{"id":319,"date":"2005-11-21T17:49:26","date_gmt":"2005-11-21T16:49:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=319"},"modified":"2016-02-28T10:25:12","modified_gmt":"2016-02-28T09:25:12","slug":"strategieelemente-von-rot-und-schwarz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=319","title":{"rendered":"Strategieelemente von Rot und Schwarz"},"content":{"rendered":"<p>In der vergangenen Woche wurden ein paar Strategieelemente der beiden Koalitionspartner sichtbar: Merkel und die Union m&ouml;chten in unseren K&ouml;pfen verankern, dass sie ein heruntergekommenes Land &uuml;bernommen haben; die SPD-Spitzen wollen uns einreden, dass die SPD dank Schr&ouml;der bei der Bundestagswahl hervorragend abgeschnitten hat und, dass die W&auml;hler der SPD f&uuml;r die Fortsetzung des Agenda-Kurses gestimmt haben.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Die Union hatte offenbar ausgegraben, dass Kurt Georg Kiesinger (CDU), der Bundeskanzler der ersten gro&szlig;en Koalition von 1966-1969, in seiner ersten Regierungserkl&auml;rung erkl&auml;ren musste: &ldquo;Der Bildung dieser Bundesregierung, in deren Namen ich die Ehre habe zu Ihnen zu sprechen, ist eine lange schwelende Krise vorausgegangen, deren Ursachen sich auf Jahre zur&uuml;ckverfolgen lassen.&rdquo; Damit musste der CDU-Bundeskanzler bekennen, dass seine Partei zusammen mit CSU und FDP eine krisenhafte Situation hinterlassen haben.<br>\nAngela Merkel und die Union haben sich etwas &auml;hnliches ausgedacht: Sie m&ouml;chten die harten und sozial unausgewogenen Einschnitte (Koch: &bdquo;Heulen und Z&auml;hneklappern&ldquo;) der Vorg&auml;ngerregierung anlasten und der Bev&ouml;lkerung einreden, Rot-Gr&uuml;n habe ein so schlimmes Chaos hinterlassen, dass die neue Bundesregierung f&uuml;r das Jahr 2006 noch nicht einmal einen &bdquo;verfassungskonformen&ldquo; Haushalt vorlegen k&ouml;nne. Damit soll der Eindruck erweckt werden,, dass die hohen Schulden nicht die Konsequenz einer verfehlten Reformpolitik, sondern das Ergebnis schwerer handwerklicher Fehler rot-gr&uuml;ner Politik sind. So erhofft die Union eine Debatte &uuml;ber die Erfolglosigkeit der von Schr&ouml;der eingeschlagenen und im Bundesrat von CDU und CSU mitverantworteten &bdquo;Reformpolitik&ldquo; vermeiden und die gleichen Rezepte mit erh&ouml;hter Dosierung fortsetzen zu k&ouml;nnen. Wir haben in den NachDenkSeiten schon <a href=\"?p=941\">am 13.11.<\/a> darauf hingewiesen, dass eine &bdquo;Katastrophalisierung&ldquo; der politischen und &ouml;konomischen Lage in Deutschland absolut kontraproduktiv ist.. Damals haben wir geschrieben: &bdquo;Wenn man wirklich Mut machen und das Vertrauen in die eigene Kraft st&auml;rken will, dann darf man doch nicht schon von Anfang an weiter verunsichern und jammern, die finanzielle Lage des Staates sei prek&auml;r (Stoiber) und der Haushalt 2006 sei &acute;nicht verfassungskonform`. Wie kann eine neu startende Regierung eine solch def&auml;tistische Parole ausgeben? Das ist h&ouml;chst unprofessionell.&ldquo;<br>\nNachdem die SPD zun&auml;chst nicht merkte, dass sie hier zum einen den &bdquo;schwarzen Peter&ldquo; f&uuml;r den Schuldenberg zugeschoben bekommen soll und ihr zum anderen die Hypothek f&uuml;r die miese Wirtschaftsstimmung und damit f&uuml;r die absehbar schlechte weitere wirtschaftliche Entwicklung angelastet werden soll, kam die SPD-Spitze dann in der vergangenen Woche doch noch zur Einsicht, dass eine Regierung nicht mit der Feststellung eines Verfassungsversto&szlig;es die Arbeit beginnen sollte. Diesen &bdquo;schwarzen Peter&ldquo; w&auml;re die SPD &uuml;ber die gesamte Legislaturperiode nicht mehr los geworden. Und au&szlig;erdem h&auml;tte es die Stimmung im Land zus&auml;tzlich herunter gezogen.