{"id":31810,"date":"2016-03-04T09:56:11","date_gmt":"2016-03-04T08:56:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31810"},"modified":"2016-03-04T10:32:26","modified_gmt":"2016-03-04T09:32:26","slug":"gestatten-stettmer-ich-will-ihre-tolle-mindestlohn-analyse-praktisch-umsetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31810","title":{"rendered":"Gestatten, Stettmer! Ich will Ihre tolle Mindestlohn-Analyse praktisch umsetzen!"},"content":{"rendered":"<p>Eine h&auml;ufige Behauptung der Neoliberalen lautet: Mindestl&ouml;hne f&uuml;hren zu mehr Arbeitslosigkeit, weil Unternehmen jene Mitarbeiter entlassen m&uuml;ssen, die den Mindestlohn von 8,50 Euro nicht erwirtschaften. Schlie&szlig;lich machen sie mit diesen &ldquo;unproduktiven&rdquo; Besch&auml;ftigten ja Verluste. Was aber, wenn ein Unternehmer um Hilfe bittet beim Versuch, die Wirtschaftlichkeit bzw. Produktivit&auml;t seiner Mitarbeiter zu berechnen? Dann sind f&uuml;nf &ndash; teils prominente &ndash; Volkswirte und Institutionen mit ihrem Latein am Ende, wie unser Gastautor <strong>Thorsten Wolff<\/strong> als imagin&auml;rer Caf&eacute;-Betreiber Klaus Stettmer von ihnen erfahren musste.<br>\n<!--more--><br>\nWerfen wir einen Blick zur&uuml;ck in die Zeit vor der Einf&uuml;hrung des Mindestlohns in Deutschland. Der Pr&auml;sident des renommierten DIW, Professor Marcel Fratzscher, <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/wirtschaftsforscher-mindestlohn-koennte-jobs-kosten.694.de.html?dram:article_id=265990\">war sich damals sicher<\/a>:<\/p><blockquote><p>\nUnd da ist durchaus die Gefahr, dass &ndash; wir haben berechnet, 5,6 Millionen Menschen, die unter 8,50 Euro verdienen, dass nicht alle 5,6 Millionen Menschen wirklich einen Wert von 8,50 f&uuml;r ihr Unternehmen erwirtschaften. Und dann ist in der Tat die Gefahr gro&szlig;, dass Unternehmen sagen, nein, wir k&ouml;nnen die Menschen nicht weiter besch&auml;ftigen, und die Arbeitslosigkeit steigt.\n<\/p><\/blockquote><p>Wir verzeihen ihm die holprige Sprache, die der Live-Situation im Radio geschuldet ist. Viel spannender: Er hat berechnet! Und zwar den Wert, den 5,6 Mio. Niedrigl&ouml;hner f&uuml;r ihre Unternehmen erwirtschaften. F&uuml;r uns Grund genug, Professor Fratzscher einmal mit der betrieblichen Realit&auml;t eines Caf&eacute;-Besitzers zu konfrontieren und ihn zu fragen: Wie berechnet man denn nun eigentlich den Wert, den beispielsweise eine Reinigungskraft erwirtschaftet? Und wer macht eigentlich sauber, wenn die Reinigungskraft entlassen werden muss, weil sie 8,50 Euro nicht erwirtschaftet?<\/p><p>Einzig, Professor Fratzscher war mit seiner Feststellung nicht alleine. Die neoliberale &ldquo;Stiftung Marktwirtschaft&rdquo; hat zwar nicht berechnet, <a href=\"http:\/\/www.stiftung-marktwirtschaft.de\/fileadmin\/user_upload\/Positionspapiere\/Positionspapier_01_Mindestlohn_2011_09.pdf\">wusste aber dennoch zu verk&uuml;nden<\/a>:<\/p><blockquote><p>\nEs liegt auf der Hand, dass Arbeitnehmer nicht auf Dauer in einem marktwirtschaftlich agierenden Unternehmen besch&auml;ftigt werden k&ouml;nnen, wenn sie das Unternehmen mehr kosten als sie erwirtschaften. &Uuml;bersteigt der zu zahlende Lohn die Produktivit&auml;t, entsteht folglich Arbeitslosigkeit.