{"id":3177,"date":"2008-04-23T16:23:43","date_gmt":"2008-04-23T14:23:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3177"},"modified":"2015-11-24T16:41:06","modified_gmt":"2015-11-24T15:41:06","slug":"denkfehler-nr-13-panik-wegen-der-abwanderung-von-arbeitsplaetzen-auszug-aus-die-reformluege-2004-seiten-189-193","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3177","title":{"rendered":"Denkfehler Nr. 13 &#8211; Panik wegen der Abwanderung von Arbeitspl\u00e4tzen? Auszug aus: \u201eDie Reforml\u00fcge\u201c (2004) Seiten 189 &#8211; 193"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bemerkungen aus aktuellem Anlass:<\/strong><br>\nDer folgende Text ist im Fr&uuml;hjahr 2004 geschrieben. Schon damals war erkennbar, dass die Behauptung von einer quantitativ bedrohlichen Abwanderung &uuml;bertrieben ist. Was man heute wei&szlig;, konnte man auch damals wissen. Und dennoch ist massiv Abwanderungspropaganda gemacht worden. Auch mit der Folge, dass manche Unternehmer meinten, sie m&uuml;ssten sich diesem Trend anschlie&szlig;en. <\/p><p><!--more--><br>\nNachdem nun im April 2008 der &bdquo;Spiegel&ldquo; mal wieder entdeckt (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,548976,00.html\">&bdquo;Deutsche Firmen bremsen Job-Verlagerung ins Ausland&ldquo;<\/a> ), dass es nicht so dramatisch ist, stellen wir meinen Text von 2004 in die NachDenkSeiten.<br>\n&Uuml;brigens: &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; und die dort abgehandelten 40 Denkfehler haben nichts an Brisanz verloren. Dieses Buch ist immer noch eine gute Anleitung zum Blick hinter die Kulissen der Meinungsmacher in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Das schreibe ich &ndash; zugegebenerma&szlig;en &ndash; mit einem gewissen Stolz. Viele Leser der NachDenkSeiten sehen das in Bezug auf die NachDenkSeiten selbst und in Bezug auf Das kritische Jahrbuch und meine B&uuml;cher auch so. Ich erlaube mir, zur Unterstreichung dessen am Ende dieses Eintrags eine Mail zu zitieren, die uns gerade erreicht hat. Und nun der Text aus &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;:<\/p><p><strong>Panik wegen der Abwanderung von Arbeitspl&auml;tzen?<\/strong><\/p><p>Der bayerische Ministerpr&auml;sident hat sich aus dem Gesamtthema ein wichtiges Element herausgepickt, mit dem er immer wieder &Auml;ngste sch&uuml;rt. Ende 2003 und Anfang 2004 hat er bei mehreren Gelegenheiten behauptet, aus Deutschland w&uuml;rden monatlich 50 000 Arbeitspl&auml;tze ins Ausland verlagert. Aufs Jahr gesehen w&auml;ren das 600 000 verlorengegangene Arbeitspl&auml;tze. Eine dra-matische Entwicklung. Das Problem ist auch durchaus ernst. Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die Betriebe oder Teilbetriebe verlagern, vor allem nach Mittel- und Osteuropa und nach Asien. Aber gerade weil das Thema ernst ist, muss man vorsichtig damit umgehen; mit jeder &Uuml;bertreibung nimmt die ohnehin latente -Unsicherheit deutscher Unternehmen zu, und um so mehr orientieren sie sich an vermeintlichen Trends.<\/p><p>Weder vom bayerischen Ministerpr&auml;sidenten noch von seiner Staatskanzlei noch vom bayerischen Wirtschaftsministerium war zu erfahren, wie die magische Zahl von 50 000 Arbeitspl&auml;tzen -gemeint war &ndash; brutto oder netto &ndash; und aus welcher Quelle die Angaben stammen. Erstaunlicherweise gibt es keine einigerma&szlig;en verl&auml;sslichen Zahlen &uuml;ber die Abwanderungen und R&uuml;ckwanderungen. Vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag war im Januar 2004 zu erfahren, man sch&auml;tze, es gebe <em>j&auml;hrlich<\/em> 50 000 Verlagerungen. Vom Bundesministerium f&uuml;r Wirtschaft und -Arbeit gab es keine Angaben dazu.