{"id":3154,"date":"2008-04-16T10:18:14","date_gmt":"2008-04-16T08:18:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3154"},"modified":"2019-02-15T12:48:01","modified_gmt":"2019-02-15T11:48:01","slug":"das-gerechtigkeitsverstaendnis-der-volksparteien-im-wandel-sozialpolitik-in-den-parteiprogrammen-von-cdu-csu-und-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3154","title":{"rendered":"Das Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnis der Volksparteien im Wandel Sozialpolitik in den Parteiprogrammen von CDU, CSU und SPD"},"content":{"rendered":"<p>Aufgrund der sich hierzulande immer mehr vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich einerseits sowie eines wachsenden Protestpotenzials im au&szlig;erparlamentarischen Raum und Wahlerfolgen der neuen LINKEN andererseits ist die soziale Gerechtigkeit als Schl&uuml;sselthema auf die politische Agenda der Bundesrepublik zur&uuml;ckgekehrt. Mit dem Sozialstaat und Gerechtigkeitsfragen besch&auml;ftigten sich auch die etablierten Parteien zuletzt wieder intensiver als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Seinerzeit beherrschte der Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaates alle Debatten &uuml;ber die Sozialpolitik, sowohl jene der rot-gr&uuml;nen Koalition wie auch der Union. Umso erstaunlicher ist, wie stark sich trotz fortbestehender politischer Gegens&auml;tze zwischen den Parteilagern in Bezug auf die angeblich notwendige Umgestaltung des Sozialstaates und das ihnen zugrunde liegende Gerechtigkeitsverst&auml;ndnis alle drei Programme gleichen. Manchmal reichen die Gemeinsamkeiten bis in die Begrifflichkeit und einzelne Programmformulierungen hinein.  Von Christoph Butterwegge<br>\n<!--more--><br>\nAufgrund der sich hierzulande immer mehr vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich einerseits sowie eines wachsenden Protestpotenzials im au&szlig;erparlamentarischen Raum und Wahlerfolgen der neuen LINKEN andererseits ist die soziale Gerechtigkeit als Schl&uuml;sselthema auf die politische Agenda der Bundesrepublik zur&uuml;ckgekehrt. Mittlerweile kann man kaum noch ignorieren, dass viele Menschen eine andere Ausrichtung der Wirtschafts- und Sozialpolitik erwarten. Wie eine repr&auml;sentative B&uuml;rgerumfrage ergab, die das Institut f&uuml;r Demoskopie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, der Heinz Nixdorf Stiftung und der Ludwig-Erhard-Stiftung im August 2007 durchgef&uuml;hrt hat, hielten seinerzeit trotz des anhaltenden Konjunkturaufschwungs nur noch 15 Prozent der Menschen &ndash; ein historischer Tiefstand &ndash; die Verteilungsverh&auml;ltnisse in Deutschland f&uuml;r gerecht. <\/p><p>W&auml;hrend die Befragten bei der Verwirklichung von Verteilungsgerechtigkeit erheblich mehr Defizite als die politischen, Wirtschafts- und Verwaltungseliten unseres Landes zu erblicken glaubten, sch&auml;tzen sie &bdquo;Leistungsgerechtigkeit&ldquo; und &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; nach dieser Untersuchung wesentlich geringer. Mit solchen Begriffen wird die soziale Gerechtigkeit im neoliberalen Mainstream-Diskurs seit geraumer Zeit entweder auf den freien Marktzugang f&uuml;r alle Wirtschaftssubjekte (typisch daf&uuml;r ist Forderung nach &bdquo;Verwirklichungschancen&ldquo; im Bildungssektor und auf dem Arbeitsmarkt) reduziert oder unter Hinweis auf die Globalisierung als &bdquo;Standortrisiko&ldquo; im Kampf um Absatzm&auml;rkte und Gro&szlig;investoren denunziert. <\/p><p>Mit dem Sozialstaat und Gerechtigkeitsfragen besch&auml;ftigten sich auch die etablierten Parteien zuletzt wieder intensiver als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Seinerzeit beherrschte der Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaates alle Debatten &uuml;ber die Sozialpolitik, sowohl jene der rot-gr&uuml;nen Koalition wie auch der Union. Da die Volksparteien nunmehr in der Gro&szlig;en Koalition vereint sind, sahen CDU, CSU und SPD, als sie im Herbst bzw. Winter 2007 ihre Grundsatzprogramme aktualisierten, offenbar wenig Spielraum f&uuml;r gr&ouml;&szlig;ere Kurskorrekturen und k&uuml;hne Zukunftskonzepte. Denn ihren Regierungsmitgliedern fallen Parteien ungern in den R&uuml;cken, weil sie in der (Medien-)&Ouml;ffentlichkeit sonst als zerstritten gelten w&uuml;rden. Gleichwohl mussten die Koalitionspartner ihr Profil sch&auml;rfen, wenn sie die Menschen im Vorfeld der n&auml;chsten Bundestagswahl f&uuml;r sich gewinnen und 2009 selbst eine parlamentarische Mehrheit erringen wollen. Umso erstaunlicher ist, wie stark sich trotz fortbestehender politischer Gegens&auml;tze zwischen den Parteilagern in Bezug auf die angeblich notwendige Umgestaltung des Sozialstaates und das ihnen zugrunde liegende Gerechtigkeitsverst&auml;ndnis alle drei Programme gleichen. Manchmal reichen die Gemeinsamkeiten bis in die Begrifflichkeit und einzelne Programmformulierungen hinein.  <\/p><p>Das SPD-Leitbild des &bdquo;vorsorgenden Sozialstaates&ldquo;<\/p><p>W&auml;hrend die beiden Unionsparteien ihre Grundsatzprogramme ohne erkennbare Widerst&auml;nde revidierten, verlief die sozialdemokratische Programmdebatte sehr viel wechselhafter und kontroverser. Den im Januar 2007 vorgestellten &bdquo;Bremer Entwurf&ldquo; zog die SPD-Spitze ein gutes halbes Jahr sp&auml;ter wieder zur&uuml;ck,  nachdem vor allem die Aufgabe des Traditionsbegriffs &bdquo;demokratischer Sozialismus&ldquo; an der Parteibasis wie bei kritischen Intellektuellen gro&szlig;en Unmut hervorgerufen hatte. Dabei reichten die Monita von der Klage &uuml;ber mangelnde Zuspitzung bis zum Vorwurf der Profillosigkeit.  Der &uuml;berarbeitete, inhaltlich gestraffte und ma&szlig;geblich vom SPD-Vorsitzenden Kurt Beck gepr&auml;gte Programmentwurf fand auf dem Hamburger Parteitag am 28. Oktober 2007 einhellige Zustimmung. Darin bekennt sich die Partei gleichfalls zum Leitbild des &bdquo;vorsorgenden Sozialstaates&ldquo;, welcher allgemeinen Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidit&auml;t und Altersarmut pr&auml;ventiv begegnen soll: &bdquo;Wir entwickeln den vorsorgenden Sozialstaat, der Armut bek&auml;mpft, den Menschen gleiche Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben er&ouml;ffnet, gerechte Teilhabe gew&auml;hrleistet und die gro&szlig;en Lebensrisiken verl&auml;sslich absichert.&ldquo;  Durch seine T&auml;tigkeit, hei&szlig;t es weiter hinten im Hamburger SPD-Programm, bef&auml;hige der vorsorgende Sozialstaat die Menschen, ihr Leben selbstbestimmt zu meistern: &bdquo;Vorsorgende Sozialpolitik f&ouml;rdert existenzsichernde Erwerbsarbeit, hilft bei der Erziehung, setzt auf Gesundheitspr&auml;vention. Sie gestaltet den demografischen Wandel und f&ouml;rdert eine h&ouml;here Erwerbsquote von Frauen und &Auml;lteren. Sie verhindert Ausgrenzung und erleichtert berufliche Integration. Sie entl&auml;sst niemanden aus der Verantwortung f&uuml;r das eigene Leben.&ldquo; <\/p><p>Missverst&auml;ndlich ist das diesen Sozialstaat kennzeichnende und von anderen Sicherungsmodellen unterscheidende Adjektiv insofern, als selbstverst&auml;ndlich jeder Sozialstaat seine B&uuml;rger\/innen vor dem Eintritt sozialer Risiken pr&auml;ventiv zu sch&uuml;tzen sucht. W&uuml;rde er das nicht tun, also beispielsweise auf Schaffung einer Rentenversicherung bzw. vergleichbarer Formen der kollektiven Altersvorsorge verzichten, k&ouml;nnte man schwerlich von einem Sozialstaat sprechen. Der damit verbundene Begriffswandel mutet auch deshalb merkw&uuml;rdig an, weil man unter einem &bdquo;Vorsorgestaat&ldquo; in der an Michel Foucault orientierten franz&ouml;sischen Fachdiskussion das hergebrachte Staatsmodell versteht. Seit die Sozialversicherungen den institutionellen Kern moderner Wohlfahrtsstaatlichkeit bilden, ist die Pr&auml;vention laut Fran&ccedil;ois Ewald deren Prim&auml;rfunktion: &bdquo;Dem Staat kommt die Aufgabe zu, daf&uuml;r zu sorgen, da&szlig; sich ein jeder m&ouml;glichst prophylaktisch verh&auml;lt. &Uuml;ber Institutionen wie die Sozialversicherungen wird er das Leben der Bev&ouml;lkerung als solcher verwalten k&ouml;nnen, um sie besser vor sich selbst zu bewahren und ihr die Entfaltung der in ihr schlummernden Potentialit&auml;ten zu erm&ouml;glichen.&ldquo; <\/p><p>Deutlicher als das Hamburger SPD-Programm stellen Matthias Platzeck, Peer Steinbr&uuml;ck und Frank-Walter Steinmeier, prominente Vertreter des rechten Parteifl&uuml;gels, zwei Sicherungsmodelle gegen&uuml;ber: &bdquo;Der &uuml;berkommene Sozialstaat, der allzu oft &sbquo;reparierend&lsquo; erst dann eingreift, wenn soziale Schadenf&auml;lle wie chronische Krankheit, Bildungsmangel oder langfristige Arbeitslosigkeit schon eingetreten sind, ist nicht mehr auf der H&ouml;he unserer Zeit &ndash; und er ger&auml;t unter dem Druck von Demografie und hoher Staatsverschuldung auch an die Grenzen seiner Finanzierbarkeit. Effizienter und zugleich sozial gerechter ist der vorsorgende Sozialstaat, der in die Menschen, in Bildung, Qualifikation, Gesundheit, Lebenschancen und soziale Infrastruktur investiert.&ldquo;  Wolfgang Schroeder, einer der Hauptprotagonisten des &bdquo;vorsorgenden Sozialstaates&ldquo;, stellt fest, dieses Konzept sei auf keinen Fall ein Bruch mit der &bdquo;nachsorgenden&ldquo; Seite des deutschen Sozialstaates, die das Fundament jeder Sozialstaatskonzeption bleibe. &bdquo;Vielmehr geht es darum, vor- und nachsorgende Elemente des Sozialstaates gezielter aufeinander zu beziehen, um einen Legitimation stiftenden Sozialstaat f&uuml;r das 21. Jahrhundert zu entwickeln, der die Bezeichnung &sbquo;sozialdemokratisch&lsquo; verdient.