{"id":3173,"date":"2008-04-23T10:23:12","date_gmt":"2008-04-23T08:23:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3173"},"modified":"2019-07-05T11:36:26","modified_gmt":"2019-07-05T09:36:26","slug":"der-eigentliche-skandal-der-hitler-tagebuecher-ein-liberales-blatt-das-mit-einem-braun-gefaerbten-geschichtsbild-kasse-machen-wollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3173","title":{"rendered":"Der eigentliche Skandal der Hitler-Tageb\u00fccher: Ein liberales Blatt, das mit einem braun gef\u00e4rbten Geschichtsbild Kasse machen wollte"},"content":{"rendered":"<p>Der 25. April ist mal wieder ein Jahrestag, der den Bl&auml;tterwald rauschen l&auml;sst. An diesem Tag vor 25 Jahren erschien im &bdquo;stern&ldquo; die erste Folge der sog. &bdquo;Hitler-Tageb&uuml;cher&ldquo;.<br>\n&bdquo;Tragikkom&ouml;die&ldquo; und &bdquo;Journalistisches Fiasko&ldquo; h&ouml;hnt der <a href=\"http:\/\/einestages.spiegel.de\/static\/topicalbumbackground\/1816\/das_groewaz.html\">Spiegel<\/a>  dar&uuml;ber, dass der ewige Konkurrent &bdquo;stern&ldquo; auf eine L&uuml;gengeschichte hereingefallen ist. Mit einer &bdquo;Homestory&ldquo; &uuml;ber den damaligen &bdquo;stern&ldquo;-Reporter Gerd Heidemann unter dem Titel &bdquo;Ich beschaffte die gef&auml;lschten Hitler-Tageb&uuml;cher&ldquo; startet die <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/news\/vermischtes\/2008\/04\/22\/hitler-tagebuecher\/er-beschaffte-die-falschen-tagebuecher,geo=4333286.html\">Bild-Zeitung<\/a> gleich eine Fortsetzungsgeschichte. F&uuml;r die <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article1926069\/So_war_das_mit_den_Hitler-Tagebuechern.html\">&bdquo;Welt&ldquo;<\/a>  ist es einfach einer &bdquo;der gr&ouml;&szlig;ten Medienskandale Deutschlands&ldquo;. Und nat&uuml;rlich erscheint rechtzeitig zum Jahrestag ein Buch des vom damaligen &bdquo;stern&ldquo;-Herausgeber Henri Nannen mit der Ursachenforschung beauftragten Michael Seufert unter dem Titel &bdquo;Der Skandal um die Hitler-Tageb&uuml;cher&ldquo;. Seufert sieht die Hauptursache f&uuml;r den Gang der Aff&auml;re in der mangelnden verlagsinternen Transparenz. Die Fragen, die 25 Jahre nach dem Skandal nach wie vor interessant sind, werden in der Jahrestags-Berichterstattung leider weitgehend ausgeklammert:Was erkl&auml;rt die Blamage eines Blattes, das seinen Ruf auf knallharte, sauber recherchierte Enth&uuml;llungsgeschichten gr&uuml;ndete? Welche Inhalte wollte der stern verkaufen? Wo waren eigentlich die Fachhistoriker? Niels Kadritzke geht diesen Fragen hinter dem Skandal nach.<br>\n<!--more--><\/p><p>Im R&uuml;ckblick ist das Geschehen nur noch eine gigantische Groteske. Am 25. April 1983 verk&uuml;ndete Chefredakteur Peter Koch urbi et orbi, der Stern habe einen einzigartigen historischen Schatz entdeckt: 37 Konvolute mit handschriftlichen Aufzeichnungen Adolf Hitlers, geborgen aus den Tr&uuml;mmern eines 1945 abgest&uuml;rzten Flugzeugs. Nach der Publikation der &bdquo;Hitler-Tageb&uuml;cher&ldquo; m&uuml;sse die Geschichte des Dritten Reiches &bdquo;in gro&szlig;en Teilen neu geschrieben werden&ldquo;, hie&szlig; es im Stern vom 28. April. Die angek&uuml;ndigte Revision der NS-Geschichte begann mit der Publikation ausgew&auml;hlter Tagebuchseiten. Acht Tage sp&auml;ter war der Spuk zu Ende. Ein technisches Gutachten des Bundesarchivs entlarvte die Kladden, die der Stern triumphierend vor der versammelten Weltpresse pr&auml;sentiert hatte, als plumpe F&auml;lschung. <\/p><p>Der Jahrhundert-Scoop endete als Jahrhundert-Blamage. 