\n<\/p><\/blockquote><p>Und <a href=\"http:\/\/www.dehoga-rlp.de\/cms\/docs\/doc55260.pdf\">&auml;hnlich hie&szlig; es bei DEHOGA<\/a>, dem Unternehmens-Verband der deutschen Hotels und Gastst&auml;tten:<\/p><blockquote><p>\nMindestl&ouml;hne, die &uuml;ber der Produktivit&auml;t der Schwachen auf dem Arbeitsmarkt liegen, sind nicht nur &ouml;konomisch unsinnig, sondern auch unsozial, weil sie manche Hilfskr&auml;fte dauerhaft aus der legalen Arbeit verdr&auml;ngen.\n<\/p><\/blockquote><p>Der Volkswirt Professor Norbert Berthold von der Uni W&uuml;rzburg <a href=\"http:\/\/www.freiewelt.net\/blog\/die-wendehaelse-der-cdu-mindestloehne-statt-marktwirtschaft-3736\/\">gab zum Besten<\/a>:<\/p><blockquote><p>\nEs gibt aber auch Dinge, die &auml;ndern sich nie. Dazu z&auml;hlt in Marktwirtschaften, dass sich der Einsatz von Arbeit f&uuml;r private Unternehmen rechnen muss. Die Kosten der Besch&auml;ftigung d&uuml;rfen deren Ertr&auml;ge nicht &uuml;bersteigen. Mindestl&ouml;hne schaden der Besch&auml;ftigung, wenn sie h&ouml;her sind als die Produktivit&auml;t der eingesetzten Arbeitnehmer.\n<\/p><\/blockquote><p>Und der wissenschaftliche Mitarbeiter am Zentrum f&uuml;r Europ&auml;ische Wirtschaftsforschung in Mannheim, Martin Zecher, schrieb auf dem <a href=\"http:\/\/blog.insm.de\/9521-effekte-des-mindestlohns-eine-klarstellung\/\">Blog der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft<\/a> (damals noch als Student):<\/p><blockquote><p>\nEin Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde garantiert dem Arbeitnehmer diese Verg&uuml;tung, selbst wenn seine Produktivit&auml;t unter diesem Wert liegt. Dies f&uuml;hrt dazu, dass solche Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse nicht mehr dem Wirtschaftlichkeitsprinzip entsprechen und somit kurz- bis mittelfristig beendet werden.\n<\/p><\/blockquote><p>Diesen drei Volkswirtschafts-Experten und zwei Institutionen haben wir am 13. Februar je eine naiv formulierte, freundliche E-Mail gesendet. Verfasst angeblich vom verzweifelten Betreiber eines M&uuml;hlheimer Caf&eacute;s: von einem Herrn mit geringen Sympathien f&uuml;r seine f&uuml;nf Besch&auml;ftigten, daf&uuml;r aber mit umso gr&ouml;&szlig;erer Abneigung gegen den Mindestlohn. Sein angeblicher Name: Klaus Stettmer &ndash; ein Kleinunternehmer mit konkreten Fragen zur Umsetzung neoliberaler Mindestlohn-Analysen in seinem betrieblichen Alltag. Die insgesamt f&uuml;nf E-Mails unterschieden sich nur insofern voneinander, als wir sie in minimalem Umfang an die oben zitierten f&uuml;nf Textpassagen angepasst haben. Sie lauteten in etwa wie folgt:<\/p><blockquote><p>\nSehr geehrte &hellip; ,<\/p>\n<p>ich habe ihren tollen Artikel gelesen. Ich finde gut das sie vor dem Mindestlohn gewarnt haben. Der ist eine Gefahr f&uuml;r uns Unternehmer.<\/p>\n<p>Sie haben gesagt das ein Arbeitnehmer nicht mehr lohnt wenn seine Produktivit&auml;t unter 8,50 liegt. N&auml;mlich hier: (Link). Dann muss das Unternehmen ihn entlassen. Da haben sie Recht!