&ldquo; <\/p><p>Sprachlich f&auml;llt allerdings der Gegensatz zwischen dem &bdquo;vorsorgenden&ldquo; und einem versorgenden bzw. zwischen dem &bdquo;vorsorgenden&ldquo; und einem f&uuml;rsorglichen Sozialstaat ins Auge. Hierbei handelt es sich um eine Scheinalternative, denn pr&auml;ventiv wird der Wohlfahrtsstaat nur t&auml;tig, wenn man ihm die M&ouml;glichkeiten zur Intervention nicht entzieht, was im Rahmen der rot-gr&uuml;nen Reformpolitik aber schrittweise geschah.  Wer die Sozialversicherungen mitsamt ihren Grundprinzipien der parit&auml;tischen Finanzierung &uuml;ber Beitr&auml;ge und der Lebenstandardsicherung &ndash; in den westeurop&auml;ischen Industriel&auml;ndern fast ein Jahrhundert lang das Instrument der organisierten Risikovorsorge schlechthin &ndash; schleift, wie es die SPD mit Gerhard Schr&ouml;ders &bdquo;Agenda 2010&ldquo; und zahlreichen Reformma&szlig;nahmen getan hat, kann nur um den Preis seiner politischen Glaubw&uuml;rdigkeit als F&uuml;rsprecher eines &bdquo;vorsorgenden Sozialstaates&ldquo; auftreten. Weshalb dem deutschen Sozialstaat ausgerechnet in einem Moment, wo er unter ma&szlig;geblicher Mitwirkung der SPD beispielsweise durch eine Teilprivatisierung der Altersvorsorge (Einf&uuml;hrung der sog. Riester-Rente), die Aufgabe des Prinzips der Beitragsparit&auml;t zwecks finanzieller Besserstellung der Arbeitgeber und schrittweise Absenkungen des Rentenniveaus die F&auml;higkeit zur solidarisch-kollektiven Vorsorget&auml;tigkeit zugunsten der Arbeitnehmer\/innen partiell verloren hat, das Etikett &bdquo;vorsorgend&ldquo; angeheftet wird, erschlie&szlig;t sich h&ouml;chstens aus dem Kalk&uuml;l eines modernen Politikmarketings, das gezielt mit positiv besetzten Begriffen spielt, ohne diese noch mit eindeutigen Inhalten zu f&uuml;llen.<\/p><p>Mit dem Paradigmenwechsel zum &bdquo;vorsorgenden Sozialstaat&ldquo; verabschiedet sich die SPD wom&ouml;glich endg&uuml;ltig vom Sozialversicherungsmodell &agrave; la Bismarck, wie Robert Paquet meint. Statt der kollektiven Abdeckung sozialer Standardrisiken avanciert die Stimulierung der Selbstverantwortung durch finanzielle Anreize des Staates zum Kerngedanken: &bdquo;Die Eigenvorsorge f&uuml;hrt aber tendenziell zu einer Individualisierung und Privatisierung der Risiken bzw. ihrer Absicherung, f&uuml;hrt zu einer st&auml;rkeren Differenzierung der Sicherung insgesamt und bereitet praktisch der Senkung des Mindestniveaus den Boden vor f&uuml;r diejenigen, die keine oder nur sehr geringe M&ouml;glichkeiten zu einer eigenst&auml;ndigen Vorsorge mit weitergehenden Leistungsanspr&uuml;chen haben.&ldquo;  Wissen m&uuml;sste die SPD eigentlich, dass der Abschied vom Sozialversicherungssystem einen hohen Preis h&auml;tte, und zwar nicht nur in finanzieller, sondern auch in legitimatorischer Hinsicht. Mehr Steuerfinanzierung hei&szlig;t n&auml;mlich auch, dass die Regierung und die sie tragenden Parteien unmittelbar f&uuml;r die Folgen einer falschen Sozialpolitik verantwortlich gemacht werden d&uuml;rften, w&auml;hrend das Versicherungsmodell bisher als Puffer und damit entlastend gewirkt hat. <\/p><p>Drei zentrale Sozialstaatsziele nennt das Hamburger SPD-Programm: Sicherheit, Teilhabe und Emanzipation. Bei deren Verfolgung ist der vorsorgende Sozialstaat angeblich effektiver als jener, den man bisher kannte. Nicht verschwiegen werden d&uuml;rfen allerdings seine Nachteile und Nebenwirkungen f&uuml;r die Betroffenen: Er greift tiefer in die Entscheidungsautonomie seiner B&uuml;rger\/innen ein und beschneidet damit deren Freiheit, weil ihnen mehr Eigenverantwortung, Privatinitiative und Selbstvorsorge abverlangt werden.<\/p><p>CDU und CSU setzen gleichfalls auf &bdquo;vorsorgende Sozialpolitik&ldquo;,  ihre neuen Grundsatzprogramme betten diese aber noch st&auml;rker als die SPD in den &ouml;ffentlichen Diskurs &uuml;ber mehr Eigenverantwortung, Selbstvorsorge und Privatinitiative ein &ndash; alles Begriffe, die m.E. w&uuml;rdige Unworte des Jahres w&auml;ren, weil sie kaschieren, dass &ouml;ffentliche Verantwortungslosigkeit um sich greift und der Staat sich seiner F&uuml;rsorgepflicht gegen&uuml;ber sozial Benachteiligten zunehmend entzieht. Das neue Leitbild unterstellt, dass sich der bisherige Wohlfahrtsstaat auf Nachsorge beschr&auml;nkt habe, und suggeriert, durch pr&auml;ventive Ma&szlig;nahmen lasse sich erreichen, dass Probleme wie Arbeitslosigkeit und Armut erst gar nicht entst&uuml;nden.<\/p><p>Es mutet beinahe wie die politische Quadratur des Kreises an, wenn der Sozialstaat mit weniger Geld ausgestattet mehr leisten, n&auml;mlich erg&auml;nzend f&uuml;r die Pr&auml;vention zust&auml;ndig sein und gleichzeitig die soziale Integration sicherstellen soll. &bdquo;Vorbeugen statt nachbessern&ldquo; will die CDU in Anlehnung an den Volksmund,  aber gerade wenn &bdquo;das Kind bereits in den Brunnen gefallen&ldquo; ist, muss man sich auf den Sozialstaat hundertprozentig verlassen k&ouml;nnen. Da die Arbeitnehmer\/innen beruflich flexibel und geografisch mobil sein, heute in Kiel und morgen in Konstanz, vielleicht aber auch n&auml;chste Woche in Tokio oder New York t&auml;tig werden sollen, brauchen sie im Zeichen der Globalisierung mehr denn je einen gro&szlig;z&uuml;gigen Wohlfahrtsstaat und ein hohes Ma&szlig; an sozialer Sicherheit.