25 Jahre sp&auml;ter sind immer noch drei Fragen interessant. Die erste lautet: Was erkl&auml;rt die Blamage eines Blattes, das seinen Ruf auf knallharte, sauber recherchierte Enth&uuml;llungsgeschichten gr&uuml;ndete? Die Antwort besteht aus einem Wort: Geld. Angeschleppt hatte die Hitler-Tageb&uuml;cher der Stern-Redakteur Gerd Heidemann, der notorisch klamm war. Bei ihm blieb ein Gro&szlig;teil der 9,3 Millionen DM h&auml;ngen, die der STERN f&uuml;r den falschen Schatz zahlte. Der Rest ging an den F&auml;lscher Kujau, der f&uuml;r jedes gelieferte Heft kassierte: ein unwiderstehlicher Anreiz, st&auml;ndig neue Hitler-Seiten im Akkord zu fabrizieren.<\/p><p>Geld war nat&uuml;rlich das Motiv der Verlagsleitung von Gruner &amp; Jahr. Sie wollte mit Hitler monatelang Kasse machen. F&uuml;r die erste Nummer mit den Gedanken des F&uuml;hrers wurde die Auflage um 30 Prozent, der Heftpreis von drei Mark auf drei f&uuml;nfzig angehoben. Und der Verkauf von Lizenzen an die Mediengiganten der westlichen Welt versprach Millionengewinne. Der Faktor Geld erkl&auml;rt auch, warum innerhalb der Stern-Redaktion alle Kontrollen versagten. Heidemanns wichtigster Partner war Thomas Walde, der Leiter des Ressorts Zeitgeschichte. Er &uuml;berzeugte die Chefetage des Verlags, schon im Januar 1981 zwei Millionen Mark f&uuml;r den Ankauf der ersten Hitler-Kladden zu bewilligen, und zwar hinter dem R&uuml;cken der Chefredaktion und des Stern-Herausgebers. Als Ressortleiter war Walde zugleich f&uuml;r die fachliche Pr&uuml;fung der &bdquo;Hitler-Tageb&uuml;cher&ldquo; zust&auml;ndig. Dass sein Sachverstand fortan ausgeschaltet blieb, lag nicht nur am Traum vom karrieref&ouml;rdernden Scoop. Ein Vertrag mit der Verlagsspitze machte ihn zum Co-Autor der geplanten Hitler-Serie, dem 16 Prozent aller k&uuml;nftigen Buch- und Lizenzhonorare zustanden. <\/p><p>Der Vertrag zwischen Gruner &amp; Jahr und Heidemann &amp; Walde enthielt zwei Klauseln, die das publizistische Desaster geradezu programmierten. Erstens war Heidemann von der Pflicht entbunden, &bdquo;die n&auml;heren Umst&auml;nde der Beschaffung und seine Quellen preiszugeben&ldquo;. Zweitens durften &bdquo;weitere Mitarbeiter (z.B. Historiker) nur mit Zustimmung der Autoren verpflichtet&ldquo; werden. Damit war jede inner- wie au&szlig;erredaktionelle Kontrolle abgeschafft. Und die Chefredaktion? Als das Dreier-Kollegium im Mai 1981, mit vier Monaten Versp&auml;tung, von der Verlagsleitung in den Hitler-Scoop eingeweiht wurde, waren die drei Herren schwer beleidigt. Doch keiner von ihnen trat unter Protest zur&uuml;ck. Das Trio war &uuml;ber Jahrespr&auml;mien &bdquo;am wirtschaftlichen Ergebnis&ldquo; des Stern beteiligt, und die Tageb&uuml;cher versprachen ein money-spinner zu werden.