{"id":3165,"date":"2008-04-21T09:02:09","date_gmt":"2008-04-21T07:02:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3165"},"modified":"2019-07-25T11:12:34","modified_gmt":"2019-07-25T09:12:34","slug":"dienstleistung-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3165","title":{"rendered":"Dienstleistung in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>&ndash; Ein Erfahrungsbericht &ndash;<br>\nGeht es Ihnen eigentlich auch wie uns? Ob wir ein Ger&auml;t kaufen, eine telefonische Bahnauskunft w&uuml;nschen oder gar den Netzanbieter wechseln &ndash; alles ist mit schier unl&ouml;sbaren Problemen verbunden. Von Petra und Joke Frerichs<br>\n<!--more--><br>\nEine Digitalkamera, zugegeben: der ersten Generation, funktioniert nicht. Der Versuch, sie anhand der Anweisungen einer Bedienungsanleitung in Gang zu setzen, misslingt. W&uuml;rden wir das Quantum an Lebenszeit (und Nerven) den jeweils verantwortlichen Unternehmen in Rechnung stellen &ndash; wir h&auml;tten nahezu ein Verm&ouml;gen verdient. Denn selbstverst&auml;ndlich ging es uns bei Versuchen, Computer; Videoger&auml;te; Mobiltelefone; Handys o.&auml;. zum Funktionieren zu bringen, nicht anders. Die Anleitungen lesen sich oft, als w&auml;ren sie von einem Amerikaner aus dem Chinesischen ins Deutsche &uuml;bersetzt worden. Vor allem aber: St&ouml;rungen sind meist gar nicht vorgesehen. Stattdessen wird seitenlang &uuml;ber technische Optionen fabuliert, die wir gar nicht in Anspruch nehmen wollen. Wir m&ouml;chten einfach nur fotografieren; telefonieren oder Musik h&ouml;ren. Unter der Rubrik &bdquo;St&ouml;rungen&ldquo; steht meist nur, dass man nachschauen soll, ob man den Stecker in die richtige Dose gesteckt hat. Das aber gelingt meist sogar uns.<\/p><p>Oder &ndash; falls Sie je so weit vordringen sollten: Haben Sie einmal versucht, per telefonischer Anweisung einen Computer zu installieren bzw. eine St&ouml;rung zu beheben? Nein? Dann haben Sie etwas verpasst im Leben. Sollte es Ihnen n&auml;mlich gelingen, den ca. 78 Anweisungen Ihres Gespr&auml;chspartners zu folgen &ndash; und verlieren nicht Sie oder er im Laufe von 1 _ bis 2 Stunden die Geduld &ndash; dann sind Sie um einige Erfahrungen reicher, um die Sie jeder beneiden wird, der sie nicht gemacht hat. Dass derartige Ereignisse reichlich Stoff f&uuml;r Kabarettisten bieten, ist immerhin erfreulich. In dem Fall k&ouml;nnen sogar wir dar&uuml;ber lachen.<br>\nRegt sich eigentlich keiner mehr &uuml;ber Vorkommnisse dieser Art auf? Oder ist es den Firmen gelungen, das &bdquo;Leiden&ldquo; gewisserma&szlig;en zu individualisieren, so dass jeder denkt, er sei zu unwissend und ihm allein passierten diese Missgeschicke? <\/p><p>J&uuml;ngstes Beispiel: Der Kauf eines Laptops &ndash; ein Geburtstagsgeschenk sollte es sein. Ausgerechnet das von uns erworbene Exemplar hatte einen Fehler. Bis dieser identifiziert werden konnte, dauerte es vierzehn Tage. Davor: stundenlange Versuche, das Ger&auml;t zu installieren; Funktions&uuml;berpr&uuml;fung in der Firma; schlie&szlig;lich &ndash; nach mehreren falschen Diagnosen: Einschicken des Ger&auml;ts. Ein Ersatzger&auml;t wurde bereitgestellt. Die Herstellerfirma stellte schlie&szlig;lich einen Hardwarefehler fest. Danach: erneuter Austausch der Ger&auml;te. Seit einigen Wochen funktioniert es.<\/p><p>Statt den Gl&uuml;ckszustand m&ouml;glichst lange zu genie&szlig;en, lassen wir uns vor kurzem beschwatzen, den Anbieter zu wechseln. Dazu muss man die Vorgeschichte kennen: Seit Monaten wird unser ganzes Wohnviertel buchst&auml;blich umgepfl&uuml;gt. B&uuml;rgersteige und Hausanschl&uuml;sse werden aufgerissen und manchmal auch wieder zugesch&uuml;ttet. Es werden neue Kabel verlegt. Glasfaser. V&ouml;llig neue technische M&ouml;glichkeiten bieten sich angeblich. Wir wurden in einem Werbegespr&auml;ch auf diese hingewiesen. Nach diesem Vortrag kamen wir uns vor, als h&auml;tten wir bisher in der Steinzeit gelebt. Unsere (vorahnungsvolle) Nachfrage: Ja &ndash; und die Umstellung? Alles kein