{"id":317,"date":"2005-10-22T13:39:55","date_gmt":"2005-10-22T12:39:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=317"},"modified":"2016-03-01T11:21:41","modified_gmt":"2016-03-01T10:21:41","slug":"perspektive-deutschland-startet-mal-wieder-eine-tendenziose-umfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=317","title":{"rendered":"Perspektive Deutschland startet mal wieder eine tendenzi\u00f6se Umfrage"},"content":{"rendered":"<p>Die vom Unternehmensberater McKinsey entwickelte und von Stern und ZDF finanzierte &bdquo;Perspektive Deutschland&ldquo; startet eine neue Online-Umfrage. Wir haben die Umfrage aus dem Jahre 2004 als exemplarisch f&uuml;r die Umdeutung von Kritik an der &bdquo;Reform&ldquo;-Politik in die Forderung nach weiter gehende Reformen <a href=\"?p=287\">kritisiert<\/a>. Die Umfrage <a href=\"http:\/\/www.perspektive-deutschland.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.perspektive-deutschland.de\/\">&bdquo;Perspektive Deutschland 2005&ldquo;<\/a> d&uuml;rfte genauso tendenzi&ouml;s ausfallen.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>Nach der vorgezogenen Bundestagswahl wird sich der Reformprozess in Deutschland beschleunigen.&ldquo; <\/p><\/blockquote><blockquote><p>In den n&auml;chsten Jahren wird die Reformf&auml;higkeit der Politik in Deutschland zunehmen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>In den n&auml;chsten Jahren wird die Bereitschaft der Bev&ouml;lkerung in Deutschland zunehmen, Reformen mitzutragen, auch wenn diese f&uuml;r den Einzelnen Nachteile mit sich bringen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>So lauten etwa drei der Kernaussagen in dem Fragebogen der &bdquo;Perspektive Deutschland&ldquo;, die der\/die Befragte in einer Skala von &bdquo;Stimme sehr zu&ldquo; bis &bdquo;Stimme &uuml;berhaupt nicht zu&ldquo; bewerten soll. <\/p><p>Was macht aber der\/diejenige die diese Reformen f&uuml;r grunds&auml;tzlich falsch h&auml;lt? <\/p><p>Wie bei der letzten Umfrage kann man sich das Ergebnis der Befragung schon jetzt ausmalen: Die Deutschen sind in ihrer &uuml;berwiegenden Mehrheit f&uuml;r Reformen in Deutschland.<\/p><p>Noch eine Kostprobe:<\/p><p>Modell A:<\/p><ul>\n<li>Viel mehr Lebensrisiken als heute werden vom Staat getragen<\/li>\n<li>Die Steuern und Abgaben sind viel h&ouml;her als heute<\/li>\n<li>Wer viel leistet, wird daf&uuml;r viel weniger belohnt als heute<\/li>\n<li>Die sozialen Unterschiede sind viel geringer als heute.<\/li>\n<li>Die Gesellschaft ver&auml;ndert sich viel langsamer als heute.<\/li>\n<li>Die Wirtschaft w&auml;chst viel langsamer als heute.<\/li>\n<\/ul><p>Modell B:<\/p><ul>\n<li>Viel mehr Lebensrisiken als heute werden von jedem Einzelnen getragen.<\/li>\n<li>Die Steuern und Abgaben sind viel niedriger als heute.<\/li>\n<li>Die sozialen Unterschiede sind viel gr&ouml;&szlig;er als heute.<\/li>\n<li>Wer viel leistet, wird daf&uuml;r viel mehr belohnt als heute.<\/li>\n<li>Die Gesellschaft ver&auml;ndert sich viel schneller als heute<\/li>\n<li>Die Wirtschaft w&auml;chst viel schneller als heute.<\/li>\n<\/ul><p>Die Befragten sollen sich entscheiden, ob sie eher dem Modell A oder dem Modell B zuneigen.<br>\nLassen wir einmal au&szlig;er Acht, dass v&ouml;llig au&szlig;en vor bleibt, wer in der Gesellschaft h&ouml;here oder niedrigere Steuern bezahlen muss. Wer w&auml;re nicht f&uuml;r niedrigere Steuern?<br>\nWer w&auml;re schon daf&uuml;r, dass Leistung viel weniger belohnt wird? Wer w&auml;re nicht daf&uuml;r dass die Wirtschaft schneller w&auml;chst?<br>\nMan m&uuml;sste schon ziemlich masochistisch veranlagt sein, wenn man bei diesen Alternativen nicht eher dem Modell B zuneigte.<\/p><p>Schaut man dann das Modell B einmal genauer an: So propagiert es, indem viel mehr Lebensrisiken von jedem Einzelnen getragen werden sollen, die Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme.<br>\nEs unterstellt eine Fortsetzung der Steuersenkungspolitik und eine &Uuml;berw&auml;lzung der Abgaben von der Wirtschaft auf die Arbeitnehmer, denn wenn die Abgaben f&uuml;r Rente, Arbeitslosigkeit und Gesundheit gesenkt werden, profitieren zwar die Arbeitgeber, die Arbeitnehmer haben zwar weniger gesetzliche Abgaben, m&uuml;ssen diese Risiken aber privat absichern.