<\/p><p>Geld tr&uuml;bt den Blick. Viel Geld macht blind. Und in diesem Fall auch politisch farbenblind. Denn welche Inhalte wollte der Stern verkaufen? Das ist der zweite und zu oft &uuml;bersehene Aspekt der gef&auml;lschten Tageb&uuml;cher. Als Heidemann und Walde am 28. April 1983 die ersten Appetithappen der Speisenfolge servierten, die sie dem Publikum &uuml;ber Monate auftischen wollten, h&auml;tte es jedem historisch gebildeten Leser den Magen umdrehen m&uuml;ssen. Da notiert der Stern-Hitler am 10. November 1938 &uuml;ber die Judenpogrome der vorangegangenen Nacht: &bdquo;Es geht nicht das (sic!) unserer Wirtschaft durch einige Hitzk&ouml;pfe Millionen und aber Millionenwerte vernichtet werden allein schon an Glas&hellip;. Sind diese Leute denn verr&uuml;ckt geworden? Was soll das Ausland dazu sagen. Werde sofort die n&ouml;tigen Befehle herausgeben.&ldquo; Die Message lautet: Der F&uuml;hrer hat von nichts gewusst und versucht, die Scherben zusammenzufegen.<\/p><p>Am 11. November 1939, zwei Tage, nachdem der Anschlag des schw&auml;bischen Arbeiters Georg Elser im M&uuml;nchener B&uuml;rgerbr&auml;ukeller den Diktator nur knapp verfehlt hatte, vermutet der Stern-Hitler die Anstifter in seiner &bdquo;n&auml;chsten Umgebung&ldquo;. Und verd&auml;chtigt speziell Himmler, &bdquo;nachdem ich ihm angedroht habe, ihm (sic!) wegen der Anschuldigungen in Polen, wegen Missachtung meiner Befehle vor ein Parteigericht zu stellen&hellip; Dieser hinterh&auml;ltige Kleintierz&uuml;chter mit seinem Drang zur Macht, dieser undurchsichtige Buchhaltertyp wird mich auch kennenlernen.&ldquo; <\/p><p>Was der F&uuml;hrer damit meinte, erl&auml;utert der Stern so: &bdquo;Vier Wochen zuvor hatte er Himmler Weisung gegeben, in Polen &sbquo;keine Repressalien gegen&uuml;ber der Bev&ouml;lkerung&rsquo; durchzuf&uuml;hren.&ldquo; Damit ist eine Eintragung des Stern-Hitler bereits zum historischen Faktum geworden. Und wieder lautet die Botschaft: Das Morden der SS-Einsatzgruppen in Polen geschah gegen die Befehle des F&uuml;hrers. Im Editorial notierte Chefredakteur Koch dazu ergriffen: &bdquo;Wer ahnte auch nur, wie Hitler insgeheim seinem obersten Folterknecht Himmler mi&szlig;traute&hellip; Die Tageb&uuml;cher enth&uuml;llen es. Am heikelsten: Hitlers &Auml;u&szlig;erungen &uuml;ber die Juden.&ldquo; Der letzte Satz l&auml;sst ahnen, in welche Richtung der Stern-Hitler die Geschichte umgeschrieben hatte. In einem der nicht mehr ver&ouml;ffentlichten B&auml;nden dichtete der F&auml;lscher Kujau, Hitler habe j&uuml;dische Siedlungen im Osten geplant, &bdquo;wo sich diese Juden selbst ern&auml;hren k&ouml;nnen&ldquo;. <\/p><p>Die Tendenz ist eindeutig: Hitler ist entsetzt &uuml;ber die Glassch&auml;den in der Kristallnacht. Hitler droht Himmler wegen der Morde in Polen mit dem Parteigericht. Hitler plant Autonomiegebiete f&uuml;r die Juden. Der logische Fluchtpunkt dieser Aussagen: Auschwitz als Werk des &bdquo;hinterh&auml;ltigen&ldquo; und &bdquo;undurchsichtigen&ldquo; Himmler. Und der F&uuml;hrer hat von nichts gewusst. Das ist der eigentliche Skandal der Hitler-Tageb&uuml;cher. Nur das publizistische Fiasko verhinderte damals die viel gr&ouml;&szlig;ere politische Katastrophe: dass ein liberales Blatt mit einem braun gef&auml;rbten Geschichtsbild Kasse machen wollte.