<\/p>\n<p>Ich habe ein Caf&eacute; mit Bar in M&uuml;hlheim\/Ruhr und der Gewinn davon ist seit dem Mindestlohn fast jeden Monat zur&uuml;ckgegangen. Ich habe jetzt weniger zum Leben und muss meinen Arbeitnehmern mehr bezahlen. Preise kann ich nicht erh&ouml;hen, bin eh schon der teuerste hier. Die Putzfrau verdient jetzt 8,50 Euro also fast zwei Euro mehr als vorher und das obwohl ich glaube sie arbeitet nicht immer die Zeit die im Vertrag steht. Sie ist bestimmt nicht f&uuml;r 8,50 produktiv aber ich wei&szlig; nicht wie ich das berechnen soll. K&ouml;nnen sie mir da helfen. Au&szlig;erdem wei&szlig; ich nicht wer hier putzen soll wenn die Putzfrau sich f&uuml;r mich nicht mehr lohnt.<\/p>\n<p>Ich habe in der Kasse eine Software die berechnet wieviel meine Bedienungen erwirtschaften. Die wissen das nicht aber das hat mich mal interessiert. Das sind viel mehr als 8,50 n&auml;mlich so 40 pro Stunde oder sogar mehr. Ich bezahle denen aber eh schon 9 Euro weil sie mehr haben sollen als die Putzfrau. Aber die erwirtschaften auch viel mehr als die 9 Euro. Soll ich denen jetzt noch mehr zahlen weil sie ja viel produktiver sind? Dann hab ich selber ja aber noch weniger zum leben. Oder soll ich nur der Martina mehr zahlen die am meisten erwirtschaftet?<\/p>\n<p>Au&szlig;erdem hab ich eine K&uuml;chenhilfe bei gro&szlig;en Feiern oder am Wochenende. Die sch&auml;lt Kartoffeln und Karotten und machmal auch &Auml;pfel aber Kuchen machen wir nicht mehr so oft selber. Woher wei&szlig; ich ob die f&uuml;r 8,50 produktiv ist.<\/p>\n<p>Vielleicht k&ouml;nnen sie mir helfen.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en, <\/p>\n<p>Klaus Stettmer\n<\/p><\/blockquote><p>Konnten die drei Wissenschaftler und die zwei volkswirtschaftlich beschlagenen Institutionen dem Gastwirt helfen? Nat&uuml;rlich nicht, denn <\/p><ul>\n<li>die individuelle Produktivit&auml;t\/Wirtschaftlichkeit einer Reinigungskraft oder einer K&uuml;chenhilfe l&auml;sst sich schlicht nicht berechnen.<\/li>\n<li>mindestens die Reinigungskraft ist zwingend notwendig, er kann sie nicht entlassen, egal wieviel sie verdient.<\/li>\n<li>wenn der Caf&eacute;besitzer die Ums&auml;tze der Bedienungen zur Richtgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r seine L&ouml;hne machen w&uuml;rde, w&auml;re er rasch pleite, denn von welchem Geld sollte er dann Miete, Materialkosten und die L&ouml;hne der Reinigungskraft und der K&uuml;chenhilfe bezahlen?<\/li>\n<\/ul><p>Wir stellen also fest: Letztlich funktioniert ein Unternehmen anders, als die drei Volkswirte und die beiden Institutionen suggerieren. Es hat Einnahmen und Ausgaben; Entlassungen k&ouml;nnen die Ausgaben senken &ndash; entlassen wird also (unter anderem) dann, wenn die Ausgaben h&ouml;her sind als die Einnahmen. Und wenn die Ausgaben (dennoch) dauerhaft die Einnahmen &uuml;bersteigen, wird das Unternehmen pleitegehen. Ein produktiveres Unternehmen nimmt dann seine Marktanteile ein (und schafft entsprechend neue Arbeitspl&auml;tze). Entscheidend sind also die Produktivit&auml;t und Wirtschaftlichkeit <em>des ganzen Unternehmens<\/em>, nicht die einzelner Mitarbeiter. Eine Berechnung, wie sie in den f&uuml;nf Zitaten unterstellt wird, ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht weder m&ouml;glich noch sinnvoll. <\/p><p>Welche R&uuml;ckmeldungen hat unser Herr Stettmer nun aber bekommen? Die Professoren Fratzscher und Berthold sowie der INSM-Autor Zecher sind ihm eine Antwort schuldig geblieben &ndash; sicherlich ein Schweigen, das mehr sagt als tausend Worte. Freundliche Antworten kamen hingegen von der Stiftung Marktwirtschaft sowie DEHOGA. Wobei &ldquo;Antworten&rdquo; den Sachverhalt nicht wirklich trifft: Herrn Stettmers Fragen konnten sie nicht beantworten.