<\/p><p>Das Fraunhofer-Institut f&uuml;r Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe macht zwar Studien und Befragungen zur Abwanderung. Aber &uuml;ber die Gesamtzahl von Ab- und R&uuml;ckwanderungen erhebt auch das ISI keine verl&auml;sslichen Daten. Das ISI untersucht vielmehr, warum einige Unternehmen ihre -Poduktion verlagern, w&auml;hrend andere sie r&uuml;ckverlagern. Es geht auch der Frage nach, warum so viele Verlagerungen scheitern. In einer Studie auf der Basis von Erhebungen aus dem Jahr 2002 hat das Institut festgestellt, die Abwanderungstendenz, die Mitte der neunziger Jahre am h&ouml;chsten war, habe sich abgeflacht. Eine -andere Erkenntnis des ISI bezieht sich auf das Motiv f&uuml;r die Verlagerung von Arbeitspl&auml;tzen: Neben der Lohndifferenz zwischen Deutschland und dem Ausland nennen 60 Prozent der Befragten die Markterschlie&szlig;ung als wichtiges Motiv. Dagegen kann man nun &uuml;berhaupt nichts sagen, im Gegenteil. H&auml;ufig entstehen so neben neuen Arbeitspl&auml;tzen im Ausland auch neue am heimischen Standort. Wir werden mit weiteren engen Verflechtungen dieser Art leben m&uuml;ssen und auch leben; hoffentlich gut leben, wenn wir endlich f&uuml;r eine gr&ouml;&szlig;ere Binnennachfrage sorgen.<\/p><p>Obwohl es also keine verl&auml;sslichen Daten &uuml;ber das Ma&szlig; der Abwanderung und der Zuwanderung gibt, wird in der &ouml;ffentlichen Debatte immer massiver mit einzelnen Beispielen gearbeitet und Stimmung gemacht. Man muss deshalb versuchen, sich selbst ein Bild zu machen. Nach meinem Eindruck ist dieses Bild nach wie vor ausgesprochen differenziert. Ich will einige konkrete F&auml;lle skizzieren:<\/p><p>Als der Pr&auml;sident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages im M&auml;rz 2004 die deutschen Unternehmer aufrief, -Betriebe nach Mittel- und Osteuropa zu verlagern, brachten die ARD-Tagesthemen eine Reportage &uuml;ber zwei konkrete F&auml;lle. Zum einen wurde berichtet, die Firma Siemens erw&auml;ge, die Produktion von Handys vom Niederrhein in ein Billiglohnland zu verlagern; zum anderen wurde vom Pflughersteller Lemken berichtet, der die Herstellung seiner Produkte von Kaliningrad zum Niederrhein zur&uuml;ckverlagert hatte. Dieser Unternehmer erkl&auml;rte, die Qualit&auml;t, die P&uuml;nktlichkeit und die Schnelligkeit der Produktion seien in Deutschland so viel besser, dass der Vorteil niedrigerer L&ouml;hne im Ausland dadurch aufgewogen werde.<\/p><p>Eine Fabrik in meiner Heimatstadt Heidelberg produziert dort Lacke und beliefert Kunden weltweit. Die Wettbewerbsf&auml;higkeit wird durch intensive Forschung und Entwicklung und durch eine intensive und technisch ausgereifte Beratung der Kunden -gesichert, auf deren Bed&uuml;rfnisse man bei der Entwicklung und Produktion der Produkte flexibel eingeht. Die Kunden dieses -Betriebes, Unternehmen aus der M&ouml;belindustrie, sind zum Teil in L&auml;nder Osteuropas abgewandert beziehungsweise haben Betriebsteile dorthin verlegt. In der Nachbarschaft der Lackfabrik arbeitet ein Unternehmen aus der Elektrobranche, das seine Produktion nach S&uuml;dostasien verlagert hatte, aber inzwischen wieder an den deutschen Standort zur&uuml;ckgekehrt ist.<\/p><p>Unter den R&uuml;ckwanderern sind viele, die erst in der Praxis -gemerkt haben, dass es au&szlig;er den Lohnkosten noch andere Fak-toren gibt wie zum Beispiel die Kosten f&uuml;r die Qualit&auml;tssicherung, f&uuml;r die Organisation und Logistik, die sie in ihrer Bedeutung untersch&auml;tzt haben. Diese Kostenfaktoren k&ouml;nnen die Lohnkostenvorteile einer Verlagerung aufzehren. Diese Erfahrung hat beispielsweise die Jungheinrich AG bewogen, ihre Standorte in Gro&szlig;britannien und Frankreich aufzugeben und die Produktion auf Schleswig-Holstein und Bayern zu konzentrieren. Der Vorstandsvorsitzende Cletus von Pichler nennt das ein &raquo;klares Bekenntnis zum Standort Deutschland&laquo;, der immer noch &uuml;ber gut ausgebildete Facharbeiter, &uuml;ber eine hohe Produktivit&auml;t in der Fertigung und ein ausgepr&auml;gtes Qualit&auml;tsbewusstsein innerhalb der Belegschaft verf&uuml;ge.<\/p><p>Zur gleichen Zeit begegnete mir ein Produzent von hochwertiger Unterw&auml;sche. Er produziert zur Zeit in Slowenien, erw&auml;gt aber schon, nach China weiterzuwandern, weil die L&ouml;hne in Slowenien inzwischen ordentlich gestiegen sind. Sein Unternehmerkollege Wolfgang Grupp hingegen &ndash; der Mann mit dem Schimpansen in der Fernsehwerbung &ndash; sieht gro&szlig;e Vorteile darin, mit seiner Firma Trigema hier in Deutschland zu produzieren: &raquo;Ich bin stets am Ort der Produktion, um jedes Problem sofort l&ouml;sen zu k&ouml;nnen&laquo;, meinte er in einem <em>Interview mit dem Stern.