{"id":31583,"date":"2016-02-25T13:41:07","date_gmt":"2016-02-25T12:41:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31583"},"modified":"2019-02-27T15:09:26","modified_gmt":"2019-02-27T14:09:26","slug":"ein-beitrag-von-willy-wimmer-zum-wunsch-nach-dem-eigenen-staat-der-kurden-und-den-folgen-fuer-die-tuerkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31583","title":{"rendered":"Ein Beitrag von Willy Wimmer zum Wunsch nach dem eigenen Staat der Kurden und den Folgen f\u00fcr die T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt gute Gr&uuml;nde, den Wunsch der Kurden nach einem eigenen Staat ernst zu nehmen. Es gibt gute Gr&uuml;nde, weitere ethnische Trennungen von bisherigen Staatsgebilden nicht zu f&ouml;rdern. Der folgende Text des fr&uuml;heren CDU-Abgeordneten und Parlamentarischen Staatssekret&auml;rs im Verteidigungsministerium Willy Wimmer ist von diesem Spannungsfeld gepr&auml;gt. Es ist eine profilierte Meinung zum Thema. Als solche sollte man sie auch nehmen und ernst nehmen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zwischen allen St&uuml;hlen<\/strong><br>\nVon <em>Willy Wimmer<\/em><\/p><p>Zu was man in der T&uuml;rkei willens und f&auml;hig ist, kann jeder feststellen, der einmal zwischen der Metropole Diyarbakir und der irakisch-syrischen Grenze mit dem Hubschrauber &uuml;ber ein schier endloses Land geflogen ist. Bis zum Horizont wogen im Fr&uuml;hsommer die Getreidefelder. Aber nur scheinbar, denn es ist sinnvoll, genauer hinzusehen. Immer wieder dringen die Grundmauern zerst&ouml;rter H&auml;user, D&ouml;rfer und von St&auml;dten durch das satte Gr&uuml;n. Sie zeugen davon, dass hier die t&uuml;rkische Regierung im Kampf gegen die Kurden &uuml;ber 3ooo D&ouml;rfer und St&auml;dte in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dem Erdboden gleich gemacht hat. Hundertausenden Menschen wurde auf diese Weise die Lebensgrundlage und die Heimat entzogen. Dies geschah mit Hilfe kurdischer Gro&szlig;grundbesitzer, die der t&uuml;rkischen Regierung in Ankara im Kampf gegen die Kurden zur Hand gingen. Vorgeblich ging es damals wie heute gegen die PKK, aber Ankara schuf sich auf diese Weise ein riesiges und menschenleeres Vorfeld gegen die Kurden im Irak und in Syrien. Den Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, blieb nichts anderes als die t&uuml;rkische Mittelmeer-K&uuml;ste oder Stuttgart und K&ouml;ln. <\/p><p><strong>Der NATO-Krieg gegen Belgrad wurde in Ankara als eine f&uuml;r die T&uuml;rkei gedachte Totenglocke empfunden.<\/strong><\/p><p>Damals nahmen wir im Westen das hin, weil es eine offizielle Begr&uuml;ndung aus der Sicht des Kalten Krieges seitens der t&uuml;rkischen Regierung gab. Im Kampf gegen den gottlosen Kommunismus, den man bei den Kurden verortete, schien jedes Mittel recht zu sein. Also: Weg mit den Kurden. In der t&uuml;rkischen Republik hat sich an dieser Einstellung vermutlich bis heute nichts ge&auml;ndert. Daf&uuml;r spricht schon die Dimension des Ringens.