<br>\nDas politische Programm, das in Kujaus Hitler-Tageb&uuml;chern angelegt war, machte den Stern zum Sprachrohr eines unappetitlichen Revisionismus auf der Linie der Neonazis. <\/p><p>Manche Beobachter sehen die F&auml;lschung deshalb als finstere Machenschaft. Die britische Publizistin Gitta Sereny behauptet, vier ehemalige SS-Offiziere h&auml;tten den Stern als ideales Medium ausgeguckt, um die These zu untermauern, Hitler habe &bdquo;nichts mit dem Mord an den Juden zu tun gehabt und noch nicht einmal etwas davon gewusst&ldquo;. Und Manfred Bissinger, Verfasser eines klugen Buchs &uuml;ber &bdquo;Hitlers STERNstunde&ldquo;, will die Behauptung des F&auml;lschers Kujau, er habe im Auftrag des BND an dem neuen Hitler-Bild gearbeitet, nicht ganz von der Hand weisen. <\/p><p>Aber Verschw&ouml;rungstheorien sind nicht zu empfehlen, wenn es eine einfachere Erkl&auml;rung gibt. Um Geld, viel Geld zu machen, wollte der liberale STERN einen Text ver&ouml;ffentlichen, der aus dem Dunstkreis der Neonazis stammte. Der F&auml;lscher Kujau war H&auml;ndler von falschen und echten Nazi-Reliquien; er verkehrte fast nur mit alten Kameraden. Und sein Kunde Heidemann war f&uuml;r die Stern-Kollegen schon seit langem &bdquo;der Mann mit dem Nazi-Tick&ldquo;, der sich hoch verschuldet hatte, um die Privatjacht Herman G&ouml;rings zu kaufen und mit Nazi-Schrott vollzustopfen. Alle h&ouml;rten, wie er sich der Freundschaft alter Kameraden r&uuml;hmte. Viele wussten, dass die ehemaligen SS-Gener&auml;le Mohnke und Wolff seine Trauzeugen waren. Und etliche hatten das Hochzeitsgeschenk von Wolff bestaunt: einen SS-Ehrendolch mit den eingravierten Worten &bdquo;f&uuml;r Gerd Heidemanns Verdienste um das Dritte Reich.&ldquo;<\/p><p>Alle hielten den Mann, der von Martin Bormann nur als &bdquo;Martin&ldquo; sprach und glaubte, mit dem letzten Schildknappen Hitlers &uuml;ber einen Mittelsmann Kontakt zu haben, f&uuml;r mehr oder weniger verr&uuml;ckt. Und alle waren genervt, wenn er in Redaktionssitzungen &uuml;ber sein Lieblingsprojekt sprach: Heidemann wollte das legend&auml;re Bernsteinzimmer von St. Petersburg aufsp&uuml;ren und der Sowjetunion zur&uuml;ckgeben. Im Gegenzug sollte Breschnew Rudolf He&szlig; begnadigen, den F&uuml;hrer-Stellvertreter, der als letzter H&auml;ftling im Kriegsverbrechergef&auml;ngnis zu Spandau einsa&szlig;.<\/p><p>Ganz in dieses Bild passte, was erst nach dem Gau mit den Hitler-Tageb&uuml;chern herauskam. Im August 1981 schrieb Heidemann an Klaus Barbie, den Ex-Gestapochef von Lyon, den er 1979 in La Paz getroffen hatte. Als sein Brief nach Bolivien ging, hatte die Bundesregierung bereits die Auslieferung Barbies beantragt. Und Heidemann selbst handelte mit seiner Verlagsspitze den Tarif f&uuml;r die Hitler-Kladden aus. In dieser Zeit ersuchte der Stern-Redakteur den gesuchten Kriegsverbrecher um einen dringenden Rat. Er sorgte sich um die &bdquo;Blutfahne&ldquo; der NSDAP, die seit langem in seinem Besitz war: &bdquo;Meiner Meinung nach m&uuml;sste zumindest diese Reliquie der nationalsozialistischen Bewegung an einem sicheren Ort von zuverl&auml;ssigen M&auml;nnern aufbewahrt werden.&ldquo; <\/p><p>Von einem solchen Mann kaufte der Stern die Katze im Sack, unter Missachtung aller journalistischen Sorgfaltsgebote. So schlicht ist die Wahrheit diesseits der Verschw&ouml;rungstheorien. Und Verlag und Redaktion wollten nicht einmal wissen, wer das Tier in den Sack gesteckt hatte. Ja, sie hatten sich vertraglich verboten, die Frage auch nur zu stellen. Deshalb mussten sie wegh&ouml;ren, als das Tier im Sack zu grunzen begann.