{"id":31647,"date":"2016-02-29T10:55:40","date_gmt":"2016-02-29T09:55:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31647"},"modified":"2024-08-22T15:57:31","modified_gmt":"2024-08-22T13:57:31","slug":"kapitalismus-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31647","title":{"rendered":"Kapitalismus 2.0"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160229_grefe.jpg\" alt=\"Christiane Grefe\" title=\"Christiane Grefe\"><\/div><p>Was geschieht, wenn der Kapitalismus in eine schwere Krise ger&auml;t? Es wird Krieg gef&uuml;hrt &ndash; nach innen, wie nach au&szlig;en, gegen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23757\">Menschen<\/a> und gegen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23352\">Staaten<\/a>. Die Armen werden weiter <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168\">verarmt<\/a>, andere L&auml;nder werden &uuml;berfallen und ihre Ressourcen akquiriert. Es geht um M&auml;rkte, Macht, Profit &ndash; und etwas, das David Harvey, einer der bedeutendsten kritischen Intellektuellen unserer Zeit, als &bdquo;<a href=\"http:\/\/zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/article\/907.der-neue-imperialismus-und-die-globale-enteignungsoekonomie.html\">Akkumulation durch Enteignung<\/a>&ldquo; beschreibt. W&auml;hrend die entsprechenden kriegerischen Angriffe auf fremde L&auml;nder sowie die Systeme der sozialen Absicherung immer wieder einmal kritisch beleuchtet werden, werden der allt&auml;gliche &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/27\/andreas-moser-tierfilmer-wolf\/komplettansicht\">Krieg gegen die Natur<\/a>&ldquo; und seine Ausw&uuml;chse eher selten thematisiert. Und das, obwohl derselbe mittels &bdquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bio%C3%B6konomie\">Bio&ouml;konomie<\/a>&ldquo; in Krisenzeiten in eine neue Phase einzutreten droht. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach hierzu mit der Autorin und Publizistin <strong>Christiane Grefe<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9539\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-31647-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160302_Kapitalismus_2_Punkt_0_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160302_Kapitalismus_2_Punkt_0_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160302_Kapitalismus_2_Punkt_0_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160302_Kapitalismus_2_Punkt_0_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=31647-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160302_Kapitalismus_2_Punkt_0_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160302_Kapitalismus_2_Punkt_0_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Frau Grefe, gerade erschien Ihr neues Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.kunstmann.de\/titel-0-0\/global_gardening-1110\/\">Global Gardening: Bio&ouml;konomie &ndash; Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?<\/a>&ldquo;, mit dem Sie einen wichtigen Beitrag zur immer dringlicher werdenden Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft und Biotechnologie leisten. Wie kam es zu diesem Buch?<\/strong><\/p><p>Auf das Thema Bio&ouml;konomie wurde ich aufmerksam, als unter diesem Titel vor ein paar Jahren milliardenschwere Forschungsprogramme beschlossen wurden. Wonach Wissenschaftler fragen, das bestimmt schlie&szlig;lich unsere Zukunft, und damals gab es Kritik daran, dass die Projekte zu sehr von Agrar- und Biotechnologielobbies beeinflusst worden seien. Ich wollte mehr wissen, auch weil sich die F&ouml;rderer der Bio&ouml;konomie nicht weniger als eine der gr&ouml;&szlig;ten globalen Herausforderungen vorgenommen haben: Wie k&ouml;nnen wir trotz des bereits wirksamen Klimawandels und schwindender nat&uuml;rlicher Ressourcen eine wachsende Weltbev&ouml;lkerung langfristig gesund ern&auml;hren &ndash; aber zugleich auch noch Stoffe, Materialien und Energie aus Pflanzen und anderen biogenen Ressourcen herstellen, um wegzukommen vom &Ouml;l? <\/p><p>Nat&uuml;rlich ist so ein komplexes Ziel auch aufgeladen mit Konflikten und Widerspr&uuml;chen, und das stachelte meine Neugierde weiter an. Auf der einen Seite klingt Bio&ouml;konomie so sch&ouml;n gr&uuml;n. Nach Bionade, Biobauer, Biotonne. Auf der anderen werden unter dieser &Uuml;berschrift in vielen L&auml;ndern aber auch kontroverse Themen wie Genome Editing, Synthetische Biologie, High-Tech in der Landwirtschaft oder Functional Food aus dem Drucker diskutiert. Oder: In den siebziger Jahren war Bio&ouml;konomie der Suchbegriff einer Bewegung, die eine Wirtschaftsform <em>jenseits<\/em> des Wachstums entwickeln wollte &ndash; w&auml;hrend sie heute vor allem als Chance f&uuml;r neues Wachstum propagiert wird. Und das sind nur zwei von vielen Spannungsfeldern.