<\/p><p>Leitbilder der Union: &bdquo;Chancengesellschaft&ldquo; und &bdquo;Solidarische Leistungsgesellschaft&ldquo; <\/p><p>Die Programmdebatte der CDU fand unter dem Motto &bdquo;Neue Gerechtigkeit durch mehr Freiheit&ldquo; statt. Norbert Bl&uuml;m kritisierte diese &bdquo;Marketingsprache&ldquo; der Parteif&uuml;hrung unter Angela Merkel, mit der sie Inhaltslosigkeit bzw. Vagheit &uuml;berdeckte, und fragte, welche Gerechtigkeit damit eigentlich gemeint sei: &bdquo;Mehr Freiheit f&uuml;r das Finanzkapital, das die Globalisierung beherrscht, ergibt zwar eine &sbquo;neue&lsquo;, andere Gerechtigkeit, aber keine, die sich mit dem christlichen Verst&auml;ndnis von Gerechtigkeit harmonisieren l&auml;sst.&ldquo;  Bl&uuml;m wies darauf hin, dass Gerechtigkeit der Freiheit bestimmte Grenzen setzt, denn sonst w&auml;re sie seiner Meinung nach nicht mehr als die M&ouml;glichkeit zur Ausbeutung. <\/p><p>Unter sozialer Gerechtigkeit versteht die CDU in den &bdquo;Grunds&auml;tzen f&uuml;r Deutschland&ldquo;, welche ihr Hannoveraner Parteitag am 3. Dezember 2007 beschlossen hat, nicht etwa die Beseitigung oder Verringerung materieller Ungleichheit. Vielmehr sollen alle Mitb&uuml;rger\/innen die gleiche M&ouml;glichkeit haben, sich in Freiheit so zu entfalten, wie es ihren pers&ouml;nlichen F&auml;higkeiten entspricht: &bdquo;Wir setzen uns daf&uuml;r ein, dass jeder Mensch seine Lebenschancen frei und verantwortlich wahrnehmen kann. Daf&uuml;r bietet die Chancengesellschaft die Voraussetzungen und M&ouml;glichkeiten. Sie w&auml;chst auf dem Boden m&ouml;glichst gerecht verteilter Lebenschancen. Das erfordert gleiche Startchancen in Bildungswege und in die Arbeitswelt. Dazu geh&ouml;rt nicht, Unterschiede in den pers&ouml;nlichen Anlagen des Einzelnen zu leugnen. Wir wollen gleiche Chancen er&ouml;ffnen, nicht gleiche Ergebnisse versprechen.&ldquo; <\/p><p>Das auf dem 72. CSU-Parteitag am 28. September 2007 in M&uuml;nchen verabschiedete Grundsatzprogramm steht unter dem Motto &bdquo;Chancen f&uuml;r alle! In Freiheit und Verantwortung gemeinsam Zukunft gestalten&ldquo; und fordert eine &bdquo;Solidarische Leistungsgesellschaft&ldquo;, in der m&ouml;glichst s&auml;mtliche Gesellschaftsmitglieder am &ouml;konomischen und sozialen Fortschritt beteiligt werden sollen: &bdquo;Mit der Solidarischen Leistungsgesellschaft schaffen wir Chancengerechtigkeit f&uuml;r die Schwachen und die Starken.&ldquo;  Zwar bezeichnet das CSU-Programm den Sozialstaat als &bdquo;tragende S&auml;ule unserer Gesellschaftsordnung&ldquo;, bem&auml;ngelt jedoch, er habe den &bdquo;Vorrang privater Selbstverantwortung&ldquo; str&auml;flich missachtet: &bdquo;Der politische Irrweg des Versorgungsstaats schw&auml;cht die Eigeninitiative, untergr&auml;bt die soziale Verantwortung des Einzelnen und bringt die Menschen in eine falsche Abh&auml;ngigkeit. Eine Politik, die Anspr&uuml;che an den Staat weiter vergr&ouml;&szlig;ert, ist bequem, schw&auml;cht aber unser Gemeinwesen und hilft dem Einzelnen nicht auf Dauer.&ldquo; <\/p><p>Auch die CDU erkl&auml;rt, es sei &bdquo;besser, gerechter und &ouml;konomischer&ldquo;, f&uuml;r Kinder wie Erwachsene in Bildung bzw. Weiterbildung zu investieren, als Fehlentwicklungen durch Transferzahlungen oder soziale Ma&szlig;nahmen zu korrigieren, weshalb die Maxime &bdquo;Vorbeugen statt nachbessern&ldquo; gelte.  Was unter einer &bdquo;vorsorgenden Sozialpolitik&ldquo; zu verstehen ist, bleibt bei den Unionsparteien allerdings ebenso vage und unbestimmt wie im Hamburger SPD-Programm. Zwar bescheinigt das CDU-Programm dem Sozialstaat, Gro&szlig;es geleistet zu haben und unverzichtbar zu sein, k&uuml;ndigt jedoch grundlegende Ver&auml;nderungen seiner Strukturen an, was mit den vielf&auml;ltigen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begr&uuml;ndet wird. Ziel sei der &bdquo;aktivierende Sozialstaat&ldquo;, welcher die Individuen verst&auml;rkt motiviere und bef&auml;hige, im Rahmen ihrer M&ouml;glichkeiten Eigeninitiative zu entwickeln und Eigenverantwortung zu &uuml;bernehmen. Bei der Aus- bzw. Umgestaltung der sozialen Sicherungssysteme will sich die CDU an drei Grunds&auml;tzen orientieren: &bdquo;Sie m&uuml;ssen das Prinzip der Eigenverantwortung st&auml;rken, dem Prinzip der Generationengerechtigkeit entsprechen und d&uuml;rfen das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit nicht verletzen.&ldquo;  Au&szlig;erdem soll ihre Abh&auml;ngigkeit von der Erwerbsarbeit reduziert werden und ihre Finanzierung k&uuml;nftig weniger &uuml;ber Beitr&auml;ge und mehr &uuml;ber Steuern erfolgen, um die gesetzlichen Lohnnebenkosten der Unternehmen (gemeint sind die Arbeitgeberbeitr&auml;ge zur Sozialversicherung) zu senken.