<\/p><p>Das hatte eine weitere fatale Folge. Der Inhalt der Kujau-Tageb&uuml;cher &ndash; und der Geist Heidemanns &ndash; begann die Redaktionsleitung anzustecken. Auf seiner Werbetour in die USA hatte Stern-Chefredakteur Koch den Sohn des Hitler-Stellvertreters Rudolf He&szlig; im Gep&auml;ck. Wolf-R&uuml;diger He&szlig; durfte bei gemeinsamen Fernsehauftritten f&uuml;r die Freilassung seines Vaters aus dem Spandauer Kriegsverbrechergef&auml;ngnis werben. Und als die zweite Hitler-Nummer des Stern den England-Flug des Hitler-Stellvertreters dokumentierte, verk&uuml;ndete Koch im Editorial: &bdquo;He&szlig; Jr. will seinen Vater mit den Tageb&uuml;chern aufsuchen, der STERN hat Bundesau&szlig;enminister Genscher gebeten, auf die Alliierten einzuwirken, damit sie eine Befragung des H&auml;ftlings He&szlig; gestatten.&ldquo;<\/p><p>Der Stern steuerte auf einen neuen Scoop zu: Das erste Interview mit dem umnachteten He&szlig;. H&auml;tte der Hitler-Spuk nicht so abrupt geendet, w&auml;re der Stern wohl zum Sprachrohr der Kampagne f&uuml;r die Freilassung des verkannten &bdquo;Friedensengels&ldquo; geworden. Von besonderer Ironie ist dabei, dass gerade die &bdquo;umgeschriebene&ldquo; Geschichte des He&szlig;-Flugs zu den abstrusesten Erfindungen Kujaus geh&ouml;rte: Dessen Hitler behauptete nicht nur, dass der Englandflug vom Mai 1941 in seinem Auftrag erfolgte. Es enth&uuml;llte auch, was niemand zuvor geahnt hatte: He&szlig; hatte seinen Flug bereits Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs geplant, um in Hitlers Auftrag den Krieg mit England abzuwenden. F&uuml;r den 22. Juli 1939 &ndash; an diesem Tag flog die Lufthansa noch nach London &ndash; notiert Kujau in seines F&uuml;hrers Tagebuch: &bdquo;He&szlig; sagt, man m&uuml;sse eine Spezialmaschine bauen, er arbeite auch schon an den Pl&auml;nen. Was f&uuml;r ein Kerl.&ldquo;<\/p><p>Diese historische Tollheit war im Stern vom 5. Mai nachzulesen. Das f&uuml;hrt uns zu der dritten Frage. Wo waren eigentlich die Fachhistoriker? Warum brachen die Experten nach den ersten Tagebuchausz&uuml;gen vom 28. April nicht in homerisches Gel&auml;chter aus &ndash; oder sp&auml;testens nach den Hitler-Hess-Pl&auml;nen, die sie am 5. Mai nachlesen konnten? Warum stellte das M&uuml;nchener Institut f&uuml;r Zeitgeschichte nicht per Eilmeldung fest, dass sich die Stern-Tageb&uuml;cher durch ihren Inhalt als groteskes Machwerk in plumper revisionistischer Absicht entlarven?<\/p><p>Was f&uuml;r Kerle waren die Koryph&auml;en f&uuml;r die Geschichte des Dritten Reiches, die solchen Schwachsinn lasen und nicht zum Telefonh&ouml;rer griffen, um die Redaktion der Tagesschau anzurufen. Warum wollte sich keiner exponieren? Es w&auml;re der beruflichen Ehre ja nicht abtr&auml;glich gewesen. Aber die Experten der historischen Inhalte lie&szlig;en den Materialexperten vom Bundesarchiv den Vortritt. Vielleicht wollten sie die Zust&auml;ndigkeit der Staatsbeh&ouml;rde nicht in Frage stellen, vielleicht wollten sie noch mehr Material abwarten. Oder waren sie auch ein St&uuml;ck weit fasziniert? Angesteckt von der Hoffnung, dass ihr Fachgebiet, ein penibel vermessenes und gr&uuml;ndlich beackertes Terrain, doch noch einen sensationellen Grabungsfund freigeben k&ouml;nnte?