<\/p><p>Im Mittelpunkt der Innovations- und Wirtschaftsstrategie, die sich heute hinter dem Begriff Bio&ouml;konomie verbirgt und die auf eine immer effizientere Verwertung von &ldquo;Biomasse&rdquo; setzt, steht naturgem&auml;&szlig; die Landwirtschaft. Deren Krisen haben mich journalistisch immer wieder besch&auml;ftigt, einschlie&szlig;lich der alternativen M&ouml;glichkeiten l&auml;ndlicher Entwicklung. Die Fragen, die hier aufgeworfen sind, lauten unter anderem: Mit welchen Methoden und Technologien kann eine Agrarproduktion, die &ndash; als T&auml;ter und Opfer zugleich &ndash; eng mit Klimawandel und Artenschwund verwoben ist, mehr produzieren? Wie &ouml;kologisch integer, wie hilfreich sind die Nachhaltigkeitsstrategien, die jetzt auch von Saatgut- und Landmaschinenkonzernen entwickelt werden? Wer definiert &uuml;berhaupt, welche Landwirtschaft als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28143\">nachhaltig<\/a>&ldquo; gilt? Und vor allem: Profitieren Kleinbauern und Arme in Entwicklungsl&auml;ndern &ndash; oder werden sie durch die Bio&ouml;konomie im Gegenteil noch st&auml;rker marginalisiert? Das alles sind hoch aktuelle, brisante Fragen, die sich in der Bio&ouml;konomie b&uuml;ndeln. Zu der Vielzahl von Debatten dar&uuml;ber wollte ich Hintergr&uuml;nde liefern.<\/p><p>Michael Succow, Natursch&uuml;tzer und Tr&auml;ger des Alternativen Nobelpreises, hat geschrieben: &ldquo;Lassen wir die Natur unver&auml;ndert, k&ouml;nnen wir nicht existieren; zerst&ouml;ren wir sie, gehen wir zugrunde.&rdquo; Der scheinbar so einfache Satz bringt das komplexe Dilemma der Bio&ouml;konomie auf den Punkt. Die Grenzen, die er setzt, werden in der globalen Konsumgesellschaft aber hartn&auml;ckig verdr&auml;ngt. Dabei gilt auch in Informationsgesellschaften, Dienstleistungsgesellschaften, Spa&szlig;-, demn&auml;chst wohl Industrie-4.0- und anderen vermeintlich &raquo;dematerialisierten&laquo; Gesellschaften: Wir selbst und auch jede Wirtschaftsform werden immer Teil des ganz gro&szlig;en Stoffwechsels bleiben. Wenn die Bio&ouml;konomie das beherzigt &ndash; und keine Bio&ouml;konomie kann es nicht geben, denn irgendwie gehen wir ja immer mit &Auml;ckern, Weiden und W&auml;ldern um &ndash;, dann holt sie uns im Wortsinn auf den Boden runter.<\/p><p><strong>Was ja in vielerlei Hinsicht wohl dringend notwendig w&auml;re&hellip; Denn unserer bisherigen Lebensart verdanken wir <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31260\">Fukushima<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29515\">Waldzerst&ouml;rungen<\/a>, einen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28143\">Ressourcen-Raubbau<\/a>, der l&auml;ngst unsere Lebensgrundlagen zerst&ouml;rt, und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29219\">Schlimmeres<\/a> &ndash; um nur Bruchteile zu nennen&hellip;<\/strong><\/p><p>Jedenfalls ist mittlerweile unbestritten, dass der &ouml;kologische Fu&szlig;abdruck der westlichen Konsumgesellschaft viel zu gro&szlig; ist, auf Kosten der Natur und vieler Menschen vor allem in Entwicklungsl&auml;ndern.<\/p><p><strong>Und was ist in diesem Kontext nun die aktuelle &bdquo;Vision&ldquo; der Bio&ouml;konomen, der Bio&ouml;konomie?<\/strong><\/p><p>Die Vision ist, wie gesagt, die Weltern&auml;hrung zu sichern und zugleich durch die &ldquo;Biologisierung der Volkswirtschaft&rdquo; Abschied vom &Ouml;l zu nehmen. Dieses Gro&szlig;projekt stellen manche sogar in eine Reihe mit der neolithischen Revolution, der Agrarrevolution und der industriellen Revolution. Etwas konkreter formuliert, gilt die Bio&ouml;konomie als jener Teil der &raquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28143\">Green Economy<\/a>&laquo;, der biogene Ressourcen nutzt. Sie wird als Dach &uuml;ber s&auml;mtlichen Wirtschaftsbranchen und -sektoren beschrieben, die aus Tieren, Wald- und Ackerfr&uuml;chten, Fischen, Mikroorganismen und