<\/em><\/p><p>Noch ein interessantes Beispiel: Der Landmaschinenhersteller Claas stellt M&auml;hdrescher in Harsewinkel in Westfalen her. Er produziert jetzt auch in Russland, weil dort ein riesiger Markt zu erschlie&szlig;en ist. Die Unternehmensleitung rechnet damit, dass selbst dann, wenn 50 Prozent der Wertsch&ouml;pfung in Russland liegen sollten, immer noch 50 Prozent der dort montierten Teile aus Harsewinkel kommen. Wenn die Produktion in Russland wegen des gro&szlig;en Bedarfs steigt und sich verdoppelt und vervielfacht, dann haben auch die Arbeitskr&auml;fte in Westfalen mehr davon als ohne diese Teilverlagerung.<\/p><p>Niemand wei&szlig; genau, wie die Nettobilanz dieser vielen Bewegungen aussieht. Ich will auch nicht behaupten, dass die Verlagerung ein harmloses Problem sei. Nur sollte man aufh&ouml;ren, daraus einen nicht zu stoppenden Trend zu konstruieren. &raquo;Es ist nicht gottgegeben, dass die Arbeitspl&auml;tze ins Ausland gehen m&uuml;ssen&laquo;, meint Wolfgang Grupp.<\/p><p>G&auml;be es in Deutschland noch den Willen zur Vernunft, dann w&uuml;rden sich die ma&szlig;geblichen Kr&auml;fte in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Banken darauf verst&auml;ndigen, die Stimmungsmache pro Verlagerung sein zu lassen. Dann k&ouml;nnte man wenigstens jene Abwanderungen verhindern, die in der Vergangenheit und bis heute aus modischen Gr&uuml;nden beschlossen wurden &ndash; weil auch Investoren und Unternehmer nach vermeintlichen Trends entscheiden, weil sie nicht alle Faktoren durchrechnen, weil sie nicht bedenken, dass auch die Lohnkosten in Tschechien und in Polen und in Ungarn kurzfristig steigen k&ouml;nnen. Wenn sie das -t&auml;ten, w&uuml;rden sie auch bedenken, dass es Faktoren gibt, wie Sprache, P&uuml;nktlichkeit und Qualit&auml;t, die wichtiger sein k&ouml;nnen als die Ausnutzung der letzten Lohndifferenz. Und weil Stimmungen bei diesen Entscheidungen eine so gro&szlig;e Rolle spielen, w&uuml;rde sich die Tendenz, die das ISI-Institut in Karlsruhe 2002 beobachtet hat, verst&auml;rken: Unternehmer w&uuml;rden genau &uuml;berlegen, bevor sie im Ausland investieren, andere w&uuml;rden zur&uuml;ckkehren.<\/p><p>Wo Entscheidungen von Stimmungen abh&auml;ngen, kann man sie auch positiv beeinflussen. Wir k&ouml;nnen Schluss machen mit der Miesmacherei, wir k&ouml;nnen unsere St&auml;rken betonen, f&ouml;rdern und ausbauen, also die Ausbildung und Bildung der hier arbeitenden Menschen verbessern, die Infrastruktur intakt halten und verbessern, die anderen harten und weichen Faktoren wie das Gerichtssystem und die kulturelle Vielfalt unseres Landes annehmen und f&ouml;rdern, wir k&ouml;nnen die Offenheit und Attraktivit&auml;t Deutschlands erhalten, ausbauen und daf&uuml;r werben, werben, werben. Es war doch nicht ohne Absicht, dass Helmut Schmidt 1976 als Bundeskanzler vom Modell Deutschland sprach. Das zielte nicht nur nach innen, sondern auch nach au&szlig;en. Damit sollte die Attraktivit&auml;t unseres Landes auf den Punkt gebracht und sein guter Ruf gef&ouml;rdert werden. Damals hatte Helmut Schmidt Erfolg damit. Warum sollte es heute nicht wieder klappen?<\/p><p>Soweit der Text aus &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Bemerkungen aus aktuellem Anlass:<\/strong><br \/> Der folgende Text ist im Fr&uuml;hjahr 2004 geschrieben. Schon damals war erkennbar, dass die Behauptung von einer quantitativ bedrohlichen Abwanderung &uuml;bertrieben ist. Was man heute wei&szlig;, konnte man auch damals wissen. Und dennoch ist massiv Abwanderungspropaganda gemacht worden. Auch mit der Folge, dass manche Unternehmer meinten, sie m&uuml;ssten sich diesem Trend<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3177\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[14,157,30],"tags":[290,300,487,1110,443],"class_list":["post-3177","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-mueller-albrecht","tag-produktivitaet","tag-reformluege","tag-standortwettbewerb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3177","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3177"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3177\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28985,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3177\/revisions\/28985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3177"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3177"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3177"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}