<\/p><p>Im R&uuml;ckblick ist dieses Schweigen ein R&auml;tsel. Gleichwohl w&auml;re keiner der Historiker so naiv gewesen wie der Vorstandsvorsitzende von Gruner &amp; Jahr, Gerd Schulte-Hillen. Ihm hatte Heidemann anvertraut &ndash; als Beweis f&uuml;r die Ergiebigkeit seiner Quelle -, was er noch alles aus Kujaus Werkstatt beschaffen konnte. Die schriftliche Liste umfasste 14 Posten mit den Highlights: &bdquo;Hitlers Buch &uuml;ber die Frauen&ldquo;, &bdquo;Goebbels-Aufzeichnung nach Hitlers Selbstmord&ldquo;, je ein Hitler-Buch &uuml;ber Friedrich den Gro&szlig;en und K&ouml;nig Ludwig II. von Bayern, und als Nr. 14: &bdquo;Hitlers Oper &sbquo;Wieland der Schmied&rsquo;&ldquo; Manfred Bissinger, der die Liste f&uuml;r Schulte-Hillen aufgesp&uuml;rt hat, schreibt: &bdquo;Wer einen solchen Brief bekommt und sich dann immer noch nicht fragt, wer hier eigentlich nicht richtig tickt, dem ist nicht zu helfen.&ldquo; Aber tickte der Vorstandsvorsitzende Schulte-Hillen wirklich falsch? Schlie&szlig;lich versprachen diese Projekte weitere Kn&uuml;ller und eine ganze Serie von Stern-B&uuml;chern? <\/p><p>Schulte-Hillen jedenfalls lie&szlig; den Dingen seinen Lauf. Und im Gegensatz zu anderen Akteuren, die das publizistische Desaster zu verantworten hatten, durfte er seinen Job behalten. Ein gutes Jahr nach dem Ende der Aff&auml;re konnte er auf einer Bilanzkonferenz mitteilen, dass der Auflagenr&uuml;ckgang des Stern gestoppt war: Der Umsatz von Gruner &amp; Jahr lag erstmals &uuml;ber zwei Milliarden, der Gewinn bei 190 Millionen Mark. Der Mann hatte bewiesen: Er war sein Geld wert. Und die Zahlen waren echt.<\/p><p>Der Autor, Niels Kadritzke, ist Redakteur der deutschen Ausgabe von LE MONDE diplomatique.<\/p><p>Brigitte Baetz rezensierte das Buch von Michael Seufert &bdquo;Der Skandal um die Hitler-Tageb&uuml;cher&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/andruck\/773338\/\">im DLF<\/a>.<br>\nAuch der Tagesspiegel druckt eine Rezension von Sebastian Bickerich unter der &Uuml;berschrift<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/literatur\/;art138,2516958\"> &bdquo;Geldgier und Hitler-Gier&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Die Beteiligten im stern waren damals:<br>\nGerd Heidemann, &bdquo;stern&ldquo;-Reporter<br>\nThomas Walde, Ressortleiter &bdquo;Zeitgeschichte&ldquo;<br>\nManfred Fischer, Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr<br>\nGerd Schulte-Hillen, Fischers Nachfolger<br>\nPeter Koch, &bdquo;stern&ldquo;-Chefredakteur<br>\nFelix Schmidt, &bdquo;stern&ldquo;-Chefredakteur<br>\nWilfried Sorge, stellvertretender Verlagsleiter<br>\nHenri Nannen, Herausgeber<br>\nVgl. dazu <a href=\"http:\/\/einestages.spiegel.de\/static\/topicalbumbackground\/1816\/das_groewaz.html%20\">Spiegel<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 25. April ist mal wieder ein Jahrestag, der den Bl&auml;tterwald rauschen l&auml;sst. An diesem Tag vor 25 Jahren erschien im &bdquo;stern&ldquo; die erste Folge der sog. &bdquo;Hitler-Tageb&uuml;cher&ldquo;.<br \/> &bdquo;Tragikkom&ouml;die&ldquo; und &bdquo;Journalistisches Fiasko&ldquo; h&ouml;hnt der <a href=\"http:\/\/einestages.spiegel.de\/static\/topicalbumbackground\/1816\/das_groewaz.html\">Spiegel<\/a> dar&uuml;ber, dass der ewige Konkurrent &bdquo;stern&ldquo; auf eine L&uuml;gengeschichte hereingefallen ist. 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