<br>\nUnd das Modell B propagiert mehr soziale Ungleichheit, d.h. mehr Niedrigl&ouml;hne, weil diese Gruppe ja nicht viel leistet, und h&ouml;here Spitzeneinkommen, weil die ja &bdquo;verdient&ldquo; sind.<\/p><p>Die Schlussfolgerung aber, n&auml;mlich dass dieses eher neoliberale Modell dazu f&uuml;hrt, dass die Wirtschaft viel schneller w&auml;chst, wird aber als geradezu selbstverst&auml;ndlich unterstellt &ndash; obwohl diese Konzepte seit Jahren zur wirtschaftlicher Stagnation f&uuml;hrten.<\/p><p>Man muss kein Prophet sein, das Ergebnis der Umfrage wird wieder sein: Die Deutschen sind f&uuml;r private Risikovorsorge, f&uuml;r niedrigere Steuern, sie sind daf&uuml;r, dass sich Leistung lohnen muss und sie sind f&uuml;r m&ouml;glichst rasche gesellschaftliche Ver&auml;nderungen. Wetten dass! (Zu dieser Sendung kann man ironischerweise, wenn man an der Befragung mitmacht Freikarten gewinnen.) <\/p><p>Noch ein Beispiel f&uuml;r die tendenzi&ouml;se Fragestellungen:<\/p><p>A: <\/p><blockquote><p>Die Ausbildung an staatlichen Universit&auml;ten oder Fachhochschulen ist f&uuml;r Studenten kostenfrei. Die Kosten daf&uuml;r bringt der Staat aus Steuermitteln auf.&ldquo; <\/p><\/blockquote><p>B: <\/p><blockquote><p>Die Kosten der Ausbildung an staatlichen Universit&auml;ten und Fachhochschulen sind von den Studenten selbst mitzutragen. Banken bzw. die &ouml;ffentliche Hand bieten dazu ausreichend M&ouml;glichkeiten zur Kreditfinanzierung an.&ldquo; <\/p><\/blockquote><p>Wieder soll der Befragte angeben, zu welchem Modell er eher neigt. <\/p><p>Lassen wir bei A die unsinnige Behauptung bei Seite, ein Studium sei &bdquo;kostenfrei&ldquo;. Dass ein Studierender seinen Lebensunterhalt bestreiten muss und dass die privaten Kosten f&uuml;r Lebensunterhalt, Lernmittel u.&auml;. durchschnittlich etwa gleich hoch sind, wie die Kosten, die der Staat aus Steuermittel durchschnittlich f&uuml;r einen Studienplatz aufbringt, wird schlicht ausgeblendet. <\/p><p>Die Antwort auf die Frage B ist schon deshalb Suggestiv, weil sie ein Kreditangebot unterstellt, was es (noch) gar nicht gibt und weil sie unterstellt, dass eine Kreditfinanzierung die zus&auml;tzlichen Kosten eines Studiums quasi problemlos machen. &Uuml;ber die im Augenblick gehandelten Zinss&auml;tze zwischen 5,9 und 11% wird nat&uuml;rlich nicht geredet.<\/p><p>Die schlichte Frage, ob die Befragten f&uuml;r oder gegen Studiengeb&uuml;hren sind, wird gar nicht erst gestellt.<\/p><p>Auch bei dieser Fragestellung erkennt man die Absicht und die Unterstellungen der Fragesteller und f&uuml;hlt sich schlicht get&auml;uscht.<\/p><p>Bei dieser Fragealternative kann man das Ergebnis wiederum schon jetzt prognostizieren: Die Mehrheit der Deutschen ist f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren. <\/p><p>Nochmals, wetten dass, das so sein wird!<\/p><p>Wir werden auf den NachDenkSeiten darauf zur&uuml;ckkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vom Unternehmensberater McKinsey entwickelte und von Stern und ZDF finanzierte &bdquo;Perspektive Deutschland&ldquo; startet eine neue Online-Umfrage. Wir haben die Umfrage aus dem Jahre 2004 als exemplarisch f&uuml;r die Umdeutung von Kritik an der &bdquo;Reform&ldquo;-Politik in die Forderung nach weiter gehende Reformen <a href=\"?p=287\">kritisiert<\/a>. Die Umfrage <a href=\"http:\/\/www.perspektive-deutschland.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.perspektive-deutschland.de\/\">&bdquo;Perspektive Deutschland 2005&ldquo;<\/a> d&uuml;rfte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=317\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[122,11],"tags":[275,312,393,1540],"class_list":["post-317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demoskopieumfragen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-mckinsey","tag-reformpolitik","tag-stern","tag-zdf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=317"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31715,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions\/31715"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}