Algen Produkte herstellen. Eine gro&szlig;e Effizienzrevolution soll sie in Gang setzen, und das zugleich bei allen &raquo;Sechs F&laquo;: Food, Feed, Fuel, Fiber, Flowers &amp; Fun &ndash; so sch&ouml;n knapp wie im Englischen kriegt man es auf Deutsch gar nicht hin. <\/p><p>Alle Dinge, die uns ern&auml;hren, kleiden und pflegen, mit denen wir uns fortbewegen und aus denen wir H&auml;user bauen und Alltagsgegenst&auml;nde herstellen, sollen zunehmend aus biologischen Quellen und mit biologischem und biotechnologischem Wissen hergestellt werden, und das bis zur Mitte des Jahrhunderts zu 50 Prozent. Diese Form des Wirtschaftens werde nicht weniger als &ldquo;Mensch und Natur neu in Einklang bringen&rdquo;, sagt etwa Joachim von Braun, der Pr&auml;sident des &ldquo;Bio&ouml;konomierates&rdquo;, der die Bundesregierung ber&auml;t, voraus.<\/p><p>Dass es dabei vor allem um Forschung geht, ist bereits an der &ldquo;offiziellen&rdquo; Definition der Bundesregierung ablesbar. Sie beschreibt Bio&ouml;konomie als &ldquo;wissensbasierte Erzeugung und Nutzung nachwachsender Ressourcen&rdquo;, um &bdquo;Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsf&auml;higen Wirtschaftssystems bereitzustellen&rdquo;. Da f&auml;llt Vieles darunter, von der R&uuml;ckgewinnung des Kohlenstoffs aus Abgasschloten &uuml;ber die Z&uuml;chtung d&uuml;rreresistenter Pflanzen; von der k&uuml;nstlichen Photosynthese bis zu einer daten- und satellitengesteuerten Pr&auml;zisionslandwirtschaft; von Textilien aus Milcheiwei&szlig; &uuml;ber fettarme und allergiefreie Lebensmittel bis hin zu bioaktiven Kosmetika. Die Liste zeigt, dass dabei keineswegs immer nur die L&ouml;sung globaler Probleme im Blick ist, sondern dass einige Protagonisten der Bio&ouml;konomie auch auf eine sch&ouml;ne neue Produktwelt setzen. &bdquo;Innovationen&ldquo; also, bei denen man sich schon fragen muss, ob sie eigentlich mit staatlichen Geldern gef&ouml;rdert werden sollten. <\/p><p>Welchen Stellenwert all dies hat und welche Priorit&auml;ten gesetzt werden, da gehen die Vorstellungen weit auseinander. Das liegt schon an den unterschiedlichen geographischen Voraussetzungen: Brasilien oder die USA mit ihren gigantischen Fl&auml;chen f&uuml;r Mais oder Zuckerrohr haben andere Bio&ouml;konomiestrategien als europ&auml;ische L&auml;nder, die von kleingliedrigen Landschaften gepr&auml;gt sind. Asiatische Regierungen wie die Malaysias wollen mit dem Aufbau einer biotechnologischen Medizin- und Pharmaproduktion den Weg vom Agrarland zum Industrieland schaffen. Kanada will seine W&auml;lder noch produktiver machen. Und die Skandinavier wollen die Wertsch&ouml;pfung ihrer Agrar- und Zellstoffindustrien steigern oder durch Algen- und Aquakulturen mehr aus dem Meer herausholen. <\/p><p>Unterschiedlich sind auch die Ziele. F&uuml;r die einen geht es vor allem darum, nach vielf&auml;ltigen Anwendungen f&uuml;r gentechnische Verfahren zu suchen. Tats&auml;chlich ist Big Data auch auf den Feldern der Bio&ouml;konomie der entscheidende Treiber. Die Sequenzierung von immer mehr Genomen und eine Vielzahl neuer gentechnischer Verfahren beschleunigt den m&ouml;glichen Einsatz von Mikroben und Enzymen in industriellen Prozessen; ob als Katalysatoren, die Energie oder den Einsatz von Giften sparen, ob zur Herstellung von Kraftstoffen und neuen Materialien oder auch Lebensmitteln. Das geht so schnell, dass die Debatte dar&uuml;ber, welche neuen Zulassungsregeln wir daf&uuml;r wom&ouml;glich brauchen, kaum hinterher kommt.<\/p><p>Andere setzen wie die EU-Kommission besonders auf eine industrielle Wiederbelebung verlassener l&auml;ndlicher R&auml;ume, beispielsweise mit Hilfe von Bioraffinerien. In solchen Anlagen sollen aus Abf&auml;llen der Agrarproduktion in sogenannten Nutzungskaskaden hoch effizient unterschiedliche Materialien, chemische Grundstoffe und am Ende auch noch Energie gewonnen werden. <\/p><p>Wieder anderen kommt es vor allem darauf an, endlich zusammenzudenken, was zusammengedacht geh&ouml;rt. Das erste Gro&szlig;experiment der Bio&ouml;konomie, die F&ouml;rderung der Biokraftstoffe, hat ja mit <em><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24977\">Landgrabbing<\/a><\/em> und Monokulturen gezeigt, dass Klimaschutz, Ressourcenschutz und Menschenrechte auf dramatische Weise miteinander in Widerspruch geraten k&ouml;nnen. Ein