<\/p><p>&bdquo;Chancengleichheit&ldquo; als Ersatz f&uuml;r soziale Gerechtigkeit?<\/p><p>Was verbindet die &bdquo;Chancengesellschaft&ldquo; der CDU, das Verlangen ihrer bayerischen Schwesterpartei nach &bdquo;Chancengerechtigkeit in der Solidarischen Leistungsgesellschaft&ldquo; und den &bdquo;vorsorgenden Sozialstaat&ldquo; der SPD miteinander? In allen Leitbildern spielen Bildung und Bildungspolitik eine Schl&uuml;sselrolle &ndash; die Bildung als Schl&uuml;sselressource im Standortwettbewerb der &bdquo;Wissensgesellschaften&ldquo; und die Bildungspolitik als Hebel zur Verbesserung der Konkurrenzf&auml;higkeit des eigenen Wirtschaftsstandortes und zur Verwirklichung von mehr Chancengleichheit. Zitieren wir zuerst den CDU-Programmtext: &bdquo;&sbquo;Aufstieg durch Bildung&lsquo;, so lautet unser gesellschaftspolitisches Ziel. Alle m&uuml;ssen einbezogen, keiner darf zur&uuml;ckgelassen werden. Armut beginnt allzu oft als Bildungsarmut. Die Teilhabe aller an Bildung und Ausbildung ist ein Gebot der Chancengerechtigkeit.&ldquo;  Diese wird im Grundsatzprogramm der CSU folgenderma&szlig;en definiert: &bdquo;Chancengerechtigkeit bedeutet, allen jungen Menschen unabh&auml;ngig von ihrem famili&auml;ren und sozialen Hintergrund Bildung und Ausbildung zu erm&ouml;glichen.&ldquo;  Auch bei der SPD steht die Bildung im Mittelpunkt aller Bem&uuml;hungen. Sie wird im Hamburger Programm zum &bdquo;zentralen Element der Sozialpolitik&ldquo; erkl&auml;rt und als &bdquo;die gro&szlig;e soziale Frage unserer Zeit&ldquo; bezeichnet. <\/p><p>Wenn man die &bdquo;soziale Vererbung&ldquo; der Armut durch schon im Kindesalter wirksame Selektionsmechanismen bek&auml;mpfen m&ouml;chte, sind ein quantitativer Ausbau und eine qualitative Verbesserung des Bildungssystems der Bundesrepublik vom Elementarbereich bis zum Hochschulwesen zweifellos unerl&auml;sslich. Die soziale Selektivit&auml;t unseres Bildungssystems wird von den Unionsparteien jedoch gar nicht ernsthaft in Frage gestellt, denn man verteidigt trotz anderslautender PISA-Ergebnisse die hierarchische Mehrgliedrigkeit des Sekundarschulwesens und die Privilegierung des Gymnasiums: &bdquo;Das vielf&auml;ltige gegliederte Schulwesen hat sich bew&auml;hrt und erfolgreich weiterentwickelt.&ldquo; <\/p><p>Bildung darf nicht mystifiziert werden, wie das alle Parteien in ihren neuen Grundsatzprogrammen tun, und ist auch keine Wunderwaffe im Kampf gegen die Kinderarmut. Was entscheidend zum individuellen Aufstieg beitragen kann, versagt n&auml;mlich als gesellschaftspolitischer K&ouml;nigsweg: Wenn man allen Kindern und Jugendlichen mehr Bildungschancen er&ouml;ffnet, konkurrieren sie um die wenigen Ausbildungs- bzw. Arbeitspl&auml;tze am Ende wom&ouml;glich nur auf einem h&ouml;heren Niveau, aber nicht mit besseren Chancen. Um die Erwerbslosigkeit und die (Kinder-)Armut als gesellschaftliche Ph&auml;nomene zu beseitigen, bedarf es nach wie vor, ja sogar dringender denn je der Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Verm&ouml;gen. <\/p><p>Alle drei Programmdokumente enthalten nur ein vages Bekenntnis zur Verteilungsgerechtigkeit. So hei&szlig;t es in den CDU-Grunds&auml;tzen, das Gerechtigkeitsziel fordere, &bdquo;Belastungen angemessen zu verteilen. Deshalb ist es gerecht, dass die St&auml;rkeren einen gr&ouml;&szlig;eren Beitrag f&uuml;r unser Gemeinwesen leisten als die Schw&auml;cheren.&ldquo;  Und im Hamburger SPD-Programm wird ziemlich verwunden festgestellt, die Menschen m&uuml;ssten unabh&auml;ngig von ihrer Herkunft oder ihrem Geschlecht gleiche Lebenschancen haben: &bdquo;Also meint Gerechtigkeit gleiche Teilhabe an Bildung, Arbeit, sozialer Sicherheit, Kultur und Demokratie, gleichen Zugang zu allen &ouml;ffentlichen G&uuml;tern. Wo die ungleiche Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen die Gesellschaft teilt in solche, die &uuml;ber andere verf&uuml;gen, und solche, &uuml;ber die verf&uuml;gt wird, verst&ouml;&szlig;t sie gegen die gleiche Freiheit und ist darum ungerecht. Daher erfordert Gerechtigkeit mehr Gleichheit in der Verteilung von Einkommen, Verm&ouml;gen und Macht.&ldquo; <\/p><p>Sehr viel deutlicher als Verteilungsgerechtigkeit fordern die Programmdokumente Chancen- und Teilhabegerechtigkeit, was nicht zuletzt dem neoliberalen Zeitgeist geschuldet sein d&uuml;rfte.  