<\/p><p>Das wurde deutlich, als der Westen jenseits des geltenden V&ouml;lkerrechtes daran ging, den Balkan von jedem russischen Einfluss zu s&auml;ubern und nach seinem Gusto zu filetieren, Bomben auf Belgrad inklusive. Gerade f&uuml;r ein Transitland wie die T&uuml;rkei war offenkundig, wie das westliche Vorgehen auf dem Balkan der Trassen-Kontrolle f&uuml;r die Erd&ouml;l-und Erdgastrassen galt. Die damalige t&uuml;rkische Regierungschefin, Frau Ciller, unternahm auf dem Balkan eine ganze Menge, um es nicht zum Schlimmsten kommen zu lassen. Die t&uuml;rkische Regierung musste sich nur das eigene Land ansehen, um die Folgen ethnischer Trennung zu studieren, die vor allem die USA sich auf die Fahnen geschrieben hatte, um ihre Ziele auf dem Balkan besser durchsetzen zu k&ouml;nnen. Wenn zwischen Armeniern, Kurden und T&uuml;rken auf dem heutigen Staatsgebiet der T&uuml;rkei alle V&ouml;lkerst&auml;mme richtig gez&auml;hlt werden, bilden vierundzwanzig von ihnen die T&uuml;rkische Republik. Genug Stoff f&uuml;r westliche Strategen, das in ihr Kalk&uuml;l zu ziehen. Nach dem Modell der siebziger Jahre kann man in den USA oder anderen, mit den USA eng verb&uuml;ndeten Staaten, davon ausgehen, dass die Vertriebenen-Str&ouml;me zwischen Flensburg und Passau schon landen werden.<\/p><p><strong>Merkel und die Fata Morgana<\/strong><\/p><p>Gebetsm&uuml;hlenartig und mit dem Charakter des letzten Strohhalms versehen, spricht die noch im Amt befindliche Bundeskanzlerin von einer Entlastung der Migrationsentwicklung, die es nur in Zusammenarbeit mit der T&uuml;rkei zu erreichen gelte. Man sollte Berlin empfehlen, Zeitung zu lesen. Was haben wir nicht alles als vollmundige Absichtserkl&auml;rung in den letzten Monaten hinnehmen m&uuml;ssen. Auch und gerade in Zusammenhang mit der T&uuml;rkei wurden sogar NATO-Verb&auml;nde in der &Auml;g&auml;is ins Feld gef&uuml;hrt, um einen Riegel f&uuml;r die Migrationsbewegungen deutlich zu machen. Die Schiffe waren noch nicht ausgelaufen, als sich Ankara schon nicht mehr an Zusagen gebunden f&uuml;hlte. Mitnichten wird man wieder diejenigen in der T&uuml;rkei aufnehmen, die von NATO-Schiffen in der &Auml;g&auml;is gerettet werden konnten. Aber warum soll Ankara sich anders verhalten als diejenigen, die Milliarden zusagen, sie aber nie zur Unterst&uuml;tzung t&uuml;rkischer Hilfsleistung auszahlen? &bdquo;Basar&ldquo; ist nichts dagegen, wie man miteinander umgeht und das auch noch zum Standard freundschaftlicher Beziehungen umformuliert. Ankara sieht doch eines: im Westen der T&uuml;rkei bettelt man um Kooperation in der Migrationsentwicklung und im Osten der T&uuml;rkei setzt man das gegen die T&uuml;rkei gerichtete Seziermesser an. &Uuml;brigens durch diejenigen, die im Westen alles tun, weiter die Migrationsentwicklung nur als Flankenschutz f&uuml;r amerikanische Kriege, demn&auml;chst auch in Libyen zu betreiben. <\/p><p><strong>Ankara hat versucht, Syrien das Lebenslicht auszublasen und h&ouml;rt im Osten die f&uuml;r die T&uuml;rkei bestimmte Totenglocke heftig l&auml;uten.<\/strong><\/p><p>Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges hat die Welt den Kurden ein besonderes Schicksal zugedacht. Noch nicht einmal das, was den Aseris zwischen Iran und Aserbeidschan zugestanden wurde, galt f&uuml;r die Kurden, von einer sehr kurz bemessenen Periode einmal abgesehen. Das, was derzeit in dieser Gro&szlig;region geschieht, f&uuml;hrt uns in die Zeit von vor mehr als einhundert Jahren zur&uuml;ck. Es spricht alles daf&uuml;r, gerade uns Deutsche wieder mit dem Schicksal dieser Region zu verbinden und Folgen, die uns vermutlich zugedacht werden, aber