<\/p><ul>\n<li>Beide, DEHOGA und Stiftung Marktwirtschaft, bitten Herrn Stettmer um Verst&auml;ndnis, dass sie sich zu betriebswirtschaftlichen und unternehmensspezifischen Fragen sowie zur Frage individuell angemessener L&ouml;hne leider nicht &auml;u&szlig;ern k&ouml;nnen. Sie erkl&auml;ren aber nicht, weshalb sie dennoch &ouml;ffentlich betriebswirtschaftliche Behauptungen &uuml;ber individuelle L&ouml;hne aufstellen, um den Mindestlohn zu diskreditieren.<\/li>\n<li>DEHOGA verweist Herrn Stettmer auf Tarifvertr&auml;ge, um eine angemessene Lohnh&ouml;he zu bestimmen. Zu Recht &ndash; aber: Damit r&auml;umt der Verband indirekt ein, dass die individuelle Berechnung der Wirtschaftlichkeit\/Produktivit&auml;t eines Arbeitnehmers nicht m&ouml;glich und nicht sinnvoll ist. Schlie&szlig;lich legen Tarifvertr&auml;ge (unter anderem aus genau diesem Grund) L&ouml;hne kollektiv f&uuml;r ganze Besch&auml;ftigtengruppen fest.<\/li>\n<li>Die Stiftung Marktwirtschaft erl&auml;utert dem Herrn Stettmer, dass es letztlich f&uuml;r ein Unternehmen darauf ankomme, ausreichend Gewinne zu erwirtschaften. Und zwar f&uuml;r ein Unternehmen <em>als Ganzes<\/em>. So weit, so richtig &ndash; damit r&auml;umt auch die Stiftung Marktwirtschaft indirekt ein, dass die individuelle Berechnung der Wirtschaftlichkeit\/Produktivit&auml;t eines Arbeitnehmers nicht m&ouml;glich und nicht sinnvoll ist.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine h&auml;ufige Behauptung der Neoliberalen lautet: Mindestl&ouml;hne f&uuml;hren zu mehr Arbeitslosigkeit, weil Unternehmen jene Mitarbeiter entlassen m&uuml;ssen, die den Mindestlohn von 8,50 Euro nicht erwirtschaften. Schlie&szlig;lich machen sie mit diesen &ldquo;unproduktiven&rdquo; Besch&auml;ftigten ja Verluste. Was aber, wenn ein Unternehmer um Hilfe bittet beim Versuch, die Wirtschaftlichkeit bzw. Produktivit&auml;t seiner Mitarbeiter zu berechnen? Dann sind f&uuml;nf<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31810\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,13],"tags":[317,487,324],"class_list":["post-31810","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","tag-mindestlohn","tag-produktivitaet","tag-tarifvertraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31810","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31810"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31810\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31814,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31810\/revisions\/31814"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31810"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31810"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31810"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}