Grund daf&uuml;r war &ndash; neben den Industrieinteressen &ndash;&nbsp;, dass die Energie- und Klimaszene sich mit Landwirtschaft nicht auskannte &ndash; und umgekehrt. Wer hat die Macht &uuml;ber Agrarfl&auml;chen und -produktion? Die Bundesregierung redet jetzt ausdr&uuml;cklich davon, dass Bio&ouml;konomie &ldquo;systemisch&rdquo; gedacht und erforscht werden solle. Wenn sie das in Forschung und Praxis umsetzt, w&auml;re das ein Fortschritt. <\/p><p><strong>Im Klappentext Ihres Buches erfahren wir, dass in Zukunft &bdquo;die synthetische Biologie Lebensformen neu konstruieren&ldquo; soll&hellip; <\/strong><\/p><p>Das behaupten jedenfalls einige Wissenschaftler, vor allem in den USA und China. Mit Hilfe standardisierter DNA-Bausteine &ndash; sogenannten &bdquo;Bio-Bricks&ldquo; &ndash; wollen diese Bioingenieure das Erbgut wie aus dem Lego-Kasten so neu kombinieren, dass &ldquo;Eigenschaften entstehen, wie sie in nat&uuml;rlich vorkommenden Organismen bisher nicht bekannt sind&rdquo;, wie es in einer Definition der gro&szlig;en deutschen Wissenschaftsorganisationen und -akademien hei&szlig;t. Damit zielen die Forscher-Teams zum Beispiel darauf, Mikroorganismen als Helfer f&uuml;r medizinische Therapien, die Sanierung vergifteter B&ouml;den oder den Kampf gegen Sch&auml;dlinge zu nutzen. Oder <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Synthetische_Biologie\">Synthetische Biologie<\/a><\/em> soll k&uuml;nstliche Organe, Designer-Tiere und -Pflanzen hervorbringen. <\/p><p>Dass tats&auml;chlich &bdquo;k&uuml;nstliches Leben&ldquo; wie vom Rei&szlig;brett erschaffen wird, ist freilich von der Realisierung weit entfernt. Aber neue Erkenntnisse in der molekularen Biologie, technologische Fortschritte bei der Synthese und Analyse von Nukleins&auml;uren und viele andere Entwicklungen erm&ouml;glichen es den &bdquo;SynBio&ldquo;-Teams aus Biologen, Physikern, Chemikern und Bioinformatikern doch schon heute, Stoffwechsel und Eigenschaften einfacher Lebensformen immer zielgenauer zu ver&auml;ndern. Manche Wissenschaftler vergleichen die <em>Synthetische Biologie<\/em> daher mit der &ldquo;Chemie-Revolution&rdquo; im 19. Jahrhundert: Damals begannen Forscher, die Elemente des Periodensystems immer wieder neu zusammenzur&uuml;hren, um Verbindungen zu synthetisieren, die es zuvor nicht gab. &Auml;hnlich kombinieren nun die Biologen des 21. Jahrhunderts Gene und DNA-Schnipsel, um erst Zellbestandteile zu erschaffen, dann funktionale Zellen und schlie&szlig;lich zuk&uuml;nftig auch komplexere Organismen. &bdquo;A better World through better DNA&laquo;: so verhei&szlig;t der Werbespruch einer amerikanischen Biotech-Firma. <\/p><p>Kritiker beschreiben &ldquo;SynBio&rdquo; jedoch ganz anders: schlicht als &raquo;erweiterte&laquo; oder &raquo;extreme&laquo; Gentechnologie. Sie verstehen darunter auch neue Verfahren des sogenannten &bdquo;Genome Editing&rdquo;, die schon jetzt immer gezieltere Eingriffe ins Erbgut erm&ouml;glichen. Und sie warnen: auch die subtileren Einblicke der modernen Alchemisten b&ouml;ten tats&auml;chlich weiterhin nur &ldquo;Schnappsch&uuml;sse&rdquo; in die Komplexit&auml;t der biologischen Systeme. Deshalb w&uuml;rden wom&ouml;glich Milliarden von Forschungsgeldern verschwendet, die anderswo besser angelegt w&auml;ren. Zumindest m&uuml;ssten unabsehbare Risiken neuer gentechnisch ver&auml;nderter Organismen, etwa bei ungewollten Freisetzungen, sorgf&auml;ltig gepr&uuml;ft werden. <\/p><p>So bahnen sich weitere Runden im Gentechnikstreit an. &ldquo;CrisprCas9&rdquo; zum Beispiel ist ein neues, nobelpreisverd&auml;chtiges Verfahren, das auch gezielte Eingriffe in die menschliche Keimbahn m&ouml;glich macht. Krankmachende Gene k&ouml;nnen in einer Embryozelle ausgeschaltet und sogar bestimmte erw&uuml;nschte Eigenschaften herbeigef&uuml;hrt werden. Das wirft so brisante ethische Fragen auf, dass renommierte Wissenschaftler in den USA und Europa schon ein Moratorium f&uuml;r diese Forschung gefordert haben. <\/p><p>Und auch in der Pflanzenforschung spitzt der Konflikt sich zu: Die Saatgutz&uuml;chter wollen die &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Gentech-Food-durch-die-Hintertuer\/!5210854\/\">Gentechnik reloaded<\/a>&rdquo; jenseits der Zulassungsregeln und Kennzeichnungspflichten des Gentechnikrechts einf&uuml;hren, um neue Sorten