Obwohl das Volksverm&ouml;gen so gro&szlig; und die Kluft zwischen Arm und Reich so tief wie nie zuvor ist, gilt die Forderung nach Umverteilung heute als ideologisch verstaubt. Letztlich weichen die Parteiprogramme der Kardinalfrage nach den im Finanzmarktkapitalismus bestehenden Herrschafts-, Eigentums- und Machtverh&auml;ltnissen aus. Statt einer Umverteilung des privaten Reichtums, der m&auml;chtige Kapitalinteressen entgegenstehen, soll mehr Bildung f&uuml;r die Armen zu gr&ouml;&szlig;erer Chancengleichheit f&uuml;hren. Bildungsarmut, auf die sich der Programmdiskurs aller Volksparteien konzentriert, basiert jedoch auf der materiellen Unterversorgung und Benachteiligung in anderen Lebensbereichen. Umgekehrt ist gute (Weiter-)Bildung eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung f&uuml;r Chancengleichheit im Berufsleben. <\/p><p>Das f&uuml;r CDU, CSU und SPD gleicherma&szlig;en zentrale Ziel der Chancengleichheit korrespondiert mit einer &Uuml;berakzentuierung der Leistungsgerechtigkeit, w&auml;hrend die an das Solidarit&auml;tsprinzip gebundene und f&uuml;r den bisherigen Sozialstaat konstitutive Bedarfsgerechtigkeit weit dahinter zur&uuml;cktritt. Jene &uuml;ber 1,928 Millionen Kinder unter 15 Jahren, die auf dem H&ouml;hepunkt des gegenw&auml;rtigen Konjunkturaufschwungs (M&auml;rz 2007) nach Angaben der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit in sog. Hartz-IV-Haushalten lebten und mit einem Regelsatz von 208 EUR im Monat auskommen mussten, d&uuml;rften kaum dieselben Lebenschancen im Hinblick auf die Besetzung gesellschaftlicher Schl&uuml;sselpositionen erlangen wie der Nachwuchs privilegierter Bev&ouml;lkerungsschichten, wenn sich die materiellen Ressourcen der Gesellschaft immer st&auml;rker bei wenigen Kapitaleigent&uuml;mern und Spitzenverdienern ansammeln. Schlie&szlig;lich nennen die beiden reichsten M&auml;nner der Bundesrepublik, die Gebr&uuml;der Albrecht (Eigent&uuml;mer der Aldi-Ketten Nord und S&uuml;d), auf der anderen Seite des sozialen Spektrums ein Privatverm&ouml;gen von 37,5 Mrd. EUR ihr Eigen.<\/p><p>Zu den (Tot-)Schlagworten, die in den Programmdokumenten der Unionsparteien, aber nicht im sozialdemokratischen Grundsatzprogramm auftauchen, geh&ouml;rt das der &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo;. So betont die CSU: &bdquo;Die demographische Entwicklung macht die gerechte Partnerschaft der Generationen in einem zukunftsfesten Sozialstaat zu einer entscheidenden sozialen Frage der n&auml;chsten Jahrzehnte.&ldquo;  Die folgende Definition legt die bayerische Regierungspartei ihren Ausf&uuml;hrungen zugrunde: &bdquo;Generationengerechtigkeit hei&szlig;t, aus Verantwortung f&uuml;r die kommenden Generationen zu handeln und nicht auf deren Kosten zu leben.&ldquo;  Wenn ein Wohlfahrtsstaat demontiert wird, seine Transferleistungen f&uuml;r Bed&uuml;rftige gesenkt und die g&uuml;ltigen Anspruchsvoraussetzungen versch&auml;rft werden, obwohl der gesellschaftliche Reichtum zunimmt, kann jedoch weder von sozialer noch von Generationengerechtigkeit die Rede sein. Denn offenbar findet eine Umverteilung statt, von der gerade die Mitglieder bed&uuml;rftiger Alterskohorten nicht profitieren. Beispielsweise verschlechtert die Erh&ouml;hung des Rentenzugangsalters von 65 auf 67 Jahre eher die Arbeitsmarktchancen k&uuml;nftiger Generationen. Wer &ndash; wie die Union &ndash; nach &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo; ruft, m&uuml;sste eigentlich darum bem&uuml;ht sein, dass Heranwachsende auch k&uuml;nftig einen hoch entwickelten Wohlfahrtsstaat und das gewohnte Ma&szlig; an sozialer Sicherheit vorfinden, statt Letztere immer mehr zu beschneiden und die Menschen st&auml;rker der privaten Daseinsvorsorge zu &uuml;berantworten.<\/p><p>Zusammenfassung und Ausblick: Verwirklichung von mehr Gerechtigkeit ohne Umverteilung von Geld?<\/p><p>Parteiprogramme sind sowohl Spiegelbilder gesellschaftlicher, &ouml;konomischer und politischer Rahmenbedingungen wie auch Resultate innerparteilicher Machtverh&auml;ltnisse, Strategiedebatten und Formelkompromisse, die Grund&uuml;berzeugungen und ideologische Richtungsentscheidungen ihrer Urheber zum Ausdruck bringen. In allen drei Programmdokumenten sind einerseits die Tendenz, den Um- bzw. Abbau des Sozialstaates unter Hinweis auf die Globalisierung und den demografischen Wandel als Sachzwang darzustellen, sowie andererseits ein gewandelter, von neoliberalen Einfl&uuml;ssen nicht freier Gerechtigkeitsbegriff un&uuml;bersehbar.<\/p><p>&bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo;, der regierungsoffizielle Werbeslogan f&uuml;r das als &bdquo;Hartz IV&ldquo; bekannt gewordene Gesetzespaket, hat &uuml;ber die Leitbilder &bdquo;Chancen-&ldquo;, &bdquo;Solidarische Leistungsgesellschaft&ldquo; und &bdquo;vorsorgender Sozialstaat&ldquo; den Weg in die Grundsatzprogrammatik von SPD, CDU und CSU gefunden. Obwohl sich die sozialen und &ouml;kologischen Probleme seit geraumer Zeit zuspitzen, bieten die Volksparteien kaum Hinweise, wie ihnen durch eine gro&szlig;e Kraftanstrengung der Gesellschaft und\/oder zielgenaues Eingreifen des Staates beizukommen w&auml;re. Arbeitslosigkeit und Kinderarmut lassen sich weder durch eine P&auml;dagogisierung des Armutsproblems noch durch die Fetischisierung der Bildung bew&auml;ltigen und durch Leerformeln wie &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; oder &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo; h&ouml;chstens ideologisch entsorgen. Floskelhafte Bekenntnisse zur Gerechtigkeit sind keine L&ouml;sung, wenn man (Sozial-)Politik auf der Regierungsebene gestalten und daf&uuml;r bei den W&auml;hler(inne)n mit Erfolg um mehr Vertrauen werben will.