hat in seinen Aufnahmerichtlinien unmissverst&auml;ndlich festgelegt: &bdquo;Nicht aufgenommen werden k&ouml;nnen Personen, die ganz oder teilweise in der Public Relations\/&Ouml;ffentlichkeitsarbeit t&auml;tig sind.&ldquo; Der rasant steigende Einfluss von PR auf Journalismus muss l&ouml;sungsorientiert &ndash; auch von anderen Journalisten-Organisationen &ndash; diskutiert werden. Sonst verliert der seri&ouml;se Journalismus seine Substanz und seine Glaubw&uuml;rdigkeit.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter Bezugnahme auf eine empirische Studie von Prof. Michael Haller von der Universit&auml;t Leipzig berichtet der Verein &bdquo;Netzwerk Recherche&ldquo; &uuml;ber zunehmende Ver&ouml;ffentlichungen von PR-Texten als redaktionelle Beitr&auml;ge. Neben der direkten Einflussnahme berichtet Haller von einer verst&auml;rkten Ausrichtung der Zeitungsberichterstattung auf den &bdquo;Mainstream politischer Mehrheitsmeinungen im Publikum&ldquo;. Ausdr&uuml;cklich erw&auml;hnt wird die arbeitgeberfinanzierte&bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;, die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=315\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[128,41,11],"tags":[383,1779,244],"class_list":["post-315","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-insm","category-medienanalyse","category-strategien-der-meinungsmache","tag-netzwerk-recherche","tag-pr-journalismus","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/315","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=315"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/315\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31913,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/315\/revisions\/31913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=315"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=315"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=315"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}