kaum von uns bestimmt werden k&ouml;nnen. Alles schon mal gehabt, wird sich derjenige denken, der in diesen Wochen bei David Fromkin und seinem epochalen Werk &uuml;ber die Probleme dieser Gro&szlig;region Aufschluss zu Fragen und Erkenntnisse sucht. &bdquo;The peace to end all peace&ldquo; war der treffende Titel f&uuml;r diese Bibel der j&uuml;ngeren Geschichte des Mittleren und Nahen Ostens. Damit wurde deutlich, von welcher Bedeutung diese Region gerade f&uuml;r uns in Europa ist, wenn die Lehren aus der damaligen Entwicklung gezogen werden. Vor allem deshalb, weil in Israel jede Scheu abgelegt worden ist, sich &ouml;ffentlich hinter kurdische Staatsgr&uuml;ndungsaspirationen zu stellen. Das tr&auml;gt weit, denn in Kenntnis all dieser Umst&auml;nde hat die Bundesregierung bei diesem R&uuml;ckhalt aus Israel f&uuml;r die Kurden nicht gez&ouml;gert, deutsche Truppen in die Kurdengebiete zu entsenden.<\/p><p>Das hatten wir doch schon einmal. Es ist in Deutschland das in Vergessenheit geraten, wor&uuml;ber nicht nur David Fromkin geschrieben hat. Die j&uuml;dische Gesellschaft und vor allem dabei die amerikanischen Staatsb&uuml;rger j&uuml;dischen Glaubens standen dem Kriegseintritt der Mittelm&auml;chte im Ersten Weltkrieg gegen die Entente sehr aufgeschlossen gegen&uuml;ber. Dazu trug bei, was im Kaiserreich den deutschen Staatsb&uuml;rgern j&uuml;dischen Glaubens im Vergleich zu anderen Staaten an Rechten zugestanden worden war. Das musste im Interesse der Entente, wie uns sp&auml;ter ge&ouml;ffnete Archive in Moskau deutlich gemacht haben, substantiell ver&auml;ndert werden und das ber&uuml;hmte &bdquo;Sykes-Picot Abkommen&ldquo; zwischen England und Frankreich war das probate Mittel. Der deutsche Kaiser hielt zu seinem osmanischen Verb&uuml;ndeten und reagierte nicht auf an ihn gerichtete Forderungen, die sich auf eine &bdquo;j&uuml;dische Heimstatt in Pal&auml;stina&ldquo; richteten. Mehr muss man in Deutschland eigentlich nicht sagen, wenn heute deutsche Soldaten sich in einer Gegend aufhalten, die aus Israel offen und ungeschminkt f&uuml;r die Bildung eines unabh&auml;ngigen Staates befeuert werden. Geschichtsvergessener kann man nicht vorgehen und sich dann anschlie&szlig;end in Deutschland &uuml;ber die Folgen wundern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt gute Gr&uuml;nde, den Wunsch der Kurden nach einem eigenen Staat ernst zu nehmen. Es gibt gute Gr&uuml;nde, weitere ethnische Trennungen von bisherigen Staatsgebilden nicht zu f&ouml;rdern. Der folgende Text des fr&uuml;heren CDU-Abgeordneten und Parlamentarischen Staatssekret&auml;rs im Verteidigungsministerium Willy Wimmer ist von diesem Spannungsfeld gepr&auml;gt. Es ist eine profilierte Meinung zum Thema. Als solche<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31583\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20,171],"tags":[1055,1557,1529,1530,1203,950],"class_list":["post-31583","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-fluechtlinge","tag-israel","tag-kurden","tag-pkk","tag-separatismus","tag-tuerkei"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31583"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49622,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31583\/revisions\/49622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}