<\/p><p>Noch nie wurden Privatinitiative, Eigenverantwortung  und Selbstvorsorge der B&uuml;rger\/innen so stark betont wie in den neuen Parteiprogrammen, was deshalb erstaunt, weil man fr&uuml;her damit viel mehr bewirken konnte als im Zeichen der Globalisierung bzw. der neoliberalen Modernisierung. Heute sind Staat, Wirtschaft und Gesellschaft wohlhabender, deren Mitglieder allerdings &uuml;berwiegend hilfloser und schutzbed&uuml;rftiger. &bdquo;Der schrittweise Abbau sozialer Sicherungen und der R&uuml;ckzug des Staates aus der Verantwortung f&uuml;r eine solidarische Daseinsvorsorge trifft (&hellip;) hochgradig individualisierte Individuen, die dem kalten Wind einer radikalen Marktvergesellschaftung schutzlos ausgeliefert sind, weil ihr Habitus nun ganz grundlegend durch die schrittweise Gew&ouml;hnung an ein Mindestma&szlig; an Schutz vor den Unw&auml;gbarkeiten des Alltags in der kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft gepr&auml;gt ist, einer Gesellschaft, die dazu &uuml;bergeht, nur noch sehr begrenzt solidarische Haftung f&uuml;r ihre Mitglieder zu &uuml;bernehmen.&ldquo; <\/p><p>Die formale Chancengleichheit, deren Verwirklichung CDU, CSU und SPD anstreben, garantiert h&ouml;chstens Verfahrensgerechtigkeit, aber nicht mehr. F&uuml;r jene Menschen, deren soziale Lage prek&auml;r ist, resultiert daraus nicht die M&ouml;glichkeit, beruflich Fu&szlig; zu fassen und in die h&ouml;heren Etagen der Gesellschaft aufzusteigen. Unglaubw&uuml;rdig wird, wer die Bildungs- als besonders zukunftstr&auml;chtige Form der Sozialpolitik interpretiert und gleichzeitig von der Schule &uuml;ber den Weiterbildungssektor bis zur Hochschule alle Institutionen dieses Bereichs privatisieren m&ouml;chte. Denn das hei&szlig;t, sie f&uuml;r Wohlhabende und deren Nachwuchs zu reservieren. In einem solchen Bildungssystem sto&szlig;en Kinder nur noch auf Interesse, wenn sie (bzw. ihre Eltern) als zahlungskr&auml;ftige Kunden firmieren. Kontraproduktiv wirken zweifellos die Beschneidung der Lernmittelfreiheit (Verpflichtung der Eltern zur Zahlung von B&uuml;chergeld), die Schlie&szlig;ung von (Schul-)Bibliotheken aus Kostengr&uuml;nden und die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren. Hier bezieht die SPD eine ganz andere Position als CDU und CSU: &bdquo;Jeder Mensch hat das Recht auf einen geb&uuml;hrenfreien Bildungsweg von Krippe und Kindergarten bis zur Hochschule.&ldquo; <\/p><p>Damit sie in Freiheit (von Not) leben, ihre Bed&uuml;rfnisse befriedigen und ihre Pl&auml;ne verwirklichen k&ouml;nnen, brauchen die Menschen nach wie vor Geld, das sie bei Erwerbslosigkeit, Krankheit und im Alter als soziale bzw. Entgeltersatzleistung vom Sozialstaat erhalten m&uuml;ssen. Mehr soziale Gleichheit bzw. Verteilungsgerechtigkeit bildet immer noch, ja mehr denn je die Basis f&uuml;r wirksame Partizipationschancen benachteiligter Gesellschaftsschichten. Dies gilt beispielsweise f&uuml;r die (Aus-)Bildung und den Arbeitsmarkt. Ohne ausreichende materielle Mittel steht die Chance, an Weiterbildungskursen teilzunehmen und ihre pers&ouml;nlichen Arbeitsmarktchancen zu verbessern, etwa f&uuml;r Erwerbslose nur auf dem Papier. Wollten die Parteien reale Chancengleichheit f&uuml;r alle Bewohner\/innen &ndash; unabh&auml;ngig von ihrer Herkunft und den jeweiligen Umst&auml;nden, unter denen diese leben &ndash; schaffen, m&uuml;sste der von ihnen regierte Staat die sozial Benachteiligten gezielter f&ouml;rdern und durch eine gerechtere (Steuer-)Politik f&uuml;r mehr sozialen Ausgleich sorgen.<\/p><ol>\n<li>vgl. Robert B. Vehrkamp\/Andreas Kleinsteuber: Soziale Gerechtigkeit 2007<br>\n&ndash; Ergebnisse einer repr&auml;sentativen B&uuml;rgerumfrage, Bertelsmann Stiftung,<br>\nG&uuml;tersloh, im Dezember 2007, S. 5<\/li>\n<li>vgl. hierzu: Christoph Butterwegge: Krise und Zukunft des Sozialstaates, 3.<br>\nAufl. Wiesbaden 2006, S. 233 ff.<\/li>\n<li>vgl. z.B. Oskar Negt: Es fehlt eine &bdquo;Arbeit der Zuspitzung&ldquo;, in Neue Gesellschaft\/<br>\nFrankfurter Hefte 4\/2007, S. 53 ff.; Albrecht von Lucke: SPD &ndash; Profillosigkeit<br>\nals Programm, in Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik<br>\n4\/2007, S. 463 ff.<\/li>\n<li>SPD-Parteivorstand (Hrsg.): Hamburger Programm. Grundsatzprogramm<br>\nder Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, beschlossen auf dem Hamburger<br>\nBundesparteitag der SPD am 28. Oktober 2007, Berlin 2007, S. 5<\/li>\n<li>ebenda, S. 56<\/li>\n<li>Matthias Platzeck\/Peer Steinbr&uuml;ck\/Frank-Walter Steinmeier: Auf der H&ouml;he<br>\nder Zeit. Im 21. Jahrhundert muss sich die Sozialdemokratie auf ihre urspr&uuml;nglichen<br>\nIdeen und Ziele besinnen, in dies. (Hrsg.): Auf der H&ouml;he der<br>\nZeit. Soziale Demokratie und Fortschritt im 21. Jahrhundert, Berlin 2007, S.