Problem! Ein Hebel wird umgelegt, und alles funktioniert sofort und wie von selbst. <\/p><p>Was danach geschah, &uuml;bertraf alles, was wir uns &uuml;berhaupt nur vorstellen konnten: Zwei junge Techniker eines bis dahin unbekannten Subunternehmens tauchten pl&ouml;tzlich bei uns auf. Sie versuchten, &bdquo;den Hebel umzulegen&ldquo;. Vergeblich. Danach tauschten sie eine Anzahl von Ger&auml;ten aus (Router, Modem usw.), da die alten mit dem neuen System nicht kompatibel waren. Auch das half zun&auml;chst wenig. Nach ca. drei Stunden (mittlerweile glich das Zimmer einem Kabellager) funktionierte ein Anschluss. Der zweite brach sofort wieder zusammen. Am n&auml;chsten Tag, einem Freitag, kam ein weiterer Mitarbeiter des Subs nur deshalb, weil wir der Firma massiv gedroht hatten. Sonst h&auml;tten wir bis zum darauffolgenden Mittwoch warten m&uuml;ssen. Grund: die Arbeits&uuml;berlastung der Mitarbeiter.<br>\nDer nicht gerade optimistisch dreinschauende Mitarbeiter erkundigte sich zun&auml;chst bei den Vorg&auml;ngern, was diese vorher gemacht hatten. Und nach einigem Probieren geschah ein Wunder: beide Ger&auml;te funktionierten pl&ouml;tzlich. <\/p><p>Jedoch: unser Gl&uuml;ck w&auml;hrte nur kurz: danach war das Telefon tot. Das hei&szlig;t: wir unsrerseits konnten anrufen, waren jedoch nicht erreichbar (was wir nat&uuml;rlich erst merkten, als wir uns &uuml;ber die &bdquo;Funkstille&ldquo; zu wundern begannen und schlie&szlig;lich per E-Mail Hinweise bekamen). <\/p><p>Was folgte, war ein wochenlanger Kleinkrieg mit dem fr&uuml;heren und dem neuen Anbieter: unz&auml;hlige Versuche, per Telefon die Probleme zu l&ouml;sen, und ebenso viele Frustrationserfahrungen, Wutanf&auml;lle, Zornesausbr&uuml;che. Die Anbieter behaupteten notorisch, die Probleme l&auml;gen beim jeweils anderen. <\/p><p>Konkret l&auml;uft das ungef&auml;hr so ab: Wo immer man sein Problem vortragen m&ouml;chte und die besagte 0800er-Nummer gew&auml;hlt hat, ist man nach dem aufdringlichen Werbegedudel erst einmal mit der automatischen Rufannahme konfrontiert: Eine freundliche Stimme fordert Sie auf, Ihr Problem zu rubrizieren; f&auml;llt Ihnen die Zuordnung schwer, haben Sie Pech gehabt. Sind Sie nach einiger Erfahrung so forsch und dr&uuml;cken einfach die Zwei oder Drei, werden Sie nach einer Warteschleife &ndash; wiederum muss das Werbegedudel ertragen werden &ndash; mit Herrn oder Frau X im Callcenter verbunden. Hier nun geht es nach dem Prinzip Zufall, wen man gerade an der Strippe hat.<br>\n(Man wei&szlig;, dass die Menschen in Callcentern schlechte Arbeitsbedingungen haben: flexible Arbeitszeiten, schlechte Entlohnung, und au&szlig;erdem sind sie der Prellbock f&uuml;r alles, was zwischen Anbieter und Kunden als Problem auftaucht. Wie in unserem Fall).<\/p><p>Aus der Kundenperspektive ist es au&szlig;erordentlich st&ouml;rend, keinen festen Ansprechpartner zu haben; bei wiederholten Anrufen m&uuml;ssen Sie immer wieder aufs Neue ihre Geschichte vortragen. Da die Kompetenz der Callcenter-Mitarbeiter begrenzt ist, m&uuml;ssen diese sich in virtuellen Fach- oder Sachabteilungen stets erst vergewissern, was sie dem Kunden anraten oder welche Auskunft sie geben sollen.<br>\nIn jedem Fall werden Sie h&ouml;flich gebeten, &bdquo;einen Moment&ldquo; zu warten &ndash; Werbegedudel -, und man bedankt sich bei Ihnen sogar f&uuml;r Ihre Geduld, drangeblieben zu sein. Ist das Problem noch offen und Sie bitten um R&uuml;ckruf: Vergessen Sie&rsquo;s, das passiert so gut wie nie. So wird man irgendwann zum roten Tuch f&uuml;r ein Callcenter, indem man selbst immer wieder anruft und auf der L&ouml;sung seines Problems beharrt oder androht, sich zu beschweren. (Das l&auml;sst man dann besser doch, denn es tr&auml;fe ohnehin nur die Falschen). <\/p><p>Oft ist es auch gar nicht ausgemacht, wer oder was die Ursache eines Problems ist. In unserem Fall stellte sich nach vier Wochen (!) heraus, dass ein Doppelvertrag zustande gekommen war &ndash; mit der Folge der Stillegung der angestammten Rufnummer. War