schneller und ohne teure Tests auf den Markt bringen zu k&ouml;nnen. Sie begr&uuml;nden das damit, dass bei den &ldquo;Redigaturen&rdquo; des Genoms keine &Uuml;bertragung artfremder Gene mehr notwendig sei und die Eingriffe auch im Produkt oft keine nachweisbaren Spuren mehr hinterlie&szlig;en. Einige europ&auml;ische Regierungsbeh&ouml;rden haben bereits signalisiert, dass sie diese Deutung der Konzerne teilen. Gegen sie protestieren inzwischen Umweltorganisationen und Europarechtsexperten. Demn&auml;chst muss nun die EU-Kommission &uuml;ber die Zulassung einiger neuer Verfahren entscheiden. Doch die Debatte f&auml;ngt damit vermutlich erst an. <\/p><p><strong>Damit ich das richtig verstehe: Gegen die von Menschen gemachte immense Umweltzerst&ouml;rung und Vernichtung allerorts setzen die &bdquo;Bio&ouml;konomen&ldquo; noch massivere, umfassendere und wom&ouml;glich irreversible Eingriffe in die Grundlagen der Natur, die zugleich auch den Gesetzen des Marktes dienlich sein sollen? Das klingt f&uuml;r mich, ehrlich gesagt, ziemlich nach Wahn&hellip;<\/strong><\/p><p>Einen Wahn m&ouml;chte ich niemandem attestieren. Schon deshalb nicht, weil hinter solchen Eingriffen ganz rationale Motive stehen, etwa die Hoffnung auf Patente und Gewinne oder schlicht wissenschaftliche Neugierde. <\/p><p>Viele Forscher auf diesen Gebieten sind au&szlig;erdem genauso wie Sie und ich von dem Wunsch getrieben, die Welt zum Positiven zu ver&auml;ndern; sie sch&auml;tzen die Chancen und Risiken der Eingriffe ins Genom als verantwortbar ein. Das gilt besonders im Bereich der industriellen Biotechnologie, wo &ldquo;Zellfabriken&rdquo; oft nur Dienste leisten und dann zerst&ouml;rt werden. Wenn solche Organismen aber freigesetzt werden k&ouml;nnen oder sollen wie in der Pflanzenzucht, ist die Sache brisanter. Die Risikoabw&auml;gung muss man offen diskutieren, ehe wieder wie bei der Gentechnik scheinbare Sachzw&auml;nge geschaffen werden &ndash;&nbsp;und bei dieser Debatte wird die Bio&ouml;konomie auch nicht nur von Ihnen scharf kritisiert. <\/p><p>Franz-Theo Gottwald zum Beispiel, ein Pionier der &ouml;kologischen Landwirtschaft, und die Journalistin Anita Kr&auml;tzer kritisieren das Projekt in ihrer 2014 erschienenen Streitschrift &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/irrweg_biooekonomie-franz-theo_gottwald_26051.html\">Irrweg Bio&ouml;konomie<\/a>&ldquo; als einen &ldquo;totalit&auml;ren Ansatz&rdquo;. Sie meinen, dass sich der Mensch immer mehr als Herr &uuml;ber die Sch&ouml;pfung aufspiele, indem er alle Eigenschaften der Natur kommerzialisiere, Tiere durch neue Z&uuml;chtungstechnologien funktionalisiere und Nutzlosigkeit nicht mehr zulasse. <\/p><p>Dass Bio&ouml;konomie-Strategien in fast allen Industrie- und Schwellenl&auml;ndern verfolgt werden, sehen Gottwald und Kr&auml;tzer als Versuch, der Welt &ndash; wieder mal &ndash; Alternativlosigkeit aufzuzwingen. Gottwald warnt &uuml;berdies vor einer sanften Gesundheitsdiktatur, die durch die Verschmelzung von Big Data mit Biotech m&ouml;glich werde. So k&ouml;nnten staatliche Beh&ouml;rden in Zukunft zum Beispiel sanktionieren, wenn sich genomgescannte B&uuml;rger nicht an ihre individuell zugeschnittene Ern&auml;hrung mit &bdquo;biofortifizierten&ldquo; Lebensmitteln halten. <\/p><p>Gottwalds passionierte Aufforderung zur Wachsamkeit und offenen Diskussion ethischer Fragen halte ich f&uuml;r sehr berechtigt, den Begriff &ldquo;totalit&auml;r&rdquo; allerdings f&uuml;r &uuml;berzogen. Denn er unterstellt einen monolithischen, koordinierten Herrschaftswillen &ldquo;von oben&rdquo;, den ich so nicht erkennen kann. Die Zuspitzung ist &uuml;berdies nicht mehr ganz aktuell, weil sich die Bio&ouml;konomie-Strategien zumindest in Europa und besonders in Deutschland ver&auml;ndert und differenziert haben. Der &bdquo;Bio&ouml;konomierat&ldquo; zum Beispiel, der die Bundesregierung ber&auml;t, war jahrelang stark von Vertretern des Agrobusiness und der &bdquo;Lebenswissenschaften&ldquo; beherrscht. Heute sind darin auch Gentechnik-Kritiker, Konsum- und Agrarforscher und entwicklungspolitische Experten vertreten. Bio&ouml;konomie-Politiker setzen den Fokus jetzt eher auf eine Kreislaufwirtschaft, den Schutz der Ressourcen oder internationale Regeln f&uuml;r die Nachhaltigkeit bio&ouml;konomischer Wertsch&ouml;pfungsketten. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/x1F8m5rJcwE\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Harald Schumann &uuml;ber den Countdown der Globalisierung<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Verst&auml;ndnisfrage: Dieser Bio&ouml;konomierat besteht also zur H&auml;lfte oder mehr aus ausgewiesenen Kritikern?<\/strong><\/p><p>Darin sind jetzt Experten vertreten, die eine nachhaltige Bio&ouml;konomie f&uuml;r notwendig halten, die aber in gr&ouml;&szlig;eren Zusammenh&auml;ngen denken und auch untereinander kontrovers diskutieren. Beispielsweise sind jetzt auch verschwenderische Konsummuster ein Thema, es wird nach sparsameren Wertsch&ouml;pfungsketten gesucht und die schiere High-Tech-Euphorie hat sich einer gr&ouml;&szlig;eren Aufmerksamkeit f&uuml;r soziale Fragestellungen, Akzeptanzfragen, den Erhalt der Biodiversit&auml;t und vieles mehr ge&ouml;ffnet. <\/p><p>Der Rat will k&uuml;nftig st&auml;rker auf demokratische Beteiligung achten, wenn er nach neuen Pfaden der Bio&ouml;konomie sucht. Das ist deshalb bedeutsam, weil er der Bundesregierung im Laufe des Jahres 2016 eine neue, vermutlich auf sechs Jahre ausgerichtete Forschungsstrategie vorschlagen soll.<\/p><p><strong>Wie w&uuml;rden Sie pers&ouml;nlich denn &ndash; Franz-Theo Gottwald und seine Kritik einmal au&szlig;en vor &ndash; die Chancen und Risiken dieser Entwicklungen beschreiben?<\/strong><\/p><p>Risiken sehe ich neben den genannten vor allem in einer paradoxen Bedrohung: Die Bio&ouml;konomie k&ouml;nnte den Druck auf die Ressourcen noch steigern &ndash; im Namen des Ressourcenschutzes. Betroffen w&auml;ren vor allem die gro&szlig;en Hotspots des &ldquo;Biomasse&rdquo;-Anbaus Brasilien, Indonesien, auch Osteuropa &ndash; und viele Entwicklungsl&auml;nder, die ohnehin schon mit der Erosion ihrer B&ouml;den und mit Wasserknappheit k&auml;mpfen. Denn ob bei der Herstellung von Energie, Stoffen oder Chemikalien: alles bleibt auf Holz, Pflanzen oder Algen und damit auf Fl&auml;chen, Boden und Wasser angewiesen. Um die Konkurrenz mit Nahrungsmitteln und auch neuen Raubbau zu vermeiden, wollen die Bio&ouml;konomen jetzt vor allem auf Abf&auml;lle und Reststoffe aus der Landwirtschaft zur&uuml;ckgreifen und aus Stroh zwar kein Gold machen, aber zum Beispiel Kraftstoffe &ndash; und das in &ldquo;Kaskaden&rdquo;. <\/p><p>Mit Hilfe neuer Technologien sollen Pflanzen zuerst stofflich genutzt und ihnen dann chemische Grundstoffe entlockt werden, und erst ganz am Schluss st&uuml;nde die energetische Nutzung, also: das Verbrennen. Doch Skepsis bleibt auch hier angebracht. Denn niemand wei&szlig;, ob sich das &uuml;berhaupt rechnet. Vor allem werden Stroh oder Altholz auch zum Aufbau von Humus gebraucht. Sie sind manchmal, aber keineswegs immer Reststoffe, sondern f&uuml;r Wald, Acker und Artenschutz lebenswichtig.<\/p><p>Ein weiteres Risiko: Konglomerate aus Saatgut-, Chemie-, Energie- und Lebensmittelkonzernen k&ouml;nnten neue globale Machtzentren bilden, die bar jeder demokratischen Kontrolle mit ihren Technologieentscheidungen &uuml;ber unsere Zukunft bestimmen. In der Landwirtschaft werden zwar heute die Kleinbauern, die weltweit 2,6 Milliarden Menschen ern&auml;hren, rhetorisch umgarnt. Doch viele Bio&ouml;konomie-Technologien drohen, noch mehr Familien aus dem Wettbewerb zu dr&auml;ngen; auch in Entwicklungsl&auml;ndern, wo sie meist unmittelbar in Arbeitslosigkeit, Armut und Elend st&uuml;rzen.<\/p><p>Allerdings sehe ich auch Chancen, wenn die Bio&ouml;konomie ihre Perspektiven mit neuen Fragen erweitert. Agrar&ouml;kologische Konzepte zum Beispiel, bei denen mehrere Pflanzen einander nach dem Gartenprinzip auf dem Feld unterst&uuml;tzen, k&ouml;nnten die Landwirtschaft und damit die Bauern aus ihrer Abh&auml;ngigkeit von erd&ouml;lbasierten Chemikalien befreien. <\/p><p><strong>&hellip; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Permakultur\">Permakultur<\/a> hie&szlig; das bisher doch?