<br>\n24 (Hervorh. im Original)<\/li>\n<li>BT-Drs. V\/2291, S. 53<\/li>\n<li>vgl. u. a. Werner Balsen\/Hans Nakielski\/Karl R&ouml;ssel\/Rolf Winkel : Die neue<br>\nArmut. Ausgrenzung von Arbeitslosen aus der Arbeitslosenunterst&uuml;tzung,<br>\nK&ouml;ln 1984<\/li>\n<li>Wolfgang Schroeder: Gerechtigkeit, Emanzipation und Effizienz. Vorsorgender<br>\nSozialstaat und sozialdemokratische Gesellschaftspolitik, in<br>\nebenda, S. 37<\/li>\n<li>Robert Paquet: Der &bdquo;vorsorgende Sozialstaat&ldquo; beginnt mit dem Abschied<br>\nvon der Sozialversicherung. Zur aktuellen Gesundheitsreform &ndash; Versuch<br>\neiner Einordnung, in Sozialer Fortschritt 9&ndash;10\/2007, S. 267<\/li>\n<li>vgl. ebenda, S. 296<\/li>\n<li>Norbert Bl&uuml;m: Gerechtigkeit. Eine Kritik des Homo oeconomicus, Freiburg<br>\nim Breisgau\/Basel\/Wien 2006, S. 70<\/li>\n<li>CDU-Bundesgesch&auml;ftsstelle, Marketing und Interne Kommunikation<br>\n(Hrsg.): Freiheit und Sicherheit. Grunds&auml;tze f&uuml;r Deutschland. Grundsatzprogramm<br>\nder CDU Deutschlands, beschlossen am 3. Dezember 2007 in<br>\nHannover, Berlin o. J., S. 12<\/li>\n<li>CSU-Landesleitung (Hrsg.): Chancen f&uuml;r alle! &ndash; In Freiheit und Verantwortung<br>\ngemeinsam Zukunft gestalten, Grundsatzprogramm, beschlossen vom<br>\nParteitag der CSU am 28. September 2007, Gr&uuml;nwald 2007, S. 34<\/li>\n<li>ebenda, S. 18<\/li>\n<li>siehe CDU-Bundesgesch&auml;ftsstelle (Hrsg.): Freiheit und Sicherheit, a. a. O.,<br>\nS. 34<\/li>\n<li>ebenda, S. 60<\/li>\n<li>ebenda, S. 33<\/li>\n<li>CSU-Landesleitung (Hrsg.): Chancen f&uuml;r alle!, a. a. O., S. 81<\/li>\n<li>siehe SPD-Parteivorstand (Hrsg.): Hamburger Programm, a. a. O., S. 56 und<br>\n60<\/li>\n<li>CDU-Bundesgesch&auml;ftsstelle (Hrsg.): Freiheit und Sicherheit, a. a. O., S. 35<\/li>\n<li>vgl. hierzu ausf&uuml;hrlicher: Christoph Butterwegge\/Michael Klundt\/Matthias<br>\nBelke-Zeng: Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland, 2. Aufl. Wiesbaden<br>\n2008<\/li>\n<li>CDU-Bundesgesch&auml;ftsstelle (Hrsg.): Freiheit und Sicherheit, a.a.O., S. 12<\/li>\n<li>SPD-Parteivorstand (Hrsg.), Hamburger Programm, a.a.O., S. 15<\/li>\n<li>vgl. hierzu: Christoph Butterwegge\/Bettina L&ouml;sch\/Ralf Ptak, Kritik des Neoliberalismus,<br>\n2. Aufl. Wiesbaden 2008; dies. (Hrsg.), Neoliberalismus. Analysen<br>\nund Alternativen, Wiesbaden 2008<\/li>\n<li>vgl. Bundesagentur f&uuml;r Arbeit: Analyse der Grundsicherung f&uuml;r Arbeitsuchende,<br>\nFebruar 2008, S. 33<\/li>\n<li>vgl. &bdquo;Forbes&ldquo;-Liste: Die Deutschen. Theo, Karl und andere Milliard&auml;re, in<br>\nS&uuml;ddeutsche.de, http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/artikel\/522\/<br>\n162075\/ (Abruf:19.03. 2008)<\/li>\n<li>CSU-Landesleitung (Hrsg.), Chancen f&uuml;r alle!, a. a. O., S. 19<\/li>\n<li>ebenda, S. 105<\/li>\n<li>Franz Schultheis: Gesellschaft ohne Eigenschaften, in ders.\/Kristina Schulz<br>\n(Hrsg.): Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im<br>\ndeutschen Alltag, Konstanz 2005, S. 583<\/li>\n<li>SPD-Parteivorstand (Hrsg.): Hamburger Programm, a. a. O., S. 61<\/li>\n<\/ol><p><strong>Der Beitrag ist erstmals erschienen in Soziale Sicherheit 3\/2008<\/strong><br>\nZeitschrift f&uuml;r Arbeit und Soziales, Bund-Verlag Frankfurt a.M.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgrund der sich hierzulande immer mehr vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich einerseits sowie eines wachsenden Protestpotenzials im au&szlig;erparlamentarischen Raum und Wahlerfolgen der neuen LINKEN andererseits ist die soziale Gerechtigkeit als Schl&uuml;sselthema auf die politische Agenda der Bundesrepublik zur&uuml;ckgekehrt. Mit dem Sozialstaat und Gerechtigkeitsfragen besch&auml;ftigten sich auch die etablierten Parteien zuletzt wieder intensiver als zu<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3154\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[146,145,132],"tags":[442,441,312,408,234,291],"class_list":["post-3154","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziale-gerechtigkeit","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-eigenverantwortung","tag-freiheit","tag-reformpolitik","tag-soziale-herkunft","tag-studiengebuehren","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3154","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3154"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3154\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49376,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3154\/revisions\/49376"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}