{"id":3159,"date":"2008-04-18T10:18:57","date_gmt":"2008-04-18T08:18:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3159"},"modified":"2015-11-25T15:08:47","modified_gmt":"2015-11-25T14:08:47","slug":"zum-fruehjahrsgutachten-der-konjunkturforschungsinstitute-dogmatischer-wunderglaube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3159","title":{"rendered":"Zum Fr\u00fchjahrsgutachten der Konjunkturforschungsinstitute: Dogmatischer Wunderglaube"},"content":{"rendered":"<p>Man muss die Messlatte f&uuml;r das Wachstum nur tief genug legen, dann gilt der Aufschwung der letzten beiden Jahre als &bdquo;kr&auml;ftig&ldquo;, und dann zeugen auch ein Wachstum von 1,8% in diesem Jahr und von 1,4% im kommenden Jahr von einer &bdquo;robusten Wirtschaft&ldquo;. Und auch mit einem Wachstum von durchschnittlich 1,5% bis 2012 kann man sich dann zufrieden geben. 3,2 Millionen Arbeitslose gelten bei solchen Ma&szlig;st&auml;ben schon als Erfolg. Wenn die weltwirtschaftlichen Risiken nicht durchschlagen, bleibt alles gut. Auch gegen die Finanzkrise helfen die Arbeitsmarktreformen. Und wenn die Weltkonjunktur auch einbricht, dann brauchen wir in Deutschland kein Konjunkturprogramm wie etwa die USA. Bei uns fangen die &bdquo;binnenwirtschaftlichen Auftriebskr&auml;fte&ldquo; negative Schocks aus dem Ausland auf. Dabei bringen die Konjunkturforscher das auberkunstst&uuml;ck fertigt, in einem Atemzug auf die Steigerung der Binnennachfrage zu setzen und gleichzeitig vor h&ouml;heren Lohnabschl&uuml;ssen zu warnen. &bdquo;Weiter so&ldquo;: auf diese banale Empfehlung l&auml;sst sich das Fr&uuml;hjahrsgutachten der Konjunkturforschungsinstitute zusammenfassen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Folgen der US-Immobilienkrise belasten Konjunktur&ldquo;, so lautet die &Uuml;berschrift der Gemeinschaftsdiagnose der in der Projektgruppe zusammenarbeitenden 8 wirtschaftswissenschaftlichen Institute. Wer vom Fr&uuml;hjahrsgutachten eine solide &ouml;konomische Analyse der Auswirkungen des Finanzdesasters auf die deutsche Wirtschaft erwartet hat, sieht sich nach der Lekt&uuml;re allerdings entt&auml;uscht.<\/p><p>Nichts Genaues wei&szlig; man nicht, so lautet das Ergebnis:<br>\n<em>Die Konjunkturprognose ist mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. So lassen sich die Auswirkungen der Krise im Finanzsektor nur schwer absch&auml;tzen, weil das Ausma&szlig; der n&ouml;tigen Abschreibungen immer noch nicht bekannt ist und weil es unsicher ist, wie stark die Immobilienpreise in den USA noch fallen werden. Simulationen mit Modellen, welche die Institute verwenden, ergeben, dass eine Rezession in Deutschland wahrscheinlich w&auml;re, wenn sich die Kapitalnutzungskosten in den USA und auch in Deutschland deutlich erh&ouml;hten.<\/em><\/p><p>Einen sch&ouml;neren Beleg f&uuml;r die Unzul&auml;nglichkeit dieser Art von Wissenschaft kann man eigentlich nicht liefern.<\/p><p>Weil man keine Ahnung, was da noch kommen k&ouml;nnte, gilt das Motto &bdquo;Augen zu und durch und blo&szlig; am &bdquo;Reformkurs&ldquo; festhalten&ldquo;:<\/p><p>&ndash; Sparen,<br>\n<em>d.h. in der Finanzpolitik eine Strategie der &bdquo;qualitativen Konsolidierung&ldquo; verfolgen.<\/em> (Rentenerh&ouml;hungen und die Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes II hemmen das Wachstum.) <em>Bei einer Fortsetzung der Ausgabendisziplin und bei mehr Ehrgeiz bei dem Abbau von Subventionen entst&uuml;nden weitere M&ouml;glichkeiten, das Wirtschaftswachstum zu f&ouml;rdern, beispielsweise durch Aufstockung von investiven Ausgaben und allgemeine Steuersenkungen.<\/em><\/p><p>&ndash; Steuersenkungen,<br>\n<em>d.h. wenn in der Politik kein Spielraum f&uuml;r allgemeine Steuersenkungen gesehen wird, sollten nach Auffassung der Institute zumindest &bdquo;heimliche&ldquo; Steuererh&ouml;hungen vermieden werden.<\/em><\/p><p>&ndash; Blo&szlig; keinen fl&auml;chendeckenden Mindestlohn.