<\/strong><\/p><p>Ganz das Gleiche ist das nicht, die Agrar&ouml;kologie betont noch st&auml;rker die kulturelle und soziale Dimension einer solchen Anbauweise. Aber ja, auch eine weitergedachte &bdquo;Permakultur&ldquo; w&auml;re sicher eine positive Innovation im Sinne von Mensch und Natur. Hiermit lassen sich in Zukunft dann wom&ouml;glich Nahrungs-, Chemie- und Energiepflanzen kombinieren, eine dezentrale Produktion f&ouml;rdern und l&auml;ndliche Regionen neu beleben. <\/p><p>Aber auch in St&auml;dten kann die Bio&ouml;konomie zum Teil einer konsequenten Kreislaufwirtschaft werden. Die Richtung, in die es gehen sollte, hat Catia Bastioli von der italienischen Bioplastikfirma <em>Novamont<\/em> so beschrieben: Statt immer nur einzelne Technologien und Produkte als Allheilmittel zu hypen, m&uuml;sse man lernen, in Systemen zu denken, die regional verwurzelt sind. Dieser Gedanke k&ouml;nnte eine wirkliche industrielle Revolution bedeuten. <\/p><p>Eine positive und spannende Entwicklung sehe ich &uuml;berdies in der Demokratisierung der Wissenschaft. Das Forschungsministerium und jene Gremien, die an Forschungsprogrammen arbeiten und in denen bislang h&auml;ufig Wissenschaft und Industrieforschung unter sich waren, beginnen, sich f&uuml;r die Fragen gesellschaftlicher Gruppen zu &ouml;ffnen. Ausgel&ouml;st wurde das in erster Linie durch die Energiewende, die ja einschlie&szlig;lich der technologischen Entwicklungen urspr&uuml;nglich von B&uuml;rgern vorangetrieben wurde. Aber die Kontroverse um die Bio&ouml;konomie hat den Trend verst&auml;rkt.<\/p><p><strong>Das klingt tats&auml;chlich sinnvoll wie gut. Aber angesichts der Machtverh&auml;ltnisse auch ein wenig nach plumper Tr&auml;umerei bzw. Illusion. Wahrscheinlicher als diese Entwicklung d&uuml;rfte wohl jene sein, die auf die nunmehr vollst&auml;ndige Unterwerfung all dessen, was wir gemeinhin als &bdquo;Natur&ldquo; bezeichnen, unter die Logik von Verwertung und Profit hinausl&auml;uft&hellip;<\/strong><\/p><p>Was nennen &bdquo;wir&ldquo; denn &ldquo;gemeinhin&rdquo; Natur? Davon haben unterschiedliche Bev&ouml;lkerungs-, Interessen- oder Wissenschaftlergruppen durchaus unterschiedliche Vorstellungen. Da gibt es kein Wir, und da wird Vieles auch idealisiert und romantisiert. Landwirtschaft zum Beispiel war schon immer auch Verzweckung, Verwertung, Kommerzialisierung. Was wir lieben ist nicht nur die &ndash;&nbsp;ohnehin kaum mehr vorhandene &ndash; Wildnis, sondern gro&szlig;enteils eine Kulturlandschaft &ndash; die allerdings heute vielleicht noch st&auml;rker als die &ldquo;nat&uuml;rliche Natur&rdquo; bedroht ist. Ich meine, dass sich die Gesellschaft genauer &uuml;ber ihr Bild von der Natur verst&auml;ndigen sollte &ndash; und dar&uuml;ber, welche Konsequenzen sie dann in ihren Lebens- und Konsumweisen daraus ziehen muss.<\/p><p>Auch Ihrer Kritik, die positive Bio&ouml;konomie-Perspektive sei eine illusion&auml;re Tr&auml;umerei, m&ouml;chte ich widersprechen. Haben Sie gar kein Vertrauen in die M&ouml;glichkeit, Entwicklungen durch demokratische Einflussnahme zu gestalten? Ich habe das schon. Wir haben doch in der Energiepolitik gesehen, dass man mit Ideen und politischem Nachdruck etwas &auml;ndern kann. Die Verfechter von Wind- und Solarenergie galten &uuml;ber Jahrzehnte als &ldquo;Spinner&rdquo;.<\/p><p>Trotzdem: Ihr Einwand ist insofern berechtigt, als die Bio&ouml;konomie die &Ouml;konomisierung derzeit in vielerlei Hinsicht weiter zuspitzt. Es beginnt schon sprachlich damit, dass B&auml;ume, Tiere, Meere zunehmend in Begriffen der Wirtschaftswelt beschrieben werden: &ldquo;Biomasse&ldquo;, &ldquo;&Ouml;kosystemdienstleistungen&ldquo;, &bdquo;Naturkapital&ldquo;.Verfechter der Pr&auml;zisionslandwirtschaft sehen die Agrarlandschaft inzwischen ausdr&uuml;cklich als High-Tech-gesteuerte Fabrik. <\/p><p>Auch mit der Synthetischen Biologie dreht sich die Spirale in eine neue Dimension, wenn Leben pl&ouml;tzlich als &raquo;DNA-Software-System&laquo; verstanden wird, um es mit den Worten des US-Biotechnologen <em>Craig Venters<\/em> zu sagen. Und nat&uuml;rlich geht es bei der rasenden Suche nach neuen Mikroorganismen und F&auml;higkeiten von Pflanzen, Tieren, Substanzen und B&ouml;den auch um Patente und ausgreifende Marktmacht. <\/p><p>Nicht nur deshalb erfordert die Bio&ouml;konomie auch eine Diskussion &uuml;ber Werte und Grenzen. Das hat allen voran <em>Nicholas Georgescu-Roegen<\/em> erkannt. Der rum&auml;nische Wirtschaftswissenschaftler pr&auml;gte den Begriff Bio&ouml;konomie bereits in den 70er Jahren. Er bezeichnete damit eine Wirtschaftsweise, die sich in die Grenzen der Naturgesetze f&uuml;gt, statt sie mit aller Gewalt sprengen zu wollen. Lange bevor &uuml;ber die Einf&uuml;hrung eines &ldquo;Bruttogl&uuml;cksproduktes&rdquo; diskutiert wurde, dachte er &uuml;ber eine Gesellschaft nach, die ihre materiellen Bed&uuml;rfnisse nicht mehr st&auml;ndig erweitert, damit die Ressourcen in der Welt gerechter verteilt werden k&ouml;nnen &ndash; und die damit sogar besser f&auml;hrt. Denn: &ldquo;Der wahre &rsaquo;output&lsaquo; des &ouml;konomischen Prozesses&rdquo;, schrieb Georgescu-Roegen, sei &ldquo;nicht eine st&auml;ndige materielle Produktion von Abfall, sondern ein beispielloses best&auml;ndiges Flie&szlig;en, der Fluss der Freude am Leben. Wenn wir diese Bewegung wie auch viele andere spezifisch menschliche Neigungen nicht in unser analytisches Instrumentarium einbeziehen, so bewegen wir uns nicht in der &ouml;konomischen Wirklichkeit.&rdquo; <\/p><p>Dieses Verst&auml;ndnis der Bio&ouml;konomie wollte ich mit dem Buch gewisserma&szlig;en zur&uuml;ckerobern, nachdem sie von wachstumsgl&auml;ubigen Begriffspiraten geschichtsvergessen gekapert worden war.<\/p><p>Auch die indische Schriftstellerin <em>Arundhati Roy<\/em> hat das schon vor Jahren auf den Punkt gebracht, als sie in ihrem Essay <em>Rumpelstilzchens Reinkarnation<\/em> fragte: <\/p><blockquote><p>&raquo;Wenn all die Fl&uuml;sse und T&auml;ler und W&auml;lder und H&uuml;gel der Welt erst verpackt, mit Preis und Kassencode versehen und im Supermarkt gestapelt sind; wenn alles Stroh, alle Kohle und Erde und alles Holz und Wasser zu Gold gemacht wurden, was sollen wir dann machen mit all dem Gold?&laquo;<\/p><\/blockquote><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Christiane Grefe<\/strong>, geboren 1957 in L&uuml;denscheid, studierte an der Deutschen Journalistenschule und Politikwissenschaft in M&uuml;nchen. Sie war freie Journalistin bei Natur, Geo Wissen und dem Magazin der S&uuml;ddeutschen Zeitung und arbeitet seit 1999 als Reporterin f&uuml;r die ZEIT. Zuletzt erschien gemeinsam mit Harald Schumann &bdquo;Der globale Countdown&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29219\">NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;Wie die industrialisierte Landwirtschaft die Umwelt zerst&ouml;rt&ldquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28143\">NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;Die L&uuml;ge von der Green Economy&ldquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31260\">NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;Fukushima ist &uuml;berall&ldquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29515\">NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;Unsere gr&uuml;ne Lunge am Limit&ldquo;<\/a><\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a> &uuml;ber neue Texte bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/86673fac019e44aca3d98adcb62484d7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160229_grefe.jpg\" alt=\"Christiane Grefe\" title=\"Christiane Grefe\"\/><\/div>\n<p>Was geschieht, wenn der Kapitalismus in eine schwere Krise ger&auml;t? Es wird Krieg gef&uuml;hrt &ndash; nach innen, wie nach au&szlig;en, gegen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23757\">Menschen<\/a> und gegen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23352\">Staaten<\/a>. Die Armen werden weiter <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168\">verarmt<\/a>, andere L&auml;nder werden &uuml;berfallen und ihre Ressourcen akquiriert. Es<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31647\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,178,176,161],"tags":[1849,1334,539,1619,1848,849,402],"class_list":["post-31647","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-ressourcen","category-umweltpolitik","category-wertedebatte","tag-biotechnologie","tag-erdoel","tag-gentechnik","tag-green-economy","tag-nachhaltigkeit","tag-nahrungsmittel","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31647","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31647"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31647\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120034,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31647\/revisions\/120034"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31647"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31647"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31647"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}