<br>\nInteressant an diesem Vorgang ist die Verzagtheit, mit der die SPD-F&uuml;hrung mal wieder operierte: Der hohe Schuldenberg ist n&auml;mlich ein Ergebnis der Regierungsarbeit vor allem von Schwarz-Gelb bis zum Jahre 1998. Kein Finanzminister vor Hans Eichel hat so massiv zu sparen versucht wie er. Dass die Sparabsicht von Rot-Gr&uuml;n zu keinem Sparerfolg wurde, liegt daran, dass die Regierung Schr&ouml;der einmal abgesehen von ihrem &bdquo;Steuersenkungswahn&ldquo; gerade auch mit ihrer makro&ouml;konomisch verfehlten &bdquo;Sparpolitik&ldquo; prozyklisch die Konjunktur kaputt gespart hat. Die folgende Abbildung zeigt deutlich, wie massiv die Verschuldung des Gesamtstaates zwischen 1990 und 1998 stieg:\n<p><strong>Abbildung 12 aus &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;: J&auml;hrlicher Anstieg der Gesamtverschuldung der &ouml;ffentlichen Haushalte (in Milliarden Euro) in den Jahren um die Wiedervereinigung<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/strat_051121.gif\" alt=\"Abbildung 12 aus 'Die Reforml&uuml;ge'\" title=\"J&auml;hrlicher Anstieg der Gesamtverschuldung der &ouml;ffentlichen Haushalte (in Milliarden Euro) in den Jahren um die Wiedervereinigung\"><\/p>\n<p class=\"reference\">Quelle: Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.): Staatsfinanzen konsolidieren &ndash; Steuersystem reformieren, Jahresgutachten 2003\/04, Berlin 2003, S. 573<\/p>\n<\/li>\n<li>W&auml;hrend die SPD (wie auch die Union) im Wahlkampf noch davon sprach, es gehe um eine Richtungswahl und sogar Intellektuelle der &bdquo;Sozialrhetorik&ldquo; Schr&ouml;ders Glauben schenkten, und hofften die SPD sei dabei, ihr soziales Gewissen wieder zu entdecken (siehe Tagebucheintrag vom 4.10.2005 zu einem Aufruf pro Schr&ouml;der, in dem es hie&szlig;: &bdquo;Nachdem sich die SPD von den gescheiterten neoliberal inspirierten Konzepten endlich wieder l&ouml;st und ihren eigenen sozialdemokratischen Weg der Reformen geht.&ldquo;), wird jetzt immer deutlicher, dass die Gro&szlig;e Koalition nichts anderes bedeutet als die Stabilisierung und sogar noch die Versch&auml;rfung der von Schr&ouml;der angelegten &bdquo;Reformpolitik&ldquo;. Trotz ver&auml;nderter Tonlage des neuen SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck, betonen die SPD-Spitzen die Richtigkeit des Agenda-2010-Kurses und die Notwendigkeit weitergehender Reformen. So Matthias Platzeck nach dem Parteitag der SPD in Karlsruhe, so durchgehend Gerhard Schr&ouml;der und so auch der neue Generalsekret&auml;r Hubertus Heil mehrmals, unter anderem letzte Woche in einem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung vom 17.11.. &ndash; Wer jemals an eine Richtungswahl glaubte, den hat die Gro&szlig;e Koalition eines besseren belehrt. Man k&ouml;nnte auch sagen: Schlimmer h&auml;tte es f&uuml;r diejenigen, die auf einen &bdquo;sozialdemokratischen Weg der Reformen&ldquo; und auf eine Losl&ouml;sung der &bdquo;SPD von den gescheiterten neoliberal inspirierten Konzepten&ldquo; gehofft haben, gar nicht kommen k&ouml;nnen. Doch wo waren die Stimmen derjenigen, die den damaligen Wahlaufruf unterzeichnet haben, etwa auf dem SPD-Parteitag?<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der vergangenen Woche wurden ein paar Strategieelemente der beiden Koalitionspartner sichtbar: Merkel und die Union m&ouml;chten in unseren K&ouml;pfen verankern, dass sie ein heruntergekommenes Land &uuml;bernommen haben; die SPD-Spitzen wollen uns einreden, dass die SPD dank Schr&ouml;der bei der Bundestagswahl hervorragend abgeschnitten hat und, dass die W&auml;hler der SPD f&uuml;r die Fortsetzung des Agenda-Kurses<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=319\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[156,11,190],"tags":[423,312],"class_list":["post-319","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schulden-sparen","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-austeritaetspolitik","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=319"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/319\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31625,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/319\/revisions\/31625"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}