<br>\n<em>Auf Deutschland bezogen besteht ein weitgehender Konsens unter den &Ouml;konomen, dass die Besch&auml;ftigungswirkungen negativ sind. Zur Begr&uuml;ndung f&uuml;r die &bdquo;Notwendigkeit&ldquo; von Mindestl&ouml;hnen wird h&auml;ufig argumentiert, man k&ouml;nne von einem niedrigen Stundenlohn nicht leben. Dieses Argument greift allerdings zu kurz, da es das System der sozialen Sicherung ausblendet, insbesondere das Arbeitslosengeld II. Es verhindert, dass das Einkommen unter das soziale Existenzminimum sinkt. Auch ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn, der zun&auml;chst so niedrig ist, dass er &bdquo;nicht schadet&ldquo;, kann letztlich die Besch&auml;ftigung erheblich beeintr&auml;chtigen. Zwar wird gegenw&auml;rtig ein Stundenlohn von &bdquo;nur&ldquo; 4,50 Euro diskutiert. Aber damit w&uuml;rde man der Politik ein Instrument an die Hand geben, das zunehmend in Wahlk&auml;mpfen eine Rolle spielen d&uuml;rfte; daher ist zu bef&uuml;rchten, dass der Mindestlohn nicht niedrig bleibt. Mit einer Abkehr von Reformen auf dem Arbeitsmarkt und mit der Einf&uuml;hrung von Mindestl&ouml;hnen w&uuml;rde insbesondere die Lohnzur&uuml;ckhaltung der vergangenen Jahre konterkariert. Indirekt beeintr&auml;chtigt ein hoher Mindestlohn die Besch&auml;ftigung, weil er dazu f&uuml;hrt, dass der Anspruchslohn steigt. Letztlich hat der Lohn in der niedrigsten Qualifikationsstufe, also der Mindestlohn, einen Einfluss auf die Lohnh&ouml;he in jeder Stufe. In der Folge steigen auch die Lohnanspr&uuml;che der Arbeitnehmer mit h&ouml;herer Qualifikation. Mit einer Abkehr von Reformen auf dem Arbeitsmarkt und mit der Einf&uuml;hrung von Mindestl&ouml;hnen w&uuml;rde insbesondere die Lohnzur&uuml;ckhaltung der vergangenen Jahre konterkariert&hellip; Und die Lohnzur&uuml;ckhaltung konnte vor allem dadurch erreicht werden, dass durch die Reformen auf dem Arbeitsmarkt die Anreize erh&ouml;ht bzw. der Druck, eine Arbeit aufzunehmen, verst&auml;rkt wurden.<\/em><\/p><p>Eine offenere Begr&uuml;ndung daf&uuml;r, dass die Senkung des Arbeitslosengeldes und die Niedrigstl&ouml;hne zum Lohndumping f&uuml;hren, konnte man selten schwarz auf wei&szlig; lesen.<\/p><p>Man muss fairerweise darauf hinweisen, dass das Konsortium IWH\/IMK\/WIFO die grunds&auml;tzliche Ablehnung der Mindestl&ouml;hne nicht teilt.<br>\n<em>Dem Konsortium scheint demgegen&uuml;ber ein allgemeiner Mindestlohn, der auf relativ niedrigem Niveau angesetzt wird, geeignet.<\/em><br>\nMan muss allerdings bei einer derart schlaffen Begr&uuml;ndung fragen, was etwa das IMK f&uuml;r einen Gewinn darin sieht, bei dieser Art Gutachten &uuml;berhaupt noch mitzuwirken.<\/p><p>Das Fr&uuml;hjahrsgutachten st&uuml;tzt seine Wachstumsprognose vor allem auf die Binnennachfrage:<\/p><p><em>Bei etwas beschleunigt steigenden Gewinneinkommen (!) erh&ouml;ht sich das verf&uuml;gbare Einkommen der privaten Haushalte um 2,9 %; real bedeutet dies eine Zunahme um 0,5 %. Der Anstieg der privaten Konsumausgaben d&uuml;rfte etwas dar&uuml;ber hinausgehen, weil sich die Sparquote wegen des Wegfalls der Sonderfaktoren wieder etwas verringert. Alles in allem werden die privaten Konsumausgaben im Jahr 2008 um 0,8% steigen.<\/em><\/p><p>Mit einem Anstieg der privaten Konsumausgaben um 0,8 %, wehrt Deutschland die r&uuml;ckl&auml;ufige Weltkonjunktur, die Erh&ouml;hung der Energiepreise, den steigenden Dollarkurs, die durch die zur&uuml;ckhaltende Geldpolitik hohen Zinsen von 4% und die Inflationsrate von 2,6% ab? Das ist eine Wirtschaftswissenschaft, die an die wundersame Verwandlung von Wasser in Wein glauben muss. Mehr als einen dogmatischen Wunderglauben hat das Fr&uuml;hjahrsgutachten nicht zu bieten. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/31923.html\">Gemeinschaftsdiagnosen Fr&uuml;hjahr 2008 zum Download<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man muss die Messlatte f&uuml;r das Wachstum nur tief genug legen, dann gilt der Aufschwung der letzten beiden Jahre als &bdquo;kr&auml;ftig&ldquo;, und dann zeugen auch ein Wachstum von 1,8% in diesem Jahr und von 1,4% im kommenden Jahr von einer &bdquo;robusten Wirtschaft&ldquo;. Und auch mit einem Wachstum von durchschnittlich 1,5% bis 2012 kann man sich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3159\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[50,129,30],"tags":[423,290,299,319,479,402,746],"class_list":["post-3159","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzkrise","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-binnennachfrage","tag-konjunkturprogramme","tag-lohnentwicklung","tag-reservearmee","tag-wachstum","tag-wirtschaftsforschungsinstitute"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3159","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3159"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3159\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29007,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3159\/revisions\/29007"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3159"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3159"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3159"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}