es der Einwerber, der die Vertragsbindung &uuml;bersehen hat? Sind sich die konkurrierenden Anbieter untereinander so spinnefeind, dass sie sich das Leben beim Kampf um die Kunden so schwer wie m&ouml;glich machen? Am Ende hat wahrscheinlich &ndash; jedenfalls aus Sicht der Anbieter &ndash; die Kundin, der Kunde selbst schuld. Wie dem auch sei: Wir stornierten den neuen Vertrag; kehrten reum&uuml;tig zum urspr&uuml;nglichen Anbieter zur&uuml;ck und erlebten die paradoxe Situation, dass die Techniker der neuen Firma uns den Anschluss an die alte Firma wiederherstellten. Unter dem Vorwand, einer Freundin behilflich zu sein, baten sie bei der Konkurrenzfirma um Daten zu unserem Anschluss und richteten diesen wieder ein. Alles klar?<\/p><p>Nat&uuml;rlich fragt man sich angesichts dieser Erfahrungen, ob man sich im falschen Film befindet, ob man f&uuml;r diese neuen Techniken einfach &bdquo;zu bl&ouml;d&ldquo; ist (um den bekannten Werbespot einmal positiv zu wenden). Auf jeden Fall wurde immer wieder behauptet, unser Fall sei eine bedauerliche Ausnahme, sonst g&auml;be es solche Probleme nicht. Doch je mehr wir uns umh&ouml;ren im Bekannten- und Freundeskreis: Jeder kennt &auml;hnliche Probleme; jeder hat solche Erfahrungen auch schon einmal gemacht oder durch andere davon geh&ouml;rt. <\/p><p>Aus dieser Tatsache lassen sich dann aber auch ganz andere Schl&uuml;sse ziehen: Seit Jahren werden in Deutschland die Service-Bereiche gro&szlig;er Firmen outgesourct oder zumindest erheblich abgebaut &ndash; alles, um die Firmen &bdquo;schlanker&ldquo; zu machen und Kosten zu reduzieren. Schlie&szlig;lich ist Billigkonkurrenz angesagt: Die Produktion wird so weit wie m&ouml;glich in Billiglohn-L&auml;nder verlagert; die Firmen &uuml;ben starken Druck auf die Zulieferer aus, immer schneller und g&uuml;nstiger zu produzieren; man spart am Material, wo man kann. Ist dann alles &bdquo;lean&ldquo; und &bdquo;clean&ldquo;, f&uuml;hrt das wahrscheinlich zu dem, was wir erlebt und geschildert haben und was uns viele als eigenes Erleben best&auml;tigen. <\/p><p>Aus unserer Erfahrung k&ouml;nnen wir nur sagen: Die Firmen sind mit dieser Strategie schlecht beraten. Neue Kunden lassen sich auf Dauer damit nicht gewinnen oder binden. Denn: Was n&uuml;tzen immer billiger hergestellte Produkte, wenn sie hinterher nicht funktionieren? Was n&uuml;tzen die schnellsten Ger&auml;te und Zug&auml;nge, wenn die Installation aufgrund von Dienstleistungsdefiziten und &ndash;friktionen zum Horrorszenario wird? Die Firmen sollten zu einer hohen Produktqualit&auml;t und einem verl&auml;sslichen Service zur&uuml;ckkehren &ndash; das w&auml;re heutzutage eine wirkliche Innovation!<\/p><p>Vielleicht sind wir ja zu antiquiert mit unseren Erwartungen, wenn wir uns vom &bdquo;Modell der Autowerkstatt&ldquo; nicht l&ouml;sen k&ouml;nnen: Das Auto hat eine St&ouml;rung, man bringt es zur Werkstatt und erwartet eine komplette Dienstleistung, also eine kompetente wie systematische Fehlersuche und St&ouml;rungsbeseitigung, bis der Wagen wieder in einwandfreiem Zustand ist. Man holt ihn ab, begleicht die Rechnung und setzt mit neuer Zuversicht seine Fahrt fort. So etwas &bdquo;Altmodisches&ldquo; gibt es im Bereich der Telekommunikation und mikroelektronischen Produkte offenbar nicht (mehr).<\/p><p>Zuguterletzt geht&rsquo;s einem beim Kauf oder Anschlu&szlig; von neuen Ger&auml;ten, die anschlie&szlig;end nicht funktionieren, wie Karl Valentin beim Kauf einer Schallplatte: Man m&ouml;chte sie in tausend St&uuml;cke zerschlagen. Sollten Sie immer noch glauben, es handele sich bei uns um einen Einzelfall, empfehlen wir Ihnen, den Anbieter zu wechseln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ndash; Ein Erfahrungsbericht &ndash;<br \/> Geht es Ihnen eigentlich auch wie uns? Ob wir ein Ger&auml;t kaufen, eine telefonische Bahnauskunft w&uuml;nschen oder gar den Netzanbieter wechseln &ndash; alles